Kultur

Straßenfotografie-Ausstellung "Space"

Unglaublich nah

Gefährliche Selbstporträts, Unfälle, Zufallsbegegnungen: Die Ausstellung "Space" zeigt Straßenfotografien aus sieben Jahrzehnten. Dabei wird deutlich, dass nichts bleibt, wie es war.

Axel Schön
Von
Sonntag, 10.06.2018   11:51 Uhr

Um schöne Bilder geht es nicht. Diesen Satz sagt die Kuratorin Sabine Schnakenberg bei der Eröffnung der Ausstellung "Space". Sie habe vermeiden wollen, dass die Besucher der Ausstellung vor einem Bild stehen und sagen: "Oh, das ist ein richtig schönes Foto." Tatsächlich fallen einem viele Beschreibungen für die gezeigten Werke ein. Schön ist nicht unbedingt dabei.

Ein Foto von Arnold Odermatt zeigt zwei frontal ineinander geraste Autos, die Scheiben gesplittert, die Motorhauben zerbeult, über die Straße ziehen sich dicke Bremsspuren. Auf einer anderen Aufnahme der Serie ist ein Lieferwagen zu sehen, abseits der Straße liegt er auf dem Dach. Dutzende Zeitungen sind auf der Wiese verstreut. Odermatt war lange Jahre Polizist und fotografierte bereits in den Sechzigjahren Verkehrsunfälle. Seine Bilder zeigen keine Menschen und lassen dennoch Schlüsse auf die Unfallopfer zu.

Ganz nah am Abgrund

Der Künstler Maciej Dakowicz hat über Jahre hinweg Nachtschwärmer in Cardiff fotografiert - immer am Ende der Partynacht, wenn die Schminke bereits verschmiert und alles Schillernde verschwunden ist. Dakowicz hat den Auslöser dann gedrückt, wenn seine Motive besonders verletzlich wirkten.

Die Aufnahme der Südkoreanerin Jun Ahn zeigt ihre nackten Füße. Nach unten in eine Häuserschlucht fotografiert, steht die 37-Jährige dabei aber bedrohlich nah am Abgrund. "Ich denke, wir alle leben irgendwie am Rand. Wir leben irgendwo zwischen Leben und Tod, normal und unnormal, privat und öffentlich, Ideal und Realität. Niemand gehört vollständig an einen einzigen Ort. Wir sind alle dazwischen", lautet das Zitat von Ahn Jun, das über ihrem Selbstporträt zu lesen ist.

Fotostrecke

Straßenfotografie-Austellung "Space": Straßenfotografie aus sieben Jahrzehnten

Im Mittelpunkt der Ausstellung "Space" in den Hamburger Deichtorhallen steht der städtische Lebensraum. Mal ist das Gewimmel in einer indischen Großstadt zu sehen, dann entspanntes Treiben auf einer deutschen Autobahnraststätte. Einige Bilder sind mit Nachtsichtgerät entstanden, andere nachträglich stark bearbeitet. Es gibt Porträts, die so dicht dran sind, dass jede Pore sichtbar wird. Und Bilder, die den Kontrast zwischen modernen Wolkenkratzern und abrissbedürftigen Wohnhäusern in chinesischen Großstädten dokumentieren.

Belastungsgrenzen und Sollbruchstellen

"Space" zeigt Straßenfotografie aus den vergangenen siebzig Jahren und ist Teil der siebten Triennale der Photographie in Hamburg. Das Motto von Deutschlands größtem Fotofestival lautet "Breaking Point" - was sowohl mit Umbruch als auch mit Belastungsgrenze oder Sollbruchstelle übersetzt werden kann. Alle drei Definitionen treffen auf die eine oder andere Weise auf die gezeigten Arbeiten zu.

Dabei hängen die Arbeiten zeitgenössischer Künstler neben Ikonen der Fotogeschichte. Chronologisch ist die Ausstellung allerdings nicht sortiert. Die Fotos sind sieben Themen zugeordnet: Street Life, Crashes, Public Transfer, Urban Space, Lines and Signs, Anonymity und Alienation.

So verschieden wie die sieben Themenbereiche sind auch die Herangehensweisen der Künstler. Während Dakowicz bei seinen Streifzügen durch das nächtliche Cardiff auf Zufallsbegegnungen setzt, geht der Däne Peter Funch geplanter vor. Über Wochen hat er in New York täglich dieselbe Straßenecke fotografiert - immer zur gleichen Uhrzeit und mit gleichem Lichteinfall. Anschließend analysierte er seine Bilder nach Gemeinsamkeiten.

"Space" zeigt nun beispielsweise ein Bild dieser Serie, auf dem Menschen zu sehen sind, die alle eine rote Plastiktüte dabei haben. Funch inszeniert somit eine Realität, die wirkt wie Szenen eines Theaterstücks - ein bisschen gestellt und ohne Zufallselement.

Nah und fern, Leben und Tod, Neubau und Abriss: Die Ausstellung "Space" zelebriert Kontraste. Vor allem aber dokumentiert sie Veränderungen und Umbrüche in städtischen Lebenswelten weltweit. Den Fotografen bleibt in dieser sich wandelnden Umgebung nur eins übrig: Innehalten und den Moment mit der Kamera einfangen, bevor wieder alles anders ist.


Die Ausstellung "[SPACE] Street. Life. Photography. Street Photography aus sieben Jahrzehnten" ist Teil der siebten Triennale der Photographie und vom 8. Juni und 21. Oktober 2018 in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen.

insgesamt 2 Beiträge
wsteiner 10.06.2018
1. Strafbare Kunst!
Keiner will auf der Strasse fotografiert werden, aber Straßenfotografie konsumieren wir alle gerne und fühlen uns hinterher ach so kunstbegeistert! De facto wurden Fotografen hierzulande wegen solcher Bilder bereits verklagt! [...]
Keiner will auf der Strasse fotografiert werden, aber Straßenfotografie konsumieren wir alle gerne und fühlen uns hinterher ach so kunstbegeistert! De facto wurden Fotografen hierzulande wegen solcher Bilder bereits verklagt! Ich hoffe, dass solche Ausstellungen die Menschen dazu bewegen sich selbst zu hinterfragen!
ClaudiaK 10.06.2018
2. "Nichts ist so beständig wie der Wandel" (Heraklit)
"Nichts ist so beständig wie der Wandel" (Heraklit) - der Artikel bereitet Lust, sich "space" anzusehen, ganz nah auf sich wirken zu lassen. "Nichts bleibt, wie es war" - sich mutig dem Leben zu [...]
"Nichts ist so beständig wie der Wandel" (Heraklit) - der Artikel bereitet Lust, sich "space" anzusehen, ganz nah auf sich wirken zu lassen. "Nichts bleibt, wie es war" - sich mutig dem Leben zu stellen, was und wie es auch kommen möge. Einige Dinge liegen eben nicht in unsereren Händen. Innehalten und den Moment wahr nehmen...

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