Kultur

"Halloween"-Fortsetzung

Der Mörder ist auf dem Heimweg nach Haddonfield

Nach 40 Jahren bekommt der Horrorklassiker "Halloween" endlich eine gelungene Fortsetzung - und wieder heißt der Star Jamie Lee Curtis. Eine Begegnung mit dem "Final Girl", das für seine Rolle brennt wie am ersten Tag.

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Dienstag, 23.10.2018   19:14 Uhr

Nach etlichen Fortsetzungen und Remakes, darunter allein drei Filme, an denen sie selber mitwirkte, ging es Jamie Lee Curtis wie vielen Fans des Horrorklassikers: Sie hatte genug. "Ich war mit meinem Ehemann im Urlaub und hatte wirklich nichts weniger im Sinn, als mich mit einem 'Halloween'-Skript zu befassen", sagt Curtis. "Doch dann begann ich zu lesen, und plötzlich waren die einprägsamen Bilder und Metaphern wieder präsent. Alles fügte sich wunderschön zusammen und fühlte sich richtig an."

Die gute Laune von damals hält noch heute bei der Deutschlandpremiere vom neuesten "Halloween"-Film auf dem Filmfest Hamburg an. Eine wunderbare Gelegenheit, um mit Curtis nur über zwei Filme zu sprechen: Das stilbildende Original von John Carpenter und Debra Hill (der allzu oft unterschlagenen Co-Produzentin und Co-Autorin) von 1978, in dem Curtis als Highschool-Schülerin Laurie Strode nur knapp dem maskierten Mörder Michael Myers entging. Und die nun in den Kinos startende Fortsetzung von David Gordon Green, dessen Drehbuch Curtis so begeistert hat, dass sie erneut die Rolle der Laurie übernahm - die Rolle ihres Lebens.

"Anfangs sollte es nur ein Reißer über einen Babysitter-Mörder werden", sagt Curtis über den ersten Film. "Doch John und Debra waren jung und wollten vor allem einen guten Film machen. Ich selbst sah einfach eine große Chance für mich als Schauspielerin, denn Laurie Strode war die beste Rolle, die ich bis dahin bekommen hatte."

Ein Zuhause wie eine Festung

Zuvor war Curtis nur in Nebenrollen im Fernsehen zu sehen gewesen, die größte davon in der kurzlebigen TV-Comedy "Einsatz Petticoat". "Ich könnte jetzt sofort vor Rührung weinen, weil John damals an mich geglaubt hat", sagt die heute 59-Jährige. "Er hätte mich leicht als eine der Freundinnen von Laurie besetzen können. Aber er vertraute mir die Rolle der Laurie an, weil er erkannte, dass der Part meinem Wesen entsprach."

So wurde Curtis zum menschlichen Antlitz eines unverhofften Meisterwerks. Carpenters "Halloween" imaginierte mit bis dahin nie gesehener Effizienz und Eleganz den Einbruch des absolut Bösen in den amerikanischen Alltag. Gleichsam schrecklich und schön, konnte der Film durch seine suggestive Bildsprache, den genial-minimalistische Score und die narrative Reduktion auf das Wesentliche das Horrorgenre nicht nur neu definieren, sondern letztlich transzendieren: Zu Recht gilt er heute als eines der wichtigsten Werke des Weltkinos.

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"Halloween": Nichts ist vergeben, nichts ist vergessen

Ein übergroßes Vorbild für David Gordon Greens Fortsetzung, die jedoch sicher auf dem schmalen Grat zwischen Hommage und neuer Erzählung wandelt. Green ignoriert alle vorherigen Sequels und Storylines und setzt 40 Jahre nach den Ereignissen von Carpenters Film ein. Er zeigt Laurie Strode als getriebene Überlebende, die sich in einem Haus voller Waffen verschanzt hat. Dort wartet sie beharrlich auf den Tag, an dem Michael Myers aus der geschlossenen Anstalt entkommen wird.

Ihre apokalyptische Weltsicht hat Laurie zwar von Tochter Karen (Judy Greer) und Enkelin Allyson (Andi Matichak) entfremdet. Doch ist sie mehr als berechtigt, denn kurz vor Halloween macht sich Myers tatsächlich auf den blutigen Heimweg in die Kleinstadt Haddonfield, in der er vor 40 Jahren metzelte.

Generationsübergreifende Traumata

Dieses Setting bietet Green die Gelegenheit, Schlüsselszenen des Originals zu spiegeln und manchmal überraschend zu wenden. Sehr zur Freude von Jamie Lee Curtis, die diese ikonischen Momente neu interpretieren durfte: "Ganz so wie Missy Elliot sagt: Flip it and reverse it." Über solche cleveren Referenzen hinaus entwickelt Halloween anno 2018 aber auch eine eigene Geschichte. "David Gordon Green war es wichtig, das generationsübergreifende Trauma der Strode-Frauen zur Triebfeder des Films zu machen. Denn Laurie gibt ihr erfahrenes Leid zwangsläufig an Tochter und Enkelin weiter."

Diese Zerrissenheit prägt auch Curtis' Spiel: "Das Einzige, was nur ich kann, ist, Lauries innere Komplexität auszuloten." Sie habe Green deshalb in jeder Szene zwei Varianten angeboten: Laurie als absolut funktionierende Maschine oder Laurie als zutiefst emotionales, versehrtes Wesen. "Welche Variante er dann jeweils wählte, war seine Entscheidung", sagt Curtis. "So hat am Ende er die Figur gezeichnet, ich habe ihm lediglich die Farbpalette geliefert."

Die Aussage ist bezeichnend für Curtis' Bescheidenheit. Wenn sie über Laurie Strode spricht, wird immer wieder ihre Zuneigung zu der Figur deutlich, die auch nach über 70 anderen Film- und Fernsehauftritten nichts an Tiefe verloren zu haben scheint: "1978 lernen wir Laurie wirklich kennen. Wir treffen ihre Freunde, sind mit ihr in der Schule, wir sehen sie beim Jointrauchen oder Telefonieren. Sie führt Selbstgespräche und singt allein vor sich hin. Sie ist eine wunderbare Träumerin. Und diese kostbare Zeit, die wir mit ihr verbringen, bevor sie um ihr Leben rennen muss, ist der Grund, warum wir sie unbedingt beschützen wollen."

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John Carpenter: "Lachen, weinen, Angst haben"

Im Gegensatz dazu bleibt Michael Myers bei Green wie schon bei Carpenter das pure Böse. "Myers bleibt unerklärlich, sein Gesicht ist buchstäblich ein weißes Nichts, auf das wir alles projizieren", sagt Curtis. Für sie braucht es keine küchenpsychologischen Erläuterungen für die Morde wie etwa in Rob Zombies überfrachteten Remakes. "Ich versuche nicht, ihn zu intellektualisieren oder zu verstehen. Weil ich glaube, dass es einen verrückt machen würde."

"Keine Arschlöcher"

Inszenatorische Gradlinigkeit ist es denn auch, was für Jamie Lee Curtis beide "Halloween"-Filme auszeichnet: "John Carpenter und David Gordon Green sind Film-Nerds. Keine selbstverliebten Künstler, die ihr Tun mit behaupteter Bedeutung aufladen, und keine Arschlöcher, die Bullshit wegen einzelner Einstellungen verzapfen."

Curtis fährt leidenschaftlich fort: "Wenn trotzdem Poesie entsteht, ist das wunderbar. Aber es muss organisch geschehen. Johns 'Halloween' war nicht prätentiös, und Davids Film ist es auch nicht: Jeder hat nur das Minimum verdient, wir haben schnell gedreht und versucht, so gut wie möglich die Erfahrung von 1978 wiederzubeleben. Obwohl der Erwartungsdruck riesig war, haben wir gesagt: Lasst uns einfach unseren Film machen und schauen, was passiert. Darum ist der Film so gut."

Im Video: Der Trailer zu "Halloween"

Das ist er in der Tat, doch was erhofft sich Jamie Lee Curtis als Vermächtnis von "Halloween"? "Womöglich ist es mein letzter Aufritt, ich weiß es noch nicht. Ich bin im Moment arbeitslos, werde im November 60, und vielleicht will ich ja auch nicht mehr als Schauspielerin arbeiten. Zudem reizt mich die perfekte Symmetrie, wenn mein erster und mein letzter Film 'Halloween' wäre."

Und was sollte von Jamie Lee Curtis in Erinnerung bleiben? "Dass ich intelligent bin. Und dass Laurie Strode, die Figur, die ich dankbar und stolz über so viele Jahre in mir getragen habe, intelligent war. Dass ich mich wehre. Vor allem anderen aber, dass ich ein empfindsamer Mensch unter Menschen bin: Dass ich ein Herz habe, das sichtbar auf der Leinwand schlägt."

"Halloween" (FSK: ab 16 Jahren) läuft ab 25. Oktober in den deutschen Kinos.

insgesamt 3 Beiträge
Hans Dümpel 23.10.2018
1. Diese Frau
wirkt übertrieben selbstreflektierend. Das was Sie hier geschrieben haben macht mit den Film schmackhaft. guter Text.
wirkt übertrieben selbstreflektierend. Das was Sie hier geschrieben haben macht mit den Film schmackhaft. guter Text.
latortuga 24.10.2018
2. Danke für das Review
Auch wenn man etwas skeptisch ist, da der erste Teil von 1978 der Klassiker schlechthin ist und für immer bleiben wird. Ein Meisterwerk, das ich heute noch sehr gerne anschaue. Der Minimalismus, der langsame Spannungsbogen, das [...]
Auch wenn man etwas skeptisch ist, da der erste Teil von 1978 der Klassiker schlechthin ist und für immer bleiben wird. Ein Meisterwerk, das ich heute noch sehr gerne anschaue. Der Minimalismus, der langsame Spannungsbogen, das Acting, vor allem von Jamie Lee Curtis und der Soundtrack, der perfekt auf das Wesentliche abgestimmt ist. Mein Sohn und ich waren letzte Woche zufällig auf dem Hollywood Blvd zur Filmpremiere von Halloween (2018) und Jamie Lee Curtis ist immer noch eine umwerfend hübsche Frau und das ganz ohne Botox, was heute wirklich eine Seltenheit ist. Ein Dankeschön an David Kleingers für dieses gelungene Review. Wir lieben Halloween und freuen uns auf den neuen Film: it's spooky time, hooray!
gnarze 24.10.2018
3. Schöner Text
über JLC, über den Film sagt er wenig. Zunächst mal muss man sich natürlich als Zuschauer, der alle kennt, ein bisschen eingewöhnen, dass hier komplett alle Infos, die man zu Michael hat, ignoriert werden (was auch nicht [...]
über JLC, über den Film sagt er wenig. Zunächst mal muss man sich natürlich als Zuschauer, der alle kennt, ein bisschen eingewöhnen, dass hier komplett alle Infos, die man zu Michael hat, ignoriert werden (was auch nicht schlimm ist, nur Halloween 5 war für mich danach noch überzeugend). War ja auch ziemlich erfolgreich zum Start, bin gespannt. H20 mit JLC war jedenfalls ganz gut.
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