Kultur

Alltags-Dokumentarfilm

Bauer Willi, die Tiere und der Tod

Einmal kommt der Heinz vorbei, wie geht's, na ja, der Heinz hatte einen Herzinfarkt. Der Dokumentarfilm "Aus einem Jahr der Nichtereignisse" fängt das gewöhnliche Leben mit außergewöhnlichen Bildern ein.

Wolf Berlin/ Ann Carolin Renninger & René Frölke
Von Ekkehard Knörer
Donnerstag, 14.06.2018   11:42 Uhr

Katzen, reichlich, Enten, Hühner und Gänse leben auf Willis Hof. Und auch Willi, bald 90 Jahre alt, lebt da. Einst war er der Bauer, jetzt schlurft er hinter seinem quietschenden Rollator übers Gelände, das nicht mehr bewirtschaftet wird. Manches verfällt und verwildert: die Tiere, das Gras, das Haus und auch der Mensch.

Ein Jahr lang haben die Filmemacher Ann Carolin Renninger und René Frölke Willi besucht, um ihn zu begleiten, um die Nichtereignisse zu begleiten, aus denen im Alter sein Leben besteht. An diesen Nichtereignissen allerdings ist dieses Leben und ist auch der Film außerordentlich reich.

Willi spricht, Renninger unterhält sich mit ihm. Er spricht über das Leben, über den Krieg, in dem er in Italien war, er spricht über einen Krankenhausaufenthalt und über den Tod, unter dem er sich wie wir alle wenig vorstellen kann. Einmal kommen, und das ist dann fast doch ein Ereignis, andere alte Menschen aus dem Dorf zu Besuch. Es gibt Kuchen, man spricht darüber, ob man, weil im Grab wenig Platz ist, den Gatten kremieren wird oder auch sich.

Einmal kommt der Heinz vorbei, wie geht's, na ja, der Heinz hatte einen Herzinfarkt, eines Tages, meint er, komme ich dann vielleicht nicht mehr vorbei. Sonst allerdings regiert das Banale, falls nicht auch der Tod letztlich banal ist. Die Welt, aus der dieser Film berichtet, ist eng, eine Welt, in der man sich bei aller Sturheit im Kleinen ins Unabänderliche fügt.

Tickende und nicht mehr tickende Uhren

Das Zentrum des Films ist Willi nicht unbedingt. Vieles andere kommt neben ihm zu seinem Recht. Die Jahreszeiten zum Beispiel. Im Winter beginnt es, in Schnee und in Eis; dann Tauwasser, Frühling, der Regen; die Sonnenstrahlen des Sommers, bald vorüber; welke Blätter, die Tage werden kürzer, der Herbst. So lakonisch und aufmerksam wie alles andere zeigen Renninger und Frölke das.

Aber nicht nur die Jahreszeiten, auch die Tiere, Katze im Close-up, das Hühnergegacker, und nicht nur die Tiere, auch die Dinge, die umgestürzten Plastikstühle im Garten, das Gerümpel im Haus, tickende und nicht mehr tickende Uhren, das wuchernde Gebüsch draußen, die verdorrten Pflanzen drinnen an Fenstern, kommen zu ihrem Recht.


"Aus einem Jahr der Nichtereignisse"
Deutschland 2017
Regie: Ann Carolin Renninger und René Frölke
Verleih: Wolf Kino
Länge: 83 Minuten
FSK: keine Angabe
Start: 14. Juni 2018


Manches erscheint wie Stillleben in der Manier älterer Meister, und ein schöneres Wort als Stillleben gibt es für all das, was dieser Film aufzeichnet und einfängt, ohnehin nicht. Auch Willi passt da hinein, Blick auf die Hände, denen man die viele Arbeit ansieht, die sie geleistet haben, Willi sitzend und redend und schweigend, zerzaustes Haar, sich in seinen Pullover hineinwurschtelnd, langsam, ohne Ungeduld, dann wieder auf, hinaus, Ruf nach der Katze, er schlurft durch seine Wildnis, hinter seinem quietschenden Rollator, er sieht nach dem Rechten.

Die Schönheit des Übergangs

Dies alles zeigen die Filmemacher in sehr eigentümlichen Bildern. Sie haben ihren Film nämlich mit Material gedreht, von dem man sagen kann, dass es nicht up to date ist: auf echtem Filmmaterial, nicht digital, und dann auch noch fast nur 8mm und 16mm. Manchmal Farbe, manchmal schwarz-weiß. Das führt dazu, dass man manchmal, besonders im Dunkeln, beinahe gar nichts erkennt. Gleich das erste Bild, auf den ersten Blick nur Textur, körnig, grau. Ein grisselig-weißer Schimmer im grisseligen Schwarz oder Grau.

Aber wie der Film die Schönheit des Nichtereignisses kennt, so kennt er auch die Schönheit des Übergangs von der konkreten Dingwelt in die Fast-Abstraktion der Muster von Schatten und Licht und Hell und Dunkel. Darüber hinaus läuft das Bild immer wieder ganz aus ins Schwarze, die 8-mm-Bänder sind kurz, die Aufzeichnung geht weiter, man hat dann streckenweise nur Schwarzbild und Ton. An anderen Stellen dagegen nur das Bild, es bleibt stumm, die Tonspur fällt aus.

"Aus einem Jahr der Nichtereignisse" unterhält ein seltsames Verhältnis zur Zeit. Willi wie der Film sind ein wenig aus der Gegenwart gefallen, aber finden nichts dabei. Es bleibt, im undeutlichen Bild, in der nuscheligen Sprache, ein großer Reichtum, auch so: an Aufmerksamkeit für Mensch, Tier, Bild, Ding und Natur.

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