Kultur

AfD-Positionen in öffentlich-rechtlichen Talkshows

Der rechte Rahmen

Flüchtlinge werden in Talkshows oft mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Das beeinflusst die Zuschauer. Experten warnen, dass sich so rechte Positionen beim Publikum durchsetzen.

Getty Images

Dunkle Aussichten: Das Thema Migration zeichnen viele in Schwarz.

Von Katharina Schipkowski
Sonntag, 10.06.2018   14:57 Uhr

Man kann ein Glas als halb voll bezeichnen oder als halb leer, obwohl in beiden Fällen gleich viel oder wenig drin ist. Kommunikationswissenschaftler nennen das "Framing": Man verleiht einem Sachverhalt oder einem Thema einen Rahmen (engl.: frame), eine bestimmte Perspektive.

Über Framing wird seit Anfang der Woche viel diskutiert: Die ARD-Talkshow "Hart aber fair" war für ihr Framing bei Flüchtlingsthemen kritisiert worden. "Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften - sind solche Flüchtlinge überhaupt integrierbar? Wie unsicher wird Deutschland durch sie?" hatte die Redaktion in der Ankündigung der Talkshow gefragt (Lesen Sie hier eine Rezension zur Sendung). Die Perspektive auf das Thema Migration war damit gesetzt: Flüchtlinge seien wie Wilde, die eine Bedrohung für Deutschland darstellten.

Auf die Kritik eines Twitter-Users, das Framing sei "verbesserungsbedürftig", antwortete die "Hart aber fair"-Redaktion: "Framing? Als Journalisten können wir mit dem Begriff wenig anfangen. Wir versuchen das, was Menschen beschäftigt, so darzustellen, wie es ist."

Falls das stimmt, wäre es sehr ungewöhnlich. Denn die Arbeit jeder Redaktion besteht darin, Themen zu framen - man kommt gar nicht darum herum, wenn man Dinge öffentlich verhandelt. Redakteure formulieren eine Problemstellung, zeigen verschiedene Lösungsansätze auf und geben dem Thema so einen Rahmen - das ist ihre alltägliche Arbeit. Die "Hart aber fair"-Redaktion behauptete hingegen indirekt, neutraler zu sein - was angesichts der Fragestellung der aktuellen Sendung zu bezweifeln ist.

Die Debatten driften nach rechts

Am Mittwoch legte die ARD in Sachen Framing von Migrationsthemen nach: Sandra Maischberger eröffnete am Mittwoch ihre Talkshow mit der Frage: "Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?" (Lesen Sie hier eine Rezension zur Sendung.) Die Problemstellung suggeriert ein "Wir", zu dem der Islam definitiv nicht gehört. Es impliziert, man müsse sich gut überlegen, wie weit man den fremden Muslimen entgegenkomme, wo man aber auch klare Grenzen setzen müsse. Nachdem es auch hierauf Kritik hagelte, änderte die Redaktion den Titel kurzfristig in "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?" - was das Ganze nicht wesentlich besser macht.

"Es findet eine negative Themenverschiebung in der Öffentlichkeit statt", sagt der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez: "Einwanderung wird nur noch als Problem gesehen." Talkshows trügen dazu wesentlich bei: Einerseits durch die Themenstellung, die häufig Flüchtlinge in Verbindung mit Kriminalität oder Bedrohung setze. Andererseits durch die Auswahl der Gäste, die häufig extreme Ansichten vertreten würden und Sachen sagten, die vor einigen Jahren noch tabu waren.

Die Folge bezeichnet Hafez als "Problem für Deutschland": Die Zuschauer gewöhnen sich an solche Aussagen, auf Dauer setzen sich Rechtspopulisten so mit ihren Deutungen durch. Dass rechte Positionen in den Talkrunden auch kritisiert werden, helfe nicht. "Bei den Konsumenten bleibt die Assoziation hängen: Flüchtlinge sind eine Bedrohung." Was Hafez aber auch sagt: "Talkshows sind die Spitze des Eisbergs des öffentlichen Rechtsrucks".

Sendepause für Talkshows - was soll das bringen?

Der deutsche Kulturrat, ein Zusammenschluss von 250 Kulturverbänden, hat nun die ARD und das ZDF aufgefordert, darüber nachdenken, Talkshows für ein Jahr auszusetzen. Mehr als 100 Sendungen hätten seit 2015 dazu beigetragen, die AfD bundestagsfähig zu machen, sagt der Geschäftsführer des Kulturrats Olaf Zimmermann. Er hofft: "Vielleicht wird die talkshowfreie Zeit der Integration in unserem Land nützlich sein."

Ob dieser Effekt eintritt, hinge wohl auch von dem Alternativprogramm ab, mit dem die Sender die Lücken füllen würden. Allerdings käme es wohl auch darauf an, wie die Themen geframed würden. Der Politikwissenschaftler Robert Feustel sagt: "Es ist offensichtlich, dass dieser Tage sehr schnell alle möglichen Themen auf Migration zurückgeführt werden." So kann man, rechten Framings folgend, verschiedene Notstände auf Einwanderung zurückführen.

Als Beispiel nennt Feustel die vermeintlich hohen Kosten der "Flüchtlingskrise": "Wenn der öffentlichen Hand Gelder für Investitionen in Bildung oder Infrastruktur fehlen, ist das zunächst ein Problem, das nichts mit Migrationspolitik zu tun hat. In öffentlichen Debatten wird es aber schnell mit Flüchtlingspolitik verknüpft und behauptet, die sogenannte Flüchtlingskrise habe so viel Geld gekostet, das für andere Bereiche nichts da sei. Wie viel Geld der öffentlichen Hand hingegen in den Bankensektor fließt, wird an der Stelle nicht thematisiert."

Auch Feustel spricht von einem stetigen Einsickern rechter Themen und Rhetorik in den Mainstream. "Asylmissbrauch" oder "Islamisierung" seien dafür Beispiele. Helfen könnte, so der Politikwissenschaftler, eine differenzierte Betrachtung konkreter Probleme, und eine "gewissen Souveränität" gegenüber der AfD.

"Die Öffentlichkeit hechelt den knapp 15 Prozent AfD-Wählern hinterher", sagt er. Und appelliert auch an die Politik: "Die anderen Parteien müssen aufhören, die AfD kopieren zu wollen, um ihre Wähler zurückzugewinnen. Denn der gegenteilige Effekt tritt ein: Die Wähler entscheiden sich im Zweifel für das Original."

insgesamt 28 Beiträge
noeufmaison 10.06.2018
1. In der Tat kann man eine 20 bis 30 jährige Sozialisation....
...nicht mit einem Integrationskurs dahingehend überwinden, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter anerkannt wird oder bestimmte eingeübte Konfliktlösungsmechanismen zugunsten der alleine streitschlichtenden Staatsgewalt [...]
...nicht mit einem Integrationskurs dahingehend überwinden, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter anerkannt wird oder bestimmte eingeübte Konfliktlösungsmechanismen zugunsten der alleine streitschlichtenden Staatsgewalt aufgegeben werden. In der gestrigen Ausgaber der Süddeutschen legen Kriminalwissenschaftler dar, dass bei einem zweiprozentigen Flüchtlingsanteil 16 Prozent der angezeigten Sexualstraftaten auf diese Gruppe entfallen. Klar kann man jetzt sagen, wir lassen Talkshows weg und reden nicht drüber. Aber ich habe in der deutschenn Geschichte noch nie erlebt, dass das geklappt oder den Versuch etwas gebracht hätte. Und ich weiß gar nicht, warum man nicht über die von der Bundesregierung selbst in einer Parlamentarischen Anfrage veröffentlichte Zahl von Kosten in Höhe von 73 Milliarden Euro für die sogenannte Flüchtlingskrise reden können darf, und was das mit gerettetn Banken zu tun hat. Dass das eine unsinnig ist heißt nicht dass das andere Sinn macht. Ich weiß, wir debattieren hier über einen Kommentar, aber ich habe nicht das Geführl, dass man mit diesem Inhalt die Menschen noch erreicht. Denn viele spüren, dass hier eine Art Meinungsunterdrückung geführt werden soll. Probleme aus Talkshows heraushalten löst sie ganz sicher nicht.
paulvernica 10.06.2018
2. Das täuscht
vor allem deswegen weil am Anfang der Flüchtlingskrise nämlich nur positives über die Flüchtlinge berichtet wurde, zb gerade in den ÖR viele schöne Bilder von netten Flüchtlingskindern mit Kulleraugen. Kritik oder [...]
vor allem deswegen weil am Anfang der Flüchtlingskrise nämlich nur positives über die Flüchtlinge berichtet wurde, zb gerade in den ÖR viele schöne Bilder von netten Flüchtlingskindern mit Kulleraugen. Kritik oder Kritisches wurde unter den Tisch fallen gelassen. Und nun nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, bleibt den ÖR wohl nichts mehr anderes übrig als sich selbst zu korrigieren. Bei ca 167000 Straftaten pro Jahr durch Flüchtlinge (Polizeistatistik 2018) ist es ja wohl auch zwingend notwenig darüber zu reden.
lars.manhof 10.06.2018
3. Keine Talkshows mehr?
Dann würde den ÖR aber ein wichtiger Teil ihrer Existenzberechtigung verloren gehen. Ich lerne die Partei- und Verbändevertreter immer erst richtig kennen, wenn ich sie dort sehe, im Wahlkampf gibt es immer nur Gepolter und [...]
Dann würde den ÖR aber ein wichtiger Teil ihrer Existenzberechtigung verloren gehen. Ich lerne die Partei- und Verbändevertreter immer erst richtig kennen, wenn ich sie dort sehe, im Wahlkampf gibt es immer nur Gepolter und Geschrei, keine Antwort und keine Diskussion mit der jeweiligen Opposition. Außerdem gibt es im Bereich Talkshows (schlechter Begriff für Diskussionsrunde) sehr große Qualitätsunterschiede. Anne Will hat bisher sehr beachtenswerte Gespräche und Diskussionen geleitet, die aus der politischen Dokumentation der ARD nicht wegzudenken sind.
vox veritas 10.06.2018
4.
"Einwanderung wird nur noch als Problem gesehen." Einwanderer sind Menschen, die dauerhaft bleiben. Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende sind Menschen mit befristeter Aufenthaltsberechtigung. Das sind zwei [...]
"Einwanderung wird nur noch als Problem gesehen." Einwanderer sind Menschen, die dauerhaft bleiben. Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende sind Menschen mit befristeter Aufenthaltsberechtigung. Das sind zwei unterschiedliche Sachverhalten, die immer wieder durcheinander gewürfelt werden. Wieso eigentlich? Sprache ist nicht zufällig. Davon abgesehen wird diese Thema deshalb ständig thematisiert, weil es die Bürger interessiert. Diese sind nämlich durchaus in der Lage, die Konsequenzen der gegebenen Situation weiter ab bis bis zur nächsten Wahl zu projizieren und zu erahnen. Etwas was eine Politiker entweder nicht öffentlich machen möchte oder nicht kann.
Shivon 10.06.2018
5.
Ich bin zwar kein Kommunikationswissenschaftler, aber mir ist dieses Phänomen auch schon aufgefallen, dass die ganze Migrationsfrage in Verbindung mit dem Islam sehr ins Negative bei den Menschen gefühlt gezogen wird. Dabei [...]
Ich bin zwar kein Kommunikationswissenschaftler, aber mir ist dieses Phänomen auch schon aufgefallen, dass die ganze Migrationsfrage in Verbindung mit dem Islam sehr ins Negative bei den Menschen gefühlt gezogen wird. Dabei möchte ich nicht darauf hinaus alles nur positiv darstellen zu wollen. Ich hatte letztens eine Freundin, die im Osten wohnt, gefragt, was sie bei Migration, Asyl und Islam einfach nur "fühlt" und sie sagte sie hätte eher ein ablehnendes Gefühl bei diesen Wörtern. Ich habe sie deswegen nicht verurteilt, da ich einfach nur ihre Meinung hören wollte. Das ist der Erfolg der "Rechten" und das macht mir persönlich Angst.
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