Kultur

Oscarfavorit "The Shape of Water"

Monster, das sind die anderen

Wird "The Shape of Water" die meisten Oscars gewinnen? Guillermo del Toro gelingt mit seinem brillant inszenierten Monstermärchen ein Erbauungsfilm, der die Solidarität der Schwachen beschwört.

Foto: 20th Century Fox
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Montag, 12.02.2018   15:44 Uhr

Superhelden und Fantasy-Kreaturen sind die Underdogs der Oscar-Historie. Horror und Science-Fiction, das Genre- und Popcornkino begeistert zwar oft die Massen, wird von der Academy aber marginalisiert. Noch nicht einmal Stanley Kubricks visionäres Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltraum" wurde einst als bester Film nominiert; der einzige, der es in jüngerer Zeit schaffte, die Oscars mit Zwergen, Elben und Orks im Sturm zu erobern, war Peter Jackson mit seinem "Herr der Ringe"-Epos. Allerdings auch erst mit dem dritten und letzten Teil.

2018 könnte nun das Jahr sein, in dem der Bann erneut gebrochen wird. Mit 13 Nominierungen, darunter "bester Film" und "beste Regie", gehen der aus Mexiko stammende Hollywoodregisseur Guillermo del Toro und sein Fantasy-Märchen "The Shape of Water" als großer Favorit in die Oscarverleihung am 4. März. Es ist, so muss man es wohl sehen, der unwahrscheinlichste Film zur rechten Zeit: ein brillant inszeniertes, mit Fantasie und Herz realisiertes Plädoyer für Humanismus und Solidarität der Schwächsten in der Gesellschaft.

Die Geschichte einer stummen, migrantischen Putzfrau, die sich in eine edle Echsenmann-Kreatur verliebt, die zu Forschungs- und Kriegszwecken misshandelt wird, hat alles, was die gebeutelte Seele der von Rechtsruck und Trump-Getöse Gebeutelten gerade braucht. Ein Erbauungsfilm für das liberale Amerika, der kein schweres Sozialdrama entfaltet, sondern die Monsterfilme der Fünfzigerjahre, Horror-Comics und Popkultur als Folie für eine saftige Pulp-Geschichte nimmt - und damit den Nerv der Zeit trifft.

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"The Shape of Water": Guillermos wunderbare Welt

Dabei wollte del Toro, 53, mit "The Shape of Water" eigentlich nur ein Herzensprojekt in die Tat umsetzen, wie er in jüngeren Interviews betont. Die Idee war, eine Schnulze wie "Die Schöne und das Biest" mit einem Horror-Reißer wie "Der Schrecken vom Amazonas" zu kreuzen, allerdings sei der Arbeitstitel des Drehbuchs "A Fairy Tale for Troubled Times" gewesen, ein Märchen für schwere Zeiten also. In aktuellen Interviews beschreibt er seinen Film als "Gegengift für Zynismus und Entfremdung".

Vielleicht ist es diese ungebrochene Positivität, der seinen Film nun so rundum satisfaktionsfähig macht. Aus jeder sorgfältig ausgeleuchteten, in grüne, goldene und blaue Farben getünchten Einstellung leuchtet die Passion des Filmemachers del Toro für die emotionale Wirkmacht des Kinos hervor. Pures Handwerk steht in jeder kleinsten Szene im Vordergrund, beim exzellenten Darstellerensemble (u.a. Sally Hawkins, Octavia Spencer, Richard Jenkins, Michael Stuhlbarg und Michael Shannon) ebenso wie beim Set Design und der mit traditioneller Maske und Prothesen erschaffenen Kreatur, die Schauspieler Doug Jones in einem schillernden Schuppenkostüm verkörpert.

Als wäre das Visuelle noch nicht hinreißend genug, sorgt ein Soundtrack aus altem Swing und einem lieblichen Score von Alexandre Desplat für zusätzliche Verzückung. Man fühlt sich wie in einer amerikanischen Groschenromanversion von "Amélie".

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Oscar-Nominierungen: Top-Favorit: "The Shape of Water"

In diesem nahezu makellosen Rhythmus aus schönen Bildern, Tönen und Stimmungen könnte man glatt die Holzschnittartigkeit der Story übersehen, die den Farb- und Stimmungsreichtum des Films mit genretypischer Schwarz-Weiß-Malerei kontrastiert. Elisa Esposito (Hawkins) ist ein Mauerblümchen, das in Baltimore nahe Washington in den Gängen und Hallen einer geheimen Militärbasis putzt. Ihr selbstgenügsames Singleleben wird bereichert durch ihren Nachbarn, den schwulen, alternden Werbeillustrator Giles (Jenkins), mit dem sie Revuefilme aus den Vierzigern im Fernsehen guckt und Limettenkuchen isst. Bei der Arbeit steckt und treibt ihre schwarze Kollegin Zelda (Spencer) die Traumtänzerin mit robuster Wuchtigkeit an.


"The Shape of Water"
USA 2017

Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones
Produktion: Bull Productions, Double Dare You (DDY), Fox Searchlight Pictures
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 15. Februar


"The Shape of Water" spielt in den frühen Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, also mitten im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, die sich einen erbitterten Wettlauf ins All lieferten und sich gleichzeitig mit Atomwaffen gegenseitig abschreckten. Ein im Amazonas gefangenes Wesen, humanoid, aber reptilienhaft, wird auf die Basis gebracht, um untersucht und seziert zu werden. Man verspricht sich wissenschaftliche Erkenntnisse über die Atmung und den avancierten Organismus des Exoten, im Zweifel eine Anwendung als Waffe.

Als Bösewicht, der die Kreatur mit seinem elektrisch geladenen Viehtreiberstab bis aufs Blut quält, tritt der Bundesmarshall Richard Strickland auf den Plan, für den der Fremdling nur ein "Asset" ist, ein Aktivposten. Michael Shannon spielt ihn mit routinierter Eastwood-Härte als Prototyp des bigotten Puritaners, der freihändig ins Pissoir uriniert, Cadillac fährt und seine servile Frau im hübschen Häuschen ruckartig in Missionarsstellung abfertigt. Aber die Seele dieses Saubermanns mit Sheriffstern ist so verdorben wie die beiden Finger, die ihm im Verlauf der Handlung abhandenkommen - und partout nicht wieder anwachsen wollen.

Gegen Strickland, also gegen das unmenschlich-technokratische System mit seiner kalten Macho- und Macht-Ideologie, verbünden sich die "Misfits" Elisa, Zelda und Giles mit einem emphatischen russischen Spion (Stuhlbarg) zu einer Solidargemeinschaft der Schwachen, Unterdrückten und Ausgegrenzten, um das sprachlose, aber intelligente Monster mit einem riskanten Plan zu retten. Zwischen Elisa und der Kreatur entwickeln sich zarte Bande. Sie füttert ihn mit hartgekochten Eiern und spielt ihm Musik vor, später, als der Echsenmann in ihrer Badewanne campiert, kommt es sogar zu einem liebevollen Geschlechtsakt, der mit Stricklands Vorstellungen von Sex so gar nichts gemein haben dürfte.

Video: Kino-Trailer "The Shape of Water"

Foto: 20th Century Fox

Selbst in dieser delikaten Szene verzichtet Guillermo del Toro darauf, das Abgründige eines kreatürlichen Grusels so lustvoll auszukosten, wie er es in Filmen wie "The Devil's Backbone" (2001), "Pans Labyrinth" (2006) oder zuletzt "Crimson Peak" (2015) getan hat. In seiner zutiefst romantischen Diversitätsfabel sind es vielmehr Fremdartigkeit und Exotik, die Sanft-, Edelmut und Kreativität verkörpern. Die Monster, das sind die anderen, die vermeintlich Normalen. Diese meisterliche Volte - und eine ungewohnte Milde - sind es wohl, die dem Schmuddelkind aus dem Genrekino Zugang zur feinen Oscar-Gesellschaft verschafft haben.

insgesamt 2 Beiträge
btwesten 12.02.2018
1. Wunderschön
Ein hervorragender Film mit wunderschönen und gleichzeitig auch verstörenden Szenen. Wunderbar gespielt von Sally Hawkins. Chapeau, unbedingt sehenswert
Ein hervorragender Film mit wunderschönen und gleichzeitig auch verstörenden Szenen. Wunderbar gespielt von Sally Hawkins. Chapeau, unbedingt sehenswert
frida1209 13.02.2018
2.
Stimme #1 völlig zu. Der Film hat eine wunderbare Magie, viel Herz, ist einfach wunderschön. Und Sally Hawkins einfach at her best. Mehr als Oscar-reif.
Stimme #1 völlig zu. Der Film hat eine wunderbare Magie, viel Herz, ist einfach wunderschön. Und Sally Hawkins einfach at her best. Mehr als Oscar-reif.
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