Kultur

Kinderkriegen

Wir brauchen keine Glaubenskriege

Eine Lehrerin behauptet, dass Kinder die Umwelt schädigen. Die Aufregung ist groß, sie wird aber keinem helfen: Wir brauchen zwar eine Debatte über Familien- und Frauenpolitik - aber keine, die Interessen gegeneinander ausspielt.

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Familienbild

Ein Kommentar von
Freitag, 15.03.2019   14:19 Uhr

Derzeit meine größte Herausforderung im Erziehungsalltag: Meiner vierjährigen Tochter beizubringen, dass sie ihre ältere Schwester nicht "Kackwurst" nennen soll. Das geht nun seit Monaten so, seitdem das Kind dieses Wort werweißwo aufgeschnappt hat. Und es nervt.

Erziehung ist ein ständiger Drahtseilakt zwischen Verzückung und Verzweiflung. Bin ich mir in solchen Situationen immer sicher, ob Kinder das pure Glück sind? Natürlich nicht. Gerade macht die Lehrerin Verena Brunschweiger sogar damit Schlagzeilen, Fortpflanzung insgesamt als reaktionär hinzustellen.

Die zentrale These ihres Buches "Kinderfrei statt kinderlos" lautet: Kinder sind schlecht für die CO2-Bilanz. Die Menschen seien sich gar nicht bewusst, welche Belastung es für das Klima bedeute, immer mehr Kinder zu produzieren. Die Autorin sieht Kinderfreiheit zudem als feministischen Akt. Sie macht dabei eine Hierarchie zwischen gutem und schlechtem Frausein auf: Mütter sind für sie reaktionäre "Mombies", also Mama-Zombies. Kinderlose Frauen hingegen haben den Weg zum wahren Glück gefunden.

Klar, bei solch krassen Aussagen schäumen die sozialen Netzwerke und Medien über. Dabei hilft diese Art der Argumentation aber keinem, sondern verhindert die wirklich notwendigen Debatten. Brunschweiger schreibt zwar, dass kinderfreie Frauen von ihrem schlechten Ruf befreit werden müssten, aber genau das wird ihr nicht gelingen, weil sie die wichtigen Themen Mutterschaft, Feminismus und Kinderkriegen zwar besetzt, dabei aber Interessen und Personengruppen gegeneinander ausspielt: Umweltschutz vs. Familiengründung , Mütter vs. Nichtmütter.

Ein Besser und ein Schlechter

Ein Muster, das in den Debatten der jüngsten Vergangenheit immer wieder auftaucht: Wenn die Frage, ob Kinder in Restaurants erwünscht sind oder nicht, zum Aufreger wird, stehen dahinter tatsächlich zwei konkurrierende Lebenshaltungen, die aufeinanderprallen. Selbst innerhalb der Gruppe von Menschen, die eine Familie gegründet haben, geht diese Spaltung weiter, die auch immer ein moralisches Besser und Schlechter verhandelt: Ernährt die gute Mutter ihr Kind nur noch vegan? Ist man ein schlechter Vater, wenn man die Tochter doch mal anschreit?

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Jede dieser Fragen löst einen neuen Glaubenskrieg aus. Politik und Privates, Lebensmodelle und realökonomische Optionen verschwimmen dabei. Fast immer herrscht in diesen Debatten ein gehässiger Ton, Positionen werden zu Ideologien, selten ist Raum da, der Gegenseite zuzuhören.

Woran das liegt? Zum Teil herrscht eine massive Verunsicherung bei Eltern - und das verwundert nicht, schaut man sich den gesellschaftlichen Veränderungsprozess der letzten 50 Jahre an. Prioritäten werden neu verhandelt, Geschlechterbilder neu interpretiert, Vorstellungen von einem glücklichen Leben neu sortiert. Es ist ein begrüßenswerter, positiver Prozess, der zu mehr persönlicher Freiheit und ja, auch zu mehr Glück führt: Kürzlich erst hat die Pädagogin Carmen Eschner in einer Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung Eltern und die Gesellschaft für die große Leistung gelobt, die in der Nachkriegszeit noch verbreitete Schwarze Pädagogik - also die unbedingte Unterwerfung des Kindes unter den Willen der Eltern - überwunden und zu einem neuen, liebe- und verständnisvollen Umgang mit Kindern gefunden zu haben.

Aber gleichzeitig stößt eine gedankliche Liberalisierung in vielen Bereichen eben auch heute noch auf realpolitische Umstände, die eine wirkliche Befreiung aus überkommenen Strukturen verhindert. Deshalb müssen wir ja tatsächlich dringend reden, über so viele konkrete und lebensnahe Dinge - ohne zu konkurrieren:

insgesamt 92 Beiträge
bruceatspon 15.03.2019
1. Besagte Lehrerin
möchte doch nur Aufmerksamkeit und ihr gebt ihr diese auch noch. Solche Leute sollte man einfach ignorieren. Es ist heute so einfach ins Rampenlicht der Nation zu gelangen. Das einzige was man braucht ist eine dumme, krasse These [...]
möchte doch nur Aufmerksamkeit und ihr gebt ihr diese auch noch. Solche Leute sollte man einfach ignorieren. Es ist heute so einfach ins Rampenlicht der Nation zu gelangen. Das einzige was man braucht ist eine dumme, krasse These bei der man weiß, dass die Nation "aufschreit" und auf einen losgehen wird.
oldsiamsir 15.03.2019
2. Steuer und Sozialversicherung
Hinsichtlich der Regelungen im Sozialversicherungsrecht halte ich auch eine Anpassung für notwendig, bei der Steuer nur bedingt. Das Splitting ist das Ergebnis des progressiven Steuertarifs. Er ist zwingend notwendig um dem [...]
Hinsichtlich der Regelungen im Sozialversicherungsrecht halte ich auch eine Anpassung für notwendig, bei der Steuer nur bedingt. Das Splitting ist das Ergebnis des progressiven Steuertarifs. Er ist zwingend notwendig um dem verfassungsrechtlich gebotenen Gleichbehandlungsgrundsatz gerecht zu werden. Doof ist halt, dass offenbar viele die steuerlichen Zusammenhänge nicht verstehen und deshalb glauben, dass ein hinzuverdienender Teil in einer Ehegemeinschaft zu hoch besteuert wird. Besteuert wird aber die Gemeinschaft, nicht die einzelne Person. Klar wird das leider allenfalls in der Jahressteuererklärung. Folgende Anpassungen könnte ich mir vorstellen: Der progressive Steuertarif wird abgeschafft, damit entfalle die Effekte des Splittings. Alternativ könnte das Splitting erst im Rahmen der Steuererklärung angesetzt werden. Der Steuerabzug im Rahmen der monatlichen Lohn- und Gehaltszahlung würde also individuell erfolgen.
dragon75 15.03.2019
3. Klar, ohne Menschen
gibt's auch keine Umweltverschmutzung, aber das bringt uns irgendwie nicht weiter.
gibt's auch keine Umweltverschmutzung, aber das bringt uns irgendwie nicht weiter.
interdisziplinärer 15.03.2019
4. Zukunft im Blick haben
Glaubenskriege sind definitiv ein Problem, bei denen erst in 30Jahren zu sehen sein wird, was das mit den Kindern gemacht hat. Auf einem völlig anderem Blatt steht dagegen, ob unsere First World Problems in dreißig Jahren [...]
Glaubenskriege sind definitiv ein Problem, bei denen erst in 30Jahren zu sehen sein wird, was das mit den Kindern gemacht hat. Auf einem völlig anderem Blatt steht dagegen, ob unsere First World Problems in dreißig Jahren noch interessieren, weil wir den Anschluss verpasst haben, weil wir mit diesen First World Problems mehr beschäftigt waren, anstatt das Schulsystem einmal richtig und zukunftsweisend zu reformieren.
andreasclevert 15.03.2019
5. Gut so.
Ich finde es eigentlich gut, dass es diese Debatten gibt. Pointierte Meinungen zu äußeren, die gerne auch mal provozieren ist in Ordnung. Ich persönlich habe eine ganz klare Meinung zu dem Thema (und kann als glücklicher Vater [...]
Ich finde es eigentlich gut, dass es diese Debatten gibt. Pointierte Meinungen zu äußeren, die gerne auch mal provozieren ist in Ordnung. Ich persönlich habe eine ganz klare Meinung zu dem Thema (und kann als glücklicher Vater nur schmunzeln über 'kinderfrei' und dessen vermeintliche Wohltat für die Umwelt und das eigene Leben), aber habe vollstes Verständnis dafür, dass es andere Leute anders sehen. Im Zusammenhang mit Elternschaft und Familie muss man auch hinnehmen, dass jede/r meint, hier Experte im Themenfeld zu sein, ergo, unglaublich viel Mist in solche Diskussionen einfließt. Rausfiltern gehört im modernen Alltag dazu, um sich dann auf die substanziellen Argumente (aller Seiten) konzentieren zu können. Rausfiltern gilt im Endeffekt aber auch für Dinge, wie kinderlose Restaurantartikel, die auch SPON gerne bringt. Da ist, der kleine Seitenhieb sei erlaubt, nichts wirklich Substanzielles mehr zu erkennen. Einzige Anmerkung: Massive Verunsicherung der Eltern angesichts der Veränderungen der Gesellschaft in den letzten 50 Jahren??!! Nee, hola, wir können froh sein, dass jeder seinen Weg mit und ohne Elternschaft gehen kann, es für alle Lebenslagen Hilfe und Ratschlag gibt (egal, ob Papa oder Mama oder Kinderlos ihn brauchen oder nicht). Ich glaube 'massive Verunsicherung' würde ich historisch gesehen vielen anderen Epochen zuschreiben wollen, aber nicht der unsrigen.
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