Kultur

Wohnen im "Kolonial-Chic"

Der Glamour der Unterwerfung

Findige Interior-Designer haben den Kolonialstil entdeckt und preisen ihre Holztische und Elefantenfiguren mit Entdeckerromantik und Exotik an. Eine Verherrlichung dunkelster Kolonialherrschaft.

Getty Images

Gemälde einer vornehmen Damen mit ihrer Sklavin von Vicente Alban aus dem Jahr 1783

Eine Kolumne von
Dienstag, 12.06.2018   14:59 Uhr

Man darf ja heute angeblich nichts mehr sagen, aber das scheint sich noch nicht überall rumgesprochen zu haben. Sonst würde vielleicht nicht der Onlineversand "Westwing" eine Aktion veranstalten, bei der es Möbel und Wohnaccessoires zum Thema "Modern Colonial" gibt: "Moderner Kolonial-Chic: So wirkt die Neuinterpretation." Die Autorin Giulia Becker twitterte vor ein paar Tagen einen Screenshot mit der "Westwing"-Werbung.

Es gibt dort Ledersessel, Elefantenfiguren und Schalen aus Knochen, präsentiert von der selbstverständlich weißen Interior-Designerin Serena Crawford. Im Angebot ist auch ein Globus, auf dem man dann aber ärgerlicherweise die Staaten Tansania, Burundi und Ruanda unter ebenjenen Namen findet, und nicht unter "Deutsch-Ostafrika". Was für Spielverderber, die daran erinnern, dass diese inspirierende Zeit der Unterwerfung anderer Länder schon fast überall vorbei ist!

Natürlich haben sich die Leute von "Westwing" die Sache mit dem "colonial chic" nicht selbst ausgedacht. Das Wort "Kolonialstil" ist gängig für Gebäude, die Europäer sich in den von ihnen besetzten Ländern bauten beziehungsweise bauen ließen, und es ist sinnvoll, diese Art von Häusern irgendwie bezeichnen zu können. Aber das Ganze zu übertragen auf einen vermeintlichen "Kolonial-Chic", um einen Lifestyle zu verkaufen, der alles "exotisch" Wirkende aus diversen Kontinenten zusammmenklatscht, mit direktem Bezug auf eben jene Zeit der Unterdrückung, das ist eine Extraleistung.

Woanders geht die Liebe zur Vergangenheit noch viel weiter als bei "Westwing". Bei "Opti Wohnwelt" ist man ganz verzückt: "Wenn wir an Kolonialstil denken, kommen uns sofort Bilder von sonnigen Stränden, unentdeckten Kulturen und exotischen Dekorationen in den Sinn." Unentdeckte Kulturen! Eine Formulierung, entstanden in völlig ungenutzten Hirnregionen.

Bei "Schöner Wohnen" heißt es: "Mit dem Kolonialstil begeben wir uns auf die Spuren Marco Polos, Christoph Kolumbus' und Alexander von Humboldts. Diese Entdecker und ihre Nachfolger brachten kulturelle Errungenschaften aus aller Welt nach Europa. So spielt der Kolonialstil mit Farben und Mustern unterschiedlicher Stile." Alles richtig! Und "Schöner Wohnen" spielt das lustige Spiel, bei all dem nicht zu erwähnen, dass es um gewalttätige Ausbeutung vermeintlich unzivilisierter Menschen ging.

Auch beim Möbelversand "Massivum" werden Uromas rassistische Afrikaklischees wieder auf Hochglanz gebracht. Den Kolonialstil beschreibt man dort mit den Worten "natürlich & exotisch", "wild & authentisch". Man spürt direkt den Sand unter den Füßen, oder haben die in Afrika inzwischen auch Asphalt?

Sklavinnen zum Spielen

Es wäre weniger wild, wenn das Ganze einfach unter "Südhalbkugel-Kitsch" oder "Touri-Fetische" laufen würde, ohne Rückbezug auf den Kolonialismus, und teilweise liest es sich auch so: "Alte Truhen, die an aufregende Überseereisen erinnern (...) eignen sich hervorragend als Couch oder Nachttisch. So versprühen sie (...) Entdeckerromantik und exotischen Charme. Gleiches gilt für wandgroße Land- oder Weltkarten und einen Globus, denn damit schaffen Sie auf die Schnelle Globetrotter-Feeling pur! Schalen aus Holz, Bananenblättern oder Bambus sind dekorativ und nebenbei praktische Helfer auf dem liebevoll dekorierten Tisch." Entdeckerromantik und Globetrotter-Feeling, so wie damals, 1884, als wir uns Deutsch-Südwestafrika klarmachten. Gänsehaut!

Apropos praktische Helfer auf dem liebevoll dekorierten Tisch. Neulich hatte ich einen kleinen Austausch mit dem Ravensburger Spieleverlag. Ein Freund hatte mir ein Foto geschickt von einer Anleitung zu einem Spiel namens Pachisi. Er war gerade dabei, die Anleitung zwei Kindergartenkindern vorzulesen, als er stockte: "Im 16. Jahrhundert soll 'Pachisi' von dem indischen Großmogul Akbar in ganz grandioser Weise gespielt worden sein. Der Herrscher saß mit seinen drei Mitspielern auf einer Erhöhung inmitten eines riesigen Spielfeldes aus Marmorplatten. Als 'Spielfiguren' bewegten sich 16 Sklavinnen, die in vier verschiedenen Farben gekleidet waren, entsprechend der gewürfelten Zahlen über die Felder des Spielplans." (hier als PDF)

Besagter Freund dachte sich dann etwas anderes aus, was er den Kindern über das Spiel erzählte, die sonst womöglich gefragt hätten, was Sklavinnen sind und ob sie auch mal welche haben können zum Spielen, wenn das so "grandios" ist.

Ich fragte bei der Pressestelle von Ravensburger nach, ob da wohl etwas durchgerutscht ist. Die Anleitung war von 1999, und ich wollte nicht zu früh schimpfen, vielleicht hatte da aus Versehen ein paar Jahrzehnte lang niemand drübergeguckt. Ravensburger hatte keine große Erklärung, schrieb aber immerhin zurück: "Die von Ihnen zitierte Stelle wird ersatzlos aus der Anleitung gestrichen. Ab dem nächsten Druck der Anleitung wird diese dann angepasst sein."

Ist okay! Die Geschichte hat so viele Fliegenschisse zu bieten, man kann nicht immer alle davon im Kopf haben, aber gerade deswegen darf vielleicht der Tipp erlaubt sein, dass man, bevor man sich in unverhohlene Verdrehung und Glorifizierung der Vergangenheit hineinmasturbiert, vorher noch einmal ganz kurz checkt, worüber man da gerade redet.

insgesamt 101 Beiträge
andreas_stöber 12.06.2018
1.
Was hat denn Großmogul Akbar jetzt mit europäischer Geschichte zutun? Oder ist "europäische Geschichte" eine Begrifflichkeit geworden, um das Schlimmste auf der Welt zu beschreiben?
Was hat denn Großmogul Akbar jetzt mit europäischer Geschichte zutun? Oder ist "europäische Geschichte" eine Begrifflichkeit geworden, um das Schlimmste auf der Welt zu beschreiben?
andreas_stöber 12.06.2018
2.
"Besagter Freund dachte sich dann etwas anderes aus, was er den Kindern über das Spiel erzählte, die sonst womöglich gefragt hätten, was Sklavinnen sind und ob sie auch mal welche haben können zum Spielen, wenn das so [...]
"Besagter Freund dachte sich dann etwas anderes aus, was er den Kindern über das Spiel erzählte, die sonst womöglich gefragt hätten, was Sklavinnen sind und ob sie auch mal welche haben können zum Spielen, wenn das so "grandios" ist." Dabei habe ich mich sofort gefragt, ob ihr Freund zu feige ist, sich der Verantwortung zu stellen und Kindern auch dunklere Kapitel der Menschheitsgeschichte zu erklären?
muellerthomas 12.06.2018
3.
"Besagter Freund dachte sich dann etwas anderes aus, was er den Kindern über das Spiel erzählte, die sonst womöglich gefragt hätten, was Sklavinnen sind und ob sie auch mal welche haben können zum Spielen, wenn das so [...]
"Besagter Freund dachte sich dann etwas anderes aus, was er den Kindern über das Spiel erzählte, die sonst womöglich gefragt hätten, was Sklavinnen sind und ob sie auch mal welche haben können zum Spielen, wenn das so "grandios" ist." Wäre das so schlimm gewesen, wenn die Kinder gefragt hätten? Der Freund hätte doch erklären können, was Sklavinnen waren oder sollte das einfach verschwiegen werden? Also nicht falsch verstehen, ich finde es seltsam, dass der Verlag das so druckt, aber ich verstehe nicht, wieso es so schlimm ist, das zu erklären.
praetorian12 12.06.2018
4. Gähn.
Als Geschichtslehrer erlaube ich mir folgendes Urteil: Auch wenn der Paragraph aus Pachisi vielleicht von Ravensburger getilgt wird, macht das die Vergangenheit nicht ungeschehen. Es handelt sich um eine Anekdote aus der [...]
Als Geschichtslehrer erlaube ich mir folgendes Urteil: Auch wenn der Paragraph aus Pachisi vielleicht von Ravensburger getilgt wird, macht das die Vergangenheit nicht ungeschehen. Es handelt sich um eine Anekdote aus der (mutmaßlichen) Vergangenheit des Spiels von vor JAHRHUNDERTEN. Was soll's? Dass wir heute nichts über Sklaverei schreiben, heißt nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Welch Aufregung. Und ich finde den Kolonialstil eigentlich ganz hübsch. Was für eine Aufregung. Weiterblättern.
dasfred 12.06.2018
5. Warum soll Ravensburger was ändern
Noch nie waren schwarze Putzfrauen in so reichhaltiger Auswahl in Deutschland wie heute. Als Statussymbol haben sie längst die Polin abgelöst. Außerdem passt sie besser zum Zebrafell vor dem Clubsessel. Den Kolonialstil gab es [...]
Noch nie waren schwarze Putzfrauen in so reichhaltiger Auswahl in Deutschland wie heute. Als Statussymbol haben sie längst die Polin abgelöst. Außerdem passt sie besser zum Zebrafell vor dem Clubsessel. Den Kolonialstil gab es immer wieder mal. In den siebziger Jahren hat man sich dazu die Originalausstattung auf englischen Trödelmärkten beschafft, heute arbeitet man eben mit Versatzstücken aus der Serienfertigung. Wobei man sich darüber im klaren sein sollte, dass die Schnitzerei aus dem Afrika Urlaub mit hohen Wahrscheinlichkeit aus China stammt. Die heutige Einrichtung ist nun mal Moden unterworfen, deren Ursprung niemand mehr interessiert. Nach dem Motto, schau mal die tollen afrikanischen Kochtöpfe, perfekt für die Deko und die Afrikaner haben sowieso nichts, was sie drin kochen können.
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