KarriereSPIEGEL

Ein Leben hinter der Bar

Hundertjährige will nicht in Rente

Marie-Louise Wirth trinkt in ihrer Bar jeden Morgen einen Brandy mit ihrem ersten Gast. Sie arbeitet dort seit 87 Jahren. Aufhören will die Hundertjährige aus Nordfrankreich noch lange nicht.

AFP
Mittwoch, 06.12.2017   15:03 Uhr

Jeden Morgen um 8.15 Uhr öffnet sie ihre Bar, die keinen Namen hat - denn "wenn man gutes Bier hat, braucht man kein Aushängeschild", sagt Marie-Louise Wirth. Die Barbesitzerin steht seit 87 Jahren hinter dem Tresen ihrer Kneipe im nordfranzösischen Isbergues südlich von Dünkirchen. Das soll auch so bleiben. Die Hundertjährige, die alle nur Marie-Lou nennen, denkt nicht daran, in Rente zu gehen.

Sie hatte die Leitung in dem Ort mit 10.000 Einwohnern 1954 von ihrem Vater übernommen. Seither hat sich wenig verändert. "Die Bar sieht seit 50 Jahren so aus", sagt Wirth als sie über die Arbeitsplatte des Tresens wischt. Es ist immer noch dieselbe wie 1931, als sie anfing, in der Bar zu arbeiten. Damals war sie 14 Jahre alt. Eine Zapfanlage oder eine moderne Kaffeemaschine hat sie nicht. Auch das Internet, Kreditkarten oder ein Handy benutzt Wirth nie.

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Barchefin mit Hundert: "Ich bin eine Draufgängerin"

Die Hundertjährige kämpft gegen das Barsterben. In den Sechzigerjahren existierten noch 600.000 Kneipen in Frankreich. "Damals gab es auch in Isbergues Hunderte Bars", sagt Wirth. Es war die Hochzeit der Barkultur. Heute gibt es in ganz Frankreich nur noch 35.000 Kneipen.

Wirth bezeichnet sich selbst wegen ihres hohen Alters als kleine "Kuriosität". "Woher soll ich wissen, warum ich so lange lebe? Das weiß nur Gott und der spricht nicht zu mir", sagt Wirth. An ihrer Ernährung könne es nicht liegen.

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Oldies but Goldies: Diese Rentner wünschen wir uns zurück

Jeden Morgen trinkt sie mit ihrem ersten Kunden ein Gläschen Kirschbrandy. Außerdem schwört sie auf "alles, was man nicht darf": Mayonnaise, Gewürzgurken, aber "niemals Obst". Auch auf andere Gesundheitstipps pfeift die rüstige Barbesitzerin: "Ich bin niemals gerne zu Fuß gegangen, ich fahre lieber Auto", bekennt sie.

Ansonsten lebe sie wie eine Sechzigjährige. "Ich gehe gern tanzen. Es stört mich nicht, wenn ich bis zwei Uhr morgens wach bin und um sieben Uhr wieder aufstehen muss. Ich bin nicht müde."

Ihre Stammgäste werden immer weniger, sie habe viele von ihnen beerdigt, erzählt Wirth, aber sie werde so lange weitermachen, wie sie kann. "Ich bin eine Draufgängerin. Es ergibt keinen Sinn, zu leben und nichts zu tun oder zu sehen."

koe/AFP

insgesamt 13 Beiträge
dasfred 06.12.2017
1. Herrlich
Ein Artikel über eine Frau die nicht jammert und klagt sondern das Leben zu lieben gelernt hat und nie wieder damit aufhörte. Dieser Artikel wärmt mein Herz. "Gott weiß warum ich so alt bin aber er spricht nicht mit [...]
Ein Artikel über eine Frau die nicht jammert und klagt sondern das Leben zu lieben gelernt hat und nie wieder damit aufhörte. Dieser Artikel wärmt mein Herz. "Gott weiß warum ich so alt bin aber er spricht nicht mit mir." Die schönste Umschreibung dafür, sich nicht unnütz den Kopf zu zerbrechen über alles was sowieso passiert sondern zu genießen was uns gegeben wurde. Danke
helmut.alt 06.12.2017
2. Eine bewundernswerte Frau
und eine hervorragende Lebensphilosophie. Mögen ihr noch viele Jahre beschieden sein.
und eine hervorragende Lebensphilosophie. Mögen ihr noch viele Jahre beschieden sein.
bdroege 06.12.2017
3. Besser Arbeiten als langweilen.
Wenn es keine Zwang (weil der Margen knurrt) ist zu arbeiten und diese eine Spaß macht ist es besser zu arbeiten als daheim auf den Tod zu warten. Die Einstellung zur Arbeit ist eine ganz andere wenn diese keine wirkliche [...]
Wenn es keine Zwang (weil der Margen knurrt) ist zu arbeiten und diese eine Spaß macht ist es besser zu arbeiten als daheim auf den Tod zu warten. Die Einstellung zur Arbeit ist eine ganz andere wenn diese keine wirkliche Pflicht ist.
Ein_denkender_Querulant 06.12.2017
4. Keine Rentenversicherung
Was für eine menschliche Tragödie, wenn man mit 100 Jahren noch hart arbeiten muss. Eine flächendenkende Rentenversicherung ist eines der größten sozialen Errungenschaften.
Was für eine menschliche Tragödie, wenn man mit 100 Jahren noch hart arbeiten muss. Eine flächendenkende Rentenversicherung ist eines der größten sozialen Errungenschaften.
sikasuu 06.12.2017
5. Wo steht das sie keine Rente kriegt!
Hilf uns, da du ja die Madame persönlich zu kennen scheinst oder einen Glaskugel hast. . Finde ich Klasse die Lady, kenne auch 2-3 solcher Orginale in Europa die mit dem Zapfhahn verwachsen sind & den Laden nur noch [...]
Zitat von Ein_denkender_QuerulantWas für eine menschliche Tragödie, wenn man mit 100 Jahren noch hart arbeiten muss. Eine flächendenkende Rentenversicherung ist eines der größten sozialen Errungenschaften.
Hilf uns, da du ja die Madame persönlich zu kennen scheinst oder einen Glaskugel hast. . Finde ich Klasse die Lady, kenne auch 2-3 solcher Orginale in Europa die mit dem Zapfhahn verwachsen sind & den Laden nur noch aufhaben, weil sie sich sonst zu TODE langweilen würde. Räume gehören denen & Ertrag ist schon lange so das es nicht mehr lohnt aufzustehen. aber es ist IMMER ein Erlebniss bei denen Einzukehren:-) . UND die Haben RENTE bzw. sind durch andere Einahmen gut abgesichert:-) . Viel Glück Madam, Adresse/Ort gespeichert & vielleicht bekommt ein Boche auch einen Kirsch :-)

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