KarriereSPIEGEL

Deutsche PR-Frau Wennmachers

Die Erfinderin des Silicon-Valley-Mythos

Das Silicon-Valley hat sein Image einer Deutschen zu verdanken. PR-Frau Margit Wennmachers prägte rund um die Jahrtausendwende das Bild des erfinderischen Nerds, der die Welt verbessern will. Was macht sie heute?

Margit Wennmachers

Von manager-magazin-Redakteur , Palo Alto
Donnerstag, 12.04.2018   16:24 Uhr

Als Margit Wennmachers Anfang der Neunzigerjahre nach Kalifornien kam, hatte das Silicon Valley seine Unschuld noch nicht verloren. Von Hassvideos, Datenskandalen oder russischen Fake Accounts im US-Wahlkampf redete damals niemand.

Die Deutsche, die in einem Dorf bei Aachen aufwuchs, fing 1994 bei einer PR-Agentur in San Francisco an, 1997 machte sie sich selbstständig. Ihre Agentur Outcast Communications wurde in den Folgejahren zu einer der einflussreichsten Stimmen in der Tech-Branche. Der erste große Kunde war der Cloudsoftwareanbieter Salesforce, den Outcast von Anfang an bei seinem Aufstieg begleitete.

Kaum jemand inszenierte Start-up-Gründer auf Weltverbesserungsmission so geschickt wie Wennmachers und ihre Partnerin Caryn Marooney, die heute die Kommunikationsabteilung von Facebook leitet. Der Name Outcast (übersetzt: Ausgestoßene) war kein Zufall - er sollte das Selbstverständnis der Kunden widerspiegeln. Nerds, die lange keiner ernst nahm.

Don't be evil - hohe moralische Ansprüche

Das von Outcast mitgeprägte Image vom etwas schrägen, aber idealistischen Start-up-Genie wird bis heute weltweit mit dem Valley assoziiert. Es hat den Gründern lange genutzt, wirkt mittlerweile aber schal und abgedroschen. Die Erwartungen stiegen mit den vermeintlich hohen moralischen Ansprüchen von Unternehmen wie Facebook oder Google ("Don't be evil!").

Manche glaubten gar, darin eine neue, bessere Art des Kapitalismus entdeckt zu haben. Umso tiefer ist nun der Fall. Wennmachers und Marooney verkauften Outcast 2005 für zehn Millionen US-Dollar an einen britischen Kommunikationskonzern.

Es ist ein sonniger Freitag im März, Wennmachers, inzwischen 53 und Mutter einer Tochter, sitzt in der Zentrale von Andreessen Horowitz an der Sand Hill Road, ihrem aktuellen Arbeitgeber, und trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. Die Straße im Westen von Palo Alto ist die Top-Adresse für Wagniskapitalgeber (Venture Capitalists - VC) und Andreessen Horowitz galt hier einst als Newcomer. Dass die Firma heute zu den Großen gehört, hat viel mit Wennmachers zu tun, die dort seit 2010 zu den Partnern zählt.

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Blick ins Silicon Valley

"Ich bin eigentlich introvertiert, aber als Mauerblümchen kommst du in diesem Land nicht weiter", sagt Wennmachers. Sie spricht heute lieber Englisch, streut ab und zu deutsche Wörter ein. Die graue Maus nimmt man ihr indes nicht recht ab. Sie ist elegant gekleidet, ganz in Schwarz mit langen, dunkelbraunen Haaren. Die Rheinländerin gilt als begnadete Netzwerkerin, die Menschen gezielt in Jobs vermittelt, um sie später als Kontakte nutzen zu können.

Jetzt neu: Eine offene Wagniskapital-Firma

Marc Andreessen und Ben Horowitz traf Wennmachers 2008 im Café Creamery in Palo Alto. Die beiden suchten nach einer PR-Agentur, die ihren neuen Wagniskapitalfonds promoten könnte. 300 Millionen Dollar wollten sie einsammeln - mitten in der Finanzkrise. Andreessen hatte zwar den lange Zeit erfolgreichen Browser Netscape entwickelt. Mit Mitte 20 galt er als Tech-Wunderkind, aber - ebenso wenig wie Horowitz - nicht als genialer Investor.

Um an gute Deals zu kommen, brauchten sie geschicktes Marketing. Interessante Investments blieben meist den Top-5-VC-Firmen wie Kleiner Perkins oder Sequoia vorbehalten, die sich über Jahrzehnte einen Ruf aufgebaut hatten.

Wennmachers sagte zu. Ihre Strategie war es, Andreessen Horowitz als besonders gründerfreundlich zu inszenieren. Die Message an die Programmierer und Ingenieure lautete: Keine Sorge, wir schmeißen euch nicht zugunsten eines BWLers raus, sobald euer Start-up erfolgreich ist.

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Der Plan ging auf. Eines der ersten Investments, der Videotelefoniedienst Skype, stellte sich rasch als Erfolg heraus. Später kamen Beteiligungen an Facebook, Groupon und Twitter hinzu. Andreessen Horowitz stieg in die VC-Elite auf.

Wennmachers positionierte die Firma als offenen, diskursiven VC, ein Kontrast zur verschwiegenen Konkurrenz. Die Investoren äußerten sich regelmäßig als Tech-Experten in den Medien.

Selbst ein Partner bei den Konkurrenten von Kleiner Perkins lobt, dass die Funktionsweise von Wagniskapitalgesellschaften so "demokratisiert" wurde. Gründer würden seitdem besser verstehen, was VCs sich wünschen. Wennmachers konnte sich eine weitere PR-Nadel ans Revers heften.

Heute gilt Andreessen Horowitz manchen schon als Medienunternehmen mit angeschlossenem VC-Fonds. Die Firma gibt mehrere Blogs und Podcasts heraus, wirkt nahezu omnipräsent. So erreichen die Investoren genau ihre Zielgruppen, die selbst für Tech-Magazine wie "Wired" zu spitz wären. Andreessen Horowitz vermittelt jungen Gründern: Hey, wir geben euch nicht bloß Geld - wir sind Nerds wie ihr!

"Wir schreiben auch über Software as a Service"

"Über das neueste Software-as-a-Service-Geschäftsmodell würde "Fortune" nicht schreiben", sagt Wennmachers, "wir aber schon." Als nächsten Schritt will sie einen YouTube-Kanal starten.

Die aktuelle Imagekrise des Silicon Valley ficht Wennmachers kaum an. Jedenfalls ist sie bemüht, diesen Eindruck zu vermitteln. Die zunehmende Kritik ist für sie eine natürliche Folge der Entwicklung des Valleys zu einem globalen Machtzentrum. "Solche Verschiebungen irritieren die Leute."

Wie kommen die Tech-Konzerne da raus? "Die Firmen müssen sich besser erklären, um wieder Vertrauen zu gewinnen", sagt Wennmachers.

Die Frage ist, ob Facebook, Amazon oder Google, die im Vergleich zu klassischen Konzernen nach wie vor wie eine Blackbox erscheinen, das schon verstanden haben. Auf PR-Experten wartet im Silicon Valley jedenfalls eine Menge Arbeit.

insgesamt 15 Beiträge
henry.miller 12.04.2018
1.
Ist das ein Witz? Sie hat also das Silicon Valley groß gemacht und vermarktet? Über Jahrzente kamen alle großen Erfindungen zu Hardware und Software aus dem Valley. Jeder Prozessor. Jedes Betriebssystem. Fast jedes IC. Das [...]
Ist das ein Witz? Sie hat also das Silicon Valley groß gemacht und vermarktet? Über Jahrzente kamen alle großen Erfindungen zu Hardware und Software aus dem Valley. Jeder Prozessor. Jedes Betriebssystem. Fast jedes IC. Das war die Arbeit von Giganten, die unsere Welt bis in die letzte Ecke geprägt haben. Nicht wegen cooler Plakate, sondern wegen dieser Epoche der Höchstleistung ist es in aller Munde.
günterjoachim 12.04.2018
2. Späte Geburt...
Fairchild Semiconductors war wohl die Wiege des Silicon Valley Mythos. Das war aber in den 60er und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Giganten wie Gordon Moore, Robert Noyce, Andrew Grove und viele andere waren schon [...]
Fairchild Semiconductors war wohl die Wiege des Silicon Valley Mythos. Das war aber in den 60er und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Giganten wie Gordon Moore, Robert Noyce, Andrew Grove und viele andere waren schon vor 30 Jahren berühmt. National Semiconductor, Intel usw. usf.
te36 12.04.2018
3. Passt scho
Natürlich wird da in VC Kreisen ein Confidence Game gespielt wo Investoren Weltverbesserungsträume mit Gewinnpotential gegen Investments verkaufen. Ist doch mal nett, einen Artikel zu lesen, daß in diesem verlogenen Spiel [...]
Natürlich wird da in VC Kreisen ein Confidence Game gespielt wo Investoren Weltverbesserungsträume mit Gewinnpotential gegen Investments verkaufen. Ist doch mal nett, einen Artikel zu lesen, daß in diesem verlogenen Spiel auch mal jemand weniger widerliches als der Herr Thiel aus Deutschland mitmischt. Vielleicht ist die Dame aber halt einfach auch noch nicht so finanziell erfolgreich daß sie von vergleichbaren Allmachtsphantasien geleitet ist. Netzwerkerin so wie im Artikel beschreiben ist für mich aber auch bloss eine Form der Korruption. Ich denke mal sie ist da auf dem besten Weg.
quark2@mailinator.com 12.04.2018
4.
??? Um die Jahrtausendwende ??? Sorry SPON, aber wenn es Fake News gibt, dann ist das sowas. Eine echte Zeitungsente. Sowohl das Valley als auch die Nerds und ihr Image waren deutlich eher da. Und das gibt es gut dokumentiert ... [...]
??? Um die Jahrtausendwende ??? Sorry SPON, aber wenn es Fake News gibt, dann ist das sowas. Eine echte Zeitungsente. Sowohl das Valley als auch die Nerds und ihr Image waren deutlich eher da. Und das gibt es gut dokumentiert ... unfaßbar, daß sowas einfach behauptet werden kann. Hier hat eine Person einen Weg gefunden, für sich selbst Werbung zu machen ...
Criticz 13.04.2018
5. Komisch - beschäftigte mich viel mit dem Thema
und kenne das Valley....aber von dieser Dame habe ich noch nie was gehört. Übrigens die Leute aus dem Valley die ich kenne auch nicht. Musste der Autor wieder mal einen Frauenpowerartikel inkl. Geschichtsverfälschung [...]
und kenne das Valley....aber von dieser Dame habe ich noch nie was gehört. Übrigens die Leute aus dem Valley die ich kenne auch nicht. Musste der Autor wieder mal einen Frauenpowerartikel inkl. Geschichtsverfälschung abliefern oder was ist los?

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