KarriereSPIEGEL

Pflegenotstand

"Bei den Arbeitszeiten sind wir Freiwild"

Mehr Geld soll den Pflegeberuf attraktiver machen - so wollen es Kanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Spahn. Doch die schmale Bezahlung ist nicht das einzige Problem. Drei Betroffene erzählen.

DPA

Eine Pflegerin betreut einen alten Mann

Von und
Dienstag, 17.07.2018   18:20 Uhr

"Anerkennung drückt sich nicht nur in Worten aus. Es geht auch ums Geld." Mit diesen Worten hat Gesundheitsminister Jens Spahn im ZDF-"Morgenmagazin" am Montag eine neue Debatte um die Pflege losgetreten.

Gehälter bis zu 3000 Euro im Monat und damit deutlich mehr als derzeit "sollten möglich sein", sagte Spahn. Wenig später sprach sich auch Angela Merkel für eine umfassende Aufwertung der Pflege aus, bei ihrem Besuch in einem Altenheim. "Der Beruf muss attraktiver werden", sagte die Kanzlerin vor den Bewohnern des evangelischen Altenheim St. Johannisstift.

Doch was heißt das eigentlich? Reicht mehr Geld wirklich aus, um mehr Arbeitskräfte in die Pflege zu locken? Und sind die von Spahn geforderten 3000 Euro überhaupt eine Verbesserung? Deutschlandweit sind in der Alten- und Krankenpflege mehr als 25.000 Fachkraftstellen nicht besetzt. Zudem fehlen rund 10.000 Hilfskräfte.

Tatsächlich ist die Entlohnung der Pflege allerdings nicht insgesamt schlecht - aber die Unterschiede sind groß. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen: Fachkräfte in der Krankenpflege liegen bereits im Jahr 2016 im zentralen Mittelwert bei 3239 Euro.

Doch während Krankenpfleger auch durch Zuschläge verhältnismäßig gut verdienen, sind Altenpfleger meist unterbezahlt. Die Hälfte der Fachkräfte verdient hier weniger als 2621 Euro im Monat. Und die eigentlichen Probleme des Berufs liegen ohnehin woanders - sagen die Betroffenen. Drei Pflegekräfte erzählen aus ihrem Alltag:

Julia Klink, 32, ambulanter Pflegedienst in Hamburg

Julia Klink

"Ich hüte oft zwischen vier Uhr nachmittags und sechs Uhr morgens unser Bereitschaftstelefon. Früher wurde jeder sofort durchgestellt, da klingelte es in diesem Zeitraum rund hundertmal. Vor Kurzem haben wir den Anrufbeantworter neu bespielt. Jetzt müssen Klienten die Eins drücken, wenn es sich um einen Notfall handelt. Seither klingelt es nur noch etwa 15-mal.

Es klingelt zum Beispiel, weil uns die Notrufzentrale informiert, wenn einer unserer Klienten nachts ins Krankenhaus gekommen ist. Oder weil wir die Haustür eines Klienten aufschließen sollen, wenn dem Notarzt niemand aufmacht. Wenn sich Pfleger aus unserem Team krankmelden, tun sie das telefonisch, morgens gegen halb fünf, vor ihrem Dienst. Wir betreuen rund 300 Patienten, viele sind dement. Sie rufen zum Beispiel nachts an, weil in der Küche noch das Licht brennt.

Wenn ich eine Tagestour fahre, besuche ich in acht Stunden fast 20 Klienten. Ich stecke vielleicht im Stau, suche einen Parkplatz. Wir helfen Menschen, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurden und sich nicht allein anziehen und waschen können. Das braucht Zeit, denn wir wollen ihre Selbstständigkeit fördern, und ich kann nicht einfach alles für sie übernehmen. Danach muss ich oft noch Medikamente verabreichen.

Meistens brauche ich für das alles länger als die vorgesehenen 25 Minuten. Einmal bin ich eine Stunde lang bei einer 101-Jährigen geblieben, weil ich geahnt habe, dass sie sterben würde. Ich kann nicht einfach gehen, wenn es jemandem schlecht geht.

Niemand bewirbt sich

Doch dann weiß ich, dass sich die nächsten 15 Klienten beschweren, weil ich zu spät komme. Deswegen sind Pflegekräfte oft so abgehetzt. Ich erkläre dann, dass ich mit Menschen arbeite und nicht mit Robotern. Die Klienten verstehen das meist, aber erst mal ist die Wut da.

Ich bin examinierte Krankenschwester mit Leitungsfunktion und verdiene 3000 Euro brutto - also so viel, wie Gesundheitsminister Jens Spahn als künftiges Höchstgehalt für Pflegekräfte fordert. Nebenbei arbeite ich in vier Nächten im Monat auf 450-Euro-Basis in der Notaufnahme eines Krankenhauses, um etwas dazuzuverdienen.

Trotzdem: Wenn ich wählen könnte zwischen mehr Geld für mich oder mehr Personal fürs Team, würde ich das Personal nehmen. Geld macht nur kurzfristig zufrieden. Mit mehr Personal könnten wir alle entspannter arbeiten. Doch wir schalten Anzeigen auf Facebook und in Zeitungen - aber niemand bewirbt sich.

Die Krankenkassen müssten den Pflegediensten pro Klient viel mehr bezahlen, damit der Beruf stressfreier und attraktiver wird. Dafür müsste man wahrscheinlich die Beiträge zur Pflegeversicherung stark erhöhen. Darüber würden sich bestimmt viele Menschen aufregen. Doch jeder von uns kann irgendwann in eine Situation kommen, in der er Hilfe braucht."

Max B., 27 Jahre, arbeitet in verschiedenen Krankenhäusern in Hamburg

"Was uns fehlt, ist die Anerkennung. Gerade als Mann wird man als Pfleger gefragt, ob es für ein Medizinstudium nicht reicht, ob man nichts Besseres gefunden hat oder - das ist mir auch schon passiert - ob man homosexuell ist.

Auch von den Patienten bekommt man häufig wenig Wertschätzung. Für viele ist man nur derjenige, der nichts zu sagen hat. Die wollen dann über alles noch mal mit dem Arzt sprechen und erkennen die Expertise der Pflegenden nicht.

Das Geld ist dabei aus meiner Sicht nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist vielmehr, dass man den Beruf im Krankenhaus attraktiver gestalten muss - auch mit flexibleren Arbeitszeiten und einer besseren Vereinbarkeit mit dem Privatleben. Denn es macht einen Unterschied, wenn ich in Schichtdiensten und am Wochenende arbeiten muss und meine Freunde nicht treffen kann.

Leiharbeiter haben Vorteile

Ich arbeite als Leiharbeiter. Auch wenn Spahn das lieber abschaffen würde, hat das für mich viele Vorteile. So kann ich meine Arbeitszeiten flexibler gestalten und meinen Lohn selbst verhandeln. Außerdem muss ich bei Personalausfall nicht kurzfristig einspringen, und ich kann mir aussuchen, auf welchen Stationen ich arbeite. Früher musste ich im Nachtdienst bis zu 30 Patienten allein versorgen. Da geht es nur darum, dass keiner stirbt. Jetzt arbeite ich nur noch auf Stationen, wo man zu zweit ist. Und ich kann nebenher noch Pflegemanagement studieren.

Als ich vor vier Jahren nach dem dualen Studium angefangen habe, verdiente ich schon 2500 Euro im Monat. Jetzt liegt das Einstiegsgehalt auf einer Inneren-Station bei 2700 Euro. Mit Zuschlägen kommt man auf mehr als 3000 Euro.

Es gibt in Deutschland genug Leute, die diese Ausbildung gemacht haben. Aber viele wollen nicht mehr am Bett arbeiten oder nur noch in Teilzeit, weil die Belastung zu hoch ist."

Ilona Groß, 53, Seniorenhaus in Rheinland-Pfalz

Privat

Ilona Groß

"Ich arbeite als Qualitätsbeauftragte in einem Seniorenhaus. Das ist eine Managementtätigkeit, bei der ich aber immer auch ein paar Tage im Monat als Pflegekraft mitarbeite. So bekomme ich auch mit, unter welchen Bedingungen die Kollegen arbeiten.

Ich bin seit 21 Jahren in der Pflege. Die Arbeit am Bett hat mir immer Spaß gemacht, aber ich kann das nicht mehr machen, weil ich das lange Stehen nicht mehr ausgehalten habe. Deshalb musste ich in eine sitzende Tätigkeit wechseln.

Ich begleite auch die Auszubildenden im dualen Studium. Die Krankenpflegeschulen und Hochschulen berichten, dass das Niveau der Bewerber deutlich zurückgeht.

Pflege kann eben doch nicht jeder, das ist das Problem. Denn für die richtige Pflege muss man Menschen zuhören, zum anderen muss man auch Studien richtig lesen und verstehen können. Überall, außer in Deutschland, wird der Beruf akademisch ausgebildet, und das hat seinen Grund. Ich habe in England studiert, und dort werden die Bewerber nicht nur nach den Noten auf dem Papier, sondern auch nach sozialen Kompetenzen im persönlichen Gespräch ausgewählt.

Es gibt genug Pflegekräfte, aber sie bleiben nicht

Eigentlich haben wir genug - auch akademisch - ausgebildete Pflegekräfte, aber gerade die bleiben nicht in der Pflege, denn sie können woanders mehr verdienen. Und Leute aus dem Ausland kommen nicht zu uns, weil die Bedingungen in anderen Ländern besser sind. Allerdings weiß ich nicht, wo Herr Spahn seine Zahlen herhat. Als Pflegekraft habe ich auch mit einer 80-Prozent-Stelle 2900 Euro verdient.

Bei den Arbeitszeiten sind wir Freiwild. Einige Pflegekräfte arbeiten teilweise bis zu sieben Wochenenden hintereinander und haben dann nur an einem frei. Und die Zuschläge, die man in der Altenpflege dafür bekommt, sind nicht der Rede wert.

Pflege ist noch immer eher ein Frauenberuf. Aber die Frauen von heute wissen auch, dass eine Ehe nicht unbedingt ewig hält, und allein und mit Kindern ist es schwer mit diesem Einkommen und den Arbeitszeiten."

Video: Pflegenotstand in Deutschland

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 21 Beiträge
neoleo99 17.07.2018
1.
Man sollte auch hier wieder anmerken, dass die Krankenhäuser aus Kostengründen ca. 20 % des Pflegepersonals in den vergangenen Jahren abgebaut haben. Das bedeutet aber im Gegenzug, dass das übrige Personal diese Aufgaben oft [...]
Man sollte auch hier wieder anmerken, dass die Krankenhäuser aus Kostengründen ca. 20 % des Pflegepersonals in den vergangenen Jahren abgebaut haben. Das bedeutet aber im Gegenzug, dass das übrige Personal diese Aufgaben oft mit übernehmen muss. Da hilft eigentlich nur ein restriktiver, vom Gesetzgeber vorgegebener, Personalschlüssel. Soviele Patienten erforden soviel Personal. Punkt. Witzig ist teilweise, dass die Krankenhäuser mit höherer Effektivität auch noch bestraft werden. Ihnen wird dann im darauf folgenden Jahr einfach weniger Geld zugeteilt. Das Sparen wird also letztlich auch noch bestraft. MS-Medikamente gibt es in verschiedenen Preislagen. Obwohl wirksam, werden günstige Medikamente in Deutschland nicht verschrieben, da der Patentschutz abgelaufen ist und die Pharmakonzerne zuerst ihre teuren Neuentwicklungen verkaufen möchten. In Schweden wird das günstige Medikament allerdings verschrieben, und dort spart man dadurch pro Jahr hunderte Millionen Euro an Behandlungskosten.
Ezechiel 17.07.2018
2. Ja absolut ......
mit einer ordentlichen Bezahlung und einer geregelten Arbeitszeit werden wesentlich mehr Menschen in der Pflege arbeiten wollen. Die Renten der Pflegebedürftigen und die Zuschüsse aus der Pflegeversicherung reichen bei weitem [...]
mit einer ordentlichen Bezahlung und einer geregelten Arbeitszeit werden wesentlich mehr Menschen in der Pflege arbeiten wollen. Die Renten der Pflegebedürftigen und die Zuschüsse aus der Pflegeversicherung reichen bei weitem nicht aus um dahin zu kommen. Das heißt, es müssen staatliche Zuschüsse fließen, die in irgend einer Weise von der arbeitenden Bevölkerung zu erbringen sind. Die Politik darf sich im Hinblick auf Wahlen und Wählerstimmen nicht scheuen, das den Bürgern klar zu machen. Fleißbildchen und Schulterklopfen werden nicht reichen.
minimax9 17.07.2018
3. Häusliche Pflege
Seit 15 Jahren pflegen wir in unserem Haushalt meine Schwiegermutter. Urlaub können wir nur nur dann machen wenn meine Tochter die Pflege in ihrem Urlaub übernimmt. Dafür bekommt sie kein Geld aus der Pflegekasse. Einmal haben [...]
Seit 15 Jahren pflegen wir in unserem Haushalt meine Schwiegermutter. Urlaub können wir nur nur dann machen wenn meine Tochter die Pflege in ihrem Urlaub übernimmt. Dafür bekommt sie kein Geld aus der Pflegekasse. Einmal haben wir sie in ein Pflegeheim gegeben, da meine Schwiegermutter aus ihrer häuslichen Umgebung gerissen wurde kam sie total verwirrt wieder. Also nur noch eine Woche Urlaub so alle zwei Jahre mit gutwill meiner Tochter. Könnte sie unbezahlten Urlaub nehmen und würde den Lohnausfall erstattet bekommen wären wir geholfen. Nur , nahe Enkelkinder bekommen kein Geld.
onkel-ollo 17.07.2018
4. Da hätte Frau Merkel in Paderborn mal gucken sollen
Vollpflegefall reinigen und waschen in 10,47901 Minuten (und dann sofort der nächste) und bei der Essensausgabe für 30 Leute in 6,51487 Minuten! Nicht nur am Gruppentisch mal hallo sagen! Aber das bitterste ist, daß Investoren [...]
Vollpflegefall reinigen und waschen in 10,47901 Minuten (und dann sofort der nächste) und bei der Essensausgabe für 30 Leute in 6,51487 Minuten! Nicht nur am Gruppentisch mal hallo sagen! Aber das bitterste ist, daß Investoren aus dem zur Verfügung stehendem sehr knappen Geld tatsächlich auch noch Gewinne erzielen können. Darunter sind übrigens auch kirchliche Träger, die mit ihrem Personal nicht grundsätzlich 'christlich' umgehen. Denen läuft das Personal genau so weg wegen Überforderung und immer strafferer Zügel. Wir haben einen Fall in unserer Familie...
mrs.cheekyhobson 17.07.2018
5. Mir ist nicht klar,
WARUM der Satz für die Leistungen, den die Krankenkassen im Pflegeheim oder im Krankenhaus bezahlen soooo unglaublich niedrig liegt !?! Ein Mal Haare kämmen 1,5 Minuten á 0,30 EUR, ein Mal waschen = 3,2 Minuten á Summe X ? Ich [...]
WARUM der Satz für die Leistungen, den die Krankenkassen im Pflegeheim oder im Krankenhaus bezahlen soooo unglaublich niedrig liegt !?! Ein Mal Haare kämmen 1,5 Minuten á 0,30 EUR, ein Mal waschen = 3,2 Minuten á Summe X ? Ich selbst war 2016 in Deutschland im Krankenhaus und habe diese Kosten zwar nicht als Privatpatient, sondern als privat zahlender Patient zahlen müssen. 1,50 EUR habe ich pro Kanüle legen bezahlt und dann auch nur für eine erfolgreiches "Pieksen", wobei manchmal durch den ganzen Stress mehrfaches "Pieksen" von verschiedenen Krankenschwestern notwendig war. Für 1,50 EUR zieht mir heutzutage kein Meckaniker mehr eine Schraube am Moped an. Gleichzeitig machen die Krankenkassen jedes Jahr Gewinne !!!

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