KAPITEL 1

Der Diabetiker

Das Leben von Prem Shah gerät vor zehn Jahren aus den Fugen. Er hat gerade gegessen, als schier unvorstellbarer Durst von seinem Körper Besitz ergreift. Prem schwitzt und fiebert, die Zunge klebt an seinem Gaumen, er zittert. Gierig nimmt er große Schlucke, trinkt einen Liter Wasser nach dem anderen, auch in der Nacht. »Ich konnte so viel trinken, wie ich wollte«, sagt Prem Shah, »nichts half.«


Prem Shah in seiner Wohnung in Baljit Nagar


Nach einem Bluttest am nächsten Tag erklärt ihm sein Arzt: »Du hast Diabetes.« Prem, damals 38, als Kind armer Bauern auf dem Land im ostindischen Bihar oft mit leerem Magen eingeschlafen und mit Träumen an Samosas, die gefüllten indischen Teigtaschen, wieder aufgewacht, kann weder lesen noch schreiben. Mit 14 Jahren ist er auf der Suche nach Essen und Arbeit allein in die gut 1000 Kilometer entfernte Hauptstadt Neu-Delhi gezogen. Eine Krankheit namens Diabetes kennt er nicht.


Für weitere Untersuchungen und Therapien im Krankenhaus soll er 15.000 Rupien zahlen, rund 185 Euro. So viel Geld haben Prem, seine Frau Geeta und die vier Kinder nicht übrig. Sie gehören der untersten der vier indischen Hauptkasten an und leben in einer Steinhütte ohne Tür in einem Slum des Stadtteils Baljit Nagar. Selbst einen Tag im öffentlichen Krankenhaus, wo Patienten kaum etwas zahlen müssen, kann sich die Familie nicht leisten: Wenn Prem tagsüber nicht arbeitet, hat die Familie abends nichts zu essen. Bald war er von der Krankheit gezeichnet:





Prem Shah ist einer von geschätzt 70 bis 80 Millionen Menschen in Indien, die an Diabetes leiden. Der Großteil hat Diabetes Typ 2, der häufig zusammen mit Übergewicht auftritt. Traf die Stoffwechselstörung lange Zeit fast ausschließlich die indische Upperclass, hat sie sich längst zur Epidemie ausgewachsen, durchdringt inzwischen alle sozialen Schichten. Die Besserverdiener erkranken insgesamt häufiger; in manchen Städten sind heute aber fast doppelt so viele Arme zuckerkrank wie Reiche:








Indien ist in den vergangenen Jahren rasant vom Entwicklungsland zur siebtgrößten Wirtschaftsmacht aufgestiegen: 1,32 Milliarden Menschen leben dort, das ist rund ein Sechstel der Weltbevölkerung. Die Gegensätze im Land sind krass: Während 131 Inder Milliardäre sind, müssen 20 Prozent der Bevölkerung mit etwa 1,50 Euro pro Tag auskommen - sie gelten als extrem arm. Jeder siebte Inder ist unterernährt, bei Kindern unter fünf Jahren sind es fast 40 Prozent, sie leiden aufgrund des Nährstoffmangels an Wachstumsverzögerungen. Gleichzeitig ist inzwischen allerdings jeder vierte Inder zu dick.


Traditionell ernähren sich die Menschen in Indien hauptsächlich von Gemüse, Hülsenfrüchten und Getreide. Fleisch wird selten gegessen.


Fotostrecke: Streetfood versus Burger



Für viele Menschen in aufstrebenden Ländern ist es ein Zeichen von Wohlstand, bei McDonald's oder Pizza Hut essen zu gehen. Gleichzeitig zieht es die Menschen vom Land in die Städte, körperliche Arbeit ist immer seltener gefragt. Es ist der neue Lebensstil, der die Menschen krank macht.


So war es auch bei Prem Shah. Nachdem er als Kind nie sicher sein konnte, wann er die nächste Mahlzeit bekam, aß er in Neu-Delhi, wann immer er konnte. Bei seiner Arbeit in einer Plastikfabrik musste er sich wenig bewegen, zu Hause verarbeitete Geeta reichlich Weizen, der vom Staat subventioniert und noch immer an Arme verteilt wird. »Prem hatte ständig Hunger«, erinnert sich seine Frau.


»Wir haben in Indien ein Problem, weil wir schon traditionell viele Kohlenhydrate zu uns nehmen«, sagt der Diabetesexperte Nikhil Tandon, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten am renommierten All India Institute of Medical Sciences. Und es gibt weitere Risikofaktoren:





Auch Prems Kinder wachsen selbstverständlich mit Fast Food auf: Er hat jetzt einen winzigen Laden, der die Hütte mit den zwei Zimmern über das einzige Fenster mit der Straße verbindet. Darin verkauft er neben Tabak kleine, bunte Chipstüten, Coke und Pepsi. Er selbst würde diese Lebensmittel inzwischen nicht mehr anrühren. »Ich habe Angst, dass der Zucker mich wieder krank macht«, sagt Prem, der inzwischen regelmäßig das bewährte Antidiabetikum Metformin schluckt.


Seine Kinder essen täglich Chips, trinken jeden Tag Cola. Prems Laden ist gut frequentiert, die Produkte gelten als cool und sind begehrt und billig. Eine kleine Chipstüte kostet umgerechnet 20 Cent.


Der Grocery Shop von Prem Shah: Bunte Tüten und Tabak


KAPITEL 2

Wandel der Esskultur


Für Nahrungsmittelkonzerne hat sich in Indien ein riesiger Markt aufgetan. Besonders beliebt sind Tütensuppen. Die Regale in den Supermärkten quellen über mit knallbunten Päckchen, die den Konsumenten ihre Werbeversprechen entgegenschreien: »2-Minute-Noodles« - Mütter, kochen kann so einfach sein! »Yippee! noodles« - Wird das ein Abenteuer, Kinder! Lachende Comicfiguren winken den Kleinen von den Verpackungen zu, Fotos der Nudeln mit Gemüse gaukeln den Großen gesunde Inhaltsstoffe vor. Buy 2 get 1 free - die westliche Konsum-Mentalität ist in Indien längst angekommen.


Bunt, bunter, Tütensuppen: verzehrfertig in zwei Minuten


Nestlé, weltgrößter Nahrungsmittelkonzern mit Hauptsitz im idyllischen Vevey am Genfer See, nahm im Jahr 2017 allein mit Fertiggerichten und Produkten für die Küche weltweit 12 Milliarden Schweizer Franken ein, das sind rund 10,8 Milliarden Euro. Seine Marke Maggi ist dabei einer der Bestseller. In Indien verkaufte der Konzern Waren vom Mineralwasser bis zur Schokolade im Wert von 1,3 Milliarden Euro, 10 Prozent mehr als im Vorjahr.


Glaubt man dem Lagebericht des Unternehmens, ist die Gewinnoptimierung aber nicht das einzige Ziel. Dort werden die »sozialen Verpflichtungen« betont: 192 Milliarden seiner Portionen reicherte Nestlé 2015 mit Nahrungsergänzungsmitteln an, rühmt sich der Konzern. Die »masala-magic«-Gewürzmischung von Maggi etwa hat das Unternehmen für den indischen Markt mit Eisen, Vitamin A und Jod versetzt.


Tatsächlich leiden Millionen Inder unter Mangelerscheinungen, weil sie diese Stoffe nicht ausreichend zu sich nehmen. Sie leben aber meist auf dem Land, sind arm und noch immer mangelernährt. Daher zählen sie nicht zu den typischen Kunden der Supermärkte, die die Zusatzstoffe meist gar nicht brauchten, aber bezahlen.


Bauernsiedlung bei Delhi


Der Konsumwandel in Indien ist noch jung: 2003 eröffnete Metro aus Düsseldorf fünf Märkte in Indien, Walmart aus den USA folgte 2009, das französische Carrefour ein Jahr später. Mehrere Jahre durften Großhändler im Land nur an andere Unternehmen verkaufen, nicht an Endverbraucher. 2011 kündigte die Regierung jedoch an, dass sich ausländische Investoren auch im Supermarktsektor mit bis zu 51 Prozent beteiligen können - die Konzerne jubelten.


Die indische Regierung steht bei solchen Entscheidungen unter dem Druck widerstreitender Interessen. Die EU, Indiens wichtigster Handelspartner, will am wachsenden Markt teilhaben. Die Gegenseite aber bangt um die nationalen Märkte. Immer wieder gehen Kleinbauern, Tagelöhner und Händler auf die Straße, weil sie fürchten, dass ihnen der Konsumwandel nimmt, was sie zum Leben brauchen: ihre Arbeit.


Ein Stand ernährt oft zwei oder drei Personen, von denen wiederum mehrköpfige Familien abhängen.


KAPITEL 3

Straßenhändler gegen Supermärkte


Dharmendra Kumar, Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Janpahal, ist überzeugt, dass die Existenz der Straßenhändler auf dem Spiel steht: »Wenn wir nicht achtgeben, ersetzen die Supermärkte bald unsere Straßenhändler, die das gesunde Essen vor der Haustür anbieten.«





Dezy kocht, weil sie Geld braucht. »Bildung ist mir das Wichtigste für meine Kinder«, sagt die fünffache Mutter, ihre älteste Tochter lernt Buchhaltung an einer Privatschule. Ihr Mann ist ebenso wie sie Straßenhändler ohne Lizenz, auch in der Wohnung ist die Familie nicht offiziell gemeldet. »Das ist typisch«, sagt Dharmendra Kumar. »Wenn die Menschen in die Stadt ziehen, leben sie hier meist illegal und sind damit der Willkür des Staates, der Polizei, der Gemeinden oder der Vermieter ausgesetzt.« 2014 wurde zwar der sogenannte Street Vendors Act beschlossen, ein Gesetz, das die Rechte und Pflichten der Straßenhändler stärken soll. Doch an der Umsetzung hapert es bis heute.


Dabei könnten die Straßenhändler eine wichtige Rolle spielen, der Ernährungsmisere im Land Einhalt zu gebieten. Denn sie bieten in den Städten bezahlbare Alternativen zum billigen Fast Food. Wer arm ist, muss sich nicht automatisch schlecht ernähren. Gerade die größer werdende Zahl der Unterschicht, die übergewichtig und zuckerkrank ist, könnte bei ihnen wieder zu jenen natürlichen Nahrungsmitteln zurückfinden, die zur typisch indischen Ernährungsweise gehören.


"Das beste und gesündeste Essen kann man zuhause machen", sagt Dezy Patel.


KAPITEL 4

Die reichen Kinder von Greater Noida


Eine Rückbesinnung auf die traditionelle Küche Indiens findet am anderen Ende der sozialen Skala statt - bei den Wohlhabenden und Gebildeten, bei den Ingenieuren, Ärzten und Kaufleuten. Während viele aus der Unter- und Mittelschicht die verarbeiteten Nahrungsmittel aus dem Westen noch begehren und weißen Reis, Pizza und Pommes schick finden, ist bei manch einem aus der Elite längst angekommen, wie sehr der neue Lebensstil schadet.


Hinter die Pforten der Pragyan School, die in der Satellitenstadt Greater Noida vor den Toren Neu-Delhis liegt, gelangt kein Fast Food. Süßigkeiten oder Snacks sind in der Privatschule verboten.


Fotostrecke: Gesund und fit in der Pragyan School



Bei der Landbevölkerung ist Sport nach zehn Stunden Schufterei auf dem Acker so undenkbar wie überflüssig. Wer aber in der Stadt stundenlang vor seinem Gemüsestand hockt oder den ganzen Tag auf einen Bildschirm starrt, dem fehlt Bewegung - egal wie arm oder reich er ist.


Auf einem öffentlichen Platz hat die Stadt Delhi mehrere Geräte aufgebaut, an denen die Anwohner gemeinsam trainieren können.


Prem Shah, der Diabetiker aus Baljit Nagar, hat genau das verstanden. Am Tiefpunkt seiner Erkrankung musste die Familie erkennen, dass er nicht überleben würde, wenn er nicht ins Krankenhaus geht. Ohnehin schon schwer verschuldet, weil Prem nicht mehr arbeiten konnte, lieh sich die Familie mehrere Tausend Rupien bei Verwandten und Freunden. In der Klinik bekam er die rettenden Arzneien, wurde wieder aufgepäppelt.


Seither ist er jeden Tag fünf Stunden zu Fuß unterwegs und repariert Öfen in der Gegend. Die Bewegung schafft ihm Ausgleich für die Stunden, die er morgens und abends in seinem Laden sitzt. Solange er regelmäßig seine Medikamente nimmt, geht es ihm gut. Ob die Zuckerkrankheit Spuren hinterlässt in seinem Körper, er etwa Schäden an der Netzhaut, den Nieren oder Nerven hat, weiß er nicht. Diese medizinischen Kontrollen zählen nicht zu den Untersuchungen, die Prem sich leisten kann.


Er sorgt sich allerdings nicht um sich, sondern um seine Frau Geeta. »Sie hat oft Durst und ihr ist schwindelig«, sagt Prem. »Ich will nicht, dass ihr das Gleiche passiert wie mir.« Aber Geeta, runder Bauch, kräftige Arme, lacht: »Halb so schlimm, ich spür kaum was.« 50 Prozent aller Diabetiker in Indien wissen nicht, dass sie zuckerkrank sind. Das indische Gesundheitsministerium hat 2016 entschieden, dass sich alle über 30-Jährigen zukünftig kostenlos auf Diabetes testen lassen können.




Text Heike Le Ker
Fotos und Video Maria Feck
Programmierung Chris Kurt, Lorenz Kiefer
Schlussredaktion Katrin Zabel, Christine Sommerschuh
Dokumentation Klaus Falkenberg
Grafik Cornelia Pfauter
Übersetzung Disha Uppal, Dharmendra Kumar, Maria Feck
Redaktion Alexander Epp, Michail Hengstenberg