KarriereSPIEGEL

Eine Lehrerin über ihren Alltag am Berufskolleg

"Wut, Ohnmacht und Verzweiflung"

Die Schüler schleudern ihr menschenverachtende, sexistische Sätze entgegen. Eine Lehrerin verzweifelt fast - und erzählt, warum sie ihren Beruf trotzdem liebt.

DPA

Lehrerin vor einer Schulklasse (Symbolbild)

Donnerstag, 13.09.2018   11:12 Uhr

Sie ist 39 Jahre alt und arbeitet seit neun Jahren als Lehrerin an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen. Dort erlebt sie einen herausfordernden, manchmal auch frustrierenden Schulalltag. Zuletzt machte sie ihrer Verzweiflung in 33 emotionalen Twitter-Nachrichten Luft - und hofft doch auf einen fairen, wertschätzenderen Umgang in Schule und Gesellschaft.

Wir dokumentieren diesen Text über den Lehreralltag in einer gekürzten und überarbeiteten Fassung.

Alle, die über "die Jugend" herziehen wollen, bitte ich, nicht weiterzulesen. Alle, die einen Teil unserer Gesellschaft nicht wahrhaben wollen, ebenso. Meine Erlebnisse sind nicht allgemeingültig, aber sie wirken sich doch immer mehr - leider negativ - auf unsere Arbeit an den Schulen und auf meine Arbeit am Berufskolleg aus.

Alle, die jetzt auf die Nennung bestimmter Nationalitäten hoffen, hoffen vergeblich. Denn was ich hier beschreibe, ist ein Generationenproblem und keins der Herkunft.

Heute in der Politikstunde: Ich frage meine Schüler nach aktuellen politischen Themen, von denen sie etwas mitbekommen haben. 25 (Halb-)Erwachsene schweigen. Begriffe wie Chemnitz, Maaßen und Demonstranten sind ihnen völlig fremd. Ich versuche, mit ihnen den Demokratiebegriff zu definieren, durch Brainstorming an der Tafel. Es kommt nichts. Halt, das ist falsch: Immer wieder ruft ein Schüler: "Sie sind ne MILF!" MILF ist ein Begriff aus Pornos und steht für "Mother I like to fuck".

Applaus für homophobe Äußerungen

Schon am Freitag bin ich in dieser Lerngruppe mit gemalten Riesenpenissen und behaarten Monsterhoden an der Tafel begrüßt worden und habe sehr deutlich gesagt, dass ich diese Art der sexuellen Belästigung nicht tolerieren werde. Es wurde gelacht. Einige waren sichtlich beschämt, andere schauten mich provozierend an. Sie merkten aber durch meinen selbstsicheren Blickkontakt, dass ich mich definitiv nicht kommentarlos solchen Situationen ausliefern werde.

Eine klare Ansage von mir zum MILF-Spruch, dann besprechen wir ausgeteiltes Arbeitsmaterial zu Artikeln des Grundgesetzes. Leider kommen wir nur bis zum ersten Artikel: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Sofort fallen Äußerungen wie: "Nein, nicht jeder Mensch hat Würde. Schwule und Lesben zum Beispiel, die gehören normalisiert!" Ich versuche, im ruhigen Ton gegenzusteuern. 22 Schüler allerdings applaudieren ihrem Mitschüler für diese Aussage. Ich weiß, dass ein Schüler aus der Klasse mit seinem Freund zusammenlebt. Ich mache deutlich, dass solche Äußerungen absolut nichts in meinem Unterricht zu suchen haben. Dass sie menschenverachtend sind. Böse. Gemein.

Die Reaktion: Lachen. Dann zeigen sie auf die Tafel, auf die ich zuvor Begriffe wie Religions- und Meinungsfreiheit geschrieben hatte: "Meinungsfreiheit! Meine Meinung ist: Schwule und Lesben haben keine Berechtigung zu leben. Sie taugen nichts. Sie können sich nicht fortpflanzen. Sie müssen bereinigt werden. Gesund gemacht werden!" Ich, mittlerweile eine Mischung aus Wut, Ohnmacht und Verzweiflung, versuche nochmals, dagegen anzukämpfen, verbitte mir solche Sprüche. Und erteile letztlich einigen Rädelsführern bezüglich des Themas tatsächlich Redeverbot.

Gesagtes ist nicht ausradierbar

Der schwule Schüler sitzt zusammengesackt und kreidebleich auf seinem Stuhl. Die Stunde endet unruhig. Er wartet, bis alle anderen weg sind. Dann bedankt er sich für meinen Einsatz, dafür, dass ich ihn nicht mit reingezogen habe. Und sagt mit tränenerstickter Stimme, dass er sich noch nie so unwohl gefühlt habe. Dass er Angst davor habe, was passiert, wenn sie es herausfinden. Wir sind beide entsetzt.

Ich verspreche ihm, etwas zu unternehmen und dass das nicht so stehengelassen werden darf und wird. Die Pause verbringe ich dann beim Abteilungsleiter, um Konsequenzen zu besprechen. Trotzdem: Gesagte Worte sind nicht ausradierbar.

Nächste Doppelstunde, eine ähnliche Lerngruppe. Ich werde von einem 16-Jährigen mit den Worten begrüßt: "Ich schwör, ich fick meinen Schwanz jetzt erstmal so hart!" Ich schaue ihn an. Er beruhigt mich damit, dass er ja nicht mich meine. Ich gehe in die Offensive, werde laut. Ich lasse mich von solchen Sätzen nicht mehr einschüchtern. Was bleibt, ist die letztlich daraus resultierende Erschöpfung. Die Wut darauf, in einer Bildungsanstalt als Frau solchen sexuellen Übergriffen ungeschützt ausgeliefert zu sein.

Ich bin so gerne in diesem Beruf!

Herrje, dabei habe ich solche Lust, den Jugendlichen etwas richtig Tolles für ihr Leben mit auf den Weg zu geben! Ich habe doch Ideale, bin so gerne in diesem Beruf. Und doch steigt auch beim Schreiben dieser Worte eine Tränenflut in mir auf. Weil es mich sauer macht, dass ich nicht einfach unter anständigen Bedingungen unterrichten kann. Ich brauche keine Heititei-Schüler - aber ein bisschen Respekt, das wäre eine feine Sache. Und natürlich sind längst nicht alle so. Aber zwei oder drei Ausreißer pro Lerngruppe reichen, um andere anzustiften. Oder um die, die das Benehmen ihrer Mitschüler eigentlich auch beschissen finden, zum Schweigen zu bringen.

Immer wieder fallen in der Schule schlimmste frauenfeindliche Äußerungen. Ich ignoriere das nicht, werde stattdessen unbequem. Ich bin kein Opfer. Ich sage einfach: "Ich bin gespannt, wie deine Mutter oder dein Vater nachher reagieren, wenn ich ihnen deine Worte wiedergebe!" Oft sind sie dann ruhig und gucken so, als werde ihnen plötzlich klar, dass das hier nicht im Klassenraum bleiben könnte. Dass ihr Handeln Konsequenzen haben könnte.

Aber am Ende bleiben dann die Fragen, die ich mir stelle: Wie sind die Väter dieser Söhne eingestellt? Was leben sie ihnen vor? Welche Wertstellung hat die Mutter, haben die Schwestern, haben Frauen generell in deren Weltbild? Leider erahne ich die Antworten.

Es muss sich etwas ändern

Das sind Dinge, mit denen wir uns an meiner Schule Tag für Tag, mal mehr, mal weniger intensiv auseinandersetzen müssen. Und ich sage ganz klar: Ich bin nicht bereit, mir meinen geliebten Beruf zerstören zu lassen. Es muss sich etwas ändern - und ich bin es nicht. Ich werde mein Frausein, meine Großmäuligkeit und meine Selbstsicherheit nicht aufgeben.

Lehrergeständnisse

Mich gruselt allerdings der Gedanke, dass diese Jungs in der freien Wildbahn auf weibliche Personen treffen und derart respektlos mit ihnen umgehen. Dass jungen Mädchen bereits ganz früh vermittelt wird, sie seien wertlos und klein und lediglich Objekte, derer ein Mann sich bedienen kann, wann und wie er will. Und dass sie das glauben.

Ich danke hiermit allen Männern, die ihre Söhne zum anständigen Menschensein begleiten. Sie dahingehend unterstützen, dass sie alle Menschen wertschätzend betrachten und behandeln. Frauen sind keine "Weiber", Mädchen sind keine "Schlampen". Mütter sind keine "MILF" und generell: Sagt was, wenn ihr solche Begriffe mitbekommt!

Wenn die Eltern da eventuell versagt haben, dann lasst es uns als Gesellschaft als untragbar darstellen. An der Bushaltestelle. Im Einkaufszentrum. Bei McDonalds. Es ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber allein das Wahrnehmen macht euch zu netten Menschen. Danke.

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