KarriereSPIEGEL

Gerechtere Bezahlung von Frauen

Viele Betriebe ignorieren das Entgelttransparenzgesetz

Per Gesetz wollte die Bundesregierung die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern vorantreiben. Doch zwei Drittel der Betriebe halten sich nicht daran.

Getty Images

Managerin mit Kollege bei der Arbeit (Archivbild)

Von
Freitag, 11.01.2019   06:41 Uhr

Ein gut funktionierendes Gesetz geht anders: Das Entgelttransparenzgesetz, seit gut einem Jahr in Kraft, hat in zahlreichen Unternehmen "keine spürbaren Effekte gezeigt". In zwei Dritteln aller Betriebe ab 20 Beschäftigten wurden keinerlei Maßnahmen für eine gerechtere Bezahlung von Frauen ergriffen. Transparenz in den Gehaltsstrukturen ist für Chefs kaum ein Thema.

Das ist das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt. "Offenbar fühlte sich nur ein kleiner Teil der Betriebe von der Aufforderung angesprochen, im Betrieb für Entgeltgleichheit zu sorgen", schreiben die Autoren.

Eine aktuelle Umfrage des ifo-Instituts unter mehreren hundert Personalchefs kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach verlangten Mitarbeiter in nicht einmal jeder zehnten Firma Auskunft über die Gehaltsstruktur - und da, wo sie es taten, gab es diese Anfragen oft nur vereinzelt. Lediglich jede siebte Anfrage führte dazu, dass die Bezahlung angepasst wurde.

Das Gesetz habe "in den meisten Betrieben keine Aktivitäten" ausgelöst, schreiben nun die WSI-Forscher. In ihre Befragung flossen Daten aus knapp 2300 Betrieben ein. So seien in gerade mal zwölf Prozent der Unternehmen mit Betriebsräten die Geschäftsführungen von sich aus aktiv geworden und hätten sich um größere Transparenz bei den Gehältern und bei der finanziellen Gleichstellung von Frauen und Männern bemüht.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Einzelheiten zur Studie

Von wem stammt die Umfrage?
Die Studie wurde vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erstellt. Beteiligt war das Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung (INES) in Berlin.
Wer wurde befragt?
Das WSI führt seit über 20 Jahren einmal jährlich eine Befragung der Betriebs- und Personalräte in Privatunternehmen durch, in denen mindestens 20 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten. In diesem Rahmen wurde dieses Mal auch nach den Erfahrungen mit dem Entgelttransparenzgesetz gefragt.
Wie wurden die Daten erhoben?
Die Forscher haben insgesamt 2288 fragebogengestützte Interviews mit Betriebsräten geführt. Die Interviews dauerten im Schnitt gut 45 Minuten, die Umfrage fand zwischen dem 30. Januar 2018 und dem 27. April 2018 statt.
Sind die Ergebnisse repräsentativ?
Ja, für Unternehmen mit Betriebsrat und mindestens 20 Beschäftigten sind die Ergebnisse nach Aussagen des WSI repräsentativ.

Die Bundesregierung hatte das Entgelttransparenzgesetz verabschiedet, um den Gender Pay Gap, die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern, zu schließen. Das Gesetz gibt Angestellten das Recht, Auskunft über die Gehälter von Kollegen in vergleichbaren Positionen zu erhalten - allerdings nur dann, wenn der Betrieb mindestens 200 Beschäftigte hat.

Damit, so heißt es in der Studie, seien nur 0,7 Prozent der Betriebe und 32 Prozent der Beschäftigten von dem Gesetz betroffen. Vielleicht einer der Gründe dafür, dass das Gesetz und der Auskunftsanspruch so gut wie keine Rolle im Arbeitsalltag spielen.

Mehr zum Thema

"Eine Novellierung des Gesetzes ist also angeraten", schreiben die WSI-Forscher. Sie fordern, dass die Überprüfung von Gehaltsstrukturen für alle Betriebe verpflichtend gemacht wird. Außerdem müsse der Auskunftsanspruch auch für Angestellte in kleineren Betrieben gelten - und den Unternehmen, die sich nicht an das Gesetz halten, müsse mit echten Konsequenzen gedroht werden: "Nötig sind strengere Auflagen und spürbare Sanktionen."

Zu befürchten haben Betriebe, die das Gesetz ignorieren, bislang nämlich: nichts.

insgesamt 44 Beiträge
m.sc. 11.01.2019
1. ob das Ziel so erreicht wird
im öffentlichen Dienst gibt es Tabellen in denen man nachschlagen kann, wieviel jeder verdient. Wenn sich Löhne angleichen sollen, passiert das aber nicht zwangsläufig zum Guten. An Unis hört man oft: "wie sie wollen als [...]
im öffentlichen Dienst gibt es Tabellen in denen man nachschlagen kann, wieviel jeder verdient. Wenn sich Löhne angleichen sollen, passiert das aber nicht zwangsläufig zum Guten. An Unis hört man oft: "wie sie wollen als Doktorand mehr als 50 Prozent ihrer Stunden bezahlt bekommen? Es bekommen doch alle nur die Hälfte der Stunden bezahlt"
Newspeak 11.01.2019
2. ...
Was erwartet man denn, wenn man ein Gesetz erlaesst, aber sich nicht darum kuemmert, die Einhaltung zu kontrollieren? Offenbar ist es den Frauen aber auch egal. Oder allgemein allen, die im Vergleich zu Kollegen zu schlecht [...]
Was erwartet man denn, wenn man ein Gesetz erlaesst, aber sich nicht darum kuemmert, die Einhaltung zu kontrollieren? Offenbar ist es den Frauen aber auch egal. Oder allgemein allen, die im Vergleich zu Kollegen zu schlecht bezahlt werden. Ein bisschen muessen die Leute auch selber mitmachen, wenn sie meinen, es gibt da einen Missstand. (Ich bin ja der Meinung, jeder verdient in Deutschland erst mal 50% mehr, dann haette man wieder vernuenftige Loehne, von denen man sein Leben lang leben kann).
h3ld 11.01.2019
3. Guter Deal - schlechter Deal
Ehrlich gesagt verstehe ich das Problem des Gender Pay Gap nicht so richtig. Also wenn man einen Vetrag individuell verhandeln kann und der Mann mehr Geld aushandelt und die Frau weniger Geld aushandelt, dann würde ich das immer [...]
Ehrlich gesagt verstehe ich das Problem des Gender Pay Gap nicht so richtig. Also wenn man einen Vetrag individuell verhandeln kann und der Mann mehr Geld aushandelt und die Frau weniger Geld aushandelt, dann würde ich das immer auf die individuelle Verhandlungsstärke zurückführen. Wenn die Mitarbeiter nach Tarif bezahlt werden gibt es doch glaube ich sowieso keine Unterschiede zwischen der Bezahlung. Also ich verstehe wirklich nicht warum da so ein großes Thema draus gemacht wird. Bin ein Mann aber wenn ne Frau einen besseren Deal gemacht hat kann ich mich doch höchstens über mich selber ärgern aber kann doch nicht sagen "Weil die Frau einen guten Deal gemacht hat möchte ich das gleiche haben". Vielleicht habe ich das Thema auch falsch verstanden, dann bitte ich um Erklärung :)
Lagrange 11.01.2019
4. tja ..
... vielleicht liegt es auch einfach daran, dass es ein unsinniges Gesetz ist. Ähnlich wie die Mietpreisbremse oder die PKW-Maut hat die Regierung hier ein komplett unausgereiftes Gesetz auf den Weg gebracht, nur um ein [...]
... vielleicht liegt es auch einfach daran, dass es ein unsinniges Gesetz ist. Ähnlich wie die Mietpreisbremse oder die PKW-Maut hat die Regierung hier ein komplett unausgereiftes Gesetz auf den Weg gebracht, nur um ein Wahlversprechen einzulösen. Ich würde lieber 1 Jahr länger auf die Gesetzesentwürfe warten, wenn sie dann Hand und Fuß hätten.
polza_mancini 11.01.2019
5. Hmmm...
die wichtigste Frage hätte ich jetzt aber gerne auch noch beantwortet: wie viele Gehälter wurden denn in den immerhon rund 25 % Betrieben, die mitgemacht haben, tatsächlich angepasst, also wo gibt es eine tatsächliche [...]
die wichtigste Frage hätte ich jetzt aber gerne auch noch beantwortet: wie viele Gehälter wurden denn in den immerhon rund 25 % Betrieben, die mitgemacht haben, tatsächlich angepasst, also wo gibt es eine tatsächliche Benachteiligung bei gleicher Tätigkeit? Oder hat dieses Bürokratiemonster gerade deswegen keine Aktivitäten ausgelöst, weil sogar die Betriebs- und Personalräte keinen Handlungsbedarf gesehen haben, also wissen, dass der gender pay gap Dummfug ist?
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