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Letzte Videothek in Kiel

Spiderman würde es lieben

In Deutschland sterben ständig Videotheken, in Kiel gibt es nur noch den Laden von Uwe Peter. Mit starkem Willen und schrägen Ideen stemmt sich der 68-Jährige gegen den Untergang.

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Uwe Peter

Von
Sonntag, 18.11.2018   21:34 Uhr

Spiderman hockt auf dem Eingangstor. Neben ihm platzt die Farbe vom Firmenlogo des Videoverleihs "Film Peter" in Kiel. Aber hinter der Eingangstür glänzt es: Vier menschengroße goldene Oscars umrahmen einen roten Teppich.

"Wir haben den Laden vor zwei Jahren umgestaltet, weil wir auch optisch etwas bieten wollten", sagt Uwe Peter, der Besitzer der Videothek. Mit Hut, Weste, Hemd und Jackett empfängt der 68-Jährige die Kunden. "Manche nennen mich den Filmpaten."

In Sichtweite des Tresens stehen weitere Filmfiguren: Jack Sparrow, Deadpool, ein weiterer Spiderman, auch ein paar Kinosessel. Dort trinken die Mitarbeiter oft Kaffee mit den Kunden.

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Videothek "Film Peter" in Kiel

Wer nur Filme verleiht, hat in diesem Business keine Chance mehr. Ob illegale Downloadbörsen oder legale Streaminganbieter wie Netflix oder Amazon Prime - die Konkurrenz kommt aus dem Netz. Und sie verdrängt das herkömmliche Verleihgeschäft. Seit 2015 hat sich der Jahresumsatz der Videotheken hierzulande von 165 auf 84 Millionen Euro halbiert, wie der Interessenverband des Video- und Medienfachhandels (IVD) bekannt gab.

Allein 2017 musste ein Drittel aller deutschen Videotheken schließen. Zum Ende des Jahres gab es nur noch 600 Läden in Deutschland, 2007 waren es noch etwa 4000. Und das Sterben hält an: Jeden Monat schließen weitere. Die Branche kämpft gegen ihr Ende, aber vielen Besitzern fehlt mittlerweile die Kraft, der Glaube an die Zukunft, und vor allem: das Geld. Peter hat all das. Noch.

Und sagt trotzdem: "Meinem Sohn möchte ich nicht antun, dass er den Laden übernehmen muss." Sich selbst schon: "Aber für mich ist das noch immer ein toller Job." Und das, obwohl er die alten Zeiten manchmal vermisst. Er war schon dabei, als die Branche boomte. Die Filmverleihe luden ihn zu Events und Reisen ein. Da ging es bei einer Filmvorstellung schon mal ins Eishotel nach Finnland. Dreimal wurde er zum Videothekar des Jahres gewählt.

Aber das Geschäft mit Filmen hat sich verändert, genau wie Peters Laden. Acht Festangestellte und 15 Aushilfen beschäftigt er noch, früher hatte er 90 Mitarbeiter. "Zum Glück habe ich das Geschäft rechtzeitig umgestellt", sagt er. Seit ein paar Jahren verkauft "Film Peter" auch DVDs und Blu-rays. Die Filme sind mittlerweile nach Schauspielern sortiert - von A bis Z nach Vornamen. Seitdem sei der Umsatz gestiegen. "Die Kunden mögen das, weil es wie in einem Buch- oder Plattenladen ist. Sie finden es überschaubarer."

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Fotostrecke: Die letzte Videothek in Kiel

Auch einen Onlinehandel besitzt Peter mittlerweile. Neben der Videothek lagern in einer Halle etwa 150.000 DVDs und Blu-rays, er vertreibt sie über Ebay und Amazon. Vor allem Raritäten lohnen sich. Doch die Geschäfte bleiben unsicher: "Wir haben mal Gewinne, mal Verluste. Aber der heiße Sommer war extrem hart für uns. Bis dahin waren wir eigentlich wieder profitabel." Auch, weil er die Kosten reduziert hat.

Bis vor zehn Jahren betrieb er noch acht Filialen in Kiel. Mittlerweile ist das Geschäft in der Deliusstraße 7 die einzige Videothek der Stadt. Die letzten Konkurrenten haben längst aufgegeben. Nur im Internet gibt es Alternativen zu "Film Peter". Und ohne Stammkunden würde es auch diese Videothek nicht mehr geben.

"Ich komme einfach aus Tradition hierher, seit mehr als 20 Jahren", sagt Marc Wiechmann, der als Teenager hier seine ersten Filme auslieh. An diesem Vormittag ist er auf der Suche nach einem Klassiker: "The Wanderers", aus dem Jahr 1979. Aber manchmal komme er einfach nur so. "Man trifft hier Leute von früher. Es ist ein Stückchen heile Welt." Andreas Zwick, ein anderer Stammkunde, kommt extra aus Kirchbarkau angefahren, knapp 15 Kilometer, fast jede Woche. Seit 1993 leiht er hier seine Filme.

"Der Kunde ist bei uns halt die Nummer eins", sagt Peter, "und wir verzichten sogar auf Nachgebühren, wenn die Filme zu spät zurückkommen."

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Uwe Peter in seiner Videothek

Angefangen hat Peter aus Eigennutz, damals, am 11. März 1982. Ein paar Monate zuvor hatte er sich für 3000 Mark einen Videorekorder gekauft, nur gab es in Kiel kaum Filme zu leihen.

Mit der Hilfe seines Bruders brachte er das nötige Geld zusammen: "Pro Kassette mussten wir damals 250 D-Mark zahlen. Und die Bank wollte mir kein Geld leihen. Die haben gefragt, was überhaupt ein Video ist." Am Eröffnungstag starteten die beiden mit 104 Filmen, auf gerade mal 35 Quadratmetern. Kunden konnten zwischen VHS, Beta und Video 2000 wählen.

Nun, 36 Jahre später, besitzen die Peters wieder nur einen Laden und bieten DVDs und Blu-rays an, aber auf 1500 Quadratmetern. Neben dem Hauptsaal im Erdgeschoss gibt es einen Nebenraum, in dem die Horrorfilme stehen. Zur Pornoabteilung müssen die Kunden, wie üblich, durch einen separaten Eingang.

"Man muss sich mal überlegen, was wir Videotheken für Auflagen hatten: zweiter Laden, abgedichtete Fenster, extra Tresen. Und im Internet ist alles frei verfügbar, jedes Kind kann das sehen", sagt Peter und wird lauter: "Das ist doch unfassbar." Bis zu zwei Drittel seines Gewinns erzielte er früher mit Erotikfilmen, heute machen sie noch knapp 30 Prozent aus. Nicht nur Netflix zerstört sein Geschäft, auch YouPorn.

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Flohmarkt im zweiten Stock der Videothek

Den Zeichen der Zeit will sich Peter nicht beugen, stattdessen arbeitet er an weiteren Standbeinen: Seit Kurzem ist die Videothek auch ein DHL-Shop und nimmt Pakete an. Im zweiten Stock können Kunden Poster, Filmfiguren und allerlei Trödel erwerben. Und in einem Anbau hat Peter vor einem halben Jahr einen Flohmarkt eingerichtet. Ganz bewusst verkauft er dort mehr als DVDs und Blu-rays: "Das Filmgeschäft ist zu wetterabhängig. Um hier alles aufrecht zu erhalten, brauche ich weitere Einnahmequellen."

Mittwochs dürfen sich auf dem Parkplatz auch andere Verkäufer dazustellen, ohne eine Standgebühr zu zahlen. Peter hofft, dass dadurch neue Kunden in seinen Laden kommen. Er ist sich sicher: "Herkömmliche Videotheken werden es nicht schaffen. Sie müssen sich spezialisieren oder brauchen noch ein Zusatzgeschäft."

Mit 68 arbeitet er noch jeden Tag, knapp 70 Stunden die Woche. In den vergangenen fünf Jahren hat er sich nur einen einzigen Urlaub gegönnt: zwei Wochen Las Vegas, ein Familientrip mit Frau und Sohn. Gemeinsame Zeit, Erholung - Luxus, auf den er sonst verzichtet. Und trotzdem könnte es für die Videothek am Ende nicht reichen.

"Wenn die Verluste noch größer werden, dann müssen auch wir schließen", sagt Peter, doch die Worte kommen ihm nur zögerlich über die Lippen. Nach einer kurzen Pause schiebt er hinterher: "Aber ich will das machen, bis man mich hier rausträgt."

insgesamt 8 Beiträge
echtejournalistin 19.11.2018
1. Toller Besitzer
Auch wir als Studenten kommen gerne zu Film Peter. Es ist immer ein Erlebnis und man merkt wie viel Liebe hinter diesem Laden steckt. Herr Peter ist immer sehr nett!
Auch wir als Studenten kommen gerne zu Film Peter. Es ist immer ein Erlebnis und man merkt wie viel Liebe hinter diesem Laden steckt. Herr Peter ist immer sehr nett!
Wegen 19.11.2018
2. Nun ja...
meine Videothekenzeit war großartig. Aber das ist Geschichte, und heute schätze ich Prime (wenn es dort auch noch zu häufig Filme ohne Originalfassung gibt) und Netflix sehr. Zumal zunehmend mehr Serien die Qualität der [...]
meine Videothekenzeit war großartig. Aber das ist Geschichte, und heute schätze ich Prime (wenn es dort auch noch zu häufig Filme ohne Originalfassung gibt) und Netflix sehr. Zumal zunehmend mehr Serien die Qualität der meisten Filme aus den USA toppen. Als ich noch in der Stadt wohnte, war das Programmkino auch eine schöne Sache für Filme aus anderen Ländern. Doch auch da war die OV leider die Ausnahme.
tgu 19.11.2018
3. Amazon Video zu teuer!!!
Wenn ich die Preise vergleiche, war man mit einem Blockbuster-Film in unserer Videothek mit 1,40 € pro Kalendertag dabei, den hat man Nachmittags ausgeliehen am Abend geguckt und am nächsten Tag abgegeben, für nur 2,80 €, [...]
Wenn ich die Preise vergleiche, war man mit einem Blockbuster-Film in unserer Videothek mit 1,40 € pro Kalendertag dabei, den hat man Nachmittags ausgeliehen am Abend geguckt und am nächsten Tag abgegeben, für nur 2,80 €, komplette DVD(BluRay war etwas teuerer) mit Bonusmaterial (was wir aber so gut wie nie geschaut haben). Und bei Amazon Video gehts ab 3,99 € SD und 4,99 € HD los, zwar für 48 Stunden, aber es gibt nichts günstigeres für 24 Stunden. Die Videothek vor Ort war eindeutig günstiger, wenn man sich einen aktuellen Blockbuster anschauen wollte. Klar, bei älteren Filmen (sofern sie da verfügbar sind) ist man bei Amazon Prime und Netflix günstiger, bei Serien sowieso. Und ich denke, Amzon Prime und Netflix bieten ein so großes Angebot von Filmen und gerade Serien im Abopreis, da kommt keine lokale Videothek gegen an. Obwohl, wie gezeigt, beim reinen Ausleihen, die Videothek deutlich günstiger war.
murun 19.11.2018
4. Die Nachteile haben überwogen
Abgesehen davon, dass aktuell auf Silberscheiben erschienene Blockbuster bei uns mind. 2 Euro und mehr kosteten, war es oft reine Glückssache, noch ein Kärtchen für eine vorhandene DVD/BluRay zu erhaschen. Bei kleineren [...]
Zitat von tguWenn ich die Preise vergleiche, war man mit einem Blockbuster-Film in unserer Videothek mit 1,40 € pro Kalendertag dabei, den hat man Nachmittags ausgeliehen am Abend geguckt und am nächsten Tag abgegeben, für nur 2,80 €, komplette DVD(BluRay war etwas teuerer) mit Bonusmaterial (was wir aber so gut wie nie geschaut haben). Und bei Amazon Video gehts ab 3,99 € SD und 4,99 € HD los, zwar für 48 Stunden, aber es gibt nichts günstigeres für 24 Stunden. Die Videothek vor Ort war eindeutig günstiger, wenn man sich einen aktuellen Blockbuster anschauen wollte. Klar, bei älteren Filmen (sofern sie da verfügbar sind) ist man bei Amazon Prime und Netflix günstiger, bei Serien sowieso. Und ich denke, Amzon Prime und Netflix bieten ein so großes Angebot von Filmen und gerade Serien im Abopreis, da kommt keine lokale Videothek gegen an. Obwohl, wie gezeigt, beim reinen Ausleihen, die Videothek deutlich günstiger war.
Abgesehen davon, dass aktuell auf Silberscheiben erschienene Blockbuster bei uns mind. 2 Euro und mehr kosteten, war es oft reine Glückssache, noch ein Kärtchen für eine vorhandene DVD/BluRay zu erhaschen. Bei kleineren Produktionen gab es wenn überhaupt oft nur eine vorhandene Kopie, da musste man manchmal Tage warten, bevor man da herankam - weil ständig entliehen. Geplanter Videoabend mit einem bestimmten Film? War oft genug ein Glücksspiel. Und zuguterletzt habe ich gerade ältere DVDs oft genug verflucht, wenn ich erst zu Haus germerkt habe, dass sie zwar kleine, aber umso fiesere Kratzer auf der Oberfläche für ärgerliche Aussetzer oder Unlesbarkeit sorgten. Es gibt nicht wenige Filme, die ich persönlich auch als greifbares Medium besitze, aber für spontane Entleihungen möchte ich Amazon Prime Video, Netflix und Co. nicht mehr missen....
fizzybubblech 19.11.2018
5. Es gibt noch einige Videotheken
Hier in Fulda gibt es sogar noch sehr große Videotheken in großen Hallen. Anscheinend kommt es drauf an, in welcher Stadt man viele Kunden hat.
Hier in Fulda gibt es sogar noch sehr große Videotheken in großen Hallen. Anscheinend kommt es drauf an, in welcher Stadt man viele Kunden hat.

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