Gesundheit

Limonade und Übergewicht

Süß im Glas, Fett auf der Hüfte?

Limonaden und Säfte machen nicht satt, sind schnell nebenbei getrunken - und liefern schon mit dem zweiten Glas mehr Zucker, als täglich empfohlen wird. Aber: Machen sie wirklich dick?

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Freitag, 12.01.2018   09:52 Uhr

Fast ein Drittel der Menschheit ist übergewichtig. Sogar bei den Kindern wiegt schon etwa jedes vierte zu viel. Wie lässt sich Übergewicht abbauen oder, noch besser, gleich vermeiden?

Dazu kursieren etliche, oft widersprüchliche Diät-Vorschläge. So plädieren manche Ernährungsforscher dafür, dass es völlig egal ist, was man isst. Solange die Energiebilanz stimme, wären demnach Pommes und Cola eine genauso gute Wahl wie Rohkost und Mineralwasser.

Andere Experten weisen jedoch darauf hin, dass manche Lebensmittel oder Nahrungsbestandteile eher dazu beitragen, dass Menschen dick werden. Sie raten zum Beispiel, stark gezuckerte Getränke - Cola, andere Limonaden, Energydrinks und gesüßte Fruchtsäften - selten oder überhaupt nicht zu trinken.

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Tipps und Tricks: So überzeugen Sie Ihr Kind von einer gesunden Ernährung

Ein internationales Forscherteam hat sich alle Studien angeschaut, die zwischen 2013 und 2015 über einen möglichen Zusammenhang von gezuckerten Getränken und Gewicht veröffentlicht wurden. Ältere Studien wurden 2013 in Übersichtsarbeiten zusammengefasst (hier und hier). Das Team um Maria Luger von der Medizinischen Universität Wien bestätigt grundsätzlich die früheren Analysen. Süße Limonaden tragen sehr wahrscheinlich zu Übergewicht bei, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Obesity Facts".

Die Frage, der sie sich gewidmet haben, hat bereits die Politik beschäftigt. Einige Länder, darunter Großbritannien und Mexiko, haben bereits Zusatzsteuern auf Getränke eingeführt, denen bestimmte Zuckermengen zugesetzt werden.

Über diese Steuern wurde gestritten, ebenso wie über Lebensmittelampeln und ähnliche Konzepte, die Menschen eine gesündere Ernährung nahelegen sollen. Denn bei vielen Fragen rund um Übergewicht und Ernährung existieren zahlreiche Studien - und teilweise widersprüchliche Ergebnisse.

Die Finanzierung beeinflusst das Ergebnis

Deutlich ist dabei allerdings ein Trend: Von der Lebensmittelindustrie finanzierte Arbeiten zeigen eher keinen Zusammenhang zwischen Essen und Gewicht. Stammt das Geld dagegen von staatlichen Stellen oder Industrie-unabhängigen Stiftungen, zeigt sich häufiger eine Verbindung zum Beispiel zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht.

Luger und ihre Kollegen werteten für die aktuelle Übersichtsarbeit nur Studien aus, die nicht von der Lebensmittelindustrie finanziert wurden. Insgesamt erfüllten 30 die nötigen Kriterien, um in die Analyse einzugehen.


Wer hat's bezahlt?

Die Übersichtsarbeit von Luger und Kollegen wurde von einer Gruppe der European Association for the Study of Obesity finanziert.


In 26 Studien wurden Menschen lediglich beobachtet. Diese hatten insgesamt rund 242.000 Teilnehmer. Aus solchen Beobachtungsstudien allein lassen sich keine eindeutigen Schlüsse über Ursache und Wirkung ziehen.

Dazu kommen um vier Studien, in denen Probanden durch eine Ernährungsberatung und weitere Maßnahmen gezielt aufgefordert wurden, weniger gesüßte Getränke zu konsumieren. Ihre Gewichtsentwicklung wurde mit der von passenden Kontrollgruppen verglichen. An drei dieser Studien nahmen insgesamt 2059 Kinder teil, die vierte Studie untersuchte 240 Erwachsene. Nur in zwei Studien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Gewichtszunahme und Übergewicht mit dem Limo-Konsum. In den anderen 24 war dies dagegen messbar.

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Die Gesundheitspolitik sollte darauf zielen, den Konsum zuckerhaltiger Getränke zu senken, und gesündere Alternativen wie Wasser fördern, schreiben die Forscher. Fruchtsäfte oder -nektare, die per se zuckerhaltig sind und denen oft noch Zucker zugesetzt wird, gelten dagegen nicht als sinnvolle Alternative.

Was die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt

Wenig Zucker zu konsumieren, empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation: höchstens 25 Gramm Zucker sollten es pro Tag sein. Zucker, der von Natur aus in Obst und Milch steckt, wird dabei nicht mitgezählt, es geht also nicht darum, auf Weintrauben oder Äpfel zu verzichten. Gemeint ist dagegen Zucker, der Speisen und Getränken zugesetzt wird, sowie Zucker, der natürlicherweise in Honig, Sirup, Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten enthalten ist. 25 Gramm Zucker sind zum Beispiel mit gut einem Glas Cola (250 ml) oder einer Dose Energydrink derselben Größe erreicht.

Eine Abkehr von den süßen Getränken ist dementsprechend sinnvoll, wenn man abnehmen oder Übergewicht vermeiden will. Auch wenn es noch viele weitere Faktoren gibt, die höchstwahrscheinlich Übergewicht begünstigen - neben dem Essen und Bewegungsmangel sind das unter anderem Schlafmangel, Stress, bestimmte Chemikalien und Unterschiede bei den Darmbakterien.

SPIEGEL TV Magazin über Droge Zucker

Foto: SPIEGEL TV

Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine Angabe präzisiert. In Deutschland darf Fruchtsäften (100 Prozent Frucht) kein Zucker zugesetzt werden - aber bei Fruchtnektar ist dies erlaubt.

insgesamt 86 Beiträge
m82arcel 12.01.2018
1.
Widersprechen die neueren Ergebnisse denn nun der These, dass es für das Abnehmen allein auf die Energiebilanz ankommt? Oder sagen sie im Grunde nur aus, dass es aufgrund des Zuckers schwieriger (bis unmöglich) ist, eine [...]
Widersprechen die neueren Ergebnisse denn nun der These, dass es für das Abnehmen allein auf die Energiebilanz ankommt? Oder sagen sie im Grunde nur aus, dass es aufgrund des Zuckers schwieriger (bis unmöglich) ist, eine negative Energiebilanz zu halten, wenn man sich vorwiegend von Cola, Pommes und Burgern ernährt? Dass es aus diversen anderen Gründen nicht unbedingt gesund ist, steht allerdings wohl außer Frage.
hanfiey 12.01.2018
2. Zucker nur für Kaffee
Für Tee nehme ich Stevia und Fruchtsäfte werden mit Wasser verdünnt oder nur zum süßen genommen. Cola fasse ich nicht an und Schoko gibts einmal die Woche 100g. Ich habe seit 30 Jahren mein Idealgewicht ohne große Mühe. Wer [...]
Für Tee nehme ich Stevia und Fruchtsäfte werden mit Wasser verdünnt oder nur zum süßen genommen. Cola fasse ich nicht an und Schoko gibts einmal die Woche 100g. Ich habe seit 30 Jahren mein Idealgewicht ohne große Mühe. Wer trotz Diät zunimmt sollte zum Arzt gehen und die Schilddrüse checken lassen.
JaguarCat 12.01.2018
3. Kalorien
Zweifellos gilt: Je mehr Kalorien man zu sich nimmt, und je weniger man sich anstrengt (Sport oder zumindest intensiv Nachdenken), desto mehr Pfunde sammelt man. Ein darüber hinausgehender Effekt (Zucker-Kalorien setzen stärker [...]
Zweifellos gilt: Je mehr Kalorien man zu sich nimmt, und je weniger man sich anstrengt (Sport oder zumindest intensiv Nachdenken), desto mehr Pfunde sammelt man. Ein darüber hinausgehender Effekt (Zucker-Kalorien setzen stärker an als Kohlenhydrat-Kalorien) wäre schon merkwürdig. Aber er wird gerne von Gesundheitsministern behauptet, die damit karges Billig-Essen für due Allgemeinheit (Weizen, Reis etc.) rechtfertigen: "Ist ja besser als Zucker". Bei den von ihnen finanzierten Studien kommt dann - oh Wunder - das gewünschte bei raus.
chr.mchardy 12.01.2018
4.
die Fruchtsaft Verordnung erlaubt keinen Zusatz von Zucker zu Fruchtsaft. Die Aussage, dass Säften häufig Zucker zugesetzt werden würde ist falsch, zumindest in Deutschland. Anders sieht es bei Nektar aus, wo ein Zuckerzusatz [...]
die Fruchtsaft Verordnung erlaubt keinen Zusatz von Zucker zu Fruchtsaft. Die Aussage, dass Säften häufig Zucker zugesetzt werden würde ist falsch, zumindest in Deutschland. Anders sieht es bei Nektar aus, wo ein Zuckerzusatz gestattet ist. Bitte korrigieren Sie den Artikel im Sinne einer fundierten Information der Leser, da falsche Aussagen nicht zur gewünschten Aufklärung der Bevölkerung beitragen sondern die Verwirrung der Konsumenten eher befördern. Abgesehen davon muss hinterfragt werden ob die stoffliche Vielfalt in Fruchtsäften (zB in Form von Sekundärmetaboliten) direkt mit Limonaden verglichen werden kann, die tatsächlich im Wesentlichen Zucker, Säuren, Farbstoff und Aromen enthalten.
**Kiki** 12.01.2018
5. Stochern im Nebel.
Der Anti-Zucker-Hype wird genauso erfolglos enden wie der Anti-Fett-Hype, weil es meinem Eindruck nach eine verfehlte Strategie ist, herausgelöste Einzelfaktoren der Ernährung zu bewerten. Auch deshalb, weil das Zusammenwirken [...]
Der Anti-Zucker-Hype wird genauso erfolglos enden wie der Anti-Fett-Hype, weil es meinem Eindruck nach eine verfehlte Strategie ist, herausgelöste Einzelfaktoren der Ernährung zu bewerten. Auch deshalb, weil das Zusammenwirken dieser Einzelfaktoren immer noch nicht ausreichend verstanden wird. Da kommen dann Dinge heraus wie diese Fructose-Sache. Erst wird gesüßter Industrienahrung immer mehr Fructose zugesetzt, weil sie den Blutzuckerspiegel nicht verändert. Dann stellt sich heraus, daß die Fructose letztlich noch stärker auf die Hüften schlägt, weil sie nicht für die Energieversorgung der Körperzellen verwendbar ist und deshalb gleich in die Leber gepackt und dort in Körperfett umgewandelt wird. Und als Drittes ziehen daraus irgendwelche Geistesriesen in der Public-Health-Branche den messerscharfen Schluß, daß Obst dick macht, und warnen vor dem Verzehr, wie gestern abend albernerweise in einem SpOn-Artikel berichtet wurde. Es war bekloppt, Fructose nur deshalb für besser als Haushaltszucker zu halten, weil sie den Blutzuckerspiegel nicht erhöht. Der Blutzuckerspiegel ist ein Symptom, nicht das Übel selbst, und bedeutet neben anderem unterschiedliche negative Wirkungen auf das Körpergewicht. Ein hoher Blutzuckerspiegel kann bedeuten, daß die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin produziert (Diabetes Typ 1). In diesem Fall nimmt man keineswegs zu, sondern im Gegenteil magert man ab, bis zum Tod, wenn nicht behandelt wird. Er kann aber auch bedeuten, daß so viel Zucker zu verarbeiten ist, daß die produzierte Menge trotz normaler Höhe nicht mehr ausreicht. Dann nimmt man zu. Daß die sogenannten Ernährungsexperten auf einmal Obst für ungesund halten, ist, wenn überhaupt, noch absurder. Ein Apfel oder eine Birne ist etwas qualitativ ganz anderes als Industrienahrung, die künstlich mit großen Mengen Fructose versetzt wurde, damit der Fraß überhaupt genießbar ist. Es sollte zu denken geben, daß der Mensch genetisch darauf programmiert ist, Süßes wohlschmeckend zu finden. Irgendeinen Sinn in der Ernährung hat Zucker deshalb ganz bestimmt (ebenso natürlich auch die Fructose im Obst). Der momentane Hype um eine zuckervermeidende Ernährung wird deshalb vermutlich in irgendeinem anderen gesundheitlichen Aspekt zum Bumerang werden, so, wie es bislang bei allen Ernährungs-Hypes gewesen ist. Am besten, man ignoriert all diese wichtigtuerischen Ernährungsforscher und hält sich einfach an die simple Faustregel: Je stärker verarbeitet ein Lebensmittel, desto seltener sollte es verwendet werden, wenn man sich Sorgen um seine Gesundheit oder sein Gewicht macht.

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