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SPIEGEL-Umfrage

Hat #MeToo für Sie schon etwas verändert?

Ein Jahr #MeToo: Menschen debattieren seither viel über Sexismus am Arbeitsplatz, im Privaten. Doch ändert sich dadurch etwas? Eine Umfrage des SPIEGEL fällt ernüchternd aus. Leserinnen und Leser berichten, was sie erleben.

DPA
Von , und
Donnerstag, 11.10.2018   16:19 Uhr
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Eine SPIEGEL-Leserin, ein SPIEGEL-Leser, zwei Stimmen zu #MeToo:
"In meinem Berufsfeld, der Geisteswissenschaft, hat sich durch #MeToo wenig verändert", berichtet die Leserin. Sexismus, vor allem das Abstreiten intellektueller Kompetenz von Frauen, komme weiterhin häufig vor. "Das passiert vor allem unter Kolleginnen und Kollegen auf derselben Karrierestufe, nicht zuletzt aufgrund der hohen Konkurrenz auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt."

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Heft 54/2018
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100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

"Insbesondere Männer in Führungsposition verhalten sich erkennbar anders", meint der Leser, Chef einer Unternehmensberatung. "Einzelgespräche mit einer Frau werden gemieden oder finden grundsätzlich in verglasten Räumen statt." Er selbst behandle Frauen im Beruf "stets distanziert als Neutrum". Persönliche Komplimente an Frauen leiste sich in seinem Umfeld keine Führungskraft unter 60 Jahren.

Sexismus, Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung: Seit einem Jahr berichten Menschen weltweit unter dem Hashtag #MeToo über ihre Erlebnisse am Arbeitsplatz und im Privatleben. Medien, auch der SPIEGEL, griffen die Diskussion auf.

Anlass für den globalen Aufschrei waren Dutzende Vorwürfe wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung gegen den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein, der seither privat wie beruflich erledigt ist und sich nun vor Gericht verantworten muss. Es folgten Anschuldigungen gegen andere Prominente wie Kevin Spacey, zum Teil mit ebenfalls deutlichen Konsequenzen.

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Was bedeuten die Debatte und deren Auswirkungen für die Gesellschaft? Hat #MeToo zu einem besseren Umgang miteinander am Arbeitsplatz und im Privaten geführt? Der SPIEGEL hat dazu in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey eine repräsentative Umfrage durchgeführt, die seit dem 27. September …mehr als 5000 Menschen beantwortet haben.

Das Ergebnis: Für gut die Hälfte der Befragten hat die #MeToo-Debatte keine konkreten Verbesserungen bewirkt. Und das, obwohl zwei Drittel der Deutschen die Diskussionen an sich als positiv empfunden haben, wie eine andere SPIEGEL-Umfrage gezeigt hat.

18 Prozent der Teilnehmer gaben an, am Arbeitsplatz weniger sexuelle Belästigung zu bemerken. Nur rund zehn Prozent berichten von weniger Belästigung im privaten Umfeld. Ob die Befragten zuvor oft oder nur selten mit diesem Problem konfrontiert waren, geht aus der Umfrage nicht hervor.

Frauen und Männer nehmen die Debatte über sexuelle Belästigung in der Gesellschaft allerdings unterschiedlich wahr. Umfragen zeigen, dass deutlich mehr Männer als Frauen der Ansicht sind, über dieses Thema werde zu viel gesprochen.

Umso überraschender ist, dass das Geschlecht die persönliche Wahrnehmung, ob die #MeToo-Debatte eine Veränderung bewirkt hat, offenbar nicht signifikant beeinflusst: Dass die Diskussionen die Dinge zum Positiven gewendet haben, bejahen etwa gleich viele Frauen und Männer.

Das Alter macht bei der Bewertung hingegen sehr wohl einen Unterschied: Jüngere Menschen zwischen 18 und 39 Jahren antworteten tendenziell häufiger, dass die #MeToo-Debatte eindeutig keine Verbesserung bewirkt habe.

Allerdings bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass ältere Befragte häufiger eine positive Entwicklung wahrnahmen. Bei ihnen war lediglich der Anteil der unentschiedenen Befragten größer.

Der SPIEGEL hat Leser auch nach ihren persönlichen Erlebnissen seit Beginn der Debatte gefragt. Die Zuschriften waren divers: Manche schrieben von mehr Respekt und einem sensibleren Miteinander - andere von noch mehr abfälligen Bemerkungen.

So beobachtet eine Leserin: "Männer finden es jetzt sogar noch lustig, ihrem unangemessenen Verhalten ein schuldunbewusstes 'Darf man das überhaupt noch?' hinterherzuschieben."

Eine andere Leserin vermutet, dass bewusste Belästigung seit Beginn der Debatte sogar eher zugenommen habe: "Respektlose Menschen betrachten #MeToo als lächerlich, halten die Berichte für übertrieben und erfunden und wollen es den Frauen 'jetzt erst recht' zeigen."

Sie beobachtet allerdings auch eine erfreuliche Entwicklung: "Viele Menschen, vor allem auch Männer, reagieren inzwischen sensibler darauf, wenn sie eine Belästigung mitbekommen, und schreiten schneller ein. Wahrscheinlich, weil sie Belästigungen inzwischen auch als solche erkennen."

Für einige ist #MeToo auch persönlich erleichternd. Eine Leserin schreibt, sie habe sich stets deutlich gegen sexuelle Übergriffe gewehrt und deshalb den Ruf gehabt, "prüde und zickig" zu sein. "#MeToo ist meine späte Genugtuung: Ich hatte recht mit meinem Verhalten, es waren die anderen, die falsch lagen, auch wenn ich mit dieser Haltung fast mein ganzes Leben lang ziemlich allein dastand. Falsch lagen sowohl Männer, die übergriffig waren, als auch Frauen, die über mich lachten, weil ich mir nicht gefallen ließ, was sie ertrugen."

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

Zur Erhebung seiner Umfragen schaltet die Software des Unternehmens Civey Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

insgesamt 84 Beiträge
ein Deutscher im Ausland 11.10.2018
1. Auch auf die Gefahr hin das ich mich in der Sache wiederhole,
Sorry liebe westliche Welt, als Ossi ist diese Debatte lächerlich, da wir im Osten da weiter waren. MIt dem Beitritt gab es eine rückschrittliche Entwicklung (Angleichung an die westliche Art mit der „Frau“ umzugehen) in der [...]
Sorry liebe westliche Welt, als Ossi ist diese Debatte lächerlich, da wir im Osten da weiter waren. MIt dem Beitritt gab es eine rückschrittliche Entwicklung (Angleichung an die westliche Art mit der „Frau“ umzugehen) in der Sache. Also somit für einen Ossi lächerlich, denn die im Osten war man da schon weiter. Stellung der Frau in der Gesellschaft allgemein und Umgang mit der Sexualität ohnehin.
ZhuBaJie1 11.10.2018
2. Passendes Stock-Foto...
Auf dem Bild zum Artikel: Zwei fesche Herren Anfang 40, eine attraktive junge Dame Anfang 20. Das bringt das Thema doch schön auf dem Punkt! Aber vielleicht mussten die weiblichen Models im Hauptkarrierealter ja auch nur gerade [...]
Auf dem Bild zum Artikel: Zwei fesche Herren Anfang 40, eine attraktive junge Dame Anfang 20. Das bringt das Thema doch schön auf dem Punkt! Aber vielleicht mussten die weiblichen Models im Hauptkarrierealter ja auch nur gerade Kinder hüten.
archivdoktor 11.10.2018
3. Na ja......
M.E. ändert das gar nixxxxx - das Thema beschäftigt mehr die Medien und weniger die modernen Frauen. Die können sich schon selber zur Wehr setzen - na ja, wenn sie nicht gerade Schauspielerinnen und auf Rollen erpicht [...]
M.E. ändert das gar nixxxxx - das Thema beschäftigt mehr die Medien und weniger die modernen Frauen. Die können sich schon selber zur Wehr setzen - na ja, wenn sie nicht gerade Schauspielerinnen und auf Rollen erpicht sind.....Geschadet hat es der ganzen Debatte, als herauskam, dass einige Protagonistinnen selber Dreck am Stecken hatten und viele Wichtigtuerinnen und Wichtigtuer sich zu Wort meldeten, obwohl sie nichts zu sagen hatten. Denke, das Thema ist durch und wird in Zukunft keine große Rolle mehr spielen.
Suppenelse 11.10.2018
4.
Die Blase dreht sich weiter, und die journalistische Selbstüberschätzung hört nicht auf. Ein Jahr nach Beginn einer beispiellos atemlosen und dümmlich-pauschalen, trotz einzelner Zwischentöne insgesamt weitgehend [...]
Die Blase dreht sich weiter, und die journalistische Selbstüberschätzung hört nicht auf. Ein Jahr nach Beginn einer beispiellos atemlosen und dümmlich-pauschalen, trotz einzelner Zwischentöne insgesamt weitgehend kritikunfähigen und selbstgerechten Kampagne wäre es eigentlich Zeit für ein selbstkritischeres Fazit, das nicht nur Jan Fleischhauer überlassen bleibt. SPON-Umfragen, die dies und das belegen sollen, ändern nichts an der Tatsache, dass dieses Thema mit der Lebensrealität der meisten Menschen denkbar wenig zu tun hat und in der Arbeitswelt zu vielem geführt haben mag, aber mit Sicherheit nicht zu einer „klimatischen Verbesserung“. Wenn man dann das nächste Mal über die viel beschworene „Medien-Glaubwürdigkeit“ diskutiert, wird man mit einiger Berechtigung sagen können: Beklagt euch nicht!
nickleby 11.10.2018
5. Interessant
Diese 'Me-Too' Kampagne hat ein Ergebnis : es werden weniger Komplimente gebracht, mehr Distanz erzeugt und kühle Arbeistatmosphäre gefördert. Diese Ergebnisse sind aufschlussreich. Einige Frauen sind durch die Natur [...]
Diese 'Me-Too' Kampagne hat ein Ergebnis : es werden weniger Komplimente gebracht, mehr Distanz erzeugt und kühle Arbeistatmosphäre gefördert. Diese Ergebnisse sind aufschlussreich. Einige Frauen sind durch die Natur geschützt.Es geht ja um die, die anziehend sind. Darum ist jedem Mann zu raten, über die Höflichkeits-und Gentlemanschiene sein Ziel zu erreichen. Das klappt , weil Frauenm sich dadurch geschmeichelt fühlen.
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