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Unterwegs mit einer Altenpflegerin

Auf den letzten Metern Leben

Anette Hollenberg, 57, pflegt alte Menschen. Ihre Patienten sind oft verwahrlost, einsam und überfordert. Der Job ist hart, kräftezehrend - was bekommt sie zurück?

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Donnerstag, 14.03.2019   11:09 Uhr

Herr Nolte* hat die Wände seines Badezimmers mit Pornobildern beklebt. Zwischen Kloschüssel und Heizungsrohren: nackte Brüste, Hintern und Vaginen. Herr Nolte sammelt auch Indianerfiguren. Ein Wandregal und der Fernseher im Wohnzimmer stehen voller kleiner Winnetous und Pocahontas-Figuren aus Kunststoff.

Anette Hollenberg lässt sich davon nicht mehr irritieren. Sie hat 36 Minuten für die Ganzkörperwäsche, die Augentropfen, die Medikamente. Vielleicht geht es schneller, denn Herr Nolte lässt sich nicht ausziehen. Es ist ihr dritter Hausbesuch an diesem Morgen. Sie hat sich Gummihandschuhe übergestreift und zählt die passende Anzahl Pillen ab.

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Altenpflegerin in Düsseldorf: Dastehen wie ein Stein

Herr Nolte sitzt im Bademantel auf der Couch - vor einem Tisch voller Kippen, Cola und Gummibärchen wie jemand, der sich aufgegeben hat. "Ich komm mir vor wie so'n Trottel", brummt er, als Hollenberg ihm eine Schüssel Wasser und einen Waschlappen bringt.

"Ich bin hier, um Ihnen zu helfen"

Anette Hollenberg arbeitet seit 20 Jahren in der häuslichen Pflege und hat so viel Routine, dass sie mühelos zwischen Strenge und Milde wechseln kann. "Herr Nolte!" Hollenberg beugt sich zum Sofa hinunter. "Ich habe Ihnen das schon mal gesagt. Ich will Sie nicht bevormunden. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen." Herr Nolte reibt seinen Oberkörper mit dem Lappen ab und lässt sich ein frisches T-Shirt bringen.

Bundesweit arbeiten mehr als 390.000 Menschen für rund 14.000 ambulante Pflegedienste, die etwa 830.000 Patienten versorgen. Die Branche wächst enorm - und ihre Mitarbeiter altern: Vier von zehn Pflegerinnen und Pfleger sind 50 Jahre oder älter. Vor sechs Jahren war es noch ein gutes Drittel.

Anette Hollenberg ist 57 Jahre alt. Jeden Tag fährt sie für die Diakonie in Düsseldorf rund ein Dutzend Patienten ab. Hollenberg ist eigentlich gelernte Bankkauffrau und Heilpraktikerin. Sie könnte Patienten in ihrer eigenen Praxis behandeln. Sie müsste nicht in der ambulanten Pflege arbeiten. Warum tut sie es trotzdem?

Nicht jeder Patient ist so mürrisch wie Herr Nolte. An diesem Morgen begann Hollenbergs Tour bei Frau Engel, einer freundlichen Dame, die um sechs Uhr auf einem Stuhl neben ihrem Esstisch saß, gewaschen, angezogen und gekämmt. Die 88-Jährige war schon um vier Uhr aufstanden, weil sie sich ganz in Ruhe fertigmachen wollte.

Auf dem Tisch standen frische Tulpen und Frau Engel schien dankbar, dass Hollenberg ihr half, die Kompressionsstrümpfe anzuziehen. Sie hatte das schon mal selbst versucht - mit einem Kochlöffel. Aber es hatte nicht geklappt. Nun kommt morgens und abends ein Pflegedienst.

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Anette Hollenberg im Hausflur eines Patienten

Hollenberg war auch schon bei Frau Ratinger. Die Wohnung war dunkel und roch nach gebrauchten Inkontinenzwindeln. Als Hollenberg die Lampe im Schlafzimmer anknipste, blinzelten ihr zwei Augen verwirrt aus dem Bett entgegen.

Frau Ratinger ist dement. Ihre Wohnung ist unaufgeräumt. Vasen, Stofftiere, Briefe, Zeitschriften, Kerzen, Straußenfedern - außer dem Boden sind alle Flächen belegt. Hollenberg kann nicht nachvollziehen, warum alte Menschen so verwahrlosen, warum sich Angehörige oft nicht besser um sie kümmern. Sie will dafür sorgen, dass wenigstens ihre grundlegendsten Bedürfnisse gestillt werden.

Also hat Hollenberg in der Küche das Geschirr abgespült, eine Tasse Pulverkaffee aufgegossen, ein Butterbrot geschmiert. Sie hat die 85-jährige Patientin ausgezogen und eingeseift, "die Arme hoch, so hoch Sie können, prima!". Sie hat den gebeugten, faltigen Körper mit einem Handtuch abgerieben und zum Schluss eine Strickjacke aus dem Kleiderhaufen gefischt, der sich vor dem Schrank aufgetürmt hat. "Wollen Sie die anziehen? Sie sollen doch auch ein bisschen hübsch aussehen." "Och ja, is doch ejal", hat Frau Ratinger gesagt und abwesend gelächelt.

Lymphom, Rheuma, Diabetes mellitus

Hollenberg mag es, dass sie Menschen das Leben auf der Zielgeraden erleichtern kann. Der Job im Anlagen- und Kreditgeschäft, den sie als junge Frau ausübte, konnte sie nicht mit Sinn erfüllen. Dass sie zu Hause ihren Großvater pflegte, hingegen schon. "Früher hab ich dich gewickelt, jetzt tust du das für mich", sagte er zu ihr. Auch ihre Mutter arbeitete in der Pflege, Hollenberg half manchmal aus und machte schließlich selbst die Ausbildung zur Altenpflegerin.

20 nach neun, Hollenberg parkt an einer Hauptstraße. Der Katheter von Herrn Ahrendt muss entleert werden. Eine App auf ihrem Smartphone zeigt ihr die Namen, Adressen und Diagnosen aller Patienten an, die sie in dieser Tour besuchen soll. Bei Herrn Ahrendt steht: Lymphom, Rheuma, Vorhofflimmern, Diabetes mellitus. Alte Menschen plagen oft mehrere Krankheiten gleichzeitig.

Hollenberg trägt enge Jeans und eine Jacke mit Fellkragen. Sie wirkt jünger als Ende 50, doch der Job verlangt ihr mehr ab als früher. Sie sagt, dieselbe Tätigkeit erschöpfe sie inzwischen schneller. Ihre Haare sind zerzaust, ihre Augen leicht gerötet. Sie arbeitet zwölf Tage am Stück, dann hat sie zwei Tage frei. Ab dem neunten Tag fällt es ihr schwer, morgens aufzustehen. Heute ist der neunte Tag.

Gitter ans Bett

Herr Ahrendt liegt apathisch auf dem Sofa, er ist frisch aus der Klinik entlassen worden, die ambulante Pflege ist noch nicht organisiert und seine Frau mit den Nerven am Ende. Das Lymphom hat metastasiert. In der Nacht ist Herr Ahrendt aus dem Bett gefallen. Sie pflegt ihn seit fünf Jahren, doch so bedürftig hat sie ihn noch nie erlebt.

Sie kosten oft viel Kraft, die letzten Schritte im Leben. Frau Ahrendt weiß nicht, wer nach ihrem Mann schauen soll, wenn sie einkaufen muss. Sie weiß nicht, ob sie eine höhere Pflegestufe beantragen soll. Sie wird nun wohl ein Gitter an sein Bett montieren, obwohl er das nicht will.

10, 20, 30 Jahre? Manchmal überlegt sich Hollenberg, wie viel von ihrem eigenen Leben ihr noch bleibt. Dann schiebt sie den Gedanken wieder weg. Sie will von Bekannten keine Geschichten darüber hören, welcher Nachbar Wassereinlagerungen in den Hoden hat. In ihrer Freizeit malt sie lieber mit Öl- und Acrylfarben. Gerade schreibt und illustriert sie ein Kinderbuch für ihre Enkelin. Es handelt von einer Elfe, die Kinder ins Traumland bringt.

"Alles, alles Gute", sagt Frau Hollenberg, als sie sich von den Ahrendts verabschiedet. "Gute Besserung. Das wird wieder. Bis bald, ja?"

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Hollenberg kennt viele Schicksale. Sie weiß, dass man Menschen nie die Hoffnung nehmen darf, egal was die Ärzte sagen. Sie ist sich nach so vielen Jahren sicher, dass sie adäquat reagieren kann, egal was sie hinter der nächsten Tür erwartet. Und sie hat gelernt, innerlich Distanz zu wahren. Die Gummihandschuhe helfen. Was die Haut nicht berührt, berührt auch das Herz nicht. Eine Hunderterschachtel steht hinter der Windschutzscheibe in ihrem Auto.

Die letzte Patientin

An diesem Vormittag besucht sie noch: Frau Hennes, deren Kanarienvögel in der Küche singen. Herrn Michels, den sie vom Rollstuhl ins Bett hievt, damit er seinen Mittagsschlaf machen kann. Frau Rosenbach, die fernsieht und dabei die Haut von ihren Füßen abkratzt. Frau Raab, die von ihrem gestrigen Kaffeekränzchen schwärmt. Frau Sülau, die fortwährend ihr Schmusetuch knetet.

Um elf Uhr beißt Anette Hollenberg im Auto zum ersten Mal in ihr Käsebrötchen. Sie ist um halb sechs von zu Hause aufgebrochen und hat seither nichts mehr gegessen, wenig getrunken, nur ein paar Zigaretten geraucht. "Ich kann Menschen Kraft geben, indem ich nicht selbst verzage, sondern dastehe wie ein Stein", sagt sie. Um ein Uhr hängt sie die Schlüssel ihrer Patienten zurück in einen Tresor der Diakonie.

Doch eine Patientin bleibt ihr noch: ihre Mutter. Sie ist die schwierigste. Sie nörgelt, weil sie nicht mehr so fit ist wie früher. Sie beschwert sich, wenn ihre Kinder nicht oft genug anrufen. Und sie sagt manchmal, dass sie gern noch länger leben würde. Dass sie das aber vielleicht nicht mehr lange kann.

"Das tut richtig weh", sagt Frau Hollenberg. Dagegen helfen auch keine Gummihandschuhe.

* Die Namen aller Patienten sind geändert.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben zwei Sätze nachträglich aus der Reportage entfernt und eine Formulierung geändert, um die Patienten und ihre Angehörigen stärker zu anonymisieren.

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