Kultur

ARD-Journalistin mit Kopftuch

Die falsche Strategie

Eine deutsche Journalistin verschleiert? Das geht nun wirklich nicht, finden manche Zuschauer. Die ARD reagiert prompt: Das Kopftuch sei gesetzlich vorgeschrieben. Was aber, wenn es freiwillig wäre?

Natalie Amiri

Ein Gastkommentar von Ferda Ataman
Freitag, 05.01.2018   18:28 Uhr

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Natalie Amiri, Leiterin des ARD-Auslandsbüros in Teheran, berichtet derzeit viel über die Proteste in iranischen Großstädten, die gegen das Regime stattfinden. Sie ist eine von wenigen deutschen Journalisten, die vor Ort akkreditiert sind. Das pikante Detail: Die Korrespondentin trägt dabei ein Kopftuch, oder besser: ein schalähnliches Tuch, das auf dem Hinterkopf liegt und ein paar Strähnen freilässt. Der Aufschrei unter Zuschauern war offenbar so groß, dass sich die ARD genötigt sah, hier für "Aufklärung" zu sorgen.

Die Redaktion von tagesschau.de schickte Korrespondentin Amiri ein paar Fragen für ein Interview. "Viele Zuschauer möchten gerne wissen, warum Sie bei der Berichterstattung für die ARD ein Kopftuch tragen", so der Einstieg. "Es ist keine Frage der eigenen Entscheidung", rechtfertigt sich diese. Als ARD-Korrespondentin müsse sie sich an die Schleierpflicht in Iran halten. "Es gab schon öfter Vorschläge von Zuschauern, einen Mann als Korrespondenten zu schicken. Ich finde diesen Vorschlag weniger emanzipiert, als dass ich mich hier im Iran an das Gesetz halte und als Frau berichte."

Noch einmal fürs Protokoll: Ein paar Zuschauer verlangen, eine Frau vom Dienst abzuziehen, um gegen die Unterdrückung der Frau vorzugehen. Das ist das perfide an der Debatte über das Kopftuch: dass sich hier oft antimuslimischer Rassismus mit Sexismus paart. Und ja: Eine Journalistin mit Kopftuch im deutschen Fernsehen abschaffen zu wollen, hat - gelinde gesagt - rassistische Züge. Allerdings ist die Irritation nicht verwunderlich: Mir ist keine muslimische Journalistin in einem öffentlich-rechtlichen Sender bekannt, die praktiziert und ihre Haare bedeckt. Es ist also erst mal gewöhnungsbedürftig, ganz bestimmt.

Widerspruch zwischen Deutschsein und Kopftuchtragen

Weil das Thema so ein herrlicher Aufreger ist, haben zahlreiche Onlinemedien wie "Süddeutsche", "Focus", "Stern" die scheinbar wichtige Nachricht gemeldet: "Warum eine deutsche Reporterin Kopftuch trägt", so die Überschrift. Alles nicht freiwillig, bloß keine Sorge! Und sie zementieren dabei wie selbstverständlich einen vermeintlichen Widerspruch zwischen Deutschsein und Kopftuchtragen. Entweder - oder. Beides geht nicht.

Muslime werden als "nichtdeutsch" wahrgenommen. Das wird auch in der Gleichsetzung von "Migranten" und "Muslimen" deutlich. Manche Journalisten-Kollegen rufen Sprecher muslimischer Communitys an, wenn sie Fragen zu Migration haben. Oder Migrantenverbände, wenn sie Fragen zum Islam haben. Dabei sind viele Muslime gar keine Migranten. Und nur ein Bruchteil der Eingewanderten ist muslimisch - bei einem Muslimenanteil von knapp sechs Prozent in der gesamten Bevölkerung eigentlich selbstverständlich.

Die Redaktion von tagesschau.de sieht nichts Verwerfliches in ihrem Vorgehen. Sie habe sich "nicht genötigt" gesehen, erklärt sie auf Anfrage. "Die Redaktion hat viele User-Fragen bekommen, warum die Kollegin ein Kopftuch trägt, und darauf geantwortet", teilt eine Sprecherin mit. Klingt harmlos. Ist es aber nicht.

Freiwillig oder unfreiwillig

Denn spannend ist doch die Frage: Was, wenn Natalie Amiri das Kopftuch freiwillig trüge?

Diese Antwort wäre offenbar keine Option. Das macht beispielsweise ihr Kollege Fritz Frey in einem Tweet deutlich. Der ARD-Journalist und SWR-Fernseh-Chefredakteur schrieb auf Twitter zu ihrem Interview: "Berechtigte Frage - gute Antwort." Der Artikel sei besonders lesenswert, weil "auf unaufgeregte Weise vermittelt wird, wie unsere Kollegin im Iran arbeitet".

https://twitter.com/fritzfrey/status/948520544080748544

Aber wäre es nicht viel unaufgeregter, den Ressentiments der Zuschauer anders zu begegnen als mit Beschwichtigung?

Der Fall ist ein gutes Beispiel dafür, wie unkritisch die meisten Medien mit muslimenfeindlichen Kommentaren umgehen. Denn ob Amiri ihren Kopf aus religiösen Gründen bedeckt oder nicht - das geht die Zuschauer nichts an. Oder würde man auch ein Interview mit homosexuellen Kollegen zu ihrer sexuellen Orientierung führen, wenn die Zuschauer dazu "Fragen" haben? Oder zu ihrer ethnischen Herkunft, wenn die Kollegen eine dunkle Hautfarbe haben?

Ressentiments als sachliches Argument

"Viele Zuschauer möchten gerne wissen, warum Sie ein Kopftuch tragen." Die Frage ist nicht harmlos. Die Beunruhigung der Zuschauer beim Anblick eines Kopftuchs sollte uns zu denken geben und tatsächlich nicht ignoriert werden. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, die Leute zu beruhigen, in dem man klarstellt, dass das Kopftuch da natürlich nicht hingehört, aber leider nicht anders machbar ist. Der Versuch, Ressentiments als sachliches Argument zu behandeln und sie nicht als solche zu benennen, ist der falsche Ansatz.

Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten:

Beides sollte kein Grund sein, sich zu rechtfertigen. Will man die vielen Zuschaueranfragen dazu thematisieren, hätte man das klarstellen müssen: Eine deutsche Journalistin könnte ein Kopftuch tragen.

insgesamt 86 Beiträge
LLue 05.01.2018
1. Sehr guter Beitrag
Sie haben völlig Recht und ihr Beitrag ist deshalb so besonders wichtig, weil man die Thematik die dahinter steht, so schnell übersieht. Danke!
Sie haben völlig Recht und ihr Beitrag ist deshalb so besonders wichtig, weil man die Thematik die dahinter steht, so schnell übersieht. Danke!
leseoma 05.01.2018
2. Warum nicht freiwillig?
Dort gehört das Kopftuch zum Ordentlich-angezogensein. Es ist ein Gebot der Höflichkeit, sich den Sitten eines Gastlandes anzupassen, das erwarten wir doch auch. Und es ist noch nicht so lange her, daß auch bei uns Frauen mit [...]
Dort gehört das Kopftuch zum Ordentlich-angezogensein. Es ist ein Gebot der Höflichkeit, sich den Sitten eines Gastlandes anzupassen, das erwarten wir doch auch. Und es ist noch nicht so lange her, daß auch bei uns Frauen mit Kopfbedeckung aus dem Haus gingen.
m82arcel 05.01.2018
3.
Ich verstehe die Aufregung um Kopftücher generell nicht. Wird eine Frau zum Tragen gezwungen, muss dafür gesorgt werden, dass sie die Möglichkeit hat, sich dem Zwang zu entziehen. Trägt sie das Kopftuch freiwillig, hat sie [...]
Ich verstehe die Aufregung um Kopftücher generell nicht. Wird eine Frau zum Tragen gezwungen, muss dafür gesorgt werden, dass sie die Möglichkeit hat, sich dem Zwang zu entziehen. Trägt sie das Kopftuch freiwillig, hat sie "meinen Segen", auch wenn sie ihn nicht braucht. Drückt das Kopftuch eine religiöse, gesellschaftliche oder gar politische Haltung aus? Ganz bestimmt - aber das tut nahezu jede Kleidung. Auch Anzug und Krawatte oder ein Basecap tun das. Eine Haltung auszudrücken sollte auch nicht verboten sein, so lange sie nicht mit dem Grundgesetz kollidiert - und das sehe ich beim Kopftuch nicht.
Grummelchen321 05.01.2018
4. Was
soll das Gezeter um das Kopftuch von Frau Amiri.Wenn es im Iran vorgeschrieben ist muss sie es wohl leider tragen.Oder wäre es ihnen lieber das nicht aus dem Land berichtet wird.Laut Vita ist Sie die beste Journalistin um aus dem [...]
soll das Gezeter um das Kopftuch von Frau Amiri.Wenn es im Iran vorgeschrieben ist muss sie es wohl leider tragen.Oder wäre es ihnen lieber das nicht aus dem Land berichtet wird.Laut Vita ist Sie die beste Journalistin um aus dem Iran zu berichten .Im übrigen ist sie auch Moderatorin des Weltspiegels wenn der BR an der Reihe ist.Dort trägt Sie kein Kopftuch.Und wenn wäre es auch egal.Sie macht gute Arbeit und wurde wegen kritischer Berichte sogar mehrfach ausgezeichnet.Ohne Grund wird sie wohl nicht die Leiterin des Studio Teheran der ARD sein.
lupo44 05.01.2018
5. Respekt,Diese Koresspondentin arbeitet dort öffentlich......
Sie arbeitet dort in unserem Auftrag und muß sich diesen Erwartungen des Landes zumindest angleichen. Wir sollten dankbar sein ,denn dieser Job ist mitunter nicht ungefährlich.Es ist eine Thematik mit Brizans.
Sie arbeitet dort in unserem Auftrag und muß sich diesen Erwartungen des Landes zumindest angleichen. Wir sollten dankbar sein ,denn dieser Job ist mitunter nicht ungefährlich.Es ist eine Thematik mit Brizans.
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