Gesundheit

Schwangerschaftsabbrüche

Hadern Sie damit, dass Sie ungeborenes Leben beenden?

Frauenärztin Nora Szasz ist angeklagt, gegen das Werbeverbot für Abtreibungen verstoßen zu haben. Hier erklärt sie, warum sie die Eingriffe vornimmt und dass strengere Gesetze nicht die Zahl der Abbrüche senken.

Bert Bostelmann / DER SPIEGEL

Frauenärztin Nora Szasz in ihrer Praxis

Ein Interview von
Freitag, 23.03.2018   11:54 Uhr

Weil Abtreibungsgegner reihenweise Strafanzeige gegen Mediziner stellen, ist eine neue Debatte um das Thema Schwangerschaftsabbrüche entbrannt. Es geht um die Frage, ob das geltende Werbe- und Informationsverbot für Ärzte noch zeitgemäß ist. Die Kasseler Gynäkologin Nora Szasz und ihre Kollegin, mit der Szasz eine Praxis betreibt, sind jetzt angeklagt wegen Verstoßes gegen den entsprechenden §219a, Strafgesetzbuch. Sie haben auf ihrer Webseite mit einem Halbsatz darauf hingewiesen, dass sie auch Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Szasz, die Staatsanwaltschaft Kassel hat gegen Sie Anklage erhoben, wegen Verstoßes gegen das Werbeverbot für Abtreibungen. Was dachten Sie, als sie diese Nachricht im Briefkasten fanden?

Szasz: Das war noch mal ein Schlag ins Gesicht, auch wenn wir von den Ermittlungen bereits seit vergangenem Sommer wussten. Aber die Vorstellung, womöglich bald in einem Gerichtssaal als Angeklagte zu sitzen, ist schon heftig. Korrekt zu arbeiten, nach bestem Wissen und Gewissen, ist ein wesentlicher Anspruch unseres ärztlichen Handelns, wer hat da schon gern mit dem Gesetz zu tun? Da bleibt doch immer etwas hängen, egal wie es ausgeht. Allein die Begründung der Anklage zu lesen, war sehr kränkend, wie meine Kollegin ganz treffend bemerkte.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Szasz: Man muss sich das mal vorstellen: Wir werden jetzt als "Angeschuldigte" geführt, die in der Absicht gehandelt hätten, "Patientinnen zu werben", um "das entsprechende Honorar vereinnahmen zu können". Als ob es uns um pure Geldmacherei gehe, bei einem Schwangerschaftsabbruch.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht nicht um Geldmacherei, aber natürlich verlangen Sie ein Honorar für einen Abbruch, oder?

Szasz: Natürlich, wir arbeiten als Ärztinnen nach klaren Gebührensätzen. Ein Schwangerschaftsabbruch in der Fristenregelung ist keine Kassenleistung. Die selbst zu zahlende Summe liegt hier in Kassel aktuell bei 420 Euro, und davon gehen 200 Euro an die Anästhesie. Geld zu verdienen, ist doch nicht der Grund, dass wir Abbrüche vornehmen. ich kenne keine Ärztin, keinen Arzt, die das wirklich gern tun.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich weigern sich viele Ärzte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen, oft aus ethischen Bedenken. Warum halten Sie daran fest?

Szasz: Weil es die Frauen nun mal gibt, die zu mir kommen und ungewollt schwanger sind. Sie befinden sich in einer Notsituation und brauchen Hilfe. Meine Mutter war Krankenschwester, sie hat in den Fünfzigerjahren etliche Frauen sterben sehen nach illegalen Abbrüchen. Und das Schlimmste war, so hat sie mir erzählt, wie abfällig diese Frauen vor allem von den Ärzten behandelt wurden. Es ist meine Pflicht als Medizinerin, es anders zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Hadern Sie manchmal mit der Tatsache, dass Sie bei einem Abbruch ein ungeborenes Leben beenden?

Szasz: Diese Entscheidung treffe nicht ich, sondern die Frau, die zu mir kommt. Ich habe noch kaum eine Frau erlebt, die diese Entscheidung leichtfertig trifft. Das sind immer Notsituationen, und ich sehe uns Ärztinnen in der Pflicht, Frauen in ihrem eigenen Weg zu unterstützen und durch Notsituationen hindurch zu helfen. Schwangerschaftsabbrüche sind etwas Trauriges, aber sie sind ein gesellschaftlicher Fakt, das sind sie schon immer gewesen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Schwangerschaftsabbruch

SPIEGEL ONLINE: Verfechter des Werbeverbots fürchten, dass Abtreibungen durch Eintragungen wie dem auf Ihrer Webseite als normaler Eingriff bagatellisiert werden.

Szasz: Hinter dieser Argumentation steht die Vorstellung, dass die Zahl der Abbrüche zurückgeht, wenn wir nur strengere Gesetze hätten. Das halte ich für absurd. Auch die Statistiken zeigen das Gegenteil. In Deutschland gibt es sehr viel weniger Abbrüche als in den Neunzigern, obwohl die Gesetzeslage gleich geblieben ist. Das muss also andere Gründe haben.

SPIEGEL ONLINE: 2017 allerdings sind im Vergleich zu 2016 wieder mehr Abbrüche vorgenommen worden. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Szasz: Wie sich der neuerliche Anstieg um 2,5 Prozent erklären lässt, das sollte genau angeschaut und untersucht werden. Hier spielt sicherlich auch der "Abtreibungstourismus" eine Rolle, das heißt, verzweifelte, ungewollt schwangere Frauen aus Ländern wie etwa Polen, wo Schwangerschaftsabbrüche verboten sind, kommen vermehrt zu uns.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahren treten immer mehr radikale Abtreibungsgegner auf den Plan, die im Netz Ärzte wie sie als "Tötungsspezialisten" beschimpfen, Mahnwachen halten und Demonstrationen organisieren. Sind die bei Ihnen auch schon auf den Plan getreten?

Szasz: Ich werde auch auf solchen Webseiten aufgeführt und an den Pranger gestellt, ja. Und seit unser Fall bekannt ist, gab es auch einige anonyme Anrufe hier. Aber eine wunderbare Erfahrung ist die breite Unterstützung, die wir bekommen, hier in Kassel und auch bundesweit. Dabei spielt sicherlich eine Rolle, dass wir schon vor der Anzeige eine gut vernetzte frauenärztliche Praxis waren. Wir engagieren uns seit Jahren in verschiedenen Bereichen der Frauengesundheit, wie etwa der Humanitären Sprechstunde, wo wir nicht krankenversicherte Frauen kostenlos behandeln. Mit Kristina Hänel...

Stimmenfang #44 - Wenn das Werbeverbot für Abtreibungen zur Schikane wird

SPIEGEL ONLINE: ...einer Ärztin, die im November erstinstanzlich zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde wegen Verstoßes gegen den §219a...

Szasz:... stehen wir in engem Kontakt und sind inzwischen selbst Teil des wachsenden Bündnisses für die Abschaffung des § 219a. Unglaublich stützend sind auch die fast täglichen lieben Worte und Gesten unserer Patientinnen.

SPIEGEL ONLINE: Welche zum Beispiel?

Szasz: Manche von den Älteren berichten erst jetzt von traumatischen Erfahrungen mit Schwangerschaftsabbrüchen in ihrer Jugend, und wie schlecht sie damals behandelt wurden. Dann halten wir zusammen einen Moment inne, und ich weiß noch einmal mehr, warum wir den Abtreibungsgegnern mit ihren Anzeigen die Stirn bieten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Beratungsstellen vor allem in ländlichen und katholischen Gebieten warnen, dass immer weniger Mediziner bereit sind, Abtreibungen vorzunehmen. Nehmen Sie in dieser Frage einen gesellschaftlichen Wandel wahr hin zum Konservativen?

Szasz: Diese Entwicklung ist sehr bedenklich, vor allem weil damit leichtsinnig Frauengesundheit gefährdet wird. Was den gesellschaftlichen Wandel betrifft, so weiß ich zumindest, dass die Abtreibungsgegner sich einen solchen auf jeden Fall wünschen und ihnen dafür jedes Mittel recht ist. Ich finde es sehr wichtig, nicht nur die Probleme wie etwa die Mangelversorgung in ländlichen Regionen oder das Nachwuchsproblem zu thematisieren, sondern auch auf das zu schauen, was gut läuft. An vielen Orten, wie etwa hier in Kassel, existiert ein gutes, schützendes Angebot für Frauen, die ungewollt schwanger sind. Es gilt also, viel zu bewahren und zu verteidigen.

SPIEGELONLINE: Geht es nach CDU und CSU, sollen Frauen erst nach einer Beratung bei einer unabhängigen Stelle genaue Informationen bekommen, an welche Ärzte sie sich wenden können. Weil diese Beratung Hilfestellungen für ein Leben mit Kind aufzeigen könne. Diese eine Chance müsse das ungeborene Leben bekommen. Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Szasz: Nein, kann ich nicht, weil sie nicht der gängigen Praxis entspricht. Ich teile prinzipiell die Haltung, dass eine Frau, die ungewollt schwanger ist, die Möglichkeit bekommen sollte, sich beraten zu lassen über etwaige Hilfsangebote. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir als Frauenärztinnen in der Kette der Versorgung einfach ausgeklammert werden dürfen. Wir sind ja oft die ersten, an die sich die Frauen in ihrer Not wenden. Außerdem gibt es einige medizinische Untersuchungen, die notwendig sind, wie Blutabnahme und eine gynäkologische Untersuchung mit Ultraschall. Das kann und darf keine Beratungsstelle leisten.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD hatte ursprünglich einen Gesetzentwurf zur Abschaffung des §219a im Bundestag eingebracht, diesen jetzt aber mit Rücksicht auf die Union zurückgezogen, die gegen eine Abschaffung ist. Nun soll es einen Kompromiss geben. Wie ist das für Sie?

Szasz: Das ist eine riesige Enttäuschung für uns, für alle angezeigten oder angeklagten Kolleginnen und sicherlich auch für so manche SPDlerinnen, die sich für uns eingesetzt haben. Damit rückt die so dringend notwendige politische Lösung des gegenwärtigen Missbrauchs des Paragraphen 219a durch religiöse Fanatiker wie Klaus Günter Annen, Betreiber von einer Art digitalem Pranger für Ärzte, die Abbrüche vornehmen, leider wieder in die Ferne.

Im Video: Radikale Christen in den USA - Nahkampf vor der Abtreibungsklinik

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 163 Beiträge
seamanslife 23.03.2018
1. an Scheinheiligkeit ist unsere Politik/Justiz nicht zu überbieten
Heute morgen gegen 05:00 Uhr hat in Schwerin eine Zeitungszustellerin ein ca. 2 Stunden altes Baby vor einem Hauseingang eines Mehrfamilienhauses bei ca. 0° Außentemp. gefunden. Schwangerschaftsabbruch wird durch wen auch [...]
Heute morgen gegen 05:00 Uhr hat in Schwerin eine Zeitungszustellerin ein ca. 2 Stunden altes Baby vor einem Hauseingang eines Mehrfamilienhauses bei ca. 0° Außentemp. gefunden. Schwangerschaftsabbruch wird durch wen auch kriminalisiert. Jedenfalls ist der Klerus und die CDU mit dabei, christlich halt.
viceman 23.03.2018
2. uns blüht ,
wieder mal tiefstes mittelalter. diese sog. lebensschützer sind doch einfach nur religiös verbrämte eiferer, die mit dem echten leben sowieso nichts am hut haben. meiner meinung nach gibt es genug menschen auf der welt und da [...]
wieder mal tiefstes mittelalter. diese sog. lebensschützer sind doch einfach nur religiös verbrämte eiferer, die mit dem echten leben sowieso nichts am hut haben. meiner meinung nach gibt es genug menschen auf der welt und da sollte man nicht noch " ungewollte, ungeliebte kinder " in die welt setzen. solange man mit kindern, behinderten kindern sowie , materiell ausgegrenzt wird , solange kinder ein riesiges finanzielles risiko darstellen, muss es neben der möglichkeit zum schwangerschaftsabbruf auch die möglichkeit geben, sich dazu zu informieren.... wer das als werbung auslegt und es gerichtlich verfolgen läßt, der ist ein unmensch, meine meinung!
Glückspilz 23.03.2018
3. Hochachtung ..
.. für Ärzte/innen die Humanität und Professionalität verbinden. Das sie dafür jetzt auch noch vors Gericht gezerrt werden finde ich fürchterlich. Gäbe es mehr solche Menschen wie Frau Szasz, wäre die Welt eine bessere.
.. für Ärzte/innen die Humanität und Professionalität verbinden. Das sie dafür jetzt auch noch vors Gericht gezerrt werden finde ich fürchterlich. Gäbe es mehr solche Menschen wie Frau Szasz, wäre die Welt eine bessere.
olli0816 23.03.2018
4. Man sollte diesen Paragraphen streichen
Werbung für Abtreibungen machen halte ich sowieso für eine sinnlose Sache, weil sicherlich kaum eine Frau diese "Dienstleistung" mit großer Freude in Anspruch nimmt. Ich bin mir sicher, dass der größte Teil der [...]
Werbung für Abtreibungen machen halte ich sowieso für eine sinnlose Sache, weil sicherlich kaum eine Frau diese "Dienstleistung" mit großer Freude in Anspruch nimmt. Ich bin mir sicher, dass der größte Teil der Frauen, die abtreiben, ziemlich viele Gedanken damit verbracht haben, ob sie es tun. Und diejenigen, die es auf die leichte Schulter nehmen, werden es mit und ohne Werbung genauso vornehmen lassen. Ärzte zu kriminalisieren, weil sie diesen Eingriff vornehmen und darüber informieren, dass sie es tun, ist nicht richtig. Eine Frau, die in eine solche Situation kommt, muss die Möglichkeit haben, sich völlig neutral zu informieren und den Arzt aussuchen können, wo sie sich am besten aufgehoben fühlt. Man kann zwar den Beratungstermin durchaus voranstellen, er sollte aber keine Inquisition sein, sondern die Frau über die Möglichkeiten neutral aufklären. Ich stelle mir eine Situation absurd vor, wo eine Frau vergewaltigt und dadurch schwanger wurde, wie sie in einem Beratungstermin sitzt, wo ihr erklärt wird, wie schön es sei, eine Mutter zu sein. Der Gedanke lässt mich frösteln. Das Gesetz kommt mir vor wie ein Relikt aus den 50er-Jahren. Fehlt nur noch die Clementine, bei der alles so porentief weiß ist. Leute, wir befinden uns im Jahr 2018 und Abtreibungen sollten alleine die Sache derer sein, die es angeht. Keine außenstehenden Menschen oder der Staat darf hier etwas zu sagen haben, die geht es schlicht nichts an.
Hirschkuh 48 23.03.2018
5. nein, natürlich hadere ich nicht...
es ist ein Zellhaufen. Biologie, sonst nichts. Kein Geschenk Gottes. Als nicht erwünschtes Kind aufzuwachsen ist die größere Bürde, als erst gar nicht geboren zu werden.
es ist ein Zellhaufen. Biologie, sonst nichts. Kein Geschenk Gottes. Als nicht erwünschtes Kind aufzuwachsen ist die größere Bürde, als erst gar nicht geboren zu werden.
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