Kultur

"Chang'e 4" und Science-Fiction

Der chinesische Traum

Nicht erst seit der Landung einer Raumsonde auf dem Mond begeistern sich Chinesen für Science-Fiction. Autoren und Filmemacher sorgen dort seit Jahren für einen Kulturboom.

DDP/ Capital Pictures

Jackie Chan in "Bleeding Steel"

Von
Donnerstag, 03.01.2019   17:53 Uhr

Die Zukunft ist chinesisch. Zumindest, wenn es nach dem Science-Fiction-Epos "The Wandering Earth" geht, das am 5. Februar, dem chinesischen Neujahrstag, in den dortigen Kinos startet.

In der Filmhandlung können die Chinesen ihre Vormachtstellung allerdings nicht mehr genießen: In einer weit entfernten Zukunft steht die Sonne kurz davor, zu explodieren und die Erde zu vernichten. Die Temperaturen sinken rapide, die Menschheit kämpft ums Überleben - das aber immerhin unter chinesischer Federführung.

Science-Fiction ist in China ein Hype, nicht erst seit der Landung von "Chang'e 4" auf der Rückseite des Mondes. Schon 2007 veröffentlichte der Scifi-Shootingstar Liu Cixin seinen Weltbestseller "Die drei Sonnen", den ersten Band seiner "Trisolaris"-Trilogie. Auch "The Wandering Earth" basiert auf einer Kurzgeschichte von Liu (sie gab dem auch auf Deutsch erschienenen Erzählband "Die wandernde Erde" den Titel).

Nach dem auch im Westen populären Liu Cixin - Barack Obama ist bekennender Fan -konnte 2016 mit Hao Jingfang eine weitere chinesische Autorin den renommierten Hugo Award für den besten Science-Fiction-Roman des Jahres ("Peking falten") gewinnen. Und Chen Qiufans Roman "Die Siliziuminsel", der in China schon 2013 für Begeisterung sorgte, wird in diesem Jahr ebenfalls auf Deutsch erscheinen.

Mittlerweile schwappt die Science-Fiction-Welle in China aus der Literatur ins Filmgeschäft. "The Wandering Earth" von Frant Gwo soll beweisen, dass auch chinesische Filmemacher die Kunst des Blockbusters beherrschen. Bisher scheiterte das vor allem an glaubhaft gefilmten Spezialeffekten, an denen sich die noch junge chinesische Filmindustrie die Zähne ausbiss.

So liegt seit 2015 ein anderes Projekt auf Eis, das eigentlich damals schon eine neue Ära des chinesischen Science-Fiction-Spektakels einläuten sollte: die Verfilmung von "Die drei Sonnen". Abgedreht ist der Film, aber an der aufwändigen Postproduktion scheiterten die Macher seither. Das gesamte für die Effekte zuständige Team soll ausgetauscht worden sein, das Budget hat sich laut Medienberichten mehr als verdoppelt, doch ein Starttermin für "Die drei Sonnen" ist nach wie vor nicht in Sicht.

Eine Genre ohne Tradition

Andere Filme wie Jackie Chans 2017 erschienener Scifi-Trash "Bleeding Steel" wurden von der Kritik zerrissen und vom Publikum weitgehend ignoriert. Nun stehen neben "The Wandering Earth" mindestens sechs weitere Projekte in den Startlöchern, denen die Begeisterung der Chinesen für Raumfahrt und Science-Fiction endlich zum Erfolg an den Kinokassen verhelfen soll.

Dass sich die chinesische Filmindustrie damit schwertut, liegt nicht allein an der mangelnden Erfahrung mit computergenerierten Effekten. Science-Fiction hat in China kaum Tradition. Zwar träumte sich der Schriftsteller Lu Shi'e schon 1910 mit seinem Roman "Das neue China" in ein rundum erneuertes, fortschrittliches und wohlhabendes Land. Seit der Gründung der Volksrepublik aber hatte Science-Fiction die Aufgabe, dem Leser den Stand von Wissenschaft und Forschung nahezubringen. Große Kunst entstand dabei selten, während der Kulturrevolution kam die literarische Produktion überhaupt fast gänzlich zum Erliegen.

Dabei verkörpert kein anderes literarisches und filmisches Genre den "chinesischen Traum", also den Wunsch nach Erneuerung der chinesischen Nation durch technischen Fortschritt, so wie die Science-Fiction. Daraus speist sich der seit zehn Jahren andauernde Boom. Der im Westen verbreitete Hang zur Dystopie ist chinesischen Autoren dabei fremd, Science-Fiction selten Vehikel für Gesellschafts- oder Zivilisationskritik; vermutlich auch, weil Künstler in China durchaus mit Repressionen rechnen müssen.

Wenn die chinesische Science-Fiction keine große Zukunft vor sich haben sollte, dann aus anderen Gründen. Liu etwa sagt offen, dass er seit acht Jahren nicht Neues mehr geschrieben hat. Der technologische Fortschritt, so seine Begründung, gehe einfach zu schnell voran: "Die Technologie hat unsere Fantasie überholt." Das klingt dann fast wie ein Kommentar auf die Landung der Sonde "Chang'e 4".

insgesamt 4 Beiträge
blueberryhh 03.01.2019
1. nichts gegen die Bücher von Cixin
im Gegenteil ... lese sie auch sehr gern. Aber muss wirklich jedesmal darauf hingewiesen werden, das Obama auch "bekennender" Fan ist? Ist er nun die oberste Instanz, wenn es um Literatur geht?
im Gegenteil ... lese sie auch sehr gern. Aber muss wirklich jedesmal darauf hingewiesen werden, das Obama auch "bekennender" Fan ist? Ist er nun die oberste Instanz, wenn es um Literatur geht?
equigen 03.01.2019
2. Nicht nur Dystopien und Technikfeindlichkeit
... wie sie gerade im Westen en vogue ist. Bei uns ist „Ingenieur“ und „Wissenschaftler“ mittlerweile schon fast ein Schimpfwort - es sei denn man beschäftigt sich mit Windkraft, Akkus oder Biogemüse.
... wie sie gerade im Westen en vogue ist. Bei uns ist „Ingenieur“ und „Wissenschaftler“ mittlerweile schon fast ein Schimpfwort - es sei denn man beschäftigt sich mit Windkraft, Akkus oder Biogemüse.
dr.joe.66 03.01.2019
3. Soll mir recht sein...
Bin Ingenieur und über 50. Mir recht, wenn Ingenieur-Wissenschaften beschimpft werden. Dann studieren das möglichst wenig. So bleibt mein Job sicher und mein Gehalt schön hoch. Hihi. Ironie aus.
Zitat von equigen... wie sie gerade im Westen en vogue ist. Bei uns ist „Ingenieur“ und „Wissenschaftler“ mittlerweile schon fast ein Schimpfwort - es sei denn man beschäftigt sich mit Windkraft, Akkus oder Biogemüse.
Bin Ingenieur und über 50. Mir recht, wenn Ingenieur-Wissenschaften beschimpft werden. Dann studieren das möglichst wenig. So bleibt mein Job sicher und mein Gehalt schön hoch. Hihi. Ironie aus.
pjotrmorgen 04.01.2019
4. "der technologische Fortschritt schreite zu schnell voran"
Mit dieser unsinnigen Aussage beweist Herr Liu nur, dass er einen erheblichen mangel an Fantasie und Kreativität hat. Die Grundidee des Mehrfachsternsystems mit einem Planeten, dessen Klimabedingungen extrem schwanken wurde schon [...]
Mit dieser unsinnigen Aussage beweist Herr Liu nur, dass er einen erheblichen mangel an Fantasie und Kreativität hat. Die Grundidee des Mehrfachsternsystems mit einem Planeten, dessen Klimabedingungen extrem schwanken wurde schon von Brian Aldiss in der Helliconia-Trilogie (1982 - 1985) beschrieben. Dort existierte kurzfristig ein instabiles Dreisternesystem, dass dann zum stabileren Doppelstern wurde. Im übrigen liegt ein Dreisternsystem direkt in unserer Nachbarschaft Proxima Centauri (auch Alpha Centauri C) umkreist den Doppelstern Alpha Centauri A/B.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP