Kultur

Neo-Western "Wind River"

Schnee und Weh

Vergewaltigung im Reservat, ein trauernder Trapper, eine FBI-Agentin, die zu dünn angezogen ist: Hollywood-Hoffnungsträger Taylor Sheridan erzählt in "Wind River" von sozialer Kälte in Amerika - und verzettelt sich.

Foto: Wild Bunch
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Donnerstag, 08.02.2018   12:56 Uhr

"Ich jage Raubtiere", sagt Cory Lambert (Jeremy Renner), der in den Bergen von Wyoming Wölfe und Pumas erlegt. Doch was er findet, ist ein Opfer.

Weit draußen in der dauerverschneiten Wildnis des Ureinwohner-Reservats "Wind River" liegt eine tote junge Frau, leicht bekleidet, barfuß, umringt von Blutspuren. Zu Beginn des Films sieht man sie durch die eisige Nacht laufen. Was hat sie dazu getrieben?

Regisseur Taylor Sheridan ist so etwas wie ein Hoffnungsträger des neueren amerikanischen Heimatfilms. Der 1970 in Texas geborene US-Schauspieler, bekannt aus der Serie "Sons of Anarchy", schrieb die Drehbücher zu den außergewöhnlichen Thrillern "Sicario" und "Hell or High Water". Vor allem Letzterer, ein kapitalismuskritischer Neo-Western, inszeniert von David Mackenzie, war 2016 ein Kritikerliebling und wurde für vier Oscars nominiert, einer davon für Sheridan.

Das Drehbuch zu "Wind River", erneut durchzogen von sozialpolitischen Motiven, drehte der Shootingstar nun selbst und gewann prompt den Preis als bester Regisseur im Nebenwettbewerb "Un certain regard" in Cannes. Sein Regie-Debüt war 2011 der inzwischen gerne verschwiegene Horror-Thriller "Vile".

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"Wind River": Blutige Spuren im Schnee

Ein Thriller ist zunächst auch "Wind River", denn vordergründig geht es darum, wer Natalie (Kelsey Asbille), die junge Frau aus dem Stamm der Arapaho, vor ihrer tödlichen Flucht durch den Schnee vergewaltigt hat. Wer sich in die soziale Kälte dieses Landstrichs begibt, muss sich warm anziehen, das bekommt auch die FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) zu spüren, die aus dem heißen und mondänen Las Vegas nach Wyoming beordert wird.

Ihr dünnes Jäckchen muss sie erstmal gegen einen dicken, von der Familie des Opfers geliehenen Schneeanzug tauschen, damit sie huckepack auf Lamberts Motorschlitten zum Tatort fahren kann. Denn mit dem SUV kommt man hier nicht weit. Und mit Methoden aus dem Ermittlungsleitfaden erst recht nicht. "Das hier ist nicht Backup-Country", sagt der gutmütige Dorfsheriff (Graham Greene), ebenfalls ein Ureinwohner, zu ihr, "das hier ist das Land, in dem du auf dich alleine gestellt bist."

Schwächstes Glied in der Nahrungskette

Das gilt nicht nur für Banner, sondern vor allem für die Frauen der amerikanischen Native-Community, auf deren Schicksal am untersten Rand der US-Gesellschaft "Wind River" ein Schlaglicht werfen will, wie eine Tafel im Abspann des Films offenbart. Sie, stellt Sheridan mit seinen Jäger- und Gejagten-Metaphern dar, sind das schwächste Glied einer von Raubtieren gesäumten Nahrungskette. Egal, wie zäh sie sich geben.

Es ist durchaus charmant, wie Sheridan erneut einige Topoi des Genres variiert oder modernisiert. Die FBI-Agentin ist der Marshall, der in klassischen Western in die Stadt gerufen wird, um für Ordnung zu sorgen. Doch statt breitbeinig wie John Wayne einzureiten, muss sie sich ihre Autorität erst verdienen. Das gipfelt in einer beklemmenden, stilistisch an "Das Schweigen der Lämmer" erinnernde Hausdurchsuchungs-Szene in einer dunklen und verwinkelten Ganovenhütte, die sich in einem Feuergefecht entlädt. Elizabeth Olsen, die "Scarlet Witch" aus Marvels "Avengers"-Filmen, spielt ihren zwischen Nervosität und Selbstbehauptung schwankenden Charakter feinnervig, aber leider stellt Sheridan ihre Figur nicht ins Zentrum seiner Handlung.


"Wind River"
USA, Kanada, Großbritannien 2017

Regie und Drehbuch: Taylor Sheridan
Darsteller: Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Gil Birmingham
Produktion: Thunder Road, Film 44
Verleih: Wild Bunch
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 8. Februar


Diese Rolle bekommt "Hawkeye" Jeremy Renner als Trapper Cory zugeschrieben, der sich um Banner kümmert und ihr seine Spurensucher-Dienste zur Verfügung stellt. Renner macht seine Sache mit sorgenvoll zerfurchter Knautschgesichtigkeit sehr gut, doch die Konstruktion seiner Figur bleibt fragwürdig. Als Weißer heiratete Lambert einst in eine Arapaho-Familie ein und kümmert sich an Wochenenden um seinen kleinen Sohn.

Die Ehe mit seiner Frau aber zerbrach, nachdem die Teenager-Tochter vor Jahren einem nie aufgeklärten Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Der fremde Fährtenleser, suggeriert Sheridan, kennt das Land besser als die Indigenen, seinem Sohn bringt er bei, wie dessen Vorfahren einst Pferde gefügig machten und verbreitet lakonische Manitu-Weisheiten, als wäre er Old Shatterhands neuzeitlicher Blutsbruder.

Die jungen Arapahos, die Banner und Lambert auf der Suche nach dem Täter aufmischen, pfeifen derweil auf Stolz und Würde, um sich in Suff und Drogenhandel zu ergehen. Der Vater der Toten malt sich aus Kummer eine Totenmaske ins Gesicht, muss aber improvisieren, weil er vergessen hat, wie es geht. Cory setzt sich zu ihm und erzählt von der Trauertherapie, die er nach dem Tod der Tochter absolviert hat. Sogar mit dem Leid, so scheint es, kennt er sich besser aus.

Am Ende machen es die Männer doch wieder unter sich aus

Schon klar: Der aufgeklärte Macho soll das versöhnende Element zwischen Natives und Weißen darstellen, ein naturverbundener Gutmensch zwischen Tradition und Moderne. Aber dennoch bleibt dabei der schale Nachgeschmack einer paternalistischen kulturellen Aneignung.

Ähnlich gut gemeint, aber in sich verstolpert geht es weiter: Die eher beiläufig inszenierte Ermittlung führt zu einem Trupp weißer Angestellter auf einer Bohranlage - ein Fort Alamo im Arapaho-Land. Hier greift Sheridan seine Kritik am Neoliberalismus, die "Hell or High Water" so effektvoll durchwirkte, wieder auf: Es ist der skrupellose, alles an sich reißende Raubtierkapitalismus der Trump-Chauvinisten, mit dem sich der Grenzgänger Lambert konfrontiert sieht, während Agentin Banner angeschossen auf Hilfe wartet. Schon kurios, wie ein Film, der weibliche Widerstandskraft würdigen will, seine wichtigste Frauenfigur so nachhaltig an den Rand drängt. Am Ende machen es die Männer dann doch wieder unter sich aus, die Trauer ebenso wie das Töten.

Im Video: Der Trailer zu "Wind River"

Foto: Wild Bunch

insgesamt 19 Beiträge
vulcan 08.02.2018
1. Was?
Was will der Artikel? Wo verzettelt sich der Film? Ist es inzwischen tatsächlich soooo wichtig, dass eine Frau alle Hauptrollen gleichzeitig spielt, dass man während der gesamten Kritik ständig darauf herumreiten muss, dass [...]
Was will der Artikel? Wo verzettelt sich der Film? Ist es inzwischen tatsächlich soooo wichtig, dass eine Frau alle Hauptrollen gleichzeitig spielt, dass man während der gesamten Kritik ständig darauf herumreiten muss, dass die arme Frauenfigur nicht ständig im Mittelpunkt steht und keine Superheldin ist? Es ist doch völlig klar und hat auch mit Mann/Frau nichts zu tun: Sie kommt aus der Stadt in eine völlig andere, feindliche Umgebung, in der sich alle Einheimischen logischerweise viel besser auskennen. Wie unerträglich dämlich wäre es gewesen, hätte man die Agentin als Überfrau, die es allen zeigt, dargestellt. Das macht doch gar keinen Sinn. So, wie der Film es zeigt, ist es schon völlig i. O. Es nervt langsam, dass sich inzwischen jede zweite Filmkritik an vermeintlich unterrepräsentierten Frauenfiguren festbeisst - als ob das irgendwie wichtig wäre.
observerlbg 08.02.2018
2. Klingt interessant
Gemäß der Devise:"was SPON verreißt muss gut sein" also eine Empfehlung. Nee, Spaß bei Seite: mir scheint der Film eher die Realität widerzuspiegeln.
Gemäß der Devise:"was SPON verreißt muss gut sein" also eine Empfehlung. Nee, Spaß bei Seite: mir scheint der Film eher die Realität widerzuspiegeln.
rabandie 08.02.2018
3. toller Film!
Ich habe den Film im Flieger von Australien gesehen und mir vorgenommen, ihn nochmal im Kinoformat anzuschauen, denn es ist ein ausgesprochen spannender Thriller. Die Filmkritik kann ich nicht nachvollziehen.
Ich habe den Film im Flieger von Australien gesehen und mir vorgenommen, ihn nochmal im Kinoformat anzuschauen, denn es ist ein ausgesprochen spannender Thriller. Die Filmkritik kann ich nicht nachvollziehen.
sekundo 08.02.2018
4. Es ist schon goldig
wie Wertungsrichter Andreas Borcholte sich immer und immer wieder auf Themen stürzt unter deren Last er dann regelmässig zusammenbricht. Die deutschen Qualitäts-Hausmeister haben doch keinerlei Grund Kuturelles aus dem [...]
wie Wertungsrichter Andreas Borcholte sich immer und immer wieder auf Themen stürzt unter deren Last er dann regelmässig zusammenbricht. Die deutschen Qualitäts-Hausmeister haben doch keinerlei Grund Kuturelles aus dem Ausland zu taxieren. Hierzulande wird man mit filmförderungsgesponserten Schmonzetten abgespeist, von bestenfalls mediokren Mimen behelligt und durch eine schlechte Oscar-Parodie, dem deutschen Filmpreis, beleidigt. Gähnende Langeweile bei Herzog-, Wenders- oder Schlöndorff-Schinken, die man ohne "HalloWach"-Tabletten nicht übersteht und dann kommt ein Herr Borcholte daher und fühlt sich aufgerufen, den Kultur-Inquisitor zu geben! Obsolet, peinlich und zum Fremdschämen.
rabandie 08.02.2018
5. na, solange Herr Steinmeier…
Dem japanischen Kaiser "dringend empfiehlt" sich Berlin mal wieder anzuschauen und die Südkoreaner "ermahnt", wie sie mit ihren nordkoreanischen Brüdern und Schwestern verfahren sollen, kann doch auch ein [...]
Dem japanischen Kaiser "dringend empfiehlt" sich Berlin mal wieder anzuschauen und die Südkoreaner "ermahnt", wie sie mit ihren nordkoreanischen Brüdern und Schwestern verfahren sollen, kann doch auch ein Spiegel Journalist einen amerikanischen Film verreissen. Am deutschen Wesen soll halt immer noch die Welt genesen. (Wo wir doch Markus Lanz und Florian Silbereisen haben!)
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