Gesundheit

Überlastete Knie

Warum entwickeln Fußballer O-Beine?

Viele Fußballer sind bekannt für ihre O-Beine. Eine Studie zeigt, dass sich bei Talenten schon im Alter von zwölf Jahren die Knie nach außen biegen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

imago sportfotodienst

König der O-Beine: Pierre Littbarski (rechts) auf einem Bild von 2010

Donnerstag, 14.06.2018   17:59 Uhr

Das Tunneln gehört im Fußball wohl zur größten Schmach. Schnellt der gegnerische Ball zwischen den eigenen Beinen hindurch, haben viele Profis jedoch zumindest eine anatomische Ausrede: ihre O-Beine.

Spätestens seit Pierre Littbarski sind die Fehlstellungen und der Ballsport eng miteinander verknüpft. Bei dem Weltmeister von 1990 würde eine ganze Rinderherde zwischen den Knien hindurchpassen, scherzten manche. Jetzt haben Forscher nachgewiesen, dass schon Nachwuchsfußballer von den krummen Schenkeln betroffen sind - bereits vor der Pubertät.

Für ihre Untersuchung durchforsteten die Wissenschaftler um Peter Helmut Thaller und Julian Fürmetz von der Ludwig-Maximilians-Universität in München verschiedene medizinische Datenbanken. Dabei stießen sie auf drei Untersuchungen, die sich mit O-Beinen bei Nachwuchsfußballern beschäftigten. Insgesamt sammelten sie so die Daten von mehr als 1300 männlichen Fußballtalenten und knapp 1300 Nicht-Fußballern, um sie miteinander zu vergleichen.


Wie lassen sich O-Beine erkennen?

Für einen Schnelltest reicht es, sich gerade hinzustellen und die Beine zu schließen. Berühren sich die Füße und die Knie oder gibt es nur minimale Lücken, sind Knochen und Gelenke gerade. Entsteht eine Lücke zwischen den Knien, hat jemand O-Beine. Je größer die Lücke ist, desto ausgeprägter ist die Fehlstellung. Bildet sich hingegen eine Lücke zwischen den Füßen, hat jemand X-Beine.


Die Ergebnisse zeigte bei allen drei Studien in die gleiche Richtung: Selbst bei jungen Fußballtalenten sind O-Beine schon deutlich häufiger als in der Normalbevölkerung. Das Ausmaß der Fehlstellung schwankte zwischen den Studien zwar stark, berichten die Forscher im "Deutschen Ärzteblatt". Im Schnitt errechneten die Forscher jedoch eine 1,5 Zentimeter größere Lücke zwischen den Knien des Fußballernachwuchs.

Der Lauf des Lebens: Vom O-Bein zum X-Bein zum O-Bein

Wie die Knie zueinanderstehen, verändert sich im Laufe des Lebens. Babys haben fast alle O-Beine. Als Kleinkind wiederum verschieben sich Gelenke und Knochen, sodass die Knie eher zur X-Form tendieren. Etwa ab einem Alter von fünf ist wieder die Gegenrichtung angesagt - im Optimalfall verharren die Beine anschließend in einer geraden Position. Im schlechteren entwickeln Erwachsene wieder O-Beine.

Spielen Jugendliche Fußball, scheint diese Entwicklung schneller abzulaufen. Das zumindest ergab die erste Studie, die die Forscher jetzt auswerteten. Demnach klaffen die Knie bei Fußballtalenten schon im Alter von zwölf Jahren wieder auseinander. Jugendliche, die keinen Fußball spielen, tendierten im Gegensatz dazu erst im Alter von 16 Jahren zu O-Beinen. Während bei den Fußballern mehr als 70 Prozent O-Beine hatten, waren es in der Nicht-Fußballergruppe nur 40 Prozent.

Bei der zweiten Studie vermaßen Mediziner die Beine von Nachwuchsfußballern zweier belgischer Spitzenmannschaften und verglichen diese mit den Schenkeln von Talenten anderer Sportarten. Die 16- bis 18-jährigen Fußballer neigten ebenfalls deutlich häufiger zu den Fehlstellungen als die anderen Sportler. Ähnliches galt auch bei der dritten Untersuchung, für die Forscher die Beine von Jugendlichen verglichen, die entweder kaum oder mehr als sechs Stunden Fußball pro Woche trainierten.

Die Gründe: Stollenschuhe, Wachstumsfugen, Richtungswechsel

Die Studien allein belegen zwar nicht, dass ausschließlich der Fußball Schuld ist an den krummen Beinen. Wahrscheinlich werden Kinder mit O-Beinen auch häufiger zum Fußballspielen ermutigt ("Der muss mal Fußballer werden!") . Daneben existieren jedoch medizinische Theorien, die erklären, wie das Kicken zur Fehlstellung beitragen kann.

O-Beine bergen nicht nur die Gefahr, getunnelt zu werden. Sie führen auch dazu, dass sich die Kniegelenke im Laufe des Lebens ungleichmäßig abnutzen und das Arthrose-Risiko steigt. Die Ergebnisse der Untersuchung gelten so jedoch nur für Leistungssportler. "Eine Übertragung auf den Freizeitsport erscheint nicht sinnvoll", schreiben die Autoren.

irb

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