Kultur

Marvels schwarzer Superheld

Black Power aus Wakanda

Ist die Zeit reif für einen Superheldenfilm mit fast ausschließlich schwarzen Darstellern? Regisseur Ryan Coogler und seine Hauptdarsteller erklären, wie sie "Black Panther" vorbereitet haben.

Foto: Disney
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Montag, 12.02.2018   07:48 Uhr

Ryan Coogler erinnert sich noch, wie er als Grundschüler in einem Comic-Laden in der Bay Area von San Francisco nach einem Superhelden fragte, "der so aussieht wie ich." "Ich habe Comics geliebt", sagt Coogler, heute 31, "und die waren ja ein großes Ding in den Neunzigern - all diese Zeichentrickserien, X-Men, Iron Man, Ninja Turtles. Aber es gab nicht viele schwarze Figuren. Hier und da eine, aber es waren nie die stärksten oder besten." Doch dann führte ihn jemand zum Regal mit den "Black Panther"-Heften.

Der Marvel-Comic, mit dem Stan Lee und Jack Kirby 1966 den ersten schwarzen Superhelden des amerikanischen Comic-Mainstreams schufen, dreht sich um eine technologisch hoch entwickelte afrikanische Zivilisation namens Wakanda, die in Isolation von der restlichen Welt existiert. Und um ihren König, der als Superheld sein Reich beschützt und verteidigt.

Diese Geschichte kommt jetzt als Teil von Marvels "Cinematic Universe" ins Kino. Regie führte Comic-Fan Coogler, der sich in den letzten Jahren mit "Fruitvale Station" und der "Rocky"-Neuauflage "Creed" als eines der größten jungen Regietalente Hollywoods empfahl. "Black Panther", dem für sein US-Startwochenende ein sagenhafter Umsatz von 150 Millionen Dollar vorhergesagt wird, ist ein Meilenstein des Kinos, der Kritiker wie Fans schon vorab elektrisiert: eine Blockbuster-Produktion mit einem schwarzen Regisseur und hauptsächlich schwarzen Schauspielern.

Der Weg zum Durchbruch

Es ist kein Film "mit einem schwarzen Superstar, der von einer weißen Besetzung umringt wird", wie Coogler sagt. Auch wenn "Black Panther" Chadwick Boseman ("Get on Up") seinen ersten Auftritt 2016 in einem ebensolchen Umfeld hatte: Eingeführt in die Heldenriege der Marvel-"Avengers" wurde er in "Captain America: Civil War". Jetzt bekommt er einen Solo-Auftritt, der, ähnlich wie DCs "Wonder Woman" im vergangenen Jahr, zu den politisch symbolträchtigsten Filmen des Genres zählt.

Der Weg zu diesem Durchbruch für afroamerikanische Künstler und Motive war allerdings länger als geplant.

Als Wesley Snipes im Juni 1992 ankündigte, "Black Panther" verfilmen zu wollen, war das für viele eine Sensation: Eine schwarze Utopie, die ein schwarzer Superstar einem weltweiten Kinopublikum bekannt machen würde, als "Gegenentwurf zu den Stereotypen von Afroamerikanern", wie Snipes damals sagte.

In den Chefetagen der Filmstudios allerdings wurde man blass: War dies der richtige Zeitpunkt für einen Film, dessen Titelheld an jene revolutionär radikale Partei erinnerte, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren Polizeiübergriffe gegen Schwarze dokumentierte und schließlich zur bewaffneten Selbstverteidigung aufrief? Damals hatten sich die schweren Unruhen gerade erst beruhigt, die unter der schwarzen Bevölkerung in Los Angeles ausgebrochen waren, nachdem vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King vor laufenden Kameras fast zu Tode geprügelt hätten, freigesprochen worden waren.

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"Black Panther": Eine Vision von Wakanda

Schauspieler Snipes zeigte sich unbeeindruckt und begann mit der Arbeit an dem Projekt. Columbia Pictures war interessiert, John Singleton ("Boyz N The Hood") war als Regisseur im Gespräch. Aber dann versandete das Ganze. Statt als "Black Panther" war Snipes 1993 in der Sci-Fi-Action-Satire "Demolition Man" zu sehen - als schwarzer Bösewicht, gejagt von Sylvester Stallones Cop. Seine größte Rolle sollte nicht der Mann aus Wakanda sein, sondern 1998 der Vampirjäger "Blade" - immerhin der erste Blockbuster mit einem schwarzen Superhelden. "Aber wie viele schwarze Figuren gab es darin? Zwei?", fragt Ryan Coogler.

Im Sinne des Afrofuturismus

Im "Black Panther"-Film kann man nun, 20 Jahre später, die weißen Darsteller an einer Hand abzählen: Martin Freeman spielt einen CIA-Agenten, Andy Serkis ist als Schurke Klaue zu sehen. Cooglers Film ist aber nicht allein deswegen bedeutend. Er zelebriert zudem den sogenannten Afrofuturismus, also den Entwurf einer idealisierten, hochtechnisierten und autarken afroamerikanischen Utopie.

Boseman ist T'Challa, der nach dem Tod seines Vater T'Chaka zum rechtmäßigen Herrscher der Hochzivilisation in Wakanda aufsteigt und damit als "Black Panther" zum Beschützer der Nation wird. Aber es gibt Konkurrenten um die Herrschaft, und es gibt Fragen nach der zukünftigen Rolle des Wakanda-Volkes in der Welt - große Themen, die, wie Coogler sagt, an die Gegenüberstellung des militanten Malcolm X und des friedliebenden Martin Luther King anknüpfen und darüber hinausweisen.

Der bewegliche Begriff des Rassismus

Dass "Black Panther" einst von zwei weißen Männern geschrieben wurde, findet Coogler keineswegs ironisch. "Man darf ja nicht vergessen, dass Kirby und Lee jüdisch sind, und damals, als sie diese Geschichten erfanden, bedeutete das, fremd und anders zu sein." Rassismus, sagt Coogler, sei in Amerika ein beweglicher Begriff, Leute wie Kirby und Lee hätten in den Fünfzigern und Sechzigern nicht unbedingt als Weiße gegolten. "Wohl deswegen hat Lee, der für Marvel Helden wie Spider-Man, den Hulk und die X-Men schuf, mit seinen Comics stets die Kultur als Ganzes kommentiert - alle seine Figuren waren Außenseiter und Benachteiligte, die um Anerkennung und Gleichberechtigung rangen."

Vor einigen Jahren lernte Coogler den inzwischen 95 Jahre alten Lee auf dem Sundance-Filmfestival persönlich kennen. "Er beschrieb mir, wie wichtig es ihm war, eine schwarze Figur zu schreiben, die beste Voraussetzungen hatte, die ihre Abstammung kannte, die finanziell nicht übertölpelt werden konnte. Er schärfte mir ein, das richtig zu machen."

Also gingen Coogler und sein Hauptdarsteller die Dinge mit Bedacht an. Boseman versah seinen T'Challa mit einem afrikanischen Akzent. "Denn wenn Wakanda sich mit seiner hochzivilisierten Technologie und Intelligenz von der Welt isoliert hat", so der Schauspieler im Interview, "muss hier niemand nach Cambridge oder Yale gehen, um eine hochrangige Ausbildung zu genießen. Diese Leute sind nicht kolonialisiert." Untereinander spreche das Wakanda-Volk im Film die Sprache der Xhosa in Südafrika, der Stamm Nelson Mandelas.

Aber "Black Panther" ist auch ein Frauenfilm. Die Leibgarde des Königs, die "Dora Milaje", besteht aus Elitesoldatinnen, und T'Challas 16-jährige Schwester Shuri (eine Entdeckung: Laetitia Wright) ist, wie in einem Bond-Film, eine Art Q, die technologische Chefdesignerin Wakandas. "Für mich als Afroamerikaner", sagt Coogler, "sind Frauen die Eckpfeiler unserer Communities. Sie müssen es sein." Diese Erfahrung, sagt er, habe sowohl ihn als auch den Film geprägt. Laetitia Wright findet noch klarere Worte. "Frauen und farbige Frauen machen die ganze Zeit tolle Sachen. All das existiert! Man sieht es bloß nie im Kino. Aber jetzt holen wir das endlich nach!"

Video: Kino-Trailer zu "Black Panther"

Dass die aktuelle politische Situation in Amerika einen Einfluss auf den Film hatte, steht außer Frage, sagt Ryan Coogler. T'Challa sei auch deswegen eine wichtige Figur, "weil er seine Verantwortung auf eine Weise trägt, wie wir das lange nicht mehr gesehen haben." Im Film muss sich der Monarch die Frage stellen lassen: "Was für eine Art König willst du sein?" Das, findet Coogler, sei die zentrale Frage, nicht nur für die hochzivilisierten Menschen in Wakanda, sondern auch für alle Afroamerikaner: "Jetzt, wo wir eine Stimme haben - was wollen wir sagen?"

insgesamt 15 Beiträge
Leser161 12.02.2018
1. ?
Die Story verlangt halt nach sehr viele Schwarzen. Warum muss man das erwähnen? Rassismus wird nicht besiegt in dem man erzählt wie toll es ist das der Film nur schwarze Darsteller hat oder in dem man auf Krampf überall [...]
Die Story verlangt halt nach sehr viele Schwarzen. Warum muss man das erwähnen? Rassismus wird nicht besiegt in dem man erzählt wie toll es ist das der Film nur schwarze Darsteller hat oder in dem man auf Krampf überall Schwarze einbaut, eher bleibt er dadurch haften. Rassismus wird besiegt in dem man solche Selbstverständlichkeiten nicht mehr erwähnt.
phrasensport 12.02.2011
2. "Spawn"...
...ist einer der bestverkauften Comics. Und war der Typ nicht auch schwarz? Die Verfilmung war leider nicht so fett, wie wir das mittlerweile gewohnt sind - aber sollte der nicht jetzt auch neu aufgelegt werden?!?
...ist einer der bestverkauften Comics. Und war der Typ nicht auch schwarz? Die Verfilmung war leider nicht so fett, wie wir das mittlerweile gewohnt sind - aber sollte der nicht jetzt auch neu aufgelegt werden?!?
Mindyourmanners 12.02.2018
3. Es ist eben nicht selbstverständlich
Natürlich muss es das Ziel sein, dass man nicht erwähnen muss, dass der Hauptdarsteller schwarz oder die Hauptperson eine Frau ist. Nur in Zeiten, in denen der Alltagsrassismus es bis in den Bundestag und die amerikanische [...]
Natürlich muss es das Ziel sein, dass man nicht erwähnen muss, dass der Hauptdarsteller schwarz oder die Hauptperson eine Frau ist. Nur in Zeiten, in denen der Alltagsrassismus es bis in den Bundestag und die amerikanische Regierung geschafft hat, ist es leider weiterhin ungewöhnlich und daher eine Nachricht wert. Ebenso war es Ende der 90er noch besonders, dass in der Serie Buffy eine starke selbstbestimmte Frau die Heldin war und auch Filme wie Wonder Woman gibt es immer noch nicht als Regel, sondern als Ausnahme. Schwarze Darsteller und weibliche Darstellerinnen verdienen auch immer noch deutlich weniger als die weißen männlichen Top-Schauspieler. Man bekämpft Rassismus (oder Sexismus) nicht, in dem man so tut, als gäbe es ihn nicht. Und darum ist es auch gut, über Positiv-Beispiele so ausführlich zu berichten.
5b- 12.02.2018
4. Rassismus
Es gibt nicht nur den hasserfüllten, stark emotionalen Rassismus. Nein es gibt auch den subtilen, gut gemeinten. Wenn man jetzt mediale Inhalte nur auf eine „Rasse“ zuschneidet, so ist das auch Rassismus. Den stärksten [...]
Es gibt nicht nur den hasserfüllten, stark emotionalen Rassismus. Nein es gibt auch den subtilen, gut gemeinten. Wenn man jetzt mediale Inhalte nur auf eine „Rasse“ zuschneidet, so ist das auch Rassismus. Den stärksten Rassismus, den ich je verspürte, erlebte ich im weltoffenen und toleranten Toronto. Dort leben die Rassen getrennt und selbsterwählt in Inseln. Es ist nicht so, dass es zwingend nach Rasse sortiert wird. Rassen fühlen bei ihresgleichen am besten. Das ist der Anfang des Rassismus. Man denkt man ist multikulti, dabei ist man kultizentrisch.
adama. 12.02.2018
5. Frauen machen tolle Sachen?
Sind die meisten Actionfilme schon naiv, kindisch und verrückt, bleiben sie es auch, wenn Frauen die Hauptrolle spielen. Diese Fantasyfilme können weder das Frauenbild, noch das Männerbild verändern. Nur eines ist positiv [...]
Sind die meisten Actionfilme schon naiv, kindisch und verrückt, bleiben sie es auch, wenn Frauen die Hauptrolle spielen. Diese Fantasyfilme können weder das Frauenbild, noch das Männerbild verändern. Nur eines ist positiv hervor zu heben. Es gibt keinen rassistischen Superhelden. Es gibt aber immer Superhelden, die dann doch stärker als Frauen sind und diese letztendlich retten oder erobern. Das ändert sich übrigens nicht, wenn Frauen diese Superhelden entwerfen. Die Frauenrolle bleibt immanent, bildet in den Comics die Wirklichkeit ab, dass Frauen in der großen Mehrheit einen Partner suchen der mindestens gleichen, besser aber einen höheren Status hat als sie selbst. Ausnahmen können das Rollenbild nicht korrigieren. Ich sehe das Frauenbild immer wieder dort neu definiert, wo sie heranwachsende Mädchen erreicht. In der Musik- und Freizeitindustrie. Aus Musikclips, Werbung und Unterhaltungsindustrie lernen Mädchen wie man mit dem Arsch und Busen wackelt, um Männer zu beeindrucken. Vor allem in den Videos der schwarzen Rapper scheint das das einzige Frauenbild zu sein. Das einzige Selbstbewusstsein das hier vermittel wird, ist möglichst einen hohen Preis zu verlangen.
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