Kultur

Deutschland spricht

Ein guter Streit

"Deutschland spricht" bringt politische Gegner zusammen - zum Diskutieren, zum Streiten, und für die Entdeckung, dass auch Menschen mit anderen Ansichten keine Monster sind. Ab heute können Sie sich anmelden.

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Gespräch beim Kaffee

Von
Mittwoch, 11.07.2018   11:18 Uhr

Überall Feinde. Sie lauern in den Leserbriefen und den Kommentaren im Forum, sie sitzen im Fernsehen und im Bundestag, sie liegen am Badesee gleich nebenan und stehen am U-Bahnhof gegenüber. Nirgends kann man sich mehr sicher sein, überall droht die Begegnung mit dem politischen Gegner.

Das Land ist gespalten: In Kampfemanzen und alte weiße Säcke. In solche, die sich Sorgen machen um den Fortbestand der deutschen Heimat und solche, die diese Heimat öffnen wollen für Neuankömmlinge. In Vegetarier und Fleischesser, Rad- und Autofahrer, die da oben und die da unten. Die jeweils anderen sind bestenfalls fehlgeleitet, wahrscheinlich aber dumm und böse. Mit solchen Leuten kann man kein Gespräch führen.

Kann man aber doch. Es braucht nur ein wenig guten Willen.

Aber wie kann man gesprächsbereite Menschen von der anderen Seite des politischen Spektrums finden? Dabei hilft ab heute das Projekt "Deutschland spricht", mit vielen anderen deutschen Medien ist auch SPIEGEL ONLINE daran beteiligt. Es funktioniert ganz einfach: Sie beantworten einige politische Fragen, verraten uns Ihren Wohnort und die Software vermittelt Ihnen einen politischen Sparringspartner ganz in Ihrer Nähe. Sie verabreden sich - und ein schöner Streit kann seinen Lauf nehmen.

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

Aber warum sollten Sie so etwas überhaupt tun?

Lassen Sie mich diese Frage mit meiner persönlichen Erfahrung beantworten. Als Leiter des Meinungsressorts bei SPIEGEL ONLINE habe ich die wunderbare Aufgabe, mich jeden Tag mit vielen klugen Menschen über deren Ideen und Thesen austauschen zu können. Einer davon ist Jan Fleischhauer, dessen Kolumne "Der schwarze Kanal" jeden Donnerstag bei uns erscheint. Ich würde mich politisch eher links einordnen, Fleischhauer hat daher in meinen Augen einigermaßen haarsträubende politische Ansichten: Die CSU findet er so gut, dass er wohl bald in Lederhosen auftreten wird. Schreibt er über die EU, dann gerne über "den Italiener", der nicht gut mit Geld umgehen könne. Er setzt sich für die Großwildjagd ein und gegen Abtreibungen, hält den Dieselskandal für übertrieben und arbeitet sich mit viel Energie an den Grünen und der SPD ab.

Fleischhauer und ich telefonieren häufig, meist hat er eine politische Beobachtung gemacht, mit der er mich ein wenig provozieren will. Oder er berichtet von seiner Idee für seine nächste Kolumne. Dann streiten wir uns ein wenig: Die Abschottungspolitik Horst Seehofers halte ich für unsinnig, ein ganzes Volk als zahlungsunwillig abzuqualifizieren für falsch, und Jans Formulierungen oft hart an der Grenze zur Ungeheuerlichkeit. Aber trotzdem sind diese Gespräche stets eine Bereicherung: Fleischhauer ist nie langweilig, er ist ein schneller Denker, er weiß mit der Sprache umzugehen, und meist lassen sich seine Thesen nicht einfach so von der Hand weisen. Regiert werden möchte ich von ihm auf keinen Fall, aber oft hat er einen Punkt. Und, wie ich zu meinem Erstaunen festgestellt habe: Er ist ein netter Kerl. Mittlerweile sind wir Freunde geworden.

Dass trotz oder sogar aus politischer Gegnerschaft eine Freundschaft entsteht, ist sicherlich eine Ausnahme. Aber trotzdem lohnt es sich in jedem Fall auch für Sie, bei "Deutschland spricht" mitzumachen. Sei es, um Ihre eigenen Argumente zu schärfen - das geht nur, wenn Sie sich mit einem Gegenüber konfrontieren und nicht nur von Gleichgesinnten umgeben sind. Sei es, um Ihren Diskussionspartner vielleicht von seinen falschen Ansichten abzubringen. Oder auch nur, um festzustellen, dass der oder die andere trotz entgegengesetzter politischer Meinung kein Unmensch ist, kein Feind, sondern vielleicht sogar eine ganz nette und interessante Person, mit der man sich gut streiten kann. Vielleicht ist unser Land eben doch nicht so tief gespalten, wie man zur Zeit manchmal glauben möchte. Finden Sie es selbst heraus.

Aktion "Deutschland spricht"

insgesamt 62 Beiträge
Solid 11.07.2018
1.
Na das wird ja ein voller Erfolg werden, wenn die Menschen erst fühlen, wie garstig die Meinungen außerhalb ihrer Filterblase sind. Dazu gehört nämlich einiges, sich mit einer anderen Meinung oder gar Widerspruch [...]
Na das wird ja ein voller Erfolg werden, wenn die Menschen erst fühlen, wie garstig die Meinungen außerhalb ihrer Filterblase sind. Dazu gehört nämlich einiges, sich mit einer anderen Meinung oder gar Widerspruch auseinanderzusetzen.
ambulans 11.07.2018
2. o.k.,
kein problem - nennt man auch: kommunikation, so "von auge zu auge", setzt (natürlich) voraus, dass man sein gegenüber (sorry - gendersternchen vergessen) auch mindestens für gleichwertig/-wichtig ansieht, [...]
kein problem - nennt man auch: kommunikation, so "von auge zu auge", setzt (natürlich) voraus, dass man sein gegenüber (sorry - gendersternchen vergessen) auch mindestens für gleichwertig/-wichtig ansieht, dominanzfaxen und -tricksereien dabei selbstverständlich unterbleiben, themen ergebnisoffen diskutiert (das heißt, dass auch der andere mal was sagen darf ...) werden/können, und und und. übrigens - der ultimative tipp: smartphone unbedingt (dabei) ausschalten! habe die ehre, dr. ambulans (alle kassen)
biber01 11.07.2018
3. Nachtrag
Genau solche Äusserungen wie "..an der Grenze zur Ungeheuerlichkeit" vergrössern den Riss immer weiter.
Genau solche Äusserungen wie "..an der Grenze zur Ungeheuerlichkeit" vergrössern den Riss immer weiter.
babarella62 11.07.2018
4. Tolle Idee!
Eine wirklich tolle und dabei so einfache Idee, Chapeau ! Ich könnte nicht widerstehen und hab mich gleich angemeldet. Mal sehen, wer am 23.9. auf mich wartet, eine Bereicherung wird es auf jeden Fall.
Eine wirklich tolle und dabei so einfache Idee, Chapeau ! Ich könnte nicht widerstehen und hab mich gleich angemeldet. Mal sehen, wer am 23.9. auf mich wartet, eine Bereicherung wird es auf jeden Fall.
Patrik74 11.07.2018
5. Nein Danke
Ich glaube weder, dass Leute mit anderen Ansichten Feinde sind noch dass das Land tief gespalten ist; es reicht mir aber schon, dass Nazis, AfD-ler, CSU-ler und Fleischhauers existieren (Unterschiede sind da nur gradueller Natur) [...]
Ich glaube weder, dass Leute mit anderen Ansichten Feinde sind noch dass das Land tief gespalten ist; es reicht mir aber schon, dass Nazis, AfD-ler, CSU-ler und Fleischhauers existieren (Unterschiede sind da nur gradueller Natur) - in einer offenen Gesellschaft muss man auch das bis zu einem gewissen Grad tolerieren - aber ich muss meine Lebenszeit nicht auch nicht mit ihnen verschwenden. Ein intelligentes eloquentes A...loch bleibt trotzdem eines. Ich verbringe meine Zeit lieber mit Leuten, die sich mit der Gestaltung der Zukunft als mit Zementierung des Status Quo oder gar der Restaurierung der Vergangenheit befassen. Man lebt nur einmal, und das Leben ist kurz genug.

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