KarriereSPIEGEL

Studie zur Gehaltstransparenz

Mir doch egal, wie viel du verdienst

Das Entgelttransparenzgesetz sollte für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern sorgen - doch die Bilanz nach einem Jahr ist vernichtend: In den Betrieben spielt es kaum eine Rolle.

AFP

Demonstration für geschlechtergerechte Bezahlung (Archivbild)

Von
Montag, 07.01.2019   09:54 Uhr

Gleicher Lohn für vergleichbare Arbeit, für Männer und Frauen - das war das Ziel des Entgelttransparenzgesetzes, das vor einem Jahr in Kraft trat. Die Idee dahinter: Wer das Gehalt seiner Kollegen kennt, kann selbst besser verhandeln und eine gerechtere Bezahlung verlangen.

Doch in den meisten Betrieben ist das neue Instrument wirkungslos verpufft. In nicht einmal jeder zehnten Firma haben Mitarbeiter Auskunft über die Gehaltsstruktur verlangt - und da, wo sie es taten, gab es diese Anfragen oft nur vereinzelt. Das zeigte die bisher unveröffentlichte "Randstad ifo Personalleiterbefragung", die dem SPIEGEL vorliegt.

Danach antwortete keiner der Befragten, dass er "häufig" mit Anfragen nach dem neuen Gesetz zu tun habe. In 91 Prozent der Firmen hatte kein einziger Mitarbeiter angefragt.

"Eine Wirkung des Entgelttransparenzgesetzes ist bislang weitestgehend ausgeblieben", schreiben die Autoren der Studie. Das Ziel, durch mehr Bezahlungsgerechtigkeit den Gender Pay Gap, also die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern bei gleichen Tätigkeiten, zu schließen, wurde demnach verfehlt.

Dennoch gibt es aus Sicht der Studie bemerkenswerte Entwicklungen: Obwohl das Entgelttransparenzgesetz nur für größere Betriebe ab 200 Mitarbeitern verpflichtend ist, hat es auch zu Gehaltsanfragen in kleineren Unternehmen geführt - und dort sogar etwas häufiger für Angleichungen bei der Bezahlung gesorgt als in den größeren Betrieben.

Insgesamt aber bleibt der Anteil der Anpassungen verschwindend gering: Nur jede siebte Anfrage führte dazu, dass die Bezahlung angepasst wurde. "Interessanterweise scheint dies überwiegend auf freiwilliger Basis zu geschehen", heißt es in der Untersuchung: Denn es sind vor allem kleinere und mittlere Betriebe, die reagieren - obwohl die gar nicht unter das Gesetz fallen.

Im Gegenzug bedeutet das: Bei Großunternehmen zogen Gehaltsauskünfte in der Regel keine Anpassungen nach sich. Die Autoren der Studie erklären das auch mit festen Gehaltsschemata für Mitarbeitergruppen in diesen Betrieben, "während in kleinen Unternehmen Löhne öfter individuell ausgehandelt werden".

Das Entgelttransparenzgesetz (ETG)

Seit wann gilt das ETG?
Das Gesetz trat am 6. Januar 2018 in Kraft. Es soll Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern für die gleiche Tätigkeit reduzieren, indem auf Anfrage von Betroffenen betriebliche Gehaltsstrukturen offengelegt werden.
Was besagt das Gesetz genau?
Beschäftigte in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern haben das Recht, Auskunft über die Vergütung von Personen in einer vergleichbaren Position zu erhalten, wenn diese Person dem anderen Geschlecht angehört. Ein Anspruch auf eine gleiche Bezahlung besteht aber nicht.

Weitere wichtige Ergebnisse der Umfrage:

Details zur Randstad ifo Personalleiterbefragung

Welche Daten liegen der Umfrage zugrunde?
Quartalsweise werden bis zu 1000 deutsche Personalleiter zur aktuellen Praxis und zu Entwicklungen in ihrem Unternehmen befragt. Die Daten für diese Studie wurden im November und Dezember 2018 erhoben.
Welche Betriebe sind in der Umfrage vertreten?
40 Prozent der Unternehmen stammen aus dem verarbeitenden Gewerbe, 20 Prozent aus dem Handel und 40 Prozent aus dem Dienstleistungssektor. Mit einem Anteil von 45 Prozent waren die größte Gruppe der teilnehmenden Firmen Unternehmen mit weniger als 49 Beschäftigten. 39 Prozent der Antworten stammten von Betrieben mit 50 bis 249 Angestellten. Jeweils 8 Prozent kam von Unternehmen mit 250 bis 499 Mitarbeitern sowie von Unternehmen mit mehr als 500 Angestellten.
Sind die Ergebnisse repräsentativ?
Das durchführende ifo-Institut versichert, dass die Ergebnisse repräsentativ für die deutsche Wirtschaft sind. Dafür wurden die Antworten nach Branche und Unternehmensgröße gewichtet.
Von wem stammt die Umfrage?
Die Befragung wurde im Auftrag von Randstad Deutschland durch das ifo-Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München) durchgeführt.

Trotz der mangelnden Effizienz bescheinigen die befragten Personalleiter dem Gesetz, dass es zu mehr Diskussionen und zum Nachdenken über Unterschiede in der Bezahlung geführt habe. Vereinzelt sind Unternehmen sogar dazu übergegangen, bei Neueinstellungen gezielt auf Gehaltsunterschiede zu achten - auch wenn sie längst nicht in allen Fällen ausgeglichen werden.

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Doch um die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern tatsächlich zu schließen, "muss der Gesetzgeber offenbar noch nachbessern und über eine andere Ausgestaltung des Entgelttransparenzgesetzes nachdenken".

Mit anderen Worten: setzen, Sechs.

insgesamt 124 Beiträge
Newspeak 07.01.2019
1. ...
Ich finde, man sollte die Information ueber Gehaelter oder auch Einkommen einfach immer und ausnahmslos oeffentlich machen. Dann liesse sich sehr viel besser darueber diskutieren, was eine gerechte Entlohnung fuer eine Aufgabe [...]
Ich finde, man sollte die Information ueber Gehaelter oder auch Einkommen einfach immer und ausnahmslos oeffentlich machen. Dann liesse sich sehr viel besser darueber diskutieren, was eine gerechte Entlohnung fuer eine Aufgabe ist. Vor allem wuerde dann sicher fuer viele Menschen zum ersten Mal ueberhaupt sichtbar werden, wie ungerecht die Gesellschaft ist, und welche Personen sich nur bereichern.
ford_mustang 07.01.2019
2. Mann Frau ist nicht das alleinige Problem
Gehaltsverhandlungen mögen vielleicht in gewissen Gehaltstufen klappen. In der Realität ist das Quatsch, da man meist keine zuverlässigen Informationen hat, wieviel man realistisch fordern kann. Die Tipps im Internet sind auch [...]
Gehaltsverhandlungen mögen vielleicht in gewissen Gehaltstufen klappen. In der Realität ist das Quatsch, da man meist keine zuverlässigen Informationen hat, wieviel man realistisch fordern kann. Die Tipps im Internet sind auch alles andere als realitätsnah. Warum nicht wie in Österreich Pflicht, Mindestgehalt muss in der Stellenausschreibung angegebenen werden.
ruhepuls 07.01.2019
3. Ein Gesetz, gemacht von Politiker*innen...
Wen wundert das? Dieses Gesetz wurde am "grünen Tisch" von Menschen gemacht, die in Verordnungen und Anträgen denken - und für das Leben nichts anderes ist als eine Ansammlung von Zeichen auf dem Papier. So [...]
Wen wundert das? Dieses Gesetz wurde am "grünen Tisch" von Menschen gemacht, die in Verordnungen und Anträgen denken - und für das Leben nichts anderes ist als eine Ansammlung von Zeichen auf dem Papier. So funktioniert die Welt der Politiker (vor allem der zweiten und dritten Reihe): Machen wir eine schöne neue Verordnung und die Welt ist "besser". Zum Glück für die Welt sind die meisten Menschen klüger als diese Griffelspitzer und wissen, dass es im "realen Leben" nicht so zugeht, wie in einem juristischen Seminar. Aber lasst die Jungs und Mädchen in Berlin ruhig weiter ihr Papier produzieren - dann sind sie wenigstens beschäftigt...
quark2@mailinator.com 07.01.2019
4.
Ist ja eigentlich auch logisch. Wenn ich der Meinung bin, meine Arbeit sei mehr Geld wert, dann brauche ich als Argument nicht die Gehälter meiner Kollegen. Ich geh einfach hin und sage, was ich denke. Auf der anderen Seite steht [...]
Ist ja eigentlich auch logisch. Wenn ich der Meinung bin, meine Arbeit sei mehr Geld wert, dann brauche ich als Argument nicht die Gehälter meiner Kollegen. Ich geh einfach hin und sage, was ich denke. Auf der anderen Seite steht der Höhe des eigenen Gehalts immer irgendwie die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes gegenüber. Wenn ich den Schritt wirklich gehe, riskiere ich es, meinen AG zu verärgern und bei eventuellen Beförderungen, Dienstreisen, Weiterbildungen, Kundenkontakten, etc. etc. übergangen zu werden. Plötzlich hat man Weihnachten nie mehr Urlaub. Das riskiert man nur, wenn man sicher ist, daß man deutlich zu wenig bekommt. Aber wenn man das denkt, tritt §1 in Kraft, s.o.
Phil2302 07.01.2019
5. Seltsam
Die Autoren der Studie erklären das auch mit festen Gehaltsschemata für Mitarbeitergruppen in diesen Betrieben, "während in kleinen UnternehmenLöhneöfter individuell ausgehandelt werden". Und da steht dann drin, [...]
Die Autoren der Studie erklären das auch mit festen Gehaltsschemata für Mitarbeitergruppen in diesen Betrieben, "während in kleinen UnternehmenLöhneöfter individuell ausgehandelt werden". Und da steht dann drin, dass Frauen weniger verdienen? Ach ne stimmt, es geht beim sog. Paygap ja nicht um die gleiche Arbeit, sondern um unterschiedliche Arbeit mit unterschiedlichen Arbeitsstunden. Aber Glückwunsch an die paar Leute, denen es etwas gebracht hat.
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