Kultur

Der Fall Relotius

Welche Texte gefälscht sind - und welche nicht

Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius auf. Dazu gehört auch, alle Texte zu überprüfen, die von dem früheren Redakteur erschienen sind. Hier ist der Überblick, der künftig weiter aktualisiert wird.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL-Verlag

Donnerstag, 24.01.2019   14:00 Uhr

Im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE sind in den vergangenen Jahren rund 60 Texte erschienen, die Claas Relotius geschrieben hat oder an denen er beteiligt war. Kurze Interviews sind darunter, aber auch große Reportagen, die für Aufmerksamkeit sorgten und für die Relotius mit Preisen ausgezeichnet wurde. Viele haben sich als in wesentlichen Teilen gefälscht herausgestellt, der SPIEGEL hatte den Betrugsfall im eigenen Haus Ende 2018 offengelegt.

Der SPIEGEL bekommt seit Bekanntwerden des Falls viele Hinweise von Lesern, die auf Ungereimtheiten in den Texten aufmerksam machen - dafür ausdrücklich vielen Dank! Diese Hinweise helfen dabei, den Fall aufzuarbeiten.

Der SPIEGEL ist dabei, alle betroffenen Texte noch einmal durchzugehen: Einige werden gründlich nachrecherchiert und verifiziert, andere in Stichproben überprüft. Claas Relotius hatte bereits im Dezember im Gespräch mit seinen Vorgesetzten weitgehende Fälschungen und Manipulationen eingeräumt. Kurz vor dem Jahreswechsel ließ er über seinen Anwalt in einer Pressemitteilung auch öffentlich noch einmal bestätigen, dass er bei seinen Reportagen "über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden hat".

Im Januar wurde dann seinem Anwalt ein Katalog mit Fragen zu den überprüften Texten übermittelt, mit Bitte um Stellungnahme. Der Anwalt teilte mit, Relotius sehe sich dazu "bedauerlicherweise nicht in der Lage". Auch zwei weitere Fragenkataloge von Anfang und von Ende Februar blieben in der Sache unbeantwortet.

Die Nachverifikation der Texte ersetzt nicht die Aufarbeitung durch die von Verlag und Redaktion eingesetzte Kommission aus internen und externen Fachleuten, die die Routinen im Haus und die Sicherungssysteme überprüfen soll. Die Ergebnisse der Kommission werden veröffentlicht, sobald sie vorliegen; das kann allerdings Monate dauern.

Hier geht es vielmehr darum, Ihnen als Leserinnen und Lesern einen Überblick anzubieten über die betroffenen Texte und den Stand der Überprüfung.

Die folgende Liste ist am 24. Januar 2019 erschienen (Texte 1. bis 28.), sie wurde am 8. Februar 2019 (Texte 29 bis 39) und am 8. März 2019 (Texte 40 bis 49) aktualisiert. Sie wird im Laufe der kommenden Wochen mit Erkenntnissen zu weiteren Relotius-Texten aktualisiert.


1. "Jäger"- erschienen im SPIEGEL Nr. 27/2018

Frei zugänglich bei SPIEGEL+: "Wie ein Amerikaner drei Tierattacken überlebte: 'Das Ding, was da knackte, war mein Schädel'"

Erneut verifiziert im Januar 2019

In der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" schreibt Claas Relotius über den Fall eines US-Amerikaners, der innerhalb von drei Jahren den Angriff einer Klapperschlange, eines Bären und eines Hais überlebt. Über den Protagonisten Dylan McWilliams gibt es zahlreiche Texte und einige Videos anderer Medien, die alle deutlich früher erschienen.

Zwei Leser haben sich mit Hinweisen auf mögliche Unstimmigkeiten in diesem Text beim SPIEGEL gemeldet. Die in den Mails geäußerten Zweifel decken sich weitgehend mit den Ergebnissen des eigenen Faktenchecks.

Die Darstellung von Relotius stimmt in vielen Punkten mit anderen Medienberichten und Interviewaussagen überein, dafür hätte Relotius kein Interview mit McWilliams führen müssen. Es gibt jedoch Details, bei denen einiges darauf hindeutet, dass sie erfunden wurden, um die Geschichte dramatischer und spektakulärer wirken zu lassen. McWilliams selbst reagierte auf eine Anfrage des SPIEGEL bislang nicht.

Beim Haiangriff gibt es offenkundig starke Übertreibungen. So ist es unwahrscheinlich, dass McWilliams das "aufgerissene Gebiss" des Tieres gesehen und diesem aufs Auge geschlagen hat. Diese Details tauchen in anderen Berichten über den Fall nicht auf. Unglaubwürdig ist auch, dass McWilliams im Moment des Haiangriffs darüber nachgedacht hat, wie unwahrscheinlich es sei, nacheinander von einer Schlange, einem Bären und einem Hai attackiert zu werden. Und dass McWilliams diese Wahrscheinlichkeiten später selbst ausrechnet - und dabei auf exakt jene Werte kommt, die die Zeitschrift "National Geographic" aus mehreren Quellen recherchiert hat.

Starke Übertreibungen gibt es auch in der Darstellung des Schlangenbisses. Angeblich wanderte McWilliams allein, verlor nach dem Biss das Bewusstsein und lag anschließend zwei Tage am Wegesrand. Laut anderen Medienberichten war er jedoch nicht allein und auch nicht bewusstlos. Er setzte vielmehr nach einer kurzen Pause die Wanderung fort und berichtete, dass ihm eine Zeit lang unwohl gewesen sei.

Die Beschreibung des Bärenangriffs deckt sich weitgehend mit Berichten anderer Medien. Einzig das angebliche Knacken des Schädels ist wohl eine dramatisierende Übersetzung: McWilliams selbst hatte das Geräusch in einem Interview als Knirschen ("crunching") beschrieben, sein Schädel war auch nicht gebrochen.


2. "Karteileiche" - erschienen im SPIEGEL Nr. 16/2018

Frei zugänglich: Schicksal: Warum ein Gericht einen lebendigen Mann für tot erklärte

Erneut verifiziert im Januar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" basiert auf Nachrichtenmeldungen über einen Rumänen, der in die Türkei gezogen und in Abwesenheit für tot erklärt worden war. Der Mann kehrte zurück in seine Heimatstadt und versuchte, dagegen vorzugehen, wobei er nicht sehr erfolgreich war.

Den Mann, der offiziell tot, in Wirklichkeit aber sehr lebendig war, gibt es wirklich. Relotius hatte im Dezember 2018 eingeräumt, nicht mit ihm gesprochen zu haben. Auch zahlreiche kleine Fehler, Unstimmigkeiten und ausgeschmückte Details legen das nahe. Es beginnt damit, dass der Mann im SPIEGEL Constantin Reliu heißt, in Wirklichkeit ist sein Name aber Reliu Constantin. Diesen Fehler haben sehr viele, auch rumänische Medien gemacht, in einem persönlichen Gespräch wäre das wohl aufgefallen.

Constantin zu erreichen, ist schwierig, und er spricht kaum Englisch. Der SPIEGEL hat deshalb den Autor einer der ersten größeren Geschichte über den Fall kontaktiert, den freien Journalisten Kit Gillet, der Reliu Constantin nach eigenen Angaben für die "New York Times" getroffen hat. Gillet hat demnach zweieinhalb Stunden mit Constantin gesprochen und zahlreiche Dokumente, unter anderem vom Gericht, eingesehen. Sehr viele Details in dem Text von Relotius seien zweifelhaft, sagt er, einige sind demnach sicher falsch.

So urteilte das Gericht in dem Fall nicht in der Stadt Bârlad, sondern in Vaslui. Die "Schiebermütze" aus dem Artikel dürfte Constantin während der Verhandlung nicht auf dem Kopf gehabt haben, Kopfbedeckungen sind vor rumänischen Gerichten abzusetzen. Auch die Vornamen von Constantins Frau und Tochter sind bei Relotius wohl falsch: Im Gespräch mit Gillet und in Gerichtsdokumenten heißt die Tochter nicht Iasmina sondern Luiza.

Constantin war 1992 nach Istanbul gegangen, um dort Geld für seine kleine Familie zu verdienen. Alle paar Monate kehrte er heim, verbrachte Zeit mit Frau und Tochter, gab ihnen Geld und fuhr dann wieder in die Türkei. So erzählte er es dem Journalisten. Bei Relotius ist alles dramatischer: "Alle sechs Wochen, wenn er genug gespart hatte, fuhr er im Laderaum eines Lieferwagens, versteckt zwischen Gemüsekisten, 15 Stunden lang nach Bârlad zu seiner Familie. Er gab seiner Frau das Geld, küsste seine Tochter, dann verschwand er wieder im Wagen." Warum hätte er sich auf der Fahrt verstecken sollen, wo er doch wenigstens damals legal in der Türkei arbeitete?

Wie die Beziehung in die Brüche geht, ist bei Relotius unklar: "Reliu kann heute nicht mehr genau sagen, wie alles auseinanderbrach; wann seine Frau sich in einen anderen, wohlhabenderen Mann verliebte, wann er in seiner Wut darüber zum Trinker wurde." Gillet erzählt, dass Constantin sehr lange und ausgiebig über die Schwierigkeiten in seiner Ehe sprach und darüber, dass beide Partner fremdgingen.

Am Ende verliert Constantin vor Gericht den Kampf um Annullierung seines eigenen Tods, und "auch ein höheres Gericht räumt einem Dahingegangenen kaum Chancen ein", heißt es. In Wirklichkeit hatte er sich einfach an das falsche Gericht gewandt, so stand es auch in der "New York Times".


3. "Letzte Ruhe" - erschienen im SPIEGEL Nr. 01/2018

Frei zugänglich: "Eine Meldung und ihre Geschichte: Letzte Ruhe"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" handelt von einem Vater, der seinen in der kalifornischen Wüste bei einer Wanderung verschollenen Sohn und dessen Bekannte sucht und beide fast drei Monate später schließlich tot findet.

Der SPIEGEL-Text weicht von anderen Medienberichten in zahlreichen Details ab. Um über die von vielen Medien veröffentlichte Geschichte genauer zu berichten, wäre es notwendig gewesen, mit Gilbert Orbeso zu sprechen, dem Vater des vermissten Sohns. Als der SPIEGEL im Januar 2019 mit Orbeso telefoniert, kann der sich nicht erinnern, jemals mit einem Reporter namens Claas Relotius gesprochen zu haben. Die vielen Details, die er Relotius zufolge erzählt haben soll, sind laut Orbeso erfunden.

So schreibt Relotius, nach zehn Tagen hätten die Ranger die tägliche Suche eingestellt und Orbeso gesagt, es habe keinen Sinn mehr. Tatsächlich haben sie aber nach eigenen Angaben zumindest an den Wochenenden weitergesucht. Dabei waren auch Ehrenamtliche im Einsatz, die auch Orbeso bei der Suche begleiteten. Orbeso sagte dem SPIEGEL, dass er nie allein im Park unterwegs war, um nach seinem Sohn und der Freundin zu suchen, sondern immer in einer kleinen Gruppe.

Er habe auch nicht seinen Job gekündigt, sich in einem Motel in der Nähe des Parks eingemietet und 80 Tage lang jeden Tag gesucht, wie es bei Relotius steht. Zwölf Tage lang sei er dort geblieben, sagt Orbeso, mit Frau und Tochter, danach sei er jedes Wochenende zurückgekehrt und habe den Nationalpark durchsucht. Dabei habe er seinen Weg auch nicht mit "roten Bändern, die er nach jedem Kilometer an einen Kaktus knotete", markiert, sondern sich auf die Ortskundigen verlassen, die mit ihm unterwegs gewesen seien.

Und so war es laut Orbeso auch eine Gruppe von "vier Männern und einer Frau", die mit ihm unterwegs waren und die beiden jungen Menschen fanden. Das märchenhafteste Detail der Geschichte ist Orbeso zufolge allerdings wahr: Als sie die beiden fanden, lagen sie tot auf dem Boden und umarmten sich.


4. "Blindgänger" - erschienen im SPIEGEL Nr. 46/2015

Frei zugänglich: "Eine Meldung und ihre Geschichte: Blindgänger"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Für die Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" recherchierte Claas Relotius im Herbst 2015 die Geschichte von Kathryn Rawlins aus Atherstone, Warwickshire, die viele Jahre lang eine Vase in ihrer Wohnung hatte, die tatsächlich eine Granate aus dem Ersten Weltkrieg gewesen sein soll.

Der Kern des Textes ist korrekt, es gab die als Vase genutzte Granate. Relotius hat auch tatsächlich mit Kathryn Rawlins Kontakt per E-Mail gehabt und zudem ein kurzes Telefonat mit ihr geführt, das bestätigte sie dem SPIEGEL. Offenkundig hat Relotius viele der Details seiner Geschichte dann aus britischen Zeitungen abgeschrieben und die jeweils dramatischsten ausgewählt. Auf Bitte des SPIEGEL hat Rawlins sich den Text mithilfe eines Übersetzungsprogramms noch einmal durchgelesen. Ihr Fazit: Relotius' Darstellung enthält dieselben Detailfehler wie die Texte anderer Zeitungen.

Der entscheidende Fehler sei die Behauptung, die Granate sei scharf gewesen, als Rawlins die Polizei verständigte. Britische Zeitungen hatten dies anscheinend fälschlich behauptet, Relotius hat diese Behauptung wohl ungeprüft übernommen.


5. "Verlust" - erschienen im SPIEGEL Nr. 41/2015

Frei zugänglich: "Eine Meldung und ihre Geschichte: Verlust"

Erneut verifiziert im Dezember 2018

In dem Text, veröffentlicht in der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte", geht es um einen jungen Syrer, der auf einem Fußweg in der Stadt Alsdorf bei Aachen ein Sparbuch findet. Darin lagen zwei 500-Euro-Scheine. Der Flüchtling habe sich vorgestellt, was er mit so viel Geld anfangen könnte, heißt es bei Relotius. Dann aber sei der junge Mann zur Polizei gegangen und habe Sparbuch und Geld abgegeben. Als sich der Besitzer meldete, habe der Flüchtling sogar den Finderlohn abgelehnt - in Syrien, so zitiert ihn Relotius, sei man ehrlich, "um ein guter und gerechter Mensch zu sein".

Der Kern dieser märchenhaften Geschichte ist wahr, wie sich nach einer erneuten Recherche zeigt: Nachdem die Aachener Polizei eine Pressemitteilung veröffentlicht hatte, berichteten zahlreiche Medien darüber, darunter die Nachrichtenagentur dpa.

Die örtliche Polizei bestätigte den Fall auf erneute Nachfrage des SPIEGEL. Der Syrer bestätigte zudem der Lokaljournalistin Beatrix Oprée, dass er - gemeinsam mit seinem Schwager - mit einem SPIEGEL-Reporter gesprochen hat, er könne sich aber nicht genau erinnern, ob es Claas Relotius war. Die beiden haben den Artikel noch einmal gründlich gelesen und sagten der Journalistin Oprée, dass sie abgesehen von ausschmückenden, nicht immer präzise geschilderten Details am Kern der Geschichte nichts Falsches darin entdecken könnten.

Hier können Sie ausführlich nachlesen, was der SPIEGEL dazu im Dezember 2018 recherchiert hat.


6. "Nass" - erschienen im SPIEGEL Nr. 49/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Klimawandel-Szenarien: London, Paris und Polen sind untergegangen"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Für die Titelgeschichte zum Weltklimagipfel in Katowice sind acht SPIEGEL-Reporter zu Klimaforschern gereist und haben Orte besucht, die vom Anstieg der Meeresspiegel betroffen sind. Claas Relotius hat zentrale Teile des Textes verfasst, unter anderem den Einstieg, eine Passage im vorderen Teil und den Schluss. Relotius berichtet demnach aus dem Inselstaat Kiribati, der im Südpazifik liegt und im Meer zu versinken droht. Die Textpassagen bestehen aus Schilderungen der Situation vor Ort und Aussagen des Protagonisten Ioane Teitiota.

Die Person Teitiota gibt es, es bestehen jedoch große Zweifel, ob Relotius tatsächlich mit dem Protagonisten gesprochen hat. In Kiribati war er offensichtlich nicht. Den Flugbuchungen zufolge ist Relotius am 10. Juli 2018 zwar noch wie geplant nach Los Angeles geflogen, den gebuchten Weiterflug nach Kiribati hat er jedoch nicht angetreten. Die Motelbuchung für Kiribati hatte Relotius kurzfristig per Mail storniert, es gab zu dieser Zeit auch keinen direkten Kontakt zu ihm. Am 19. Juli flog er von Los Angeles zurück nach Hamburg, der SPIEGEL-Buchhaltung liegt keine Reisekostenabrechnung aus Kiribati vor, auch nicht von einem späteren Zeitpunkt.

Die in seinen Textpassagen auftauchenden Informationen hätte man wohl auch recherchieren können, ohne vor Ort zu sein. Zweifel an einem Aufenthalt in Kiribati wecken auch mehrere Fakten im Text, die sich beim nachträglichen Check als falsch oder unplausibel erwiesen haben.

Der Protagonist Teitiota hatte von 2013 bis 2015 versucht, als Klimaflüchtling in Neuseeland Asyl zu bekommen, scheiterte damit jedoch und musste nach Kiribati zurückkehren. Aus dieser Zeit gibt es unter anderem einen ausführlichen Bericht auf foreignpolicy.com sowie eine BBC-Geschichte. Mangels Kontaktdaten war es bisher nicht möglich, Teitiota über mögliche Treffen mit Relotius zu befragen.

Relotius behauptet im Text unter anderem, die drei Orte London, Polen und Paris auf dem Atoll Kiritimati seien überschwemmt und "so gut wie menschenleer". Als Siedlung aufgegeben wurde jedoch nur Paris - Polen und London sind nach wie vor bewohnt. London ist mit fast 2000 Einwohnern sogar die zweitgrößte Stadt des Atolls.

Auch die Aussage im Schlussteil des Textes, dass Teitiota "von seiner Hütte aus" die Vereinten Nationen verklagt habe, ist allem Anschein nach falsch. Der Anwalt von Teitiota hatte 2015 das UNHCR um Unterstützung gebeten, um eine Abschiebung aus Neuseeland zu verhindern. Eine Klage gegen die Uno erscheint daher kaum plausibel. Zudem wäre eine derartige Klage wohl längst in den Medien aufgetaucht. Doch es gibt seit Ende 2015 keine Medienberichte mehr über Teitiota.

Zweifel gibt es zudem an der Darstellung eines Verwandtenbesuchs gleich am Textanfang. Für den Besuch soll Teitiota eine achttägige Reise per Schiff unternommen haben, ohne vorher zu klären, ob die Angehörigen überhaupt noch auf dem Atoll leben. Unzutreffend ist wohl auch die Beschreibung der Hütte von Teitiota. Fotos der BBC zeigen ein gemauertes Haus und nicht den im Text beschriebenen Verschlag aus Holzbrettern und Bambus, der für Kiribati ohnehin sehr ungewöhnlich wäre. Dort sind Palmenholz und Kokosnussbast oder Palmenblätter das bevorzugte Material.


7. "Jaegers Grenze" - erschienen im SPIEGEL Nr. 48/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Bürgerwehr gegen Flüchtlinge: Jaegers Grenze"

Erneut verifiziert im Dezember 2018 und Januar 2019

Die Reportage "Jaegers Grenze" erzählt eine Geschichte von zwei Seiten der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Im Süden zieht die Honduranerin Aleyda Milla mit ihrer Tochter im großen Treck durch Mexiko, um in die USA zu gelangen. Im Norden wartet der Amerikaner Chris Jaeger mit fünf weiteren bewaffneten US-Bürgern in Arizona, um Leute wie Milla am Grenzübertritt zu hindern. Den mexikanischen Part der Reportage übernahm Juan Moreno, den US-amerikanischen Claas Relotius.

Durch diesen Text wird Relotius dank der Hartnäckigkeit Morenos als Fälscher enttarnt. Relotius hat die Bürgerwehr nie getroffen und in einem Gespräch im Dezember 2018 weitgehende Fälschungen in dem Text zugegeben. Weite Teile hat er offenkundig aus anderen Reportagen und Dokumentarfilmen übernommen, andere hat er sich ausgedacht.

So heißen die Mitglieder der Bürgerwehr bei Relotius Jaeger, Pain, Ghost, Spartan, Luger und Nailer. Die ersten vier dieser Namen übernahm er offensichtlich aus einer älteren Reportage in dem Magazin "Mother Jones"; Nailer kommt unter anderem in einer Reportage der "New York Times" vor. Luger scheint von Relotius erfunden zu sein.

Im SPIEGEL erschienen auch Fotos von Jaeger und Nailer - alle Bilder der Bürgerwehr hat der Fotograf Johnny Milano gemacht. Auch die "New York Times" bebilderte Ende 2016 ihre Reportage mit Fotos aus Milanos Reihe. Allerdings heißt Relotius' Chris Jaeger im gleichen Bild in der "New York Times" Chris Maloof. Das fiel auch beim SPIEGEL auf. Relotius erklärte aber, Jaeger wolle in den USA nicht erkannt werden - das habe der ihm persönlich gesagt. Das ist falsch. Der Klarname von Nailer, Tim Foley, ist aus der Milano-Bildstrecke sowie aus anderen Medien bekannt, taucht aber im SPIEGEL nicht auf.

Auch die Figur Spartan hat Relotius übernommen. Die Regisseurin des Dokumentarfilms "Borderland Blues" von 2016, Gudrun Gruber, schrieb dem SPIEGEL, Spartan sei nicht, wie von Relotius behauptet, 64 Jahre alt, sondern zwischen 35 und 40. Entsprechend hat er auch nicht in Vietnam dienen können, sondern er war in Afghanistan und im Irak im Einsatz.

Die Bürgerwehr widerspricht auch dem Schlussabsatz der Geschichte: "Jaeger blinzelt in die Dunkelheit, das Gewehr liegt auf seiner Schulter. Er hat kein Ziel. Er kann nichts sehen. Und irgendwann drückt er ab", heißt es dort. Bei der Nachrecherche sagte ein Sprecher der Bürgerwehr, dass sie niemals schießen würden, denn das sei nicht erlaubt.

Während der Arbeit an dem Text wurde Relotius' Co-Autor Juan Moreno skeptisch: Relotius wollte auf keinen Fall einen Fotografen mitnehmen und behauptete, die Bürgerwehr habe sich nicht fotografieren lassen wollen. Moreno hielt dies für unplausibel, denn eigentlich ist die Bürgerwehr nicht öffentlichkeitsscheu. Er selbst hatte Foley bereits in einem für einen Oscar nominierten Dokumentarfilm gesehen.

Moreno meldete seine Zweifel dem SPIEGEL. Als Relotius damit konfrontiert wurde, verteidigte er sich. Moreno forschte auf eigene Faust nach - und konnte schließlich nachweisen, dass Relotius die Protagonisten nie getroffen hatte. Hier können Sie einen Text zur Enttarnung von Relotius lesen und hier ein Interview mit Juan Moreno sehen.


8. "Kehrt nicht auch das Böse, wenn man es lässt, eines Tages zurück?" - erschienen im SPIEGEL Nr. 39/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Die letzte Überlebende der 'Weißen Rose' im Interview: 'Wir hatten keine Ahnung, wie allein wir waren'"

Erneut verifiziert im Dezember 2018

Für ein SPIEGEL-Gespräch mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der "Weißen Rose", ist Claas Relotius im August 2018 in die USA geflogen, wo er die 99-Jährige in ihrem Haus in South Carolina getroffen hat - dieser Besuch ist nachweisbar, auch das Foto von Lafrenz auf ihrer Terrasse hat Relotius gemacht. Im Text wechseln sich Interviewpassagen und Beschreibungen sowie historische Einordnungen ab.

Das Interview enthält in wesentlichen Teilen offenkundig Fälschungen: Dazu zählen mehrere Aussagen, die so wohl nicht gefallen sind. Auch die Umstände des Interviews hat Relotius offenbar falsch dargestellt. Schon in der dritten Antwort lässt der SPIEGEL-Reporter Lafrenz sagen: "In einer amerikanischen Zeitung habe ich aktuelle Fotos aus Deutschland gesehen - mir ist ganz kalt geworden." Dabei soll es sich um Bilder von Deutschen handeln, die den Hitlergruß zeigen - wie bei den Vorfällen in Chemnitz Ende August 2018. Auf telefonische Nachfrage des SPIEGEL im Dezember 2018 sagte Lafrenz, sie habe solche Fotos nicht gesehen und deshalb auch nicht mit Relotius darüber gesprochen.

Anders als in Deutschland ist es in den USA unüblich, dass Interviews von den Gesprächspartnern vor der Veröffentlichung noch einmal autorisiert werden. Auch später hat Lafrenz das SPIEGEL-Gespräch offenbar nie genau gelesen. Auf Nachfrage distanzierte sie sich von dem Interview: An mehreren Stellen seien es nicht ihre Worte gewesen. So bestreitet sie, ihren damaligen Mitschüler Helmut Schmidt Anfang der Achtzigerjahre "Revolverschnauze" genannt zu haben. Diesen Ausdruck habe sie gegenüber Schmidt nie benutzt. In einem auf Video aufgezeichneten Interview mit der "Bild"-Zeitung benutzt Lafrenz den Begriff allerdings, als sie über Schmidt spricht.

Auch von "heimlichen Treffen" der Schüler, die Lafrenz im Interview angeblich erwähnt, hat sie nach eigener Aussage nicht gesprochen - ihre Klassenlehrerin Erna Stahl aus dem späteren Umfeld der "Weißen Rose" habe ganz normale Leseabende veranstaltet, keine "heimlichen Treffen", sagt Lafrenz.

Der SPIEGEL hat im vergangenen Dezember auch Lafrenz' Schwiegertochter kontaktiert, die bei dem Gespräch mit Relotius anwesend war. Sie sagt, mehrere Passagen über die Umstände des Interviews seien erfunden: So habe der Reporter nicht fünf Stunden mit Lafrenz verbracht, wie es im SPIEGEL hieß, das Interview habe nicht länger als eine Stunde gedauert, insgesamt sei Relotius nicht länger als zwei Stunden geblieben. Die Schwiegertochter sagte zudem, Relotius habe das Gespräch mit seinem Mobiltelefon aufgezeichnet - er selbst sagte dem SPIEGEL im Dezember 2018, von dem Gespräch mit Lafrenz gebe es keine Tonaufnahme. Hier können Sie ausführlich nachlesen, was der SPIEGEL dazu bisher recherchiert hat.


9. "Deutsch auf Bewährung" - erschienen im SPIEGEL Nr. 31/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Rassismus: Deutsch auf Bewährung"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Die Titelgeschichte vom 28. Juli 2018 geht der Frage nach, wie es Menschen geht, die als Kinder von Migranten in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und die sich jahrzehntelang für eine offene Gesellschaft eingesetzt haben - und immer mit Rassismus zu kämpfen hatten und haben. Zu den 14 Kurz-Interviews hat Claas Relotius drei zugeliefert, eines mit Michel Abdollahi, eines mit Kübra Gümüsay und eines mit Oliver Polak.

Diese drei Texte enthalten keine Verfälschungen. Die drei Gesprächspartner haben die Interviews vor Drucklegung zugesandt bekommen, und sie haben sie autorisiert.


10. "Sorry" - erschienen im SPIEGEL Nr. 28/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Rekonstruktion der Irrfahrt von Rettungsschiff 'Lifeline': Der Kapitän weint"

Unter dem Text "Sorry" über das deutsche Rettungsschiff "Lifeline", deren Kapitän im Mittelmeer 234 Flüchtlinge an Bord genommen und tagelang vergebens versuchte, die Menschen an Land zu bringen, steht neben drei anderen Namen auch Claas Relotius als Autor. In diesem Fall war Relotius nicht selbst unterwegs, sondern hat lediglich die Teile, die von den anderen Reportern recherchiert wurden, in der Hamburger Redaktion zu einem Text zusammengefasst.


11. "Ein Kinderspiel" - erschienen im SPIEGEL Nr. 26/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "'Bei Gott, ich hätte das nie schreiben dürfen': Der Junge, mit dem der Syrienkrieg begann"

Erneut verifiziert im Januar 2019

In der Ausgabe vom 23. Juni 2018 erzählt Relotius in Form einer Reportage die Geschichte des syrischen Jungen Mouawiya Syasneh, der als 13-Jähriger den syrischen Präsidenten Assad mit einem Graffito beleidigt haben soll. Der Junge sei als Held gefeiert worden, heißt es in der Geschichte - später jedoch "verteufelt" worden als derjenige, der den Syrienkrieg auslöste. Er habe mit dem Jungen per Mobiltelefon kommuniziert, schreibt Relotius in seiner Geschichte. Über die Kamera des Telefons habe er Mouawiya sehen können, so seien die Eindrücke aus der Stadt Daraa zustande gekommen.

Relotius schreibt: "Als Journalist kommt man nicht mehr nach Daraa hinein, man kann Mouawiya nicht mehr persönlich treffen. Aber man kann an die Grenze zu Syrien fahren, man kann von der Wüste Jordaniens aus, nur fünf Kilometer entfernt von der Front, die zerstörten Häuser Daraas sehen. Und man kann mit Mouawiya über Wochen hinweg per WhatsApp telefonieren, mit und ohne Kamera. Man kann ihn, wie durch ein Schlüsselloch, durch die letzten Tage dieses Krieges begleiten und versuchen, seine Lebensgeschichte zu rekonstruieren, die eng vernäht ist mit der Geschichte Syriens."

Neben einzelnen Faktenfehlern enthält dieser Text offenkundig massive Fälschungen. Zutreffend ist, dass es Mouawiya Syasneh gibt. Er war tatsächlich an der Graffito-Aktion im Februar 2011 beteiligt. Die "Kamerafahrten" durch die zerstörte syrische Stadt Daraa sind allerdings erfunden, das hat Relotius im Dezember 2018 eingeräumt. Auch viele biografische Details stimmen nicht; Relotius hat sie Mouawiya wohl in den Mund gelegt. Der Versuch, zwischen "Erfindung", "Faktenfehler" und "unzulässiger Dramatisierung" zu unterscheiden, berührt ein grundsätzliches Problem: Zahlreiche Details aus einem Bürgerkriegsland sind nicht zweifelsfrei überprüfbar.

Eine Erfindung ist beispielsweise die Behauptung, die Kamera von Mouawiyas Handy sei immer wieder an- und ausgegangen. Damit ist auch das dramaturgische Konzept der Geschichte Fiktion.

Mindestens willkürlich ist die Behauptung, ein bestimmter Tag der Reportage spiele am "2601. Tag im Krieg". Weil sich der Beginn des Bürgerkriegs nicht auf ein Datum genau festlägen lässt, kann es auch keinen 2601. Tag geben.

Eine Dramatisierung scheint beispielsweise die Behauptung zu sein, Mouawiya habe sein Handy (zu einer bestimmten Zeit) "Tag und Nacht eingeschaltet" bei sich gehabt. Dies scheint unwahrscheinlich, lässt sich aber nicht zweifelsfrei überprüfen.

Sicher ist, dass die Handy-Gespräche mit Mouawiya Syasneh in dieser Form nicht stattgefunden haben. Es gibt zwar einen kurzen Chat der beiden, dieser enthält jedoch wenig Fakten. Der Kontakt lief über eine arabischsprachige Kollegin, mit der Relotius die Recherche gemeinsam begonnen hatte. Es gab auch ein Telefonat mit dem Jungen, im Beisein der Kollegin. Irgendwann arbeitete Relotius jedoch allein weiter.

Relotius stützt sich bei seinen Fälschungen in dieser Geschichte offenkundig auf die Berichte anderer Medien, beispielsweise auf einen Film, den Al Jazeera in englischer Sprache veröffentlicht hat. Allerdings verändert und dramatisiert er offensichtlich an zahlreichen Stellen dort aufgefundene Fakten und fügt Erfindungen hinzu.


12. "Todesengel" - erschienen im SPIEGEL Nr: 50/2017

Frei zugänglich: "Macht: Todesengel"

Erneut verifiziert im Dezember 2018 und im Januar 2019

Der Text über die 17-jährige US-Amerikanerin Michelle Carter, die ihren Bekannten Conrad Roy mit Textnachrichten zum Selbstmord ermutigte, erschien am 9. Dezember 2017.

Dieser Artikel enthält höchstwahrscheinlich Fälschungen. Der Fall Carter/Roy ist ausführlich in vielen US-Medien beschrieben, das Urteil ist öffentlich, es gibt eine große Zahl von Quellen zum Thema. Relotius hat diese Quellen offenkundig genutzt. Der Text ist voller überprüfbarer Fakten, bei zahlreichen Stichproben konnten die Fakten anhand der Quellenlage verifiziert werden.

Gefälscht ist dagegen wohl der Besuch von Relotius bei den Eltern von Michelle Carter in Plainville im US-Bundesstaat Massachusetts. Relotius beschreibt detailreich, wie das Haus der Carters aussieht, wie die Eltern mit ihm über Leben und Hobbys ihrer Tochter sprechen und wie sie ihn sogar in Michelles Zimmer führen. Der Anwalt der Eltern von Michelle Carter teilte dem SPIEGEL auf Nachfrage im Januar 2019 mit, dass sie Relotius kein Interview gegeben haben.

Fraglich bleibt zudem folgende Information aus Relotius' Artikel: "Im Mai 2014, zwei Monate vor Conrad Roys Selbstmord, das belegen Einweisungsdokumente, wird Michelle Carter vier Wochen lang in einer psychiatrischen Klinik in Belmont, Massachusetts, behandelt, wegen Impulskontrollstörungen." Nach Quellenlage ist Michelle Carter erst im Juni in die Klinik gegangen, um sich wegen einer anderen Erkrankung behandeln zu lassen.


13. "Der Mann von Zimmer 402" - erschienen im SPIEGEL Nr. 49/2017

Frei zugänglich: "Verbrechen: Die unglaubliche Geschichte des Bombenanschlags auf Borussia Dortmund"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Im Dezember 2017 veröffentlichte der SPIEGEL einen Text über den Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im April 2017. Ein Team von sieben Redakteuren rekonstruierte den Fall anhand von Gesprächen, Veröffentlichungen und Gerichtsakten, einer der Autoren war Claas Relotius.

Dieser Text wurde von Relotius offenbar nicht manipuliert. Seine Zulieferung bestand vor allem aus der Bearbeitung von veröffentlichten Texten und einem Gespräch mit dem damaligen Teammanager von Borussia Dortmund, Fritz Lünschermann. Fast alle Schilderungen in den betreffenden Passagen, auch die Sitzordnung im Bus, sind durch andere Quellen gedeckt. Auch Fritz Lünschermann hat ein Gespräch mit Relotius und die Richtigkeit des ihm zugeschriebenen Zitats bestätigt.


14. "Touchdown" - erschienen im SPIEGEL Nr. 44/2017

Frei zugänglich: "Diskriminierung: Touchdown"

Erneut verifiziert im Dezember 2018 und Januar 2019

Claas Relotius schrieb für den SPIEGEL eine Geschichte über den US-Footballspieler Colin Kaepernick, der aus Protest gegen Rassismus in den USA zur Nationalhymne vor Spielbeginn nicht aufstand, sondern kniete. Tragende Teile der Story sind ein Termin Kaepernicks in einer Schule in East Harlem und ein Telefongespräch, das Relotius mit Kaepernicks Eltern geführt haben wollte.

Den Termin in der New Yorker Schule gab es zwar, aber Relotius nahm nach bisherigen Erkenntnissen wohl nicht selbst daran teil. Und das Gespräch mit den Eltern, so räumte es Relotius nach seiner Enttarnung im Dezember auf intensive Nachfragen selbst ein, hat nie stattgefunden.

Der Text muss daher in weiten Teilen als Fälschung bezeichnet werden. "There is no basis", antwortete Kaepernicks Anwalt im Dezember auf eine Anfrage des SPIEGEL. Augenfällig wird das vor allem in Passagen, in denen Relotius mit Details aus dem angeblichen Telefongespräch aufwartet: "Manchmal weinend, manchmal lachend", habe Kaepernicks Mutter die Geschichte ihres Sohnes erzählt, heißt es beispielsweise in seinem Text. Es gibt veröffentlichte Äußerungen der Eltern in anderen Medien, bei denen sich Relotius offenbar bedient hat. Einige dieser Darstellungen finden sich mitunter zugespitzt, aber mit ähnlicher Tendenz bei Relotius wieder. Für andere Zitate der Eltern sowie anderer Personen im Text gibt es keine Belege. Ob sie erfunden sind, lässt sich kaum verifzieren.

Von dem Termin in der Highschool existieren nur wenige zugängliche Quellen. Ein Widerspruch ergibt sich bei der Zahl der Teilnehmer: Relotius schreibt von "drei Dutzend schwarzer Mädchen und Jungen", die US-Zeitschrift "Sports Illustrated" von "mehr als 100" Schülern. Medienvertreter waren laut "Sports Illustrated" nicht zugelassen. Relotius schildert dennoch ausführlich und detailreich Gespräche, die Kaepernick in der Schulturnhalle mit Kindern geführt haben soll. Manches davon klingt wenig glaubwürdig, zum Beispiel die Darstellung eines angeblich 14-jährigen Mädchens, das nie in die südlichen Stadtteile New Yorks zum Einkaufen gehe, weil weiße Ladenbesitzer kein Kind aus der Bronx in ihr Geschäft ließen. Woher Relotius die konkreten Schilderungen des Termins hat, bleibt unklar. Sie lassen sich bislang weder belegen noch widerlegen.

Die nachträgliche Prüfung ergab auch mehrere Faktenfehler, die vor dem Abdruck des Textes relativ einfach zu erkennen gewesen wären. So wird ein anderer im Text erwähnter Footballspieler, der sich über Rassismus-Erfahrungen beklagt, fälschlicherweise auf derselben Spielerposition wie Kaepernick verortet: Quarterback, "einer der besten überhaupt", heißt es im Text.

Tatsächlich spielte Michael Bennett in der von Relotius genannten damaligen Mannschaft als Verteidiger. Kaepernicks Freundin Nessa Diab ist nicht, wie im Text behauptet, in Ägypten geboren, sondern in Kalifornien.

Zumindest verzerrend ist die Darstellung im Text, unter einem Foto von seinem Ghana-Besuch auf Kaepernicks Facebook-Seite hätten "viele Amerikaner" geschrieben, er sehe aus wie ein Affe. Tatsächlich ergab eine Auswertung von rund 200 Kommentaren unter diesem Bild, dass ungefähr 90 Prozent der Reaktionen positiv waren, das Wort Affe fand sich jedenfalls in dieser Auswahl nicht.


15. "Home-Run" - erschienen im SPIEGEL Nr. 34/2017

Frei zugänglich: "Er war Klempner und liebte Baseball: Letzte Ehre - ab ins Stadionklo"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Der Text handelt von einem New Yorker Baseball-Fan namens Thomas McDonald, der davon berichtet, dass er die Asche seines verstorbenen Freundes über Jahre hinweg in Stadiontoiletten gestreut und hinunterspült habe. Im Mai 2017 waren darüber zahlreiche Berichte in US-amerikanischen, aber auch in deutschen Medien erschienen.

Claas Relotius hat das Thema Monate später unter der SPIEGEL-Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" noch einmal aufgegriffen - und offensichtlich durch einige erfundene Zusatzdetails dramatisiert.

Die Grundversion der Geschichte ist gut belegt: McDonald hatte 2017 mit einer Reihe von Journalisten darüber gesprochen und teilweise ausführliche Interviews gegeben. Im Text schreibt Relotius, er habe mit McDonald telefoniert. McDonald kann sich auf Nachfrage im Januar 2019 daran nicht erinnern, er ist sich aber sicher, Relotius kein ausführliches Interview gegeben zu haben. In dem Text sind zudem gravierende Widersprüche und viele unbelegte Ergänzungen zu anderen Berichten und Interviews von McDonald zu finden.

Beispielsweise schreibt Relotius, der Spitzname von McDonalds Freund, Roy Riegel, sei "Leek" (Lauch) gewesen, und er habe bei seinem Tod keine Familie hinterlassen. Tatsächlich lautete der Spitzname "Fess" (nach dem Schauspieler Fess Parker), und es leben noch seine Mutter und zwei Brüder. Keines der Zitate aus dem SPIEGEL-Text, das nicht schon in anderen Medien gedruckt wurde, konnte McDonald bestätigen.

Weiter enthält der Text viele erkennbare Fehler und falsche Darstellungen. So schreibt Relotius, McDonald habe insgesamt 2881 Spiele der Mets gesehen, er selbst geht aber von höchstens 1200 aus. Auch hat McDonald nach eigenen Angaben mit Riegels keinen Fanklub namens "Mets Underground" gegründet, und er würde die Asche seines Freundes durchaus auch im Stadion der New York Yankees verstreuen - es stimme nicht, dass er die Yankees hasse und deshalb nicht in das Stadion gehen würde. Dem SPIEGEL sagte McDonald: "Baseball ist Baseball".

Das von Relotius beschriebene "Ritual" vor dem Herunterspülen der Asche - zweimal gründlich abziehen, "um den Weg für Roy frei zu machen" - hat McDonalds so der "New York Times" erzählt. Allerdings habe er niemals versucht, ein Vaterunser zu beten, und er flüstere dabei auch nicht "Farewell", sagte McDonald dem SPIEGEL. Meistens habe er einfach gesagt: "Here you go, buddy".


16. "In einer kleinen Stadt" - erschienen im SPIEGEL Nr. 13/2017

War zugänglich hier: "In einer kleinen Stadt"

Erneut verifiziert im Dezember 2018

Im Januar 2017 reiste Claas Relotius in die Kleinstadt Fergus Falls im US-Bundesstaat Minnesota. Er blieb fast fünf Wochen und schrieb danach eine Reportage darüber, wie die Menschen im ländlichen Amerika auf die Welt im Allgemeinen blicken und auf Donald Trump und die USA im Besonderen.

In der Geschichte, die am 25. März 2017 im SPIEGEL erschienen ist, stimmt fast nichts - die Biografien der Hauptfiguren sind ausgedacht und die Fakten meist falsch.

Eine nicht wahlberechtigte mexikanische Kellnerin wird bei Relotius zu einer Trump wählenden Restaurantbesitzerin mit Nierenleiden - ihr Sohn heißt in der Geschichte "Israel" und wird in der Schule gemobbt. In Wirklichkeit heißt er Pablo, und Relotius hat ihn nur kurz angesprochen, um ihn zu fotografieren.

Den Jungen nannte Relotius später als Grund, warum die Geschichte nicht auf SPIEGEL ONLINE erscheinen soll. In einer E-Mail bittet der damalige Reporter seine Kollegen darum, den Text von der Seite zu nehmen, "da er in großen Teilen von einem mexikanischen Jungen handelt, der an seiner US-Highschool gemobbt wird. Ich durfte nur unter der Prämisse über ihn schreiben, dass die Geschichte nicht online für Leute in seinem Ort bzw. an seiner Schule verfügbar sein wird."

Tatsächlich hatten Bewohner von Fergus Falls den Text gefunden - es war aber nicht, wie Relotius schreibt, "für diesen Jungen tatsächlich gerade ein großes Problem", sondern für den Autor. Denn die Betroffenen recherchierten Relotius hinterher und veröffentlichten, nachdem der SPIEGEL über Relotius' Fälschungen berichtet hatte, einen Text über die Fehler. Ein SPIEGEL-Korrespondent fuhr im Dezember nach Bekanntwerden der Fälschung in den Ort, um sich selbst ein Bild zu machen - und sich bei den Bewohnern im Namen des SPIEGEL zu entschuldigen. Seinen Text können Sie hier lesen.


17. "Wütender weißer Mann" - erschienen im SPIEGEL Nr. 46/2016

Frei zugänglich: "Nach der Wahl: Wütender weißer Mann"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Zum SPIEGEL-Titelthema über den Wahlsieg von Donald Trump erschien am 12. November ein Artikel, in dem mehrere Autoren Reaktionen und Stimmungsbilder von Menschen in Deutschland gesammelt haben. Die Frage lautete: "Gibt es den frustrierten Bürger, der Trump zum Sieg verholfen hat, auch in Deutschland?" Die Antwort des Textes: "Sicher. Man muss nur auf die Straße gehen und hinhören."

Claas Relotius hat dazu einen Beitrag aus einer Dortmunder Kneipe geliefert. Die Überschrift lautete: "Wer sonst". Es ist ein Gespräch zwischen den Kneipenbetreibern Anke F., 59, und Norbert F., 65. Soweit die Unterhaltung überprüfbare Fakten enthält, sind diese richtig. Ob es aber dieses Gespräch je gegeben hat und ob eine Anke und ein Norbert F. in Dortmund damals eine Kneipe betrieben haben (das dazu abgedruckte Foto zeigt lediglich ein Bierglas und einen Aschenbecher), ließ sich bislang nicht feststellen.


18. "Königskinder" - erschienen im SPIEGEL Nr. 28/2016

Frei zugänglich: "Schicksale: Königskinder"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Der Artikel über die syrischen Kinder Ahmed und Alin, die 12 und 13 Jahre alt und Geschwister sein sollen, erschien am 9. Juli 2016. In dem Text von Relotius sind die Eltern in Syrien ums Leben gekommen, die Kinder in die Türkei geflohen und arbeiten nun, getrennt voneinander, als Schrottsammler und Näherin in Anatolien. Das Zeugnis, das die beiden ablegen, sei, so schreibt Relotius in dem Text, "so lebendig und wahrhaftig, wie nur Kinder erzählen können".

Dieser Text enthält eindeutig Fälschungen. Belegt ist die Existenz des Jungen Ahmed. Ein Fotograf hat Relotius bei Gesprächen mit ihm begleitet. Er hat aber offenbar von Relotius einen fiktiven Lebenslauf verpasst bekommen, das bezeugt der Fotograf, der weiter mit Ahmeds Familie in Verbindung steht. Nicht belegt ist die Existenz des Mädchens Alin, mit der Relotius allein gesprochen haben will und auf deren angeblichen Erzählungen die Geschichte in weiten Teilen basiert.

Was den SPIEGEL schon vor Veröffentlichung hätte stutzig machen können, sind Widersprüche und Unstimmigkeiten, die im Text enthalten sind, zum Beispiel diese Passagen:

Relotius hat bei Lesern, die von dem Schicksal der Kinder berührt und betroffen waren und sich deshalb an die Redaktion wandten, um Spenden für die beiden geworben. (Mehr darüber lesen Sie hier.)

Im Dezember räumte Relotius über seine Anwaltskanzlei ein, dass es sich bei dem geschilderten Geschwisterpaar um eine Illusion gehandelt hat. Er erklärte, die Spenden nicht selbst vereinnahmt und dies auch nicht beabsichtigt zu haben. Vielmehr habe er das bei SPIEGEL-Lesern privat eingesammelte Geld - es handele sich um über 7000 Euro - aus eigenen Mitteln damals auf 9000 Euro aufgestockt und für einen anderen guten Zweck verwendet.

Die Diakonie Katastrophenhilfe bestätigte auf Anfrage den Eingang einer Spende von Relotius in Höhe von 9000 Euro. Sie sei im Oktober 2016 überwiesen worden, so eine Sprecherin. Das Geld sei zeitnah verwendet worden. Es sei einem Gemeindezentrum im Nordirak zugutegekommen, das sich um vertriebene Kinder aus dem Irak und Syrien kümmert.


19. "Nummer 440" - erschienen im SPIEGEL Nr. 15/2016

Frei zugänglich: "Unschuldig in Guantanamo: Nummer 440"

Erneut verifiziert im Dezember und Januar 2019

Die Reportage "Nummer 440" beschreibt das Leben des jungen Jemeniten Mohammed Bwasir, der 2002 aus Afghanistan nach Guantanamo kam und dort 14 Jahre lang eingesperrt war, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben wurde. Im Januar 2016 sollte Häftling Nr. 440 entlassen und in ein osteuropäisches Land ausgeflogen werden. Doch im letzten Moment weigerte er sich, weil, wie es hieß, er die Freiheit in der Fremde fürchtete.

Der nachrichtliche Kern der Geschichte ist korrekt, der Text enthält aber in wesentlichen Teilen Fälschungen, das räumte Relotius im Dezember 2018 ein, er gab die ihm für diesen Text verliehenen Preise zurück. Zudem enthält sein Artikel eine Reihe von Faktenfehlern.

Relotius erzählt die Geschichte eines "Träumers", der 2001 im Alter von 19 Jahren "auf der Suche nach Sinn in seinem Leben" den Jemen verlässt, um zu seinem Bruder Salih zu ziehen, der damals in Afghanistan studierte. Bwasir habe dann dort in einem Waisenheim Kinder unterrichtet. Im November 2001 - "zwei Monate nachdem in New York die Türme gefallen sind" - wird er laut Relotius plötzlich niedergeschlagen und wacht erst in Masar-i-Scharif wieder auf, "auf dem Betonboden einer Kaserne". Er wird verdächtigt, ein Terrorist der Qaida, eine "Bedrohung für Amerika" zu sein. Von seinen Peinigern gefoltert gesteht er schließlich "alles, was sie von ihm verlangen", und wird als ein "feindlicher Kämpfer" nach Guantanamo auf Kuba verschleppt. Dort schließlich wird er in den Käfig im berüchtigten Camp X-Ray gesteckt, er kommt auch in Einzelhaft, wird gefoltert, macht einen Hungerstreik und wird zwangsernährt.

In Akten des US-Verteidigungsministeriums, die über Wikileaks ("Guantanamo-Files") im April 2011 auch vom SPIEGEL veröffentlicht wurden, existiert ein neunseitiges Dossier über Bwasir, allerdings mit einer anderen Biografie. Relotius schreibt dazu: "In der Akte SECRET-NOFORN-22331027 steht in präzisen, militärisch genauen Sätzen, eine andere Geschichte über Mohammed Bwasirs Leben." Von dem, was er über Bwasir recherchiert habe, tauche in den Dokumenten des Pentagon "kein Wort auf". Tatsächlich stützt sich Relotius für seine Darstellung auf Berichte und Gespräche, die ihm angeblich zugespielt wurden, die er aber später nicht belegen konnte.

Ein Widerspruch: Bwasir kam laut Pentagon-Akte Anfang Mai 2002 in Guantanamo an, laut Relotius aber bereits im Februar. Das ist auch deshalb wichtig für die Geschichte des Reporters, weil es entscheidet, ob Bwasir überhaupt im Camp X-Ray, in den berüchtigten Käfigen, eingesperrt war. Camp X-Ray wurde nämlich Ende April 2002 geschlossen.

Über die Fälschungen hinaus enthält der Artikel auch nachprüfbare Faktenfehler und Widersprüche, auf die auch einige Leser hingewiesen haben. So ist fraglich, in welcher Sprache der frisch in Afghanistan angekommene Bwasir die Kinder unterrichtet haben will. In Afghanistan werden Paschtu und Dari, im Jemen wird Arabisch gesprochen.

Auch die Nummer des geheimen Pentagon-Reports zu Bwasir ist falsch angegeben, sie lautet richtig 20331027.

Im Text wird das Alter Bwazirs im Januar 2016 mit 35 angegeben. Das steht im Widerspruch zu anderen Stellen im Text, nach denen er mehr als ein Jahr jünger sein muss: "Es ist das Jahr 2001, Mohammed Bwasir ist 19 Jahre alt"."

Über Camp Delta schreibt Relotius: "Es gibt keinen Koran, keinen Teppich zum Beten". In Wirklichkeit aber gehört der Koran dort zur Grundausstattung, und wer keinen haben sollte, kann ihn sich in der Bibliothek ausleihen.

Für die Recherche war damals verabredet worden, dass Relotius nach Guantanamo reist, das Lager besucht und mit Augenzeugen dort spricht. Ob er dies tat, ist noch unklar. Zudem will er mit Bwasirs Bruder im Jemen, mehreren ehemaligen Guantanamo-Insassen und Bwasirs Anwalt gesprochen haben. Ob er dies tat, ist ebenfalls noch nicht geklärt.


20. "Angespannt" - erschienen im SPIEGEL 51/2015

Frei zugänglich: "Stimmungen: Angespannt"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Im Dezember 2015 erschien der SPIEGEL mit der Titelgeschichte "Die verstörte Nation", es ging um die Frage, wie die Deutschen mit dem Zuzug von Flüchtlingen umgehen. Für ein Stimmungsbild reisten damals elf Reporter quer durch Deutschland und stellten die Frage: "Was denken und sagen Deutsche über die Folgen des Zuzugs von Flüchtlingen?" Drei von insgesamt 19 Beiträgen übernahm Relotius.

Die Zulieferungen sind nur teilweise nachprüfbar, in einem Fall gibt es kleinere Faktenfehler. Weil die Fragestellung heikel ist und die Befragten offen reden sollten, hat die Redaktion die Namen vieler Gesprächspartner geändert und auch den Wohnort nicht genannt, so steht es auch unter dem Text.

Ein Stück von Relotius ist ein kurzes Interview mit der Mutter eines achtjährigen Kindes. Auch hier ist der Name verändert, der Wohnort nicht genannt. Es geht um Probleme in der Grundschule, in deren Mittelpunkt die Mutter die neu dazugekommenen Flüchtlinge sieht. Nachprüfbare Fakten werden nicht genannt, ob das Gespräch überhaupt stattgefunden hat, lässt sich bislang nicht verifizieren, der wirkliche Name war schon im Manuskript unkenntlich.

Im zweiten Beitrag geht es um einen Mann, der mit Flüchtlingen Fußball spielt. Wiederum ist der Name geändert und der Ort nicht genannt.

Im dritten Beitrag geht es um den kleinen niedersächsischen Ort Sumte, zitiert wird Reinhard Schlemmer, "zukünftiger Nachbar mehrerer hundert Flüchtlinge". Schlemmer, so beschreibt Relotius es in der Eingangsszene, "steht auf einer Leiter vor seinem Haus, er installiert "'gerade noch rechtzeitig' Bewegungsmelder und Flutlicht für den Garten". Auf Nachfrage bezeichnet Schlemmer die Szene als "Quatsch", er habe das nicht selbst gemacht, sondern machen lassen.

Korrekt sei dagegen die Schilderung Sumtes als "verschlafene Siedlung", wo es "nicht einmal eine Kneipe" gebe. Der Bericht von einer "Bürgerversammlung im Geräteschuppen des Feuerwehrhauses" sei auch korrekt wiedergegeben, ebenso Schlemmers damalige Ansichten: "Schlemmer versteht nicht, was Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan hier sollen."

Ob Relotius damals wirklich vor Ort gewesen ist und ob er bei dieser Gelegenheit mit ihm gesprochen hat, daran kann sich Schlemmer nicht erinnern - es seien damals sehr viele Journalisten in Sumte gewesen. Unklar ist, warum Relotius Schlemmer als "Rentner" bezeichnet, er war der frühere Bürgermeister des Orts. Als Unsinn bezeichnet Schlemmer den Schlusssatz: Schlemmer soll sich demnach bei der Ankunft der Flüchtlinge um die Wasserleitungen gesorgt haben. "Nicht, dass bald nur noch Tropfen aus der Dusche kommen." Das habe er nie gesagt, und er halte eine solche Sorge auch rein sachlich für unbegründet.


21. "Weltklasse mit Herz" - erschienen im SPIEGEL Nr. 40/2015

Frei zugänglich: "Bürgersinn: Weltklasse mit Herz"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Am 26. September 2015 erschien im SPIEGEL ein Artikel über die Stadt München, geschrieben von sechs Autoren, einer davon war Claas Relotius. Die von Relotius zugelieferten Absätze konnten verifiziert werden, bis auf das Abschlusszitat einer Grünwalder Wirtin.


22. "Homestory: Jedi-Radler" - erschienen im SPIEGEL Nr. 19/2015

Frei zugänglich: "Homestory: Jedi-Radler"

Erneut verifiziert im Januar 2019

In der Rubrik "Homestory" veröffentlichte der SPIEGEL im Mai 2015 einen Text, in dem Claas Relotius beschreibt, wie er sich ein neues Fahrrad kaufen will und über die Entwicklung auf dem Fahrradmarkt überrascht ist. Im Format "Homestory" berichten SPIEGEL-Redakteure über ihr eigenes Leben und persönliche Erfahrungen, in der Regel mit leichter Selbstironie. Die Erlebnisse sind für den SPIEGEL im Nachhinein daher kaum überprüfbar.

Der Text beschreibt eine überzeichnete Welt der Fahrradenthusiasten, in der die Fahrräder mehr Lifestyle-Accessoire als Fortbewegungsmittel sind. Diese Welt gibt es, einige Ungenauigkeiten im Text dürften darauf zurückzuführen sein, dass der Autor nach eigener Angabe diesen Aspekt von Fahrrädern gerade neu entdeckt. So steht der Begriff "Urban Bikes" nicht generell stellvertretend für Räder mit fingerdicken Reifen. Auch die Unterschiede zwischen "Singlespeed" (Fahrräder ohne Gangschaltung) und "Fixies" (Räder mit starrem Gang) werden in dem Text vereinfacht wiedergegeben.

Und bei der Tour de France spricht man eher von Sprintwertung als von "Sprintprüfung", wie es bei Relotius heißt.


23. "Heim in die Hölle" - erschienen im SPIEGEL Nr. 32/2014

War zugänglich hier: "Verbrechen: Heim in die Hölle"

Verifiziert im Januar 2019

In dem Text, der im August 2014 erschienen ist, geht es um eine Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche in Marianna im US-Bundesstaat Florida, die "Florida School for Boys". In der im Jahr 1900 eröffneten Anstalt wurden jahrzehntelang Kinder und Jugendliche von den Wärtern gequält, geschlagen und gefoltert, 2011 wurde sie geschlossen. Ehemalige Insassen haben sich vor rund zehn Jahren als "White House Boys" zusammengeschlossen (benannt nach einem weißen Haus auf dem Anstaltsgelände, in dem die Jungs gequält wurden), ihre Leidensgeschichten veröffentlicht und kämpfen seither dafür, dass so etwas nicht mehr passiert. In dem Artikel "Heim in die Hölle" begleitet Claas Relotius einen, der diesen Horror vor mehr als 50 Jahren selbst erlebt haben soll.

Der Text enthält offenkundig zahlreiche Fälschungen, Übertreibungen und Dramatisierungen. Relotius war tatsächlich vor Ort und hat einige Tage mit Jerry Cooper, dem Protagonisten seiner Geschichte verbracht. Auf Anfrage des SPIEGEL zeigte der sich zunächst überrascht und dann wütend über den Inhalt: Trotz mehrfacher Nachfrage habe Relotius ihm nie eine englische Übersetzung des Artikels geschickt.

Der Text beginnt schon mit einer Übertreibung: Wer nicht aufaß, habe das Essen vom Boden auflecken müssen, schreibt Relotius. Diese Schikane gab es laut Cooper nicht.

"Über dem alten Eingangstor hängt noch das große, rostige Schild mit den Mahnungen, die jeden Jungen erwarteten, der in die Anstalt von Marianna kam: 'Du sollst nicht länger eine Gefahr für die Gesellschaft sein.' 'Du sollst lernen, dich an Regeln zu halten.' 'Du sollst daran arbeiten, ein aufrechter und guter Mensch zu werden.'" So führt Relotius das Anstaltsgelände ein, viele Leser dürften dabei an den Eingang eines KZ gedacht haben. In Wirklichkeit hat es laut Cooper dieses Schild nie gegeben. Auch die "Händler am Straßenrand", die angeblich White-House-Antiquitäten anbieten, "Stühle, Eisenketten, angebliche Folterbänke, die aus dem Erziehungsheim stammen und Auswärtigen als schaurige Souvenirs dienen sollen", gibt es demnach nicht. Mitten im Ort gibt es allerdings einen Laden mit dem Namen "White House Antiques".

Eine ergreifende Szene, in der Relotius mit Cooper zum Friedhof auf dem Anstaltsgelände geht, auf dem nach heimlich vergrabenen Kinderleichen gesucht wird, hat wohl nicht stattgefunden, der Zugang war abgesperrt.

Weiter schildert der Text detailreich, wie der Junge im Juni 1961 von den Wärtern gefoltert wird. Da der heute 74 Jahre alte Mann seine Geschichte selbst veröffentlicht hat, lässt sich gut vergleichen, wie sehr der SPIEGEL-Text übertreibt. Die von Relotius erwähnte Vergewaltigung hat Cooper zufolge nie stattgefunden.

Relotius beschreibt, dass Cooper durch einen Fernsehbeitrag über eine andere Anstalt an die Vergangenheit erinnert wird und sich dann auf die Suche nach Leidensgenossen macht und sie findet. Die Männer werden namentlich genannt, die erlittenen Traumata detailliert beschrieben - Cooper aber hat nach eigenen Angaben nie von ihnen gehört. Und er hat auch nicht von seinem schlimmsten Peiniger geträumt, wie in dem Artikel ausführlich beschrieben.

Wütend ist Cooper zudem über die offenkundige Dramatisierung einer weiteren Sache: Um zu beweisen, dass seine Erzählung wahr ist, hat er sich 2009 an einen Lügendetektor anschließen lassen. Einmal, für drei Fragen - und nicht "wieder und wieder", wie es im Text heißt. Und die Frage, mit der Relotius die Geschichte enden lässt, wurde laut Cooper nie gestellt: "Nur einmal schlug das Gerät erkennbar aus und zeigte eine Lüge an. Cooper wurde gefragt, ob er die Geschehnisse im Erziehungsheim mittlerweile verarbeitet habe. Er antwortete mit Ja."


24. "Wenn Mörder zu Pflegern werden" - erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 19. April 2014

Frei zugänglich: "Alzheimerkranke in US-Gefängnis: Wenn Mörder zu Pflegern werden"

Erneut verifiziert im Januar 2019

2013 erschien bei dem Schweizer Magazin "Reportagen" ein langer Text von Claas Relotius über ein kalifornisches Gefängnis, in dem sich jüngere Häftlinge um ihre Mitinsassen kümmern, die an Alzheimer leiden. SPIEGEL ONLINE veröffentlichte im Frühjahr 2014 eine kürzere Textfassung, die sich auf die selbe Recherche stützt.

Der große Zusammenhang des Textes ist richtig: Es gibt dieses Programm, und das Gefängnis, das California Men's Colony, hat bestätigt, dass Relotius tatsächlich schätzungsweise acht Stunden dort verbracht und mit der Leiterin des Programms, der Psychologin Cheryl Steed, persönlich gesprochen hat. Mit welchen Häftlingen er genau gesprochen hat, lässt sich wohl nicht mehr zuverlässig rekonstruieren. Aber zumindest ist sicher, dass diejenigen, die in diesem Text beschrieben sind, sich zu der Zeit in diesem Gefängnis befanden.

Bisher sind ansonsten kleinere Fehler aufgefallen. So decken sich die Altersangaben einzelner Häftlinge nicht mit der Darstellung in einem Artikel der "New York Times", die in ähnlicher Weise 2012 über das Programm berichtet hat; genaue Personendaten, die jetzt bei der Überprüfung helfen könnten, geben die Behörden allerdings nicht heraus. Das Büro der Psychologin befand sich damals im Erdgeschoss, nicht im zweiten Stock.

Andere Passagen werden sich nicht mehr prüfen lassen, etwa eine Szene, in der ein dementer Häftling ein Bild malt und das gemalte Motiv genau beschrieben wird.


25. "Die Männer sind schuld" - erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 4. Juni 2013

Frei zugänglich: "'Before Midnight'-Star Delpy: 'Die Männer sind schuld'"

Verifiziert im Januar 2019

Im Juni 2013 startete der Film "Before Midnight" in den deutschen Kinos. SPIEGEL ONLINE veröffentlichte dazu ein Interview mit der französischen Schauspielerin Julie Delpy. Der Redaktion angeboten hatte es der damalige freie Mitarbeiter Claas Relotius.

Ob das Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, ist unklar. "Before Midnight" wurde am 11. Februar 2013 im Wettbewerb der Berlinale gezeigt. Die Hauptdarsteller Julie Delpy und Ethan Hawke waren vor Ort und gaben auch Interviews.

Vermittelt wurden die Interviews von einer Münchner PR-Agentur im Auftrag des Filmverleihs Prokino an mehr als 30 Journalisten aus Deutschland und Österreich. Auf Anfrage teilte die Agentur mit, Relotius sei nicht dabei gewesen. Die Listen mit den anwesenden Journalisten sind noch vorhanden und wurden von der Agentur nach eigenen Angaben überprüft.

Theoretisch hätte Relotius auch an den offiziellen Kanälen und der PR-Agentur vorbei die Möglichkeit gehabt, Delpy zu sprechen, was allerdings ungewöhnlich wäre.

Ohne Audiodatei lässt sich das Gespräch schwer verifizieren. Im konkreten Fall gibt es keine Antworten von Delpy, die auffällig unplausibel sind. Zwei der Antworten stehen in einem gewissen Widerspruch zu Aussagen von ihr bzw. ihrem Filmpartner Ethan Hawke und dem Regisseur Richard Linklater in der Zeitschrift "Vanity Fair" bzw. der "New York Times". So lässt Relotius am Anfang sagen: "In Frankreich wird man als Erstes gefragt, wie es war, oben ohne zu spielen, und in den USA kommt meistens die Frage, wie es war, mit Ethan Hawke zu drehen." In einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift "Vanity Fair" sagte sie dagegen: "Es ist interessant, das (gemeint ist die Oben-ohne-Szene) hat hier (in den USA) für Aufmerksamkeit gesorgt, aber in Frankreich würde mich niemand danach fragen."


26. "Schönheit zahlt sich buchstäblich aus" - erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 29. November 2011

Frei zugänglich: "Attraktivität im Beruf: 'Schönheit zahlt sich buchstäblich aus'"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Am 29. November 2011 erschien im KarriereSPIEGEL ein Interview mit dem US-Wirtschaftsforscher Daniel Hamermesh, in dem es darum ging, ob es attraktive Menschen im Berufsleben leichter haben. Hamermesh hat auf Anfrage bestätigt, dass das Interview seine Aussagen präzise wiedergibt.


27. "Wer bloggt, dem droht der Tod" - erschienen bei SPIEGEL ONLINE am 14. November 2011

Frei zugänglich: "Drogenkrieg in Mexiko: Wer bloggt, dem droht der Tod"

Verifiziert im Januar 2019

In dem Text, den SPIEGEL ONLINE im November 2011 veröffentlicht hat, geht es um Blogger, die anonym über den mexikanischen Drogenkrieg berichten und deswegen bedroht oder ermordet werden. Der Artikel stützt sich vor allem auf Statements eines anonymen Bloggers mit dem Decknamen "Gerardo", der für das englischsprachige Blog "Borderland Beat" über Kartellkriminalität in Mexiko berichtet und deswegen digital bedroht wird.

Die von Claas Relotius zitierten Aussagen von "Gerardo" beschreiben die allgemeine Situation der Blogger und die Gewalt in Mexiko plausibel, "Gerardo" berichtet dabei auch von zwei konkreten Drohungen, die er per E-Mail bekommen haben will.

In einer Passage wird ein Polizeichef zitiert, zu dem bisher kein Kontakt hergestellt werden konnte. Außerdem schreibt Relotius über Gewalttaten gegen Blogger, Journalisten und Politiker, die den Fakten entsprechen und über die so auch in mexikanischen oder internationalen Medien berichtet wurde - die Quellen, auf die er sich dabei bezieht, hat er nur teilweise angegeben.

Der strittigste Teil des Textes ist das Interview mit "Gerardo". Es lässt sich nicht nachprüfen, ob Relotius den Blogger tatsächlich befragt hat. Es gibt einen bei Borderland Beat als Reporter registrierten Autor mit dem Alias "Gerardo", der auch im fraglichen Zeitraum 2010/2011 immer wieder Beiträge auf der Seite eingestellt hat. Borderland-Beat-Blogger/Betreiber haben in der Vergangenheit zumindest vereinzelt Interviews gegeben.


28. "Endreinigung" - erschienen im SPIEGEL 18/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "17 Jahre später: Der schlimmste Hotelgast aller Zeiten sagt endlich 'Sorry'"

Erneut verifiziert im Dezember und Januar 2019

In der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" schreibt Claas Relotius über den kanadischen Geschäftsmann Nick Burchill und wie dieser sich 17 Jahre nach seinem Besuch in einem Sternehotel in Victoria an der kanadischen Westküste für die "Sauerei" entschuldigt, die er damals in seinem Hotelzimmer hinterlassen hatte. Die Geschichte umfasst eine Seite.

Über diesen Text sagte Relotius im Dezember 2018, dass er den Protagonisten Nick Burchill nicht gesprochen habe. Der SPIEGEL hat Burchill im Januar 2019 kontaktiert. Auch er versicherte, dass er nie mit Relotius in Kontakt stand. Er hatte seine Geschichte selbst veröffentlicht - in einem offenen Brief via Facebook, der dann ein großes Presse-Echo fand. Burchill habe daraufhin viele Anrufe von Journalisten aus aller Welt erhalten, aber bis auf ein Radio-Interview mit dem kanadischen Sender CBC News aus Nova Scotia alle Interviewanfragen abgelehnt. Vom SPIEGEL lag offenbar keine Anfrage vor.

Zu einem großen Teil stimmt die Relotius-Geschichte mit den persönlichen Schilderungen von Burchill überein. Allerdings finden sich in dem SPIEGEL-Text zusätzlich einige Details sowie Zitate, die weder dem Wortlaut des Facebook-Briefs noch dem Radiointerview entnommen sind und offenbar von Relotius erfunden wurden.


29. "Ins Mehl geboren" - erschienen im SPIEGEL 15/2014

Frei zugänglich: "Ins Mehl geboren"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

In der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" schreibt Claas Relotius über den 23-jährigen Italiener Daniel Favero, der kurz zuvor zum "besten Pizzabäcker Europas" gekürt worden war.

Die Geschichte ist wahr und - soweit das heute noch nachzuprüfen ist - im Wesentlichen korrekt geschildert. Relotius war 2014 tatsächlich in der Trattoria von Favero und sprach dort mit ihm. Das geht unter anderem aus einem Artikel der italienischen Lokalzeitung "Il Tirreno" hervor, die das kleine Ereignis mit einem Bild belegt, das den damaligen SPIEGEL-Mitarbeiter zusammen mit dem Pizzabäcker zeigt.

Eine Unstimmigkeit gibt es über die Tageszeit des Besuchs: Relotius schreibt von einem "Sonntagnachmittag", in der italienischen Zeitung ist von 11.00 Uhr am Vormittag die Rede. Die Zitate des Pizzabäckers konnte der SPIEGEL fast fünf Jahre nach dem Treffen nicht verifizieren. Aber keine der Aussagen Faveros im Text steht im Widerspruch zu denen in der Darstellung anderer Medien.

Grobe Faktenfehler gibt es offenkundig nicht, die Einwohnerzahl des "Tausend-Seelen-Dorfs Bedizzano" lag allerdings mit rund 830 ein wenig niedriger als im Text angegeben. Laut Homepage des Restaurants schrieb sich der Großvater des Pizzabäckers, der Gründer der Trattoria, "Francesco" mit "e", doch Relotius bestand 2014 auf der Schreibweise "Francisco" mit "i".


30. "90 Zeichen Stuss" - erschienen im SPIEGEL 16/2014

Frei zugänglich: "90 Zeichen Stuss"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Für die Rubrik "Ein Tweet und seine Geschichte" schrieb Claas Relotius über eine junge Frau aus Nordengland, die durch eine völlig verunglückte Kurzmitteilung über den damaligen US-Präsidenten Barack Obama "zur weltweiten Witzfigur" geworden sei und 30.000 Twitter-Follower bekommen habe.

Der Kern der Geschichte scheint wahr. Der Tweet, der sich auf die Ukrainekrise bezog, lautete "If barraco barner is our president why is he getting involved with Russia, scary". Der falsch geschriebene Name des US-Präsidenten Barack Obama und die falsche Annahme, dass er Präsident von Großbritannien sei, zog Spott in den sozialen Netzwerken nach sich - darüber wurde im März 2014 in mehreren englischsprachigen Medien wie der Boulevardzeitung "Daily Mail" berichtet. Häufig wurde die junge Britin mit ihrem vollen Namen genannt, Fotos von ihr, die im Netz zu finden waren, wurden veröffentlicht.

Der Text von Relotius enthält einige detaillierte Schilderungen, die sich durch heute zugängliche Quellen nicht belegen lassen. So gibt es kleine Abweichungen zur Berichterstattung in der "Daily Mail", die offenbar wenige Tage nach dem Tweet mit der jungen Frau gesprochen hatte. Die Zeitung berichtete auf ihrer Website, die junge Frau habe schon an dem Morgen, nachdem sie ihren Tweet abgesetzt hatte, bemerkt, dass sie 1300 neue Follower habe. Dann sei sie zur Arbeit gegangen, während ihr Smartphone ständig den Eingang neuer Nachrichten gemeldet habe, so wurde die junge Frau von der englischen Zeitung zitiert.

Bei Relotius liest es sich so, als sei sie morgens zunächst wie gewohnt zur Arbeit in einen Schönheitssalon gegangen und habe erst in der Mittagspause nachgeschaut, "welche Freunde ihren weltpolitischen Beitrag kommentiert hatten". Für die Zahl von 4000 Followern, die sie zu diesem Zeitpunkt angeblich bereits auf Twitter hatte, ließ sich bei der Neu-Verifikation kein Beleg finden.

Relotius schreibt, die junge Frau habe ihm am Telefon ihre Geschichte erzählt. Ob das stimmt, ließ sich jetzt, fünf Jahre später, noch nicht sicher klären.

Sicher ist dagegen, dass die ursprüngliche Überschrift "90 Zeichen Stuss" so nicht korrekt ist. Der Tweet, um den es geht, ist einschließlich der Leerzeichen lediglich 80 Zeichen lang.


31. "Auge um Auge" - erschienen im SPIEGEL 27/2015

Frei zugänglich: "Auge um Auge"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" handelt von Michael Cicconetti, Richter in der Kleinstadt Painesville, US-Bundesstaat Ohio. Cicconetti ist bekannt für seine ungewöhnlichen Strafen. In dem von Claas Relotius hauptsächlich beschriebenen Fall geht es um eine junge Frau, die einem Burger-King-Mitarbeiter Pfefferspray in die Augen sprühte, weil er sie eine halbe Stunde lang auf ihr Essen warten ließ. Richter Cicconetti entschied, dass der Kläger die Täterin ebenfalls mit Pfefferspray ansprühen sollte.

Relotius erwähnt weitere Urteile Cicconettis und zitiert ausführlich aus einem Telefongespräch, das er mit ihm geführt habe. Ob dieses Gespräch stattgefunden hat, ist unklar. Cicconetti sagt auf Nachfrage im Januar 2019, er könne sich nicht erinnern, mit Relotius Kontakt gehabt zu haben, schließt es aber auch nicht ganz aus. Über ihn und seine Urteile wurde vielfach in überregionalen und internationalen Medien berichtet.

Der Artikel beruht im Kern auf wahren Begebenheiten, weist aber sachliche Fehler auf, zum Beispiel ist Cicconetti nicht Vater von zwei, sondern von fünf Kindern. Eine von ihm verurteilte Frau, die ihr Haustier ausgesetzt hatte, musste nicht "Nächte", sondern eine Nacht allein ohne Wasser und Nahrung im Wald verbringen. Ein Mann, der Polizisten als "Schweine" beschimpft hatte, wurde nicht gezwungen, "einen Tag lang als Schwein verkleidet durch die Stadt zu laufen", sondern er musste sich neben einem lebenden Schwein mit dem Schild postieren: "Dies ist kein Polizist."


32. "Schwarze Witwe" - erschienen im SPIEGEL 35/2018

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Schwarze Witwe"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

In der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" berichtet Relotius über "Sombra", eine Deutsche Schäferhündin im Dienst der kolumbianischen Drogenfahndung, auf die ein Kopfgeld von umgerechnet rund 60.000 Euro ausgesetzt worden sein soll. Relotius erzählt das als Geschichte über einen Ausnahme-Drogenhund und einen angeblichen Aufruf zur Tötung des Tiers.

Ein Abgleich mit den Quellen der Sombra-Geschichte deutet darauf hin, dass sich Relotius wohl vorwiegend bei solchen Fremdquellen bedient hat: Die meisten konkreten Personen zugeordneten Aussagen finden sich in Zeitungs- und TV-Berichten wieder, die vor der Relotius-Geschichte veröffentlicht wurden, einige auch bei Twitter. Gleiches gilt für die zitierten Zahlen.

Aus denen sticht das angeblich auf Tötung des Hundes ausgesetzte Kopfgeld von 200 Millionen Pesos (umgerechnet rund 60.000 Euro) hervor, durch das die Geschichte Schlagzeilen machte. Sie findet sich sogar in einer Twitter-Äußerung von General Jorge Nieto, der bis zum 10. Dezember 2018 Polizeichef von Kolumbien war.

Lokale Medien berichteten am 25. Juli 2018 darüber, die Nachrichtenagentur AFP verbreitete die Nachricht international und CNN machte sie populär. Nach einer Meldung der dpa am 27. Juli berichteten zahlreiche deutsche Medien basierend auf diesen Falschangaben. Bereits am 26. Juli 2018 hatte die BBC allerdings wichtige Aspekte relativiert: "Die Counternarcotics-Direktion der kolumbianischen Polizei bestätigte gegenüber BBC Mundo, dass die für Sombra gebotene Belohnung 20 Millionen kolumbianische Pesos (rund 7.000 US-Dollar) und nicht 70.000 US-Dollar beträgt, wie zuvor in den lokalen Medien angegeben."

Nachfragen von Medien zeigten schnell, dass Sombra zwar ein erfolgreicher Drogenhund war, die Geschichte ansonsten aber nicht wirklich ungewöhnlich: Die Hündin wurde vor allem an Massenumschlagplätzen wie Häfen oder Bahnhöfen eingesetzt, das erklärt ihren Erfolg. Auch Drohungen gegen Polizeihunde gebe es "täglich".

Sombra gilt allerdings als wenig nervöser Hund, sie wird deshalb von der kolumbianischen Drogenfahndung auch für PR-Zwecke eingesetzt. Die Behörde twittert in ihrem Namen und bietet beispielsweise Kindern an, am Flughafen von Bogotá Selfies mit dem berühmten Drogenhund zu machen. Der Hund trägt dabei keineswegs eine "schusssichere Weste", wie Relotius schrieb. Auch wird er nicht von zwei Leibwächtern mit Maschinengewehren begleitet, sondern nur von seinem normal bewaffneten Hundeführer.


33. "Die letzte Zeugin" - erschienen im SPIEGEL 10/2018

Frei zugänglich: "Die letzte Zeugin"

Erneut verifiziert im Dezember 2018 und Januar 2019

Ausgangspunkt der mehr als fünf Seiten langen Geschichte ist die Hinrichtung des Serienmörders Anthony Shore, der am 18. Januar 2018 im Staatsgefängnis von Huntsville, Texas, durch eine Giftspritze starb.

Die Hauptfigur des Textes ist eine angebliche Hinrichtungszeugin. Relotius beschreibt sie als 59-jährige Sekretärin aus Joplin, Missouri, die er dabei begleitet, wie sie mit dem Greyhound-Bus 15 Stunden lang nach Huntsville fährt. Sie erzählt ihm eine dramatische Lebensgeschichte, die ihre Handlungen verständlich macht. Immer wieder meldet sich die Frau als Zeugin, wenn irgendwo in den USA die Todesstrafe vollstreckt wird: Sie stellt sich in den Dienst eines Gesetzes, das die Anwesenheit "ehrbarer Bürger" verlangt. Relotius nennt sie Gayle Gladdis, das sei "nicht ihr richtiger Nachname". Es heißt, sie habe "fast niemandem verraten, wohin sie fährt und was sie erleben wird".

Nichts davon ist wahr. Relotius sagte zwar im Dezember 2018 im Gespräch mit seinen Vorgesetzten, er habe seine Hauptfigur nicht begleitet, sondern lediglich 20 Minuten lang kurz vor der Hinrichtung in Huntsville mit ihr gesprochen. Diese Frau gebe es also wirklich, aber alles Szenische, viele Zitate und Einzelheiten ihrer Biografie habe er erfunden.

Aus einer Stellungnahme der texanischen Justizbehörde vom Januar 2019 geht jedoch klar hervor, dass es bei der Hinrichtung von Anthony Shore keine Zeugin aus Joplin, Missouri, gab. Die zur Verfügung gestellte Zeugenliste umfasst 37 Personen, die namentlich aufgeführt sind: Staatsbedienstete, Journalisten, Freunde des Hingerichteten, Angehörige seiner Opfer, Mitglieder von Hilfsorganisationen.

Justizsprecher Jeremy Desel weist in einer E-Mail auf weitere Falschdarstellungen in der Relotius-Geschichte hin: "Der Staat Texas ist nicht verpflichtet, Zeugen zu einer Exekution hinzuzuziehen." Ein zentrales Element der Erzählung stimmt also nicht einmal mit den nachprüfbaren Vorschriften überein.

Nachforschungen von Desel in Huntsville ergaben, dass sich Relotius am Tag der Hinrichtung anscheinend in der Nähe des Gefängnisses aufgehalten hat, aber: "Mit Sicherheit war er in keinem unserer Gebäude." Das widerspricht der SPIEGEL-Hausmitteilung, in der es heißt: "Relotius konnte die Frau bis in den Zeugenraum begleiten."

Die Überprüfung offenbart: Die Biografie der frei erfundenen "Gayle Gladdis" weist gewisse Übereinstimmungen mit der Biografie einer Frau auf, die den beinah identischen Namen Gayle Gaddis trägt. Sie lebt in Pearland, Texas, 85 Meilen von Huntsville entfernt. Am 23. Juli 2017 hat die "New York Times" über ihr Schicksal berichtet: Ihr Sohn, ein Polizist, wurde im Dienst ermordet, der Mörder wurde in Huntsville hingerichtet. Gaddis sah zu.

Gaddis erzählt auf Nachfrage am Telefon auch, dass sie tatsächlich vorgehabt hatte, zur Hinrichtung des Frauenmörders Anthony Shore ins nahe gelegene Huntsville zu fahren. Daraus sei dann aber nichts geworden, weil sie vom Gefängnis keine Genehmigung zum Besuch der Exekution bekommen habe.

Von der fiktiven "Gayle Gladdis" heißt es bei Relotius, ihr Sohn, ebenfalls ein Polizist, und ihr Enkelkind seien ermordet worden. Die Mörder seien zum Tode verurteilt, aber nicht hingerichtet worden. Die für sie traumatische Erfahrung habe sie dazu getrieben, immer wieder als Zeugin an Hinrichtungen teilzunehmen.

Auf telefonische Nachfrage sagte Gaddis im Januar 2019, sie habe Relotius mit Sicherheit nie getroffen und könne sich auch an keinen anderen Kontakt mit ihm erinnern.

Der Artikel weist weitere Faktenfehler auf, zum Beispiel:

Einige Unstimmigkeiten fielen SPIEGEL-Lesern schon nach Erscheinen des Artikels auf. So meldete sich die deutsche Expertin Gaby Uhl, die selbst zu Hinrichtungen in Texas publiziert hat, bei Relotius. Sie schrieb ihm, dass sie kaum glauben könne, dass er tatsächlich vor Ort gewesen sei. In Mails und Telefonaten gelang es Relotius aber, diesen Zweifel auszuräumen.

So heißt es bei Relotius: "In Shores Armen stecken zwei große Injektionsnadeln. Die Schläuche, die an den Kanülen hängen, führen durch ein Loch in der Wand hinüber in ein drittes Zimmer. Dort, hinter einer verspiegelten Fensterscheibe, sitzen zwei Beamte an einem Computer. Sie warten auf das Zeichen, um den Knopf für die Injektion zu drücken. Wer von ihnen drückt, werden sie niemandem verraten." Uhl sagt: "Das ist definitiv falsch. In Texas werden die Injektionen manuell verabreicht. Nicht wie im Film 'Dead Man Walking', der hier wohl als Quelle diente." Relotius habe damals jedoch entgegnet, die Gefängnisverwaltung in Huntsville habe ihm den geschilderten Ablauf bestätigt.

Doch auch diese Bestätigung hat es wohl nie gegeben, wie sich jetzt herausstellte: Justizsprecher Desel sagt über die Textpassage, sie sei "nicht korrekt". Nähere Auskünfte über den Ablauf von Hinrichtungen in Texas könne er wegen der gesetzlich vorgeschriebenen Geheimhaltung nicht geben.


34. "Versagt" - erschienen im SPIEGEL 45/2016

Frei zugänglich: "Versagt"

Erneut verifiziert im Januar 2019

In dem Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" schreibt Relotius über den Fall von Stephen Mader. Der junge weiße Polizist in Weirton, West Virginia, wurde entlassen, weil er nicht auf einen bewaffneten schwarzen Mann, Ronald Williams, geschossen hat. Mader habe es versäumt, "eine Bedrohung auszuschalten", hieß es damals. Williams stand mitten in der Nacht mit einer Waffe vor dem Haus seiner Ex-Freundin. Ein Kollege von Mader erschoss den Mann. Hinterher stellte sich heraus, dass Williams Waffe nicht geladen war. Während der Polizeichef sagte, Mader habe die Kontrolle verloren, feierten ihn andere als Helden.

Der Vorgang, über den in mehreren Medien berichtet wurde, ist nur in den Grundzügen korrekt dargestellt. Relotius behauptet im Text, mit Mader telefoniert zu haben, Erkenntnisse insbesondere aus Beiträgen jüngerer Zeit, etwa aus der Visualstory "I Don't Want To Shoot You, Brother" von "ProPublica" vom 29. November 2018, lassen aber vermuten, dass Relotius nicht oder nur kurz mit Mader gesprochen hat. Anzunehmen ist vielmehr, dass Relotius seine Geschichte aus vorgefundenen Medienberichten zusammengeschrieben und dabei im Detail verändert und ausgeschmückt hat.

Eine Verfälschung ist bereits der szenische Einstieg, in dem es heißt: "An einem Freitagabend im Mai auf einem leer stehenden Supermarktparkplatz ... die Sonne über der Stadt ging gerade unter." Tatsächlich ereignete sich der Vorfall weder auf einem verlassenen Parkplatz noch bei Sonnenuntergang, sondern früh am Morgen kurz vor drei Uhr, und zwar in der Marie Avenue 119 vor dem Haus der Ex-Freundin von Ronald Williams.

Sachlich falsch oder zumindest zweifelhaft sind aber auch weitere Angaben im Text.


35. "Der Spieler" - erschienen in der SPIEGEL CHRONIK (6. Dezember 2017)

In diesem Stück wird Claas Relotius als Co-Autor aufgeführt, weil einige Aspekte aus seiner Zulieferung zur Geschichte "Der Mann von Zimmer 402" (erschienen im SPIEGEL 49/2017) auch in diesen Rückblick eingeflossen sind. Diese Zulieferung war nicht manipuliert. Sie bestand aus der Bearbeitung von veröffentlichten Texten und einem Gespräch mit dem damaligen Teammanager von Borussia Dortmund, Fritz Lünschermann, der ein Gespräch mit Relotius und die Richtigkeit des ihm zugeschriebenen Zitats bestätigt hat.


36. "Löwenjungen" - erschienen im SPIEGEL 08/2017

Frei zugänglich: "Schicksale: Wie der IS aus zwei Kindern Attentäter machte"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Mit "Löwenjungen" hat Relotius eine Reportage über die zwei Brüder Nadim und Khalid geschrieben, die der "Islamische Staat" in Dijala entführt und im August 2016 als Selbstmordattentäter in die irakische Stadt Kikurk geschickt haben soll. Nadim sei mit einer Sprengweste am Körper in der Nähe einer Moschee "ganz plötzlich losgerannt, schreiend in die Menge". Ein Polizist habe ihn im letzten Moment gestoppt. Weiter heißt es: Khalid habe sich kurze Zeit danach vor einer anderen Moschee in die Luft gesprengt.

Im Verlauf der Reportage erzählt Relotius das Geschehen und die Biografie der Jungen nach. Relotius habe den überlebenden Jungen, Nadim, dafür im November 2016 im Dschamdschamal-Gefängnis besucht und mit dem Gefängnisarzt gesprochen. Dem Arzt habe Nadim seine Geschichte erzählt oder sie mit Wachsmalbildern aufgemalt. "Nadim sollte malen, worüber er nicht sprechen konnte", schreibt Relotius.

Relotius räumte bereits Ende 2018 im Gespräch mit seinen Vorgesetzten ein, dass Teile des Artikels gefälscht seien. Er gab an, dass er nicht lange mit Nadim und dem Gefängnisarzt reden konnte.

Es stimmt, dass Nadim existiert und dass ein Selbstmordanschlag durch ihn verhindert werden konnte. Zu dem Jungen, seinem vereitelten Anschlag und zwei weiteren Anschlägen an dem Tag in Kikurk gibt es zahlreiche Medienberichte. Doch ab dann beginnen bei Relotius die Faktenfehler, Widersprüche zu anderen Medien, mutmaßlichen Fälschungen und Dramatisierungen.

In den Berichten gibt es unterschiedliche Angaben zu Alter, Namen und Beziehung der Kinder zueinander. Die meisten Medien schreiben nicht, dass es sich bei Nadim und Khalid um Brüder handele. Auch umgehen andere Medienberichte die Vorgeschichte Nadims und seine Herkunft weitgehend. Auffallend ist, dass Nadim selbst äußert, er käme aus Mossul. Skynews veröffentlichte Mitte Dezember 2016, also kurz nach Relotius Reise, ein kurzes Interview mit dem Jungen. Es deckt sich in großen Teilen nicht mit den Angaben und Schilderungen von Relotius.

Relotius schreibt zum Beispiel, dass der Junge im Dschamdschamal-Gefängnis sitzt. Dieses Gefängnis gibt es. Ein Gutachten des amerikanischen Sonderinspektors für den Wiederaufbau des Irak aus dem Jahr 2009 bietet umfangreiche Informationen zur Ausstattung der Anlage und den unterschiedlichen Zellen. Die Details und Bilder, wie etwa zur Größe und Beleuchtung der Zelle, decken sich in großen Teilen nicht mit Relotius Beschreibung des Gefängnisses. Daher liegt die Vermutung nahe, dass der Junge damals in einer anderen Strafvollzugsanstalt - laut Skynews in einem Jugendgefängnis - saß, und Relotius ihn, wenn er ihn tatsächlich gesprochen hat, nicht im Dschamdschamal getroffen hat. Der Arzt konnte bislang nicht identifiziert werden.

Ein Beispiel für einen Faktenfehler ist es, dass Nadim eine Sprengweste mit 9,5 Kilo Dynamit getragen hätte. Es handelte sich allerdings um einen Sprengstoffgürtel mit 2 Kilo TNT.

Nicht plausibel ist, dass Relotius den Jungen in seiner Gefängniskluft und Handschellen in seiner Zelle getroffen hat. Skynews interviewte ihn in normaler Alltagskleidung ohne Handschellen und nicht in einer Zelle. Auch nicht plausibel ist, dass der IS wenige Tage nach dem Anschlag des angeblichen Bruders eine Visitenkarte am Ort des Geschehens hinterlassen und sich so zu dem Angriff bekannt hat. Der IS verbreitet seine Bekennerschreiben in der Regel über digitale Medien und möglichst zeitnah. So hat der IS auch hier am nächsten Tag über das Internet den Anschlag des anderen Jungen für sich beansprucht.

Viele Beschreibungen über die Ereignisse im IS-Lager scheinen dagegen plausibel. Entkommene Kinder berichten von ähnlichen Verhältnissen. Dennoch lassen einige Szenen Zweifel aufkommen: etwa dass nur ein Imam die Jungen unterrichtete. Das erzählt Nadim im Interview mit Skynews anders.

Nachdem "Löwenjungen" im Februar 2017 im SPIEGEL erschienen war, recherchierte und filmte ein Team von SPIEGEL TV im Nordirak für zwei Beiträge, darunter einen zum Thema Kindersoldaten. Dafür wurde "Nadim" im Gefängnis interviewt. Der am 30. April 2017 gesendete Beitrag ist allerdings zurzeit aus dem Netz genommen, weil man sich der Authentizität zweier dem SPIEGEL-Artikel von Relotius entnommener Kinderzeichnungen Nadims nicht mehr sicher ist.

Beim Schnitt fielen SPIEGEL TV einige Sachverhalte auf, die nicht deckungsgleich mit der Heftgeschichte waren. So nannte sich der interviewte Junge nicht Nadim, sondern Mahmud, und Nadim und Kahlil (der in der SPIEGEL TV-Reportage keine Rolle spielt) waren offenbar keine Brüder. Nadim saß auch in einem anderen Gefängnis als dem von Relotius benannten.

Relotius gelang es aber, die Zweifel an seiner Reportage weitgehend zu zerstreuen. Auf seine Bitte hin änderte SPIEGEL TV den richtigen Namen "Mahmud" wieder zurück in Nadim. Relotius sagte, er hätte dies in seinem Text auch so gehalten und zwar aus Schutzgründen. Das erschien SPIEGEL TV plausibel.


37. "Gin und Tonic" - erschienen im SPIEGEL 25/2017

Frei zugänglich: "Zwillingsschicksal: Wie schön es ist, zu zweit zu sein"

Erneut verifiziert im Januar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" handelt von zwei 97-jährigen Zwillingsschwestern: Martha Williams und Jean Harley aus Barrington im US-Bundesstaat Rhode Island, waren beide Anfang März 2017 im Freien gestürzt - die eine offenbar bei dem Versuch, der anderen zu helfen - und starben an Unterkühlung.

Der Text wird illustriert mit dem Ausriss einer Meldung über den Tod der Zwillingsschwestern aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 8. März 2017; die FAZ wiederum nennt als Quelle einen Bericht der Lokalzeitung "Providence Journal". Auch die Nachrichtenagentur AP, der "Boston Globe" und andere Zeitungen haben über den Tod der Zwillingsschwestern berichtet.

Bereits am 6. März 2017 hatte SPIEGEL ONLINE den Vorfall gemeldet und dabei einen Artikel der "Washington Post" zitiert.

Der Text von Relotius weicht von anderen Medienberichten in einigen Details ab. So schreibt er, die eine Zwillingsschwester habe puren "Gin", die andere aber nur "Tonic" ohne Alkohol getrunken - daher die Überschrift. Auch hätten die Zwillinge zuletzt wieder zusammengewohnt und dabei "wie früher in einem Bett" geschlafen.

Das und einiges mehr will Relotius bei einem Telefonat mit Mary erfahren haben, der jüngeren Schwester von Martha und Jean. Ob dieses Telefonat tatsächlich stattgefunden hat und - wenn ja - ob Mary ihm wirklich diese Details erzählt hat, ist angesichts einiger Unstimmigkeiten zweifelhaft. So war weder in einer US-Zeitung noch in der Meldung bei SPIEGEL ONLINE davon die Rede, dass die Zwillinge zusammengewohnt haben.

Bisher ist es nicht gelungen, Mary zu erreichen, um zu klären, ob sie jemals mit Relotius gesprochen hat.


38. "Der Mann in der Menge" - erschienen im SPIEGEL 34/2015

Frei zugänglich: Der Mann in der Menge

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

In dem Text aus der Rubrik "Ein Foto und seine Geschichte" geht es um einen weißen Rassisten, der auf einer Demonstration gegen Schwarze im US-Bundesstaat South Carolina kollabiert und von einem Schwarzen gerettet wird.

Die wesentlichen Fakten in dem Artikel stimmen. Der Leiter der Behörde für öffentliche Sicherheit in South Carolina, Leroy Smith, hatte am 18. Juli 2015 bei einem Aufmarsch von Rechtsextremen einen Teilnehmer der Demonstration gestützt, der sich gesundheitlich schlecht fühlte.

Das geht aus einem auch mit einem Foto belegten Bericht des US-Journalisten Dan Barry hervor, der am 25. Juli 2015 in der "New York Times" erschienen war; die Überschrift lautete: "Schwarzer Polizist aus South Carolina erklärt, warum er einem weißen Rassisten half". Aus der Geschichte geht hervor, dass Smith im Rahmen seiner Dienstpflichten und aus Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe handelte.

Ob Relotius selbst mit dem Polizisten Smith gesprochen hat, ist unklar. Smith war bislang telefonisch nicht zu erreichen.


39. "Blind Date" - erschienen im SPIEGEL 24/2017

Frei zugänglich auf SPIEGEL+: "Eine Staatsaffäre: Die deutsche FBI-Frau, die einen IS-Kämpfer heiratete"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Relotius beschreibt in diesem Text einen Besuch bei Daniela Greene, die als FBI-Mitarbeiterin in den USA die elektronische Kommunikation des deutschen IS-Kämpfers und Ex-Rappers Denis Cuspert ("Deso Dogg") überwachen sollte. Greene hatte offenbar ohne Wissen ihrer Vorgesetzten mit Cuspert Kontakt aufgenommen, war im Sommer 2014 zu ihm nach Syrien gereist und hatte ihn dort geheiratet, bevor sie unter unbekannten Umständen wieder in die USA zurückkehrte und verhaftet wurde. Nach einer zweijährigen Haftstrafe lebte sie im Norden der USA, als ihr Fall und ihr damaliger Wohnort Anfang Mai 2017 durch Berichte in US-Medien bekannt wurden.

Die im Text genannten Fakten zum Fall Greene/Cuspert sind weitgehend überprüfbar. Sie stammen zum Teil aus US-Gerichtsakten. Diese wurden allerdings nicht, wie Relotius schreibt, "lange unter Verschluss gehalten", sondern bereits 2015 auf richterlichen Beschluss der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und 2017 vom Sender CNN in einem ausführlichen Bericht aufgegriffen.

Ob Relotius ein persönliches Gespräch mit Daniela Greene führte, ist unsicher. Zu Beginn seines Textes beschreibt er - ohne Angabe einer Quelle - szenisch, wie Greene am Abend des 1. Mai zu Hause vor ihrem Fernsehgerät erstmals wahrgenommen habe, dass über ihren Fall berichtet wurde ("Greene saß allein auf ihrem Sofa, sie beugte sich dem Fernseher entgegen"). Sicher ist, dass Relotius zu diesem Zeitpunkt nicht dort war. Er flog erst am 9. Mai aus Deutschland in die USA.

Relotius schreibt, er habe acht Tage Greenes Haus beobachtet, ohne ihr zu begegnen. Kurz bevor sie am 17. Mai von einem Fahrzeug mit Regierungskennzeichen weggebracht worden sei, habe sie ihn noch zu einem zweistündigen Gespräch in ihrer Wohnung empfangen. Fakten zu ihrem Fall, die nicht schon aus anderen Quellen bekannt waren, berichtet Relotius aus diesem Gespräch nicht. Stattdessen beschreibt er in vielen Einzelheiten, wie Greenes Wohnung ausgesehen haben soll und wie ihre Befindlichkeit gewesen sei. "Das ganze Land hasst mich", soll Greene "in akzentfreiem Deutsch" gesagt haben. Nachprüfbar ist das nicht, Greenes aktueller Aufenthaltsort ist nicht bekannt.


40. "Pizza Francescana" - erschienen im SPIEGEL Nr. 18/2015

Frei zugänglich: "Pizza Francescana"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

In der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" schreibt Relotius über den Papst und einen Pizzabäcker. In der Ursprungsmeldung geht es darum, dass Franziskus in einem Fernsehinterview gesagt hatte, er vermisse es, unerkannt in einem Restaurant eine Pizza essen zu können. Der Pizzabäcker Enzo Cacialli von der Trattoria Don Ernesto nutzte daraufhin im März 2015 einen Besuch des Papstes in Neapel dazu, ihm eine Pizza ans Papamobil zu bringen. Diese Meldung ging nebst Video um die Welt; auch in den deutschen Medien wurde ausführlich berichtet.

Drei Wochen später reiste Claas Relotius nachweislich für zwei Tage nach Neapel und sah sich in der Pizzeria um. Ob er dort persönlich mit Enzo Cacialli gesprochen hat, ließ sich nicht mehr ermitteln. Dass Cacialli vielen Reportern, die ihn in den Monaten nach dem päpstlichen Pizza-Coup besuchten, die Episode bunt ausgeschmückt erzählte, ist plausibel: Er wirbt bis heute damit.

Richtig ist auch, dass 21 Jahre zuvor schon Enzos Vater, Don Ernesto, ein ähnlicher Coup gelungen war. Ernesto Cacialli war Geschäftsführer der Pizzeria Di Matteo, als der damalige US-Präsident Bill Clinton anlässlich des G7-Gipfels Neapel besuchte (aber nicht, wie Relotius schreibt, anlässlich eines "Kongresses"). Clinton ließ sich auf dem Weg durch die Altstadt ein Eis anbieten - und eine Pizza Napoli, die Ernesto Cacialli gebacken hatte.

Auch Relotius nimmt Bezug auf diese Episode. Er hält die von Clinton im Menschengedränge eingerollt gegessene Napoli fälschlich für eine Pizza Calzone. Dass Relotius' schildert, Clinton habe "zwischen Kerzenschein und Rüschengardinen genüsslich in das Stück Pizza" gebissen, entspricht nicht den Tatsachen. Clinton stand und aß in einer erdrückend engen Menschentraube, sein "Restaurantbesuch" dauerte nur wenige Augenblicke. Relotius beschreibt in seinem Text außerdem nur das erst kurz davor eröffnete Don Ernesto an der Hafenpromenade. Den Schauplatz der Clinton-Episode sah er vermutlich nicht: Dies war das Di Matteo in der Altstadt.

Präsidenten- oder Papst-Pizzerien findet man in Neapel heute überall dort, wo Mitglieder der Familie Calcialli einst Pizza buken oder dies heute noch tun. Di Matteo verweist zu Recht darauf, Enzo Calcialli hat seine Pizzeria nicht nur nach dem Vater benannt, sondern auch nach der "Pizza des Präsidenten". Die Pizzeria Dal Presidente gehörte Ernesto Calcialli von 2001 bis 2008, und Enzo Calciallis Schwester Maria hat mit La Figlia del Presidente den präsidialen Ruf wirklich erfolgreich vermarktet: Sie leitet ein als gut geltendes Restaurant mit 150 Plätzen und viel VIP-Kundschaft.


41. "Hi, Rahim, wie geht's?" - erschienen im SPIEGEL Nr. 22/2016

Frei zugänglich: "Hi, Rahim, wie gehts?"

Erneut verifiziert im Februar 2019

In der Reihe "Eine Meldung und ihre Geschichte" schreibt Relotius im Mai 2016 über den afghanischen Guantanamo Häftling Muhammad Rahim al-Afghani, 45, der "im Internet die Liebe sucht". Der vom US-Verteidigungsministerium als gefährlicher Terrorist eingestufte al-Afghani ließ im Jahr 2012 über seinen Anwalt ein Datingprofil in einer der großen Onlinepartnerbörsen anlegen und beantwortete dann in Camp Delta - wiederum über seinen Anwalt - die vielen eintreffenden Kontaktangebote.

Dieser kuriose Fall war bereits im Spätsommer 2015 von ausländischen Medien aufgegriffen worden, zunächst von der US-Ausgabe "Al Jazeeras", kurz danach von "Daily Mirror" und "Daily Mail" in Großbritannien. Schließlich berichtete auch "Fox News".

Die Berichterstattung führte dazu, dass das Datingportal Match.com das persönliche Profil al-Afghanis löschte. Am 14. September 2015 verbreiteten sich noch Links zu dem Profil, das ab dem 15. September 2015 aber nicht mehr erreichbar war, wie mehrere Medien berichteten. So blieb es dann auch: Afghani selbst scherzte in einem Brief an seinen Anwalt, der im Februar 2016 öffentlich wurde, "Fox News" habe sein Profil schließen lassen.

Relotius stellte das im Mai 2016 anders dar. Bei ihm ist das Datingprofil aktiv: "So geht es seit vier Jahren, bis heute." Er berief sich an dieser Stelle auf ein angebliches Telefonat mit al-Afghanis Anwalt Carlos Warner.

Der kann sich an ein Telefonat mit Relotius oder einem anderen deutschen Journalisten nicht erinnern. Nachdem er eine Übersetzung der SPIEGEL-Meldung gelesen hatte, sagte er, "etwa 90 Prozent" davon halte er für akkurat, manche der ihm zugeschriebenen Sätze habe er ähnlich an anderer Stelle gesagt, andere aber nie.

So habe er nicht behauptet, dass Afghani im Jahr 2008 von der CIA als letzter Terrorverdächtiger überhaupt nach Guantanamo gebracht worden sei. Relotius bezog sich hier möglicherweise auf andere Quellen.

Anwalt Warner sagt, auch viele der von Relotius zitierten Einzelheiten aus al-Afghanis Internet-Flirtkontakten habe er nicht von ihm. Auch der Satz, "keiner der elf weiteren von ihm betreuten Guantanamo-Insassen glaubt heute noch an Liebe", stamme nicht von ihm.

Der Originalinhalt des Datingprofils ist nicht mehr nachzuvollziehen, die offenbar nur bis zum 14. September 2015 (da wurde sie im "Breitbart"-Forum noch verlinkt) aktive URL wurde nach jetzigem Stand nicht archiviert.


42. "Mathys großer Schlaf" - erschienen im SPIEGEL Nr. 30/2015

Frei zugänglich: "Mathys großer Schlaf"

Erneut verifiziert im Februar 2019

Am 18.07.2015 veröffentlichte der SPIEGEL eine Reportage von Claas Relotius unter dem Titel "Mathys großer Schlaf". Darin geht es um ein Paar aus Bangkok, das verzweifelt sei über den frühen Krebstod ihrer zwei Jahre alten Tochter Matheryn. Das Paar hat die Leiche ihres Kindes in die Hände von Kryonikern von der "Alcor Life Extension Foundation" in Arizona gegeben, die sie auf unbestimmte Zeit einfrieren sollte. Sie sollen in der Hoffnung gelebt haben, dass die Medizin irgendwann in der Lage sein könnte, ihrer Tochter ein zweites Leben zu schenken.

Ausführlich beschreibt Relotius seinen Besuch bei der Familie, nachdem das Mädchen infolge eines Gehirntumors gestorben war: "Der Vater führt in das alte Kinderzimmer, einen hellen Raum mit einem Laufstall in der Mitte, daneben ein Altar aus Kuscheltieren, an der Wand gerahmte Fotos, sie zeigen ein kleines, strahlendes Mädchen. Auf einem der Bilder steht Mathy im Zoo, das Staunen eines Kindes im Blick, das zum ersten Mal einen Elefanten berührt. Auf einem anderen pustet sie Kerzen aus, den Mund verschmiert mit Schokolade, ihr zweiter Geburtstag. Aber auf den meisten Fotos ist Mathy nicht zu Hause oder im Zoo, sondern im Krankenhaus."

Darüber hinaus beschreibt Relotius auch ein Video, dass die Eltern für das Mädchen aufgenommen haben sollen, für den Fall, dass sie eines Tages wiederbelebt werden könne: "Die letzte Nachricht der Eltern an ihr Kind ist in einem Video festgehalten, 58 Minuten und 9 Sekunden lang, gespeichert auf einer silbernen Compact Disc. Die Aufnahme zeigt zwei Menschen, eine Frau in weißer Bluse, einen Mann in schwarzem Hemd, sie sitzen gebeugt auf einem Sofa und halten sich an den Händen. 'Dein Name ist Matheryn', sagt der Vater. 'Wir nannten dich nur Mathy', sagt die Mutter. Leise sprechen sie zu ihrer Tochter, erklären ihr, wer sie sei und woher sie komme."

Das Paar existiert wirklich, ihre zweijährige Tochter starb an einem Gehirntumor. Matheryn ist laut anderen Medienberichten die "jüngste Person, die jemals kryonisch konserviert" wurde.

Chattet man mit dem Vater des Mädchens auf Facebook, bestätigt er, dass er Relotius getroffen hat. Doch nur etwa 20 Prozent des Textes entsprechen dem Vater zufolge der Wahrheit. "Der Inhalt des Artikels ist lustig, er ist weit von der Realität entfernt, nicht präzise und unglaublich absurd."

Der Vater ist den Artikel Absatz für Absatz durchgegangen. Über die meisten Teile schreibt er, dass sie gelogen seien. So lautete der Kosename seiner Tochter nicht "Mathy", wie Relotius schreibt, sondern "Einz": eine Anspielung auf Einstein.

Auch den dramatisierten Inhalt des Videos habe sich Claas Relotius ausgedacht. Zwar existiere so ein Video, es sei 30 Sekunden lang, sagt der Vater. "Doch ich habe es nie veröffentlicht."

Darüber hinaus finden sich offensichtlich zahlreiche weitere Faktenfehler und Dramatisierungen im Artikel. Die Beschreibung der Fotos von Matheryns Kinderzimmer sind den Angaben des Vaters zufolge falsch. So sei seine Tochter niemals in einem Zoo gewesen. Die meisten Aufnahmen würden auch nicht ihren Krankenhausaufenthalt zeigen. Und auch die Beschreibung von Matheryns Krankheitsverlauf, ihrem Tod oder die Präparierung ihres Leichnams durch die "Alcor Life Extension Foundation" enthalten dem Vater zufolge massive Fehler. Sie seien "nie so abgelaufen wie beschrieben", schreibt er.

So sei der Tumor des Mädchens beispielsweise nicht "mandelgroß" gewesen, wie Relotius schreibt, sondern einen Durchmesser von zehn Zentimetern. Auch sei Matheryn bei der Diagnose nicht 14 Monate alt gewesen, sondern 26.

Auch Aaron Drake von der "Alcor Life Extension Foundation" hat Claas Relotius tatsächlich getroffen. Das bestätigt der Fotograf, der die Fotos für den SPIEGEL-Artikel gemacht hat, der aber Relotius nur in Arizona und nicht in Thailand begleitete. Insgesamt seien beide vier Stunden vor Ort gewesen, zwei Stunden davon für Fotos, zwei für das Interview.

Es ist dennoch möglich, dass Relotius auch hinsichtlich des Gesprächs mit Drake Fakten ausgeschmückt hat. Matheryns Vater schreibt über die im Artikel beschriebenen Details zu Drakes Biografie: "Faszinierend! Wir sind seit damals befreundet, aber diese Geschichten kenne ich gar nicht."


43. "Gottes Diener" - erschienen im SPIEGEL Nr. 7/2015

Frei zugänglich: "Gottes Diener"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

In der Geschichte "Gottes Diener" schreibt Relotius über den gottesfürchtigen Gynäkologen Willie Parker, der damals angeblich als letzter im US-Bundesstaat Mississippi Abtreibungen durchgeführt haben soll. Parker wird in dem Text von Abtreibungsgegnern als "Mörder", "Monster" und "schwarzer Teufel" beschimpft, als er die Abtreibungsklinik im Senatssaal von Jackson verteidigt.

Relotius beschreibt, dass er Parker in seinem Berufsalltag und in der Privatpraxis mit dem Namen "Jackson Women's Health Organization", der tatsächlich "letzten derartigen Klinik in Mississippi", begleitet habe. Dort hat er Parker getroffen. Das bestätigt der Fotograf, der die Fotos für den Artikel gemacht hat. Ihm zufolge hat Relotius "etwa eine Stunde lang - vielleicht auch ein bisschen weniger oder mehr" mit dem Arzt gesprochen. Auch hätten Relotius und er den Arzt zu Beratungsgesprächen mit den Frauen vor und nach den Eingriffen begleitet.

Der Text enthält aber offenkundig trotzdem einige Faktenfehler und Ausschmückungen. 2017, zwei Jahre nach dem Relotius-Text, veröffentlichte Willie Parker seine Autobiografie "Life's Work - from the trenches, a moral argument for choice". Das Buch gibt vieles anders wieder als die Reportage von Relotius.

So war Willie Parker, anders als von Relotius behauptet, keineswegs der letzte Arzt im Bundesstaat, der Abtreibungen durchführt. Dies wurde in der damaligen Berichterstattung auch nirgends behauptet. In seinem Buch schreibt Parker ausdrücklich: "I am one of two doctors who travel to Mississippi to provide abortion care."

Auch bei der ausführlichen Beschreibung von Parkers Kindheit und Jugend finden sich augenscheinlich Fehler. Er wurde etwa nicht an "einem Junimorgen 1963 geboren", sondern am 18. Oktober 1962. Ebenso hat er nicht nur einen jüngeren Bruder, sondern auch eine jüngere Schwester.

Seine Wandlung vom Abtreibungsgegner zum Befürworter löste auch nicht, wie Relotius es beschreibt, die Ermordung eines ehemaligen Kollegen George Tillers im Mai 2009 aus, der Schwangerschaftsabbrüche durchführte. In seinem Buch beschreibt Parker, er sei nie gegen Abtreibungen gewesen und kam bereits 2003 zu dem Schluss, Frauen durch die Eingriffe helfen zu können.


44. "Von Mülltonnen, Arschlöchern ('Dankeschön') und Mädchen, die in Unterwäsche auf die Straße gehen" - erschienen im SPIEGEL Nr. 43/2015

Frei zugänglich: "Von Mülltonnen, Arschlöchern ("Dankeschön") und Mädchen, die in Unterwäsche auf die Straße gehen"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Im Oktober 2015 wollte der SPIEGEL von Flüchtlingen in Deutschland wissen, wie es ihnen geht. Sieben Reporter waren im ganzen Land unterwegs und haben insgesamt 23 Geflüchteten Fragen gestellt wie: "Wie fühlt sich Deutschland an? Wie sieht es aus, wie redet es, wie riecht es?"

Claas Relotius lieferte die Aussagen von drei Geflüchteten zu: Von Barjas aus dem syrischen Idilb, der damals seit zwei Monaten im sächsischen Freital lebte. Von Saad, einem Medizinstudenten aus Aleppo, der seit drei Monaten in Freital war und von Mustafa, einem irakischen Elektroinstallateur, der aus dem syrischen Rakka geflohen war und seit zwei Monaten in Heidenau, Sachsen, lebte.

Nach eigenen Angaben ist Relotius Anfang Oktober nach Freital und Heidenau in Sachsen gefahren. Er hat von dort Fotos der Befragten mitgebracht, in deren Beschreibung er auch Nachnamen notiert hat - die Befragten haben ihre Äußerungen aber nicht autorisiert und waren Anfang 2019 nicht zu erreichen.

Bei der erneuten Überprüfung sind einige Unplausibilitäten in den Äußerungen aufgefallen:

Der 37-jährige Barjas wird mit der Aussage zitiert: "Das erste deutsche Wort, das ich gelernt habe, war 'Pegida'. Es stand überall am Bahnhof, als ich in Dresden aus dem Zug stieg."

Dies klingt wenig glaubhaft - allein, dass das Wort "Pegida" damals überall am Bahnhof gestanden haben soll. Denkbar wäre allerdings, dass Barjas bei seiner Ankunft im August 2015 in eine der Montagsdemonstrationen von Pegida geraten ist.

Den 27-jährigen Saad zitiert Relotius: "Vor ein paar Tagen, da haben mich drei Männer aufgehalten und mir mit einer Bierflasche auf den Kopf geschlagen." Auf dem von Relotius mitgebrachten Foto sind keine Kopfverletzungen zu erkennen, allerdings könnte das Foto auch älter sein.

Weiter erzählt Saad, er habe "in Syrien acht Jahre lang die Sprache gelernt, am Goethe-Institut". Die Nachrecherche hat allerdings ergeben, dass es in Aleppo zwar eine Nebenstelle des Goethe-Instituts Damaskus gab, in der auch Sprachunterricht angeboten wurde. Diese Nebenstelle war aber erst im Dezember 2010 eröffnet worden - und musste wegen der Sicherheitslage in Syrien die Arbeit schon 2012 wieder einstellen. Vor 2010 hätte Saad im Goethe-Institut in Damaskus Deutsch lernen können - auch wenn das rund 350 Kilometer entfernt liegt - aber auch dieses stellte die Arbeit 2011 zeitweise und Ende 2012 dann ganz ein.

Der 31-jährige Mustafa hat laut Relotius erzählt: "Viele Deutsche freuen sich nur dann, wenn man 'Biergarten' sagt. Das ist ein Ort, wo die Menschen lachen und sich verkleiden dürfen, wie bei einem Fest für Kinder. Als Flüchtlinge bekommen wir dort keinen Zutritt, weil wir kein Geld haben und keine deutschen Lieder kennen." Natürlich gibt es nicht nur in München, sondern auch in Dresden Biergärten, doch wohl meist ohne Lederhosen und Dirndl, falls das mit "verkleiden" gemeint sein sollte.


45. "Liebesbeweis" - erschienen im SPIEGEL Nr. 40/2015

Frei zugänglich: "Liebesbeweis"

Erneut verifiziert im Februar 2019

Die Geschichte "Liebesbeweis" von Relotius ist in der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" im September 2015 erschienen. Darin geht es um Josten Bundy aus Texas, 21 Jahre alt, der einen Ex-Freund seiner damaligen Freundin "mit blanker Faust und voller Wucht ins Gesicht" geschlagen haben soll, weil der diese als "Schlampe" beleidigt habe, so schreibt es Relotius.

Fünf Monate darauf soll er sich vor Gericht für diese Tat verantwortet haben. Der Ex-Freund habe ihn angezeigt und saß mit einem "gerichteten Kiefer und einem Anwalt an seiner Seite" im Gerichtssaal von Smith County. Der Richter habe Bundy am Ende des Prozesses vor die Wahl gestellt: Entweder er akzeptiere eine Freiheitsstrafe von zwei Wochen oder müsse die Freundin heiraten. Bundy soll sich für die Hochzeit entschieden und dies später bereut haben.

Relotius schreibt, er habe mit Josten Bundy telefoniert und sich ihm seine Geschichte erzählen lassen. Tatsächlich ist Bundy real, der Vorfall ging durch die Medien: Der lokale TV-Sender KLTV berichtete, die Nachrichtenagentur Reuters und der Sender CNN. KLTV bezieht sich dabei auf das Gerichtsprotokoll. Das Geschehen hat sich den vorliegenden Quellen nach im Wesentlichen so zugetragen wie von Relotius geschildert. Die Nachprüfung förderte aber auch offenkundige Faktenfehler und Widersprüche zutage.

Bundy spricht laut dem Gerichtsprotokoll von "vier Schwestern", im Text von Relotius sind es aber fünf. Bundy war laut Netzquellen vor dem Vorfall bereits ein Jahr oder länger mit seiner Freundin zusammen. Im Text ist lediglich von "ein paar Monaten" die Rede. Auch sagt er laut KLTV, er habe den Ex-Freund seiner Freundin nicht so verletzt, dass dieser medizinisch versorgt werden musste. Im Text aber ist von einem gerichteten Kiefer die Rede. Außerdem heißt es im Text, die eigenen Familien des Brautpaares seien nicht bei der Trauung gewesen. Doch zumindest Bundys Mutter, Großmutter und Neffe waren in Wahrheit anwesend.

Ob der Ex-Partner Bundys jetzige Frau jemals eine "Schlampe" nannte, konnte nicht verifiziert werden. Auch nicht, ob das Brautpaar etwa tatsächlich Flitterwochen im Hotel Lover's Heaven plante - oder ob Relotius jemals wirklich mit ihm sprach. Josten Bundy war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.


46. "Hanswurst" - erschienen im SPIEGEL Nr. 5/2016

Frei zugänglich: "Hanswurst"

Erneut verifiziert im Februar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" erzählt die im Kern wahre Geschichte des schottischen Schweißers Michael Mcfeat, der in Kirgisien für ein kanadisches Bergbauunternehmen tätig war und große Probleme bekam. Während einer Silvesterfeier hatte er auf Facebook eine kirgisische Wurstspezialität scherzhaft als "Pferdepenis" bezeichnet. Einige Tage später kam es deshalb zu Unruhen unter den kirgisischen Arbeitern, Mcfeat wurde angeblich angefeindet, vom Sicherheitspersonal zum Flughafen gebracht, dort aber festgenommen und später des Landes verwiesen.

Relotius schreibt, er habe mit Mcfeat telefoniert. Da Mcfeat auf eine aktuelle Anfrage nicht reagiert hat, lässt sich das bisher nicht überprüfen. Über den Vorfall sind vor allem in der britischen Presse zahlreiche Artikel erschienen, durch die sich die Abläufe gut rekonstruieren lassen.

Insgesamt stellt Relotius die Vorgänge offenkundig dramatischer dar als die vorliegenden Presseberichte, wie einige Beispiele zeigen: Mcfeat musste demzufolge nicht durch einen Tunnel fliehen, ehe er das Werksgelände in einem Krankenwagen verlassen konnte. Er wurde demnach nicht über viele Stunden bis zum Flughafen verfolgt. Er wurde demnach auch nicht von Geheimagenten, sondern von Polizisten verhaftet. Er entschuldigte sich in anderen Berichten bereits frühzeitig und aus eigenem Antrieb, nicht erst nach der Verhaftung auf richterliche Anordnung. Außerdem wurde er demnach für fünf Jahre des Landes verwiesen, nicht auf Lebenszeit. Anhand der Erscheinungsdaten der Artikel ist es eindeutig, dass über seinen Fall zügig entschieden wurde, nicht erst nach sechs Tagen, und er auch nicht "aus Mangel an Beweisen" das Land verlassen musste.


47. "Wo ist Debesay?" - erschienen im SPIEGEL Nr. 19/2016

Frei zugänglich: "Wo ist Debesay?"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" zeichnet nach, was sich bei einem Radrennen im März 2016 in Belgien ereignet hat: Der aus Eritrea stammende Radsportler Mekseb Debesay verfährt sich während des Rennens und gelangt mithilfe eines Fremden, den er anspricht, zurück ins Mannschaftshotel.

Aus der Überprüfung ergeben sich einige Unstimmigkeiten, Fehler und Widersprüche: Anders als im Text insinuiert war Debesay nicht zum ersten Mal in Europa. Als Debesay klar wurde, dass er sich verirrt hatte, war es später Nachmittag, aber noch keine Abenddämmerung. Für "kalten Nebel" über der Landschaft gibt es keinen Beleg.

Flämischen Medien zufolge war der im SPIEGEL nur Nico genannte Fremde, mit vollem Namen Nico Van Damme, mit dem Fahrrad unterwegs, als er Debesay begegnete, und nicht mit dem Auto. Er hat dem entkräfteten Sportler Spaghetti angeboten, keine warme Suppe. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Debesay sein wertvolles Rennrad auf freier Strecke liegen ließ.

Relotius gibt an, er habe mit Debesay telefoniert. Ob das stimmt, lässt sich bisher nicht überprüfen, ein Kontakt zu Debesay kam bislang nicht zustande. Deshalb muss einstweilen offenbleiben, ob die Beschreibung seiner Kindheit in Eritrea korrekt ist. Dass Debesay mit 15 Geschwistern neben einer Müllhalde aufgewachsen sei und sein erstes, kaputtes Fahrrad an seinem zwölften Geburtstag in einem Haufen Elektroschrott gefunden habe, geht aus keiner anderen Quelle hervor.


48. "Zeit ist Geld" - erschienen im SPIEGEL Nr. 3/2015

Frei zugänglich: "Zeit ist Geld"

Erneut verifiziert im Februar 2019

Der Text aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" handelt von einer 118-jährigen Peruanerin, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine staatliche Rente zugesprochen bekommt. Der Artikel enthält offenkundig diverse Faktenfehler und beruht auf einem Telefongespräch, das offenbar nie stattgefunden hat.

Die im Text dargestellte Frau gibt es oder hat es gegeben, ihr Fall wurde von verschiedenen peruanischen Zeitungen aufgegriffen. Daneben existiert ein YouTube-Video, in dem zu sehen ist, wie die Protagonistin Andrea Gutiérrez Cahuana von einem lokalen Regierungsvertreter, der auch Arzt ist, untersucht wird, und das auch das Innere und die Umgebung ihres Hauses zeigt.

Die erneute Verifikation ergibt aber, dass schon die Grundbehauptung des Textes offenbar falsch ist: Die 118-Jährige hat keinesfalls ein halbes Jahrhundert auf ihre Rente gewartet. Wie peruanische Medien schreiben, hat die Frau die Zusatzrente für sehr arme Senioren bereits bis ins Jahr 2012 erhalten. Dann zog sie um, und die Zahlung wurde durch einen Behördenfehler gestoppt, was erst 2015 korrigiert wurde.

Daneben sind auch geografische Beschreibungen in dem Text nicht korrekt. So schreibt Relotius, die Frau lebe in Tiabaya, was "Winkel der Toten" heiße, weil es fernab der Zivilisation liege. Erstens liegt Tiabaya nicht fernab der Zivilisation. Die Gemeinde selbst hat 16.000 Einwohner, das nahe gelegene Arequipa ist eine Millionenstadt. Zweitens ist "Winkel der Toten" die Übersetzung des indigenen Namens von Ayacucho, der Geburtsregion der Protagonistin, nicht aber ihres Wohnorts. Auch Kühe, die die Protagonistin laut Artikel über die Weide getrieben haben soll, sind in den Anden äußerst selten. Gerade die indigene Bevölkerung hält meist Lamas oder Alpakas.

Die Seniorin soll laut dem SPIEGEL-Text zu Journalisten gesagt haben, ihr größter Wunsch sei ein neues Dach für ihre Hütte. Allerdings taucht diese Äußerung in keinen öffentlich zugänglichen Artikeln auf. Zum anderen ist die Hütte erst 2012 erbaut worden, es erscheint somit unplausibel, dass das Dach nur wenige Jahre später schon wieder kaputt sein soll.

Relotius beruft sich in seinem Text auf ein Telefonat mit dem Enkel der Frau, der Claudio Gutiérrez heißen soll. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich, der Nachname der Großmutter wird in der spanischsprachigen Namensgebung nicht weitervererbt. In der peruanischen Presse wird ein Enkel erwähnt, der heißt jedoch Santos Palacios Acapana. Der im SPIEGEL-Text genannte Sohn Pedro kommt in einem örtlichen Artikel vor, dort wird sein Alter aber mit 70 und nicht mit 82 angegeben. Es liegt daher nahe, dass das Telefoninterview nicht stattgefunden hat. Versuche des SPIEGEL, die Protagonistin oder ihren Enkel Anfang 2019 zu kontaktieren, blieben bisher erfolglos.


49. "Der Geschmack von Keksen" - erschienen im SPIEGEL Nr. 50/2015

Frei zugänglich: "Der Geschmack von Keksen"

Erneut verifiziert im Januar und Februar 2019

Der Text von Claas Relotius aus der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" handelt von Gladys Hooper, der damals ältesten Frau Großbritanniens, die im Alter von 112 Jahren noch ein neues Hüftgelenk bekommen hatte. Diese Grunddaten sind durch britische Zeitungen gut belegt, allerdings enthält der Text Faktenfehler und möglicherweise erfundene Zitate.

Relotius schreibt, er habe nach der Operation mit Gladys Hooper telefoniert. Sie habe in dem Gespräch unter anderem von englischen Keksen geschwärmt und einen Vergleich gezogen: "Außen mürbe und innen ein wenig zäh müssten diese sein. Fast so wie sie selbst, sagt sie und kichert leise."

Ob Relotius wirklich mit Hooper telefoniert hat, ist unsicher. Sie starb wenige Monate nach dem Erscheinen des Berichts. Ihr Sohn Derek Hermiston sagte auf SPIEGEL-Nachfrage, seine Mutter habe nach der Operation noch mithilfe anderer Personen telefonieren können und das auch mehrfach getan. Von einem Gespräch mit dem SPIEGEL wisse er nichts. Da sie in einem Pflegeheim untergebracht war, sei aber nicht auszuschließen, dass beispielsweise jemand vom Pflegepersonal bei dem Gespräch geholfen habe, so Hermiston.

Unwahrscheinlich ist allerdings, dass Hooper in dem Telefonat erzählt haben könnte, ihr Sohn Derek, damals bereits 84 Jahre alt, gehe "gebeugt an einem Stock", wie es bei Relotius heißt. Das sei eindeutig falsch, versichert Hermiston gut drei Jahre später: Er brauche bis heute keinen Stock. Es gibt auch Aufnahmen von ihm und seiner Mutter im Pflegeheim vom Januar 2016, auf denen er sich gerade hält und kein Stock zu sehen ist. Falsch ist auch, dass Gladys Hooper fünf Urenkel gehabt hat, tatsächlich waren es sechs.


Diese Liste enthält noch nicht alle Relotius-Texte, die beim SPIEGEL oder auf SPIEGEL ONLINE erschienen sind. Sie wird aktualisiert, sobald neue Erkenntnisse vorliegen.

Die von Relotius verfassten Artikel bleiben - bis auf wenige Ausnahmen, bei denen die Betroffenen um Löschung gebeten haben - bis zu einer weitgehenden Klärung des Falls unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

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red

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