Kultur

Männliche Sexualität

Weg mit den Pimmelwitzen!

Es geht nicht anders. Wir müssen über Penisse reden und alles, was damit zusammenhängt.

Getty Images

Karikatur des Ex-"Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann am Berliner "taz"-Gebäude im Jahr 2009

Eine Kolumne von
Dienstag, 09.01.2018   15:50 Uhr

Der Penis taucht in der Kulturgeschichte an den seltsamsten Stellen auf, auch da, wo man ihn nicht erwartet. Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt als einer der größten deutschen Philosophen. Als er an seinem Hauptwerk, der "Phänomenologie des Geistes" (1807), schrieb, suchte er ein Beispiel für einen Körperteil, der zugleich Hohes und Niedriges kann, Geniales und Banales, als Vergleich zum menschlichen Geist. Wenn man mich fragen würde, würde ich sagen: die Hand. Sie kann Gedichte schreiben oder jemanden ohrfeigen. Oder der Mund: Er kann Revolutionen verkünden oder spucken. Hegel kam auf den Penis. Der Penis sei das Organ der "höchsten Vollendung" des Lebendigen in der Natur, "Organ der Zeugung" und "Organ des Pissens".

Heute vor 110 Jahren wurde Simone de Beauvoir geboren. Sie war überzeugt, dass es keine natürlichen Gründe dafür gibt, wenn Frauen und Männer nicht die gleichen Rechte und Freiheiten haben. Dennoch gebe es Männer, die in ihrem Geschlechtsorgan ihre "Transzendenz und (...) hochmütige Unübertrefflichkeit" verkörpert sähen.

Man würde meinen, das ist etwas überzogen, aber dann erscheint im Jahr 2017 ein Buch zur Kulturgeschichte des Penis - "Der Penis-Komplex" - und der Autor, Gerhard Staguhn, schreibt über seinen kleinen Protagonisten: "Bei den zu den Plattwürmern gehörenden Strudelwürmern hat sich der Penis aus ursprünglichen Abwehrwaffen des Tiers entwickelt. Im Grunde hat ja jeder Penis, voran der besonders groß geratene des Menschen, etwas von einer Waffe, freilich mehr von einer Angriffs- als von einer Abwehrwaffe." Es sind eigenartige Machtfantasien, die diesem knochenlosen Gebamsel immer noch zukommen. Fellatio habe, so Staguhn weiter, auch die "sadistische Komponente", "mit dem Penis unbewusst die Frau ersticken zu wollen". Happy 2018!

Gedanken über Genitalien

Es geht nicht anders. Wir müssen über Penisse reden und alles, was damit zusammenhängt. Man könnte natürlich fragen: Ernsthaft? Warum sollte man in einer Zeit, in der alle Welt sich mit guten Gründen darüber Sorgen macht, ob der US-Präsident nicht doch ein unzurechnungsfähiger Psychopath ist, der jederzeit einen Atomkrieg beginnen könnte, Gedanken über Genitalien machen, und haben wir nicht gerade schon ganz andere Probleme, eben gerade weil Männer wie Louis C.K. ihren Dödel nicht einfach für sich behalten können?

Ja. Aber auch: Gerade wegen Trump und gerade wegen #MeToo ist das Reden über männliche Sexualität und alles, was damit zu tun hat, noch überfälliger als es seit Jahren schon ist.

Die Gemächte der Mächtigen sind eh ein Thema, ob man das nun gut findet oder nicht. Als Kim Jong Un in seiner Neujahrsansprache erklärte, er habe einen Atomwaffenknopf auf dem Schreibtisch und Donald Trump darauf antwortete, sein Atomknopf sei aber größer und mächtiger und funktioniere sogar, da schrieben sich die Witze vom Schwanzvergleich im Grunde selbst: Ha, ha, die beiden Trottel, jeder will den Größeren haben.

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Da tritt dann auch die Tatsache in den Hintergrund, dass Trump zahlreiche Fälle sexueller Belästigung vorgeworfen werden, Kim Jong Un regelmäßig Menschen hinrichten lässt, und beide leicht kränkbaren Kreaturen mit einem Atomangriff sehr viele Menschen töten könnten, aber hey, eine Pimmelpointe lässt man sich nicht nehmen, so will es das Gesetz. Selbst da, wo das Geschlechtliche nicht direkt ausgesprochen wird, baumelt es im Subtext mit, wie in dem Cartoon, den der "New Yorker" kürzlich veröffentlichte: Eine Arbeiterin und ein Arbeiter stehen neben einer Atomrakete. Sie sagt zu ihm: "Worst-Case-Szenario: Er kompensiert die Größe seines Gehirns."

Viele Wege führen nach Rom

Trumps Penisgröße ist schon im US-Wahlkampf ein Thema gewesen, das er selbst kommentierte, und Senator Marco Rubio entschuldigte sich bei Trump für eine abfällige Bemerkung zu ebendiesem Sujet. Als eine anarchistische Gruppe eine Statue des nackten Donald Trump aufstellte, um ihn symbolisch bloßzustellen, hatte die Figur einen winzigen Piller und keine Hoden. Als wäre das etwas Schlimmes - und als wäre im Gegenzug ein großer Penis etwas, worauf man stolz sein könnte.

Natürlich kommt es bisweilen auf die Größe eines Penis an, aber faktisch nur in sehr seltenen Fällen. Die allermeisten Penisse sind für die gewünschten Funktionen groß genug. Es gibt Penisse, die sind so groß, dass sie zu groß für jegliche Körperöffnung sind, aber das ist äußerst selten, und es gibt Penisse, die sind zu klein für Penetration, aber auch das ist extrem selten und Penetration mit einem Penis war noch nie die einzige Art, auf die Menschen Sex haben können, viele Wege führen nach Rom.

Es gibt wohl zu jedem halbwegs mächtigen männlichen politischen Akteur Witze darüber, dass sein Penis sehr klein ist. Manchmal ist es auch ein Hodenproblem wie bei Hitler. Wenn man "Mikropenis" in die Google-Bildersuche eingibt, erhält man unter anderem auch Bilder von Hitler und Trump. Sibylle Berg schrieb in einer ihrer Kolumnen: "Nein, ihr Pappnasen vom IS - der ab heute 'Die mit dem kleinen Pimmel' heißt - töten ist nicht gut." Und in Jan Böhmermanns Gedicht hieß es: "Erdogan ist voll und ganz ein Präsident mit kleinem Schwanz."

Porschefahrer und Fußball

Doch großkotzigen Männern kleine Penisse anzuhängen, ist nur eine Sonderform des altbewährten Beruhigungsmittels, sich einschüchternde Menschen als tief im Inneren eingeschüchtert, verletzende Menschen als verletzt zu denken. Wir wollen glauben, dass faschistische Gewalt wie die Springerstiefel im Ärzte-Lied nur ein "stummer Schrei nach Liebe" ist und nennen Schwulen- oder Lesbenhass "Homophobie", weil uns Angst weniger Angst macht als Hass. Aber so verniedlicht man Herrschaft.

Doch nicht nur herrschende Männer oder Gruppen haben mit Mutmaßungen über ihre Penisgröße zu tun. Jeder Mensch, der das Internet benutzt, kriegt irgendwann eine Penisvergrößerung vorgeschlagen. Als Joanne K. Rowling einem Twitter-Hater eine solche Maßnahme empfahl, waren ihre Fans begeistert. Als SPIEGEL ONLINE über die angeblich weltweit erste Penistransplantation berichtete, lautete einer der meistgelikten Kommentare auf Facebook: "Porschefahrer können sich freuen."

Als irgendwas mit dem 1. FC Köln war, schrieb Carolin Kebekus auf Twitter: "Wie peinlich! Das ist nicht mein #effzeh! Alles sehr kleine Pimmel. Sowas macht den Fußball kaputt."

Und dann gibt es noch dieses berühmte Witzebild mit dem Schild an einem öffentlichen Klo, wo neben dem Trinkgeldteller steht: "Benutzung der Herrentoilette: Kleiner Penis - 10 Cent, großer Penis - 2 Euro", und auf dem Teller liegen lauter Zwei-Euro-Münzen.

Das ist nicht gut. Männer haben es nicht geschafft, Witze über ihre Penisse zum Tabu zu erklären. Während jeder, der heute einen Blondinenwitz macht, als komplett vorgestriger Idiot dasteht, sind Peniswitze nahezu durchgängig anerkannt. Wer sich über dicke, alte, hässliche, kranke Leute lustig macht, kriegt eins auf den Deckel. Große Ohren, hängende Brüste, schiefe Zähne: Unter halbwegs vernünftigen Menschen ist klar, dass man darüber nicht lacht. Aber wer Witze über kleine Penisse macht, kommt damit im Normalfall sehr gut durch.

Der Pimmelwitz ist das Zeichen schlechthin dafür, dass Männer sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht hinreichend um eine freie Sexualität gekümmert haben. Während Frauen ihre Lebensumstände revolutioniert haben, kann man sich über Männer und ihr intimstes Organ in aller Öffentlichkeit lustig machen, und sie sagen in den allermeisten Fällen: exakt nichts.

Vielschichtige Sexualität

Dabei ist der Peniswitz natürlich nur ein Symptom des viel größeren Problems, dass Männer in unserer Kultur oft hinter einer geradezu körperlosen Neutralität verschwinden, die es ihnen einerseits ermöglicht, als seriöse Verlautbarer noch so verrückter Ansichten zu erscheinen, sobald sie einen guten Anzug tragen, und die andererseits aber ebenso ungerechtfertigt dazu führt, dass sie nicht als komplexe Wesen mit Gefühlen wahrgenommen werden - auch wenn ihre Sexualität genauso vielschichtig ist wie die von Frauen.

Als Süddeutsche.de gestern von den Golden Globes berichtete, schrieb man dort, dass die Stars alle in Schwarz gekleidet waren, aus Solidarität mit den #MeToo-Betroffenen. In der Bilderklickstrecke zum Thema gab es dann ausschließlich Fotos von Frauen auf dem roten Teppich - als gäbe es nur bei denen was zu gucken, und als müsse man Männer eben nicht zeigen. Gerade in Anbetracht von #MeToo ist das verrückt.

Männerkörper bleiben oft unsichtbar - und das mag zunächst als Widerspruch zur Allgegenwärtigkeit von Peniswitzen erscheinen, ist aber ein logischer Zusammenhang: Sie scheinen nicht der Rede wert, außer da, wo man ihnen Schwäche andichten möchte. Letztlich gehen allerdings die wenigsten Männer damit in die Geschichte ein, dass sie ein besonders großes Gemächt gehabt hätten. Im Gegenteil: Wer heute als Mann wirksam die Abschaffung von Peniswitzen fordern würde, würde zwar definitiv in Verdacht geraten, untenrum schlecht ausgestattet zu sein - er wäre aber historisch ein Pionier.

insgesamt 172 Beiträge
santoku03 09.01.2018
1.
Dass Kebekus auf diesem Niveau liegt, wundert mich überhaupt nicht. Die war schon immer der weibliche Mario Barth.
Dass Kebekus auf diesem Niveau liegt, wundert mich überhaupt nicht. Die war schon immer der weibliche Mario Barth.
ttvtt 09.01.2018
2. Warum?
Eine Sache, die Frauen wirklich vorgeworfen werden kann, ist, dass sie einfach keinen Humor haben. "Pimmelwitze" können ruhig bleiben, weil man als Mann darüber steht.
Eine Sache, die Frauen wirklich vorgeworfen werden kann, ist, dass sie einfach keinen Humor haben. "Pimmelwitze" können ruhig bleiben, weil man als Mann darüber steht.
vox veritas 09.01.2018
3. Mal sehen, wer den Witz entdeckt
"Männer haben es nicht geschafft, Witze über ihre Penisse zum Tabu zu erklären." Das liegt daran, das wir Humor haben und durchaus über uns selbst lachen können. Ganz im Gegensatz zu einigen Mitgliedern des [...]
"Männer haben es nicht geschafft, Witze über ihre Penisse zum Tabu zu erklären." Das liegt daran, das wir Humor haben und durchaus über uns selbst lachen können. Ganz im Gegensatz zu einigen Mitgliedern des anderen Geschlechts.
Bondurant 09.01.2018
4. Chapeau!
Männerkörper bleiben oft unsichtbar - ..Sie scheinen nicht der Rede wert, außer da, wo man ihnen Schwäche andichten möchte. Sehr richtig. Hätte ich von Stokowski gar nicht erwartet. Immerhin beginnt die Erkenntnis zu [...]
Männerkörper bleiben oft unsichtbar - ..Sie scheinen nicht der Rede wert, außer da, wo man ihnen Schwäche andichten möchte. Sehr richtig. Hätte ich von Stokowski gar nicht erwartet. Immerhin beginnt die Erkenntnis zu reifen, dass auch Männer Opfer von Sexismus sein können: bitte bedenken Sie, dass die Sache mizt dem Gemächt einen Bezug zur (angenommenen oder abgesprochenen) Zeugungsfähigkeit hat. Auch bei Männern geht es nicht nur einfach um Sex, sondern auch das, was dabei herauskommen kann oder eben nicht.
B.Buchholz 09.01.2018
5.
Endlich wird mal das in den letzten Jahren drängendste Problem für Frauen bei uns thematisiert - der Pimmelwitz! Hoffentlich gießen linksgrüne Politiker ein Peniswitz-Verbot bald in Gesetzesform. Auch Facebook sollten bei [...]
Endlich wird mal das in den letzten Jahren drängendste Problem für Frauen bei uns thematisiert - der Pimmelwitz! Hoffentlich gießen linksgrüne Politiker ein Peniswitz-Verbot bald in Gesetzesform. Auch Facebook sollten bei Posts mit Andeutungen horrende Strafen angedroht werden. Wo wären wir bloß ohne linke Regulierungen? Am Ende landen wir noch in einer liberal-unverkrampften Gesellschaft ohne Sprechverbote bei (angeblich) unbedeutend-privaten Themenfeldern, während man sich um (angeblich) wichtigere Dinge kümmert, wie z.B. Zustände wiederherzustellen, dass Frauen ohne Bedenken wieder alleine joggen gehen können. Dies sei ferne!
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