Gesundheit

Achilles' Classics

Parkschleiche trainiert Leberwurst

Achim Achilles hat ein Projekt: Sein Nachbar Roland soll fitter werden. Achim mimt den harten Coach, aber ihm passieren ärgerliche Anfängerfehler. Ein Trainingsbericht in drei Teilen.

Getty Images
Montag, 08.01.2018   15:20 Uhr

Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2008.

Warum nur hatte ich mich mit Roland um sieben Uhr morgens verabredet? Unser birnenförmiger Nachbar wollte mit dem Laufen anfangen. Und ausgerechnet mich hatte er sich als Coach ausgesucht. Aber warum mitten in der Nacht? Weil ich Trottel meinte, mit Läuferhärte angeben zu müssen: Es gibt kein zu früh, zu lang, zu schnell, hatte ich am Abend vorher nach dem dritten Glas Rotwein gestrunzt. Die üblichen Sprüche halt, die Läufer gegenüber Nichtläufern machen, um sie einzuschüchtern.

Dabei ist es bestimmt drei Monate her, dass ich zum letzten Mal so früh trainiert habe, vielleicht auch schon Jahre. Roland hält mich seit gestern Abend für einen knallharten Rund-um-die-Uhr-Athleten. Falscher schätzte nicht mal Mona meine Frondienstbereitschaft ein.

Roland trippelte schon im Hausflur, als ich um Punkt fünf nach sieben die Treppe hinuntergewankt kam. Der Rotwein hielt meinen Gaumen mit einem festen Pelz umkleidet. Roland sah aus wie der späte Elvis. Sein weißer Trainingsanzug spannte und stammte aus der Zeit, als man einen B-Kadett fuhr. Er hatte ein Handtuch um den Hals geschlungen wie Rocky, fummelte nervös an seiner käsestullengroßen Pulsuhr mit Mondkraterortung, schob seinen Pulsmessgurt mal über, mal unter seine Bierbrüste und trug Schuhe mit genug Chromsilber, um alle Plateaustiefel von The Sweet zu beschlagen - die perfekte Wildschweinscheuche.

Lauf fernab der Zivilisation

"Ziehst du dich im Auto noch um?", fragte ich. Roland war empört. "Ich war extra im Ausdauertempel. Die haben gesagt, dass Pulsuhr und Schuhe wichtig sind, der Rest sei erst mal egal. Ich habe ein Vermögen ausgegeben." Volkswirtschaftlich sind Anfänger wie Roland ein Segen. Mögen die Finanzmärkte auch zusammenbrechen - Laufnovizen gucken im Sportgeschäft genauso wenig auf Preisschilder wie Oligarchen im Superjacht-Laden. Beide glauben an die geheimnisvolle Kraft des Teuren. Ich musterte Roland wortlos und ersparte ihm die verdiente Kommentierung. Offenbar gibt es für Pulsmessriemen jetzt auch schon Verlängerungen wie für Flugzeuggurte.

Zum Glück hatten wir entschieden, unseren ersten gemeinsamen Lauf weitab der Zivilisation zu absolvieren. Mit diesem Amateur musste mich nun wirklich keiner sehen. Wir fuhren mit dem Auto Richtung Grunewald. So früh ist bestimmt noch kein Berliner auf den Beinen, dachten wir. Aber leider alle Zuwanderer. Nach fünf Minuten standen wir im ersten Stau. Roland kaute an einem Powerbar und dozierte aufgeregt über sein Internetwissen. "Magnesium und Eisen habe ich schon eingenommen", sagte er und erwartete Lob. Ich schwieg. "Wir müssen zuerst meinen Maximalpuls bestimmen", erklärte Roland, "und auf den Kniehub achten." Man sollte Laufnovizen die ersten drei Monate auf Google-Entzug setzen.

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Der Maximalpuls kommt von alleine

"Wir laufen erst mal locker los und schauen, wie weit wir kommen", schlug ich vor. "Aber mein Maximalpuls...", protestierte Roland. "Der kommt von alleine", sagte ich. "Doktor Strunz sagt, dass man zehn Kilometer in 40 Minuten laufen muss, sonst ist man eine Parkschleiche." "Nee, klar", erwiderte ich, "und zum Aufwärmen laufen wir noch schnell einen Halbmarathon." Roland guckte interessiert. Er hatte nicht die geringste Ahnung von unserem schönen, edlen Ausdauersport, aber als Werbeheini war er es gewohnt, sich in allen Lebenslagen mit flachem Halbwissen zu behelfen. Sätze, die mit "Doktor Strunz sagt ..." anfangen, enden selten mit Endorphinschüben.

Was fällt dieser Solariumskrähe ein, alle Läufer zu beschimpfen, die länger als 40 Minuten für zehn Kilometer brauchen? Ich fühlte mich diskriminiert. Was sollte ich denn meinem Schüler Roland sagen? Dass ich noch nie in meinem Leben unter 40 Minuten geblieben bin? Und dass es mich endlose Selbsttherapien gekostet hat, damit fertigzuwerden? Derlei Bekenntnisse würde meine Autorität als Coach unwiederbringlich zerstören: Parkschleiche trainiert Leberwurst. Danke, lieber Dr. Strunz.

Ich hatte mir die Trainerrolle einfacher vorgestellt. Am liebsten hätte ich Glitzer-Roland zusammengepfiffen, einfach so, aus Freude am rauen Ton. Aber der Weg des Shaolin erschien mir ratsamer. Sollte der Depp seine eigenen Erfahrungen machen. An Niederlagen konnte man sich nicht früh genug gewöhnen. Auf dem Parkplatz wollte Roland stretchen, er hatte Vorlagen ausgedruckt. "Schnickschnack", erklärte ich und verordnete "viermal um den See in 40 Minuten, das kriegt eigentlich jeder Anfänger hin". Eine Runde machte ziemlich genau zweieinhalb Kilometer. Roland guckte gelehrig wie ein Spaniel und zuckelte los. Ich trabte locker hinterher und freute mich auf das Schauspiel, das mich erwartete.

Lesen Sie im nächsten Teil, wie Achim versucht, Rolands peinliche Laufpausen vor Sportsfreunden zu verheimlichen.

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