Kultur

Volksbühne vs. Dercon

Ausweitung der Kulturkampfzone

Zwischen Gegenwartsverweigerung und Geisterbeschwörung: Das Aus von Chris Dercon an der Volksbühne steht symptomatisch für den kleingeistigen Berliner Kulturbetrieb. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.

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"Tschüss Chris": Aufkleber vor der Volksbühne Berlin

Ein Kommentar von
Samstag, 14.04.2018   15:52 Uhr

Die Volksbühne in Berlin ist ein martialischer Ort. Schon die Fassade sagt: Krieg. Es ist ein Dampfer mit Stoßrichtung Gegenwart. Die Botschaft ist: Hier werden keine Gefangenen gemacht.

Das ist die Architektur dieses Theaters, das seine Weltbedeutung erst einmal davon ableitet, dass ein paar Leute das behauptet haben und andere es wiederholten.

An diesem Samstag weht hier eine goldene Fahne im Wind, es ist eine Rettungsdecke, wie sie etwa für Unfallopfer verwendet wird. Es wirkt wie ein Zeichen: Wir haben gewonnen.

Aber wer wäre wir? Man könnte auch sagen: Alle haben verloren. Alle sind Opfer eines Unfalls, der sich über Monate und Jahre hinzog, ein Frontalzusammenstoß in Superzeitlupe und Superlautstärke.

Tatsache ist: Chris Dercon, der Intendant, der mit so viel Ablehnung, Wut und Hass in Berlin begrüßt wurde, bis an den Rand der Irrationalität und darüber hinaus, ist nach nur wenigen Monaten vom Amt befreit.

Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, so grell und gigantisch, als wäre es das Bühnenbild einer Castorf-Inszenierung.

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Chris Dercons Rücktritt: Ende des "Kapitalistenhundes"

Der regiert hier immer noch, in diesem "Totenhaus", wie es der Schauspieler Milan Peschel nannte, wobei das Totenhaus viel größer ist als diese Bühne, könnte man sagen, es ist diese ganze Stadt Berlin, die sich an ihrem eigenen Mythos überfressen hat und nun langsam daran zugrunde geht.

Die Art und Weise jedenfalls, wie Frank Castorf, der die Volksbühne 25 wunderbare Jahr lang zum Zentrum der Zertrümmerung aller theatraler und gesellschaftlicher Gewissheiten gemacht hatte, nach seiner Kündigung 2015 als alternativlos verklärt wurde, hatte Züge von Götzenverehrung, Gegenwartsverweigerung und Geisterbeschwörung.

Es ging um ein Berlin, das war, das in der Erinnerung lebte, das nicht vergehen sollte, es ging um ein identitätsstiftendes Kunstprojekt, das in den Neunzigerjahren begonnen hatte und ewig dauern sollte für eine Generation, die mit ihrer eigenen Jugend alt werden will.

Dekonstruktion, kritisches Pathos und gemeinschaftliche Ironie also als Lebenselixir - fairerweise muss man sagen, dass Castorf es in all den Jahren immer wieder geschafft hat, sich seine eigene Gegenwart zurückzuerobern, sein Theater war noch nicht an ein Ende gekommen, als es zu Ende ging.

Und dennoch: Eine Entscheidung wie damals für Dercon, getroffen gemeinsam vom derzeitigen Berliner Bürgermeister Müller und dem damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner, ist erst einmal eine Entscheidung, die richtig sein kann oder falsch - das Ausmaß oder die Entgleisung der folgenden Debatte deuteten daraufhin, dass hier womöglich am falschen Objekt etwas sehr Grundsätzliches verhandelt werden sollte.

Und das ist vielleicht das größte Versagen der vergangenen Jahre, es ist nicht künstlerischer, es ist politischer Art, und es ist nicht Dercons Schuld, sondern eher die seiner Gegner: Während die Gesellschaft kippte, verloren sich die, die gegen dieses Kippen hätten arbeiten können, in Schlachten untereinander.

Nationalistische und kunstfeindliche Stimmung gegen Dercon aufgebaut

Es waren die üblichen Kämpfe unter Leuten, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen, links gegen links - auch wenn das einige von Dercons Gegnern anders definieren wollten, als Kampf gegen einen Neoliberalismus, der sehr pauschal mit der Kunstszene und ihrer Markttauglichkeit in eins gesetzt wurde.

Tatsächlich war es einigermaßen schockierend, die kleingeistige Hybris einer Kulturszene, die den Kapitalismus an der falschen Stelle bekämpfen will, mit Mitteln, die nur unwesentlich dumpfer sind als die der Kulturverächter der AfD.

Es war eine nationalistische und kunstfeindliche Stimmung, die in der Stadt gegen Dercon aufgebaut wurde, genau zu der Zeit, als sich die Gesellschaft auch an anderen Stellen abschottete, gegenüber Geflüchteten etwa, und sich Diskurse von dörflicher Beschränktheit entwickelten über Deutsch als einzige Sprache, in der man einen Kaffee in Berlin bestellen darf.

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Chris Dercon

Die Entsprechung war, und viele merkten gar nicht, wie sehr sie die falschen, weil feindbildenden Worte dieser Zeit wiederholten: Man spricht Deutsch im deutschen Theater! Man spielt Theater im deutschen Theater! Weltkulturerbe!

Die Ablehnung war ja nicht eine gegen Chris Dercon als Person und Intendant - der sich dann leider als eher unglücklich erwiesen hat, auch wenn das sehr viel mit finanziellen Problemen und falschen Versprechungen zu tun hatte, Stichwort Tempelhof -, die Ablehnung gegen Chris Dercon als Symbol für eine Kultur des Kuratierens und der Vermischung von Kunst, Film und Theater, wie sie in den Neunziger jahren begonnen hatte.

Chris Dercon war also in vielem das andere Eigene von Frank Castorf, es war eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Brüdern - geführt in einer Zeit, in der das Theater, das in den Neunzigerjahren so ein Energiefeld gewesen war, immer mehr in die Bedeutungslosigkeit driftet, genau deshalb, weil es sich von den wesentlichen Wechselwirkungen der Künste abschirmt.

Und so muss man das Scheitern von Chris Dercon in Zusammenhang sehen mit dem Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen, der andere verbleibende Leiter eines großen Stadttheaters, der sich bemühte, den Bühnenraum gedanklich und gesellschaftlich zu erweitern.

Engpässe der Dekonstruktion

"Wir glauben, dass es der Auftrag des subventionierten Theaters ist", so formulierte es das Ensemble in einem offenen Brief als Protest gegen die Entscheidung gegen Lilienthal, "ein Ort der Reflexion und des Aufbruchs, nicht eine Bastion der Affirmation zu sein." Wo und wann, "wenn nicht in einer Zeit, in der Angst tiefe Gräben durch unsere Gesellschaft zieht", so das Fazit, sei es wichtig und richtig, "die mitunter babylonisch anmutende Diversität der Perspektiven und Sprachen mit einzubeziehen und zu spiegeln, um einen Ort der Begegnung zu pflegen".

Simon Strauß, der sein zeitgeistiges Heil darin sieht, sich als Reaktionär vom Dienst zu etablieren, antwortete darauf in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wie in écriture automatique: Theater ist Theater ist Theater. Denn das ist der größere Maßstab des Berliner Dercon-Debakels: Das Theater ist ein weiterer Ort der allgemein ausgeweiteten Kulturkampfzone geworden.

Während also Chris Dercon eine mehr oder weniger schlaue Öffnung und Besichtigung des Archivs der Gesten und Gedanken vorschlug, als ästhetische Haltung, um die Engpässe der Dekonstruktion zu verlassen, findet eine sehr viel aggressivere und regressivere Historisierung statt, in Berlin und anderswo, allerdings eben ohne den rabiaten Widerstand, der Dercon entgegenschlug.

Das Stadtschloss etwa, als Höhe- und Tiefpunkt dieser restaurativen Kulturpolitik, wird irgendwie abgenickt oder wenigstens hingenommen, verbunden mit der intellektuellen Riesenpleite, die sich am Humboldt-Forum abzeichnet: Die Geschichte der Nation mit sanften Brüchen, als Geschichte, gerettet, nicht gerichtet.

Gegen all das stand Frank Castorf, gegen all das stand Chris Dercon. Seine Niederlage ist damit die Niederlage von allen, die im Theater mehr sehen als nur ein Spiel.

insgesamt 23 Beiträge
prof.unrat 14.04.2018
1. An diesem Kommentar stimmt nichts
Ich weiß nicht, wie der SPON und seine offiziellen Kommentatoren zu ihren Auffassungen und Meinungen bezüglich der Volksbühne kommen. Da wurde aus einer merkwürdigen Hybris heraus ( Müller und ganz speziell Renner) ein [...]
Ich weiß nicht, wie der SPON und seine offiziellen Kommentatoren zu ihren Auffassungen und Meinungen bezüglich der Volksbühne kommen. Da wurde aus einer merkwürdigen Hybris heraus ( Müller und ganz speziell Renner) ein wirklich interessantes Theater, das aus viel mehr bestand als Castorf, einfach mal abgeschaltet, um endlich mal die Große Welt mit Dercon nach Berlin zu holen. Die Volksbühne war konkret in ihrer Darstellung, in ihrer Aussage, in ihren Aufführungen vertreten durch Regisseure, die Maßstäbe setzten und durch erstklassige Schauspieler. Dies wurde einer angeblich weltoffenen Beliebigkeit geopfert. Es tut mir leid, aber Herr Dietz hat wie Herr Höbel keine wirkliche Ahnung von der Volksbühne, aber maßen sich ein Urteil an. Aber irgendetwas zu beurteilen, was man eigentlich nicht wirklich durchdrungen hat, ist ja groß in Mode gekommen.
hexedesnordens 14.04.2018
2.
Die Herren Dietz und Hobel scheinen von der Volksbühne im Besonderen in der Tat keine wirkliche Ahnung zu haben, von den Möglichkeiten zeitgenössischen Theaters und gegenwärtiger Kunst allerdings offenbar auch nicht. Es ist [...]
Die Herren Dietz und Hobel scheinen von der Volksbühne im Besonderen in der Tat keine wirkliche Ahnung zu haben, von den Möglichkeiten zeitgenössischen Theaters und gegenwärtiger Kunst allerdings offenbar auch nicht. Es ist nicht das "Symbol Dercon", das unter Kritik stand und auch nicht ein Generalvorwurf gegenüber Entgrenzung und Vermischung von Disziplinen, die das gesamtkunstwerklerische Programm der Volksbühne seit zweieinhalb Jahrzehnten eben ganz genau ausgemacht hat und, nebenbei, ganz schön viel international Anerkennung hat finden lassen, Stichwort Castorf, Pollesch, Schlingensief aber auch, wer's cross-overnd haben will, Gob Squad usw. . An der Stelle mit Sehgal, Weerasethakul, Serra, dem ehemaligen New Theatre anzusetzen ist kein Fortschritt, auch kein Systemerhalt, das ist - für Theater- wie Kunstpublikum gleichermaßen - hinter den Zug gesprungen, hilflos, ohne Vision - speziell, wenn man vollmundig "das" Theater zu erneuern verspricht. Wenn es dafür dann Kritik gibt - übrigens von Theater- wie von Kunstseite - und wenn vor allem das Publikum ausbleibt, woran liegt das? Weil nicht deutsch gesprochen wird? Oder weil ein ziemlich international und transdisziplinär durchsetztes Publikum - nein, kein "Berliner" sondern "in" Berlin - vielleicht eine kleine Ahnung haben kann, wo oder wie's interessant werden könnte, ohne einen heißen Tipp von Tim Renner bekommen zu müssen. SPON könnte den ja mal buchen, um mit "Mirror online" statt "Spiegel auf Leitung" etwas weniger provinziell zu werden.
unky 14.04.2018
3. Es ist schon traurig, ...
... wie Herr Diez um eine personelle Fehlentscheidung im Kulturbereich so eine schwurbelige Ideologie bastelt. Was ist passiert? Kulturstaatssekretär Tim Renner - seines Zeichens bar jeder Ahnung von der Geschichte, Gegenwart und [...]
... wie Herr Diez um eine personelle Fehlentscheidung im Kulturbereich so eine schwurbelige Ideologie bastelt. Was ist passiert? Kulturstaatssekretär Tim Renner - seines Zeichens bar jeder Ahnung von der Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Kultur einer Großstadt wie Berlin - bestellte Dercon zum - einen Museumskurator ohne Wissen um das Theater - zum Intendanten der Volksbühne. Dercon lieferte bis zum letzten Tag seiner Amtszeit kein Konzept seiner Intendantentätigkeit und keine Aufführung im Theater, die das Publikum interessiert hätte. Sein Etat lag mit 22 Mio über dem des Vorgängers Castorf (17 Mio pro Jahr), der sein Haus regelmäßig bis zu 70-80 % mit Zuschauern füllte. Dercon brachte es auf rund 40 %. Seinen Etat verbrauchte er innerhalb eines halben Jahres. Dercon hat nicht geliefert, wozu er sich vertraglich verpflichtet hatte. Den Zuschauern oder dem Kultursenator Lederer die Schuld am Derconschen Scheitern zu geben und die Stadt insgesamt als restaurativ, nationalistisch und kulturfeindlich zu verunglimpfen ist einfach lächerlich. Berlin hat bislang noch jeden bedeutenden Theatermann/-frau gefeiert - man denke nur an Peymann, Wilson, Fritsch, Pollock u.a.m. Diese Künstler hatten ihrem Publikum aber auch etwas zu geben - nämlich großartige Theaterabende.
henninghuno 14.04.2018
4. was, bitte schön, ist die Aussage?
Ich habe den Text von Herrn Dietz aufmerksam gelesen, aber absolut keinen Erkenntnisgewinn erzielen können. Ohne die Umstände dieses Rücktritts zu kennen, hatte ich mir gewünscht, in etwa zu erfahren, worum es eigentlich geht. [...]
Ich habe den Text von Herrn Dietz aufmerksam gelesen, aber absolut keinen Erkenntnisgewinn erzielen können. Ohne die Umstände dieses Rücktritts zu kennen, hatte ich mir gewünscht, in etwa zu erfahren, worum es eigentlich geht. Leider Fehlanzeige.Das Ganze liest sich so, als ob der Grund für die Vorgänge an der Volksbühne mit Absicht verschleiert werden soll. Selbst der Hinweis auf die Widererrichtung des alten Stadtschlosses, dem Symbol des preußischen Militarismus, trägt nicht zur Aufklärung bei. Es ist wie bei den Stellungnahmen von Politikern: viele Worte, null Aufklärung.
michibln 14.04.2018
5. Ein echter Diskurs fand und findet in diesem Theater...
...und in anderen öffentlich subventionierten Theatern doch sowieso nicht statt. Alle haben die selbe Meinung, die mantramäßig wiederholt wird. Auseinandersetzung mit andersdenkenden wird verweigert. Sonst hätte man z.B. schon [...]
...und in anderen öffentlich subventionierten Theatern doch sowieso nicht statt. Alle haben die selbe Meinung, die mantramäßig wiederholt wird. Auseinandersetzung mit andersdenkenden wird verweigert. Sonst hätte man z.B. schon längst mal ganz unironisch "Der Streik" von Ayn Rand inszeniert.

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