Kultur

Bildungsdebatte

Kita als Demokratiebremse

Demokratie ist erlernbar. Vom Kindergarten bis zur Uni sind es Bildungsstätten, die die gesellschaftliche Beteiligung vermitteln. Was passiert, wenn sich ausgerechnet eine Kita aus dem Diskurs ausklinkt?

DPA
Eine Kolumne von
Sonntag, 11.03.2018   09:36 Uhr

Was ist der Ort des Politischen? Ist es das Parlament, ist es die Straße, sind es die Medien? Oder sind es ganz andere Orte, in denen sich das Politische formiert, in den Gerichten, in den Forschungslabors, in den Formeln und Algorithmen?

Und was ist das Wesen des Politischen? Auch diese Frage stellt sich in diesen Tagen des Demokratieverfalls anders und roh, wo die autoritäre Versuchung erwacht und gleichzeitig partizipatorische Modelle eine neue Evidenz haben und sich das Wesen der repräsentativen Demokratie dazwischen neu justieren muss.

Wo also lässt sich Respekt lernen, Offenheit, Vertrauen, wo lässt sich Gerechtigkeit einüben und Transparenz und Kooperation, wo wird deutlich, dass der Staat kein abstraktes Wesen ist, sondern aus den Bürgern besteht und für die Bürger da ist, ob sie klein sind oder groß, arm oder reich, von hier oder nicht von hier?

Wenn man es so betrachtet, spricht vieles dafür, dass die Schule der unmittelbarste Ort des Politischen ist: Hier formiert sich eine Gesellschaft, in der Bildung ein sozialer Kitt ist und ein Aufstiegsversprechen, hier verbinden sich, im Idealfall, die verschiedenen Milieus und ermöglichen eine demokratische Durchlässigkeit.

Die Schule also, von der Kita bis zur Universität, ist ein Ort im vielfachen Fokus: Von den Politikerinnen und Politikern beäugt und genutzt, weil mehr Geld für Bildung immer gut ankommt und sich für einfache und positive Rhetorik eignet; von den Eltern, weil sie hier ihre Ängste und Hoffnungen am konkretesten repräsentiert sehen.

"Bildung ist Bürgerrecht"

Von "Bildungspanik" spricht in diesem Zusammenhang der Soziologe Heinz Bude, der in seinem Buch die verfahrene deutsche Situation analysiert, zwischen einem bildungsbürgerlichen Ideal und einer Realität, in der sich die Fliehkräfte des späten Kapitalismus mit besonderer Deutlichkeit zeigen - dabei gilt, so Budes emanzipatorisches Fazit, mit einem Zitat von Ralf Dahrendorf aus dem Jahr 1965: "Bildung ist Bürgerrecht".

Was bedeutet das aber 2018? Wie sieht dieses Bürgerrecht aus? Und was ist Bildung im Zeitalter der "Wissens-Ökonomie", wie es der brasilianische Philosoph Roberto Mangabeira Unger nennt? Es geht nicht mehr um Auswendiglernen oder Disziplin, so macht er klar, es geht um Eigenständigkeit, Kreativität, Dialektik, es geht darum, Strategien selbst zu entwickeln und die Schule, die Universität, die Kita zu einem Ort von demokratischer Form und Gestalt zu machen.

Es geht also weniger um Inhalte und mehr um Ideale - und diese Ideale wiederum ergeben sich aus dem Wesen der Institution. Anders gesagt: Eine Schule, das sind die Menschen, die hier arbeiten, eine Kita, das sind die Menschen, die hier arbeiten. Es geht nicht so sehr um Konzepte, hü oder hott, es geht vielmehr um den Geist, der hier entsteht.

Und hier wird es dann persönlich. Denn wie schnell dieser Geist zerstört werden kann, wie rasch und rabiat eine funktionierende Institution ruiniert werden kann, unter Aufsicht und unter Mithilfe der lokalen Politik und gegen den Widerstand der gesamten Elternschaft, das merke ich gerade am Beispiel der Kita, in die mein Sohn geht. Es ist, um mit Heinz Bude zu sprechen, sozusagen künstlich erzeugte Bildungspanik.

Seit mehr als 30 Jahren gibt es diese Kita in der Mitte von Berlin, sie gab es also schon, als die Mauer stand und Mitte dann bald ein einziger großer Techno-Keller wurde, sie war ein Juwel, von dem die Eltern schwärmten und die Kinder und auch die Lehrer der Schulen, in die diese Kinder danach gingen - ein Ausnahmeort, nun ein Scherbenhaufen: Denn vor ein paar Wochen wurde die Leiterin vom Träger erst abgemahnt und schließlich gekündigt, weil sie einem Konzeptwechsel skeptisch gegenüber stand.

Die Bildung und Erziehung als Experimentierfeld

Seither ist alles anders. Es herrscht ein Klima der Angst, es gibt Einschüchterungen und Schikanen, es gibt Kündigungen der Erzieherinnen und Erzieher und Abmahnungen an Eltern, es gibt Tränen der Kinder und eine allgemeine Verunsicherung: Mittlerweile sind alle alten Erzieherinnen und Erzieher ausgewechselt worden, eine echte Säuberungsaktion - und alles im Namen eines Reformkonzepts, das es noch nicht gibt.

Die Bildung und Erziehung also als Experimentierfeld - und die Eltern als Zuschauer, nicht als Teilnehmer, nicht als Gesprächspartner, sondern als Befehlsempfänger, mit Misstrauen bedacht, zur Passivität verdammt: Eine Institution verändert sich hier vor den Augen von Eltern und Kindern von einem Ort des Vertrauens zu einem Ort des Misstrauens, der Gerüchte, der Mutmaßungen. Bildung als Bürgerrecht?

Es ist ein diskursiver Temperatursturz, der diesen Ort als Ort der Demokratie zerstört, eingeleitet von dem Trägerverein der Kita, der die Eltern offensichtlich eher als Problem und nicht als Partner sieht, und geduldet von der zuständigen Bezirksstadträtin Sandra Obermeyer, die von Partei Die Linke ins Amt gebracht wurde, die ja eigentlich ein soziales Profil für sich reklamiert, aber offensichtlich kein Problem damit hat, dass ein gesamtes Kita-Team den Arbeitsplatz verliert.

Was ist das für ein Verständnis von Politik? Was ist die Beziehung zwischen Wähler und Politiker? Wessen Interessen werden hier vertreten, die des Trägers gegenüber denen der Eltern, der Erzieherinnen und Erzieher, der Kinder? Und warum? Wie gesagt, wir leben in einer Krise der repräsentativen Demokratie, wir sehen eine Neuformierung des Politischen, weniger abstrakt, konkreter, direkter, transparenter, und auch deshalb wird so ein Fall exemplarisch.

Misstrauen zwischen den Bürgern und der etablierten Politik

Die meisten Eltern sind erpressbar, wenn es um die Kita geht, Kita-Personal und Kita-Plätze ist rar. In allen Städten herrscht eine Kluft auf zwischen dem Rechtsanspruch auf einen Platz und der Realität. Es gibt, auf vielen Themenfeldern, ein großes Misstrauen zwischen den Bürgern und der etablierten Politik, und dieses Misstrauen wird mit der großen Koalition nur noch steigen.

Die Stadt, das Viertel, ein konkreter Ort wie eine Kita ist da eine Möglichkeit, Politik anders zu definieren, eben offener und partizipatorischer und demokratischer. Es gibt kein Konzept, das so gut ist wie die Demokratie, die daraus entsteht, wenn man fair und respektvoll miteinander umgeht. Was aber sollen die Kinder in einer Kita lernen, in der diese Ideen nichts gelten?

Und deshalb ist die Sache mit der Kita meines Sohnes auch so deprimierend: Bildung, das ist eben auch eine Realität, als Feld der gesellschaftlichen Missverständnisse und Zerwürfnisse wird hier in aller Stumpfheit deutlich - der Träger wirkt destruktiv, die zuständige Politik wirkt passiv, die Eltern sind ratlos und wütend, die Kinder verabschieden sich von einer Erzieherin nach der anderen und sagen Hallo zur nächsten.

Es ist, als habe das 21. Jahrhundert noch nicht angefangen, an diesem Ort der Politik, mitten in Berlin.

insgesamt 22 Beiträge
he.ro.lito 11.03.2018
1. Häh???
Was soll man jetzt mit so einem Text anfangen, der über allgemeines Weltanschauen und schön-betrübliches Philosophieren nicht hinausgeht? Was konkret ist passiert? Warum wurde dem Personal gekündigt? Warum haben sich alle (?) [...]
Was soll man jetzt mit so einem Text anfangen, der über allgemeines Weltanschauen und schön-betrübliches Philosophieren nicht hinausgeht? Was konkret ist passiert? Warum wurde dem Personal gekündigt? Warum haben sich alle (?) dagegen gewehrt? Reicht es jetzt schon, ohne irgendwelches Hintergrundverständnis, nicht malmehr "postfaktisch" sondern ohne Fakten große Empörung zu erzeugen? Mir jedenfalls nicht. Oder habe ich was verpasst?
marthaimschnee 11.03.2018
2. falsch herum gedacht
es ist nicht so, daß das 21.Jahrhundert dort noch nicht begonnen hätte, sonder DAS IST das 21. Jahrhundert, Berufspolitiker inklusive, bei denen man nur noch an der hochgehaltenen Fahne erkennt, wem sie angehören, nicht jedoch [...]
es ist nicht so, daß das 21.Jahrhundert dort noch nicht begonnen hätte, sonder DAS IST das 21. Jahrhundert, Berufspolitiker inklusive, bei denen man nur noch an der hochgehaltenen Fahne erkennt, wem sie angehören, nicht jedoch ihres Handelns wegen - und die wenigen Ausnahmen, die daraus auszubrechen versuchen (als Berliner sagt Ihnen der Name Holm vermutlich etwas) werden gnadenlos stillgelegt. Mit Vollgas ins Verderben!
salomon17 11.03.2018
3. Was soll das?
Dieser Text ist offensichtlich nur für Insider geschrieben. Ich kann damit leider wenig anfangen.
Dieser Text ist offensichtlich nur für Insider geschrieben. Ich kann damit leider wenig anfangen.
ice945 11.03.2018
4.
Danke, dass hab ich auch nur gedacht... Es gibt übrigens einen Elternbeirat, lieber Herr Dietz, den Sie hier allerdings mit keinem Wort erwähnen. Dieser sollte eigentlich als Vermittler zwischen Kita/Träger und der [...]
Zitat von he.ro.litoWas soll man jetzt mit so einem Text anfangen, der über allgemeines Weltanschauen und schön-betrübliches Philosophieren nicht hinausgeht? Was konkret ist passiert? Warum wurde dem Personal gekündigt? Warum haben sich alle (?) dagegen gewehrt? Reicht es jetzt schon, ohne irgendwelches Hintergrundverständnis, nicht malmehr "postfaktisch" sondern ohne Fakten große Empörung zu erzeugen? Mir jedenfalls nicht. Oder habe ich was verpasst?
Danke, dass hab ich auch nur gedacht... Es gibt übrigens einen Elternbeirat, lieber Herr Dietz, den Sie hier allerdings mit keinem Wort erwähnen. Dieser sollte eigentlich als Vermittler zwischen Kita/Träger und der Elternschaft fungieren. Und sich eben im Notfall auch klar gegen den Träger positionieren und für die Belange der Eltern einstehen. Schließlich sind die Mitglieder die demokratisch gewählten Vertreter, also quasi die "Volksvertreter" der Kita. Mal abgesehen davon, dass wir als Leser nicht wirklich wissen worum es geht, wäre hier die demokratische Möglichkeit ja durchaus gegeben gewesen. Und seinen wir mal ehrlich, es geht Ihnen in diesem Artikel nicht um die demokratische Erziehung ihres Kindes (oder auch irgendwelcher anderen Kinder). Sie nutzen die Ihnen gegebenen Möglichkeiten zur Öffentlichmachung eines (für den Leser undurchdringbaren) Sachverhalts in der Hoffnung, dass sich irgendein Berliner Lokalpolitiker findet, der das ganze dann wieder richtet, den Träger zur Erklärung zwingt und das alte Personal wieder einstellt. Das hat dann aber wieder nichts mit der von Ihnen beschrienen politischen Verantwortung des Einzelnen zu tun... Ich denke, Sie erkennen hier das Problem. Sie haben also eigentlich nur zwei Alternativen: Sie schreiben über die demokratische Erziehung von Kindern in staatlichen Instituationen im Allgemeinen, oder sie schreiben über die konkreten (!) Missstände an der Kita Ihres Sohnes, die Sie persönlich betroffen machen. Aber schieben Sie bitte nicht die ganze demokratische Grundordnung unseres Lande vor, weil ihr Kita-Träger Mist baut.
spon_12 11.03.2018
5. Kein Sachtext!
Warum machen Sie jetzt anderen einen Vorwurf, weil Sie nicht lernen wollen zu abstrahieren? "Die Mitte von Berlin ist überall" sagt dieser Text. Stellt dar, wo die Gefahren liegen. So schwer nicht, aber auch nicht [...]
Zitat von he.ro.litoWas soll man jetzt mit so einem Text anfangen, der über allgemeines Weltanschauen und schön-betrübliches Philosophieren nicht hinausgeht? Was konkret ist passiert? Warum wurde dem Personal gekündigt? Warum haben sich alle (?) dagegen gewehrt? Reicht es jetzt schon, ohne irgendwelches Hintergrundverständnis, nicht malmehr "postfaktisch" sondern ohne Fakten große Empörung zu erzeugen? Mir jedenfalls nicht. Oder habe ich was verpasst?
Warum machen Sie jetzt anderen einen Vorwurf, weil Sie nicht lernen wollen zu abstrahieren? "Die Mitte von Berlin ist überall" sagt dieser Text. Stellt dar, wo die Gefahren liegen. So schwer nicht, aber auch nicht einfach im Vorbeigehen zu lesen. Müssen Sie halt noch Mal drüber, dann verstehen Sie es. Nur Mut!
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