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Gerichtsurteile

Darf mein Chef mir wegen Übergewicht kündigen?

Drittligist Carl Zeiss Jena kritisiert einen Spieler mehrfach für seine körperliche Verfassung. Dann wird ihm gekündigt, die genauen Gründe sind unklar. Ist das rechtens? So wurde in ähnlichen Fällen entschieden.

imago/Jürgen Ritter
Mittwoch, 09.01.2019   17:40 Uhr

Er galt als großes Talent, jetzt ist Kevin Pannewitz seinen Job los. Zuletzt stand der 27-Jährige bei Drittligist Carl Zeiss Jena unter Vertrag, der Klub hat Zweitliga-Profi Pannewitz nun "außerordentlich gekündigt", hieß es in einer Mitteilung. Zu den Gründen wollte sich der Achtzehnte der Tabelle nicht äußern.

In der Vergangenheit wurde Pannewitz jedoch wiederholt kritisiert - für seine körperliche Verfassung. Erst kürzlich bemängelte Trainer Lukas Kwasniok Pannewitz' Übergewicht. Der Spieler selbst hat sich bislang nicht geäußert.

Dennoch wirft der Fall eine Frage auf, die Gerichte schon häufiger beschäftigt hat: Was passiert, wenn einem Chef nicht gefällt, wie viel sein Mitarbeiter wiegt? Darf er ihn rausschmeißen?

Im Jahr 2015 gab das Düsseldorfer Arbeitsgericht einem Gärtner Recht, der seinen Arbeitgeber verklagt hatte. Dieser hatte seinem Mitarbeiter gekündigt, weil er ihn zu dick fand - doch das Gericht urteilte, dass der Chef nicht überzeugend vermitteln konnte, warum eine Zusammenarbeit mit dem Mann nicht mehr möglich sei.

Klar, beim Profisport kann das Funktionieren einer ganzen Mannschaft davon abhängen, wie fit Einzelne im Team sind. Aber geht den Arbeitgeber an, wie viel seine Angestellten wiegen? Wäre eine Kündigung wegen Übergewicht nicht diskriminierend?

Fettleibigkeit als Behinderung

Klagen, in denen es um diese Fragen geht, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) vor gut vier Jahren erleichtert. Damals stellte er fest, dass auch Fettleibigkeit als Behinderung eingestuft werden kann. In Deutschland ein Novum, hier galten Übergewichtige erst als behindert, wenn sich Folgeerkrankungen einstellten, etwa Diabetes oder starke Gelenkprobleme.

Arbeitnehmer mit Behinderungen dürfen im Arbeitsleben nicht benachteiligt werden. Wenn eine Firma das Arbeitsverhältnis mit einem Behinderten auflösen will, muss sie das sehr gut begründen können. Bei schweren Behinderungen wird das örtliche Integrationsamt den Fall prüfen und den Arbeitnehmer in dieser Situation besonders unterstützen. Nicht zuletzt kann ein Integrationsamt eine Kündigung auch verhindern.

Mit dem EuGH-Urteil wurde aber auch die besondere Verantwortung der Arbeitgeber klargestellt: Wenn sich Kollegen über einen pummeligen Kollegen lustig machen, muss der Chef ihn davor schützen. Arten die Angriffe zu Mobbing aus, muss er die Rädelsführer im Extremfall sogar rausschmeißen.

Bereits vor Jahren klärten die Arbeitsgerichte, dass ein Unternehmen zudem für geeignete, sichere Arbeitsgeräte sowie Möbel zu sorgen hat. Dabei muss sie die speziellen körperlichen Bedürfnisse eines einzelnen Mitarbeiters berücksichtigen. Das betrifft nicht nur Übergewichtige, sondern etwa auch Büroangestellte, die schon mal einen Bandscheibenvorfall hatten und nicht einen ganzen Arbeitstag lang sitzen dürfen.

nil/mamk

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