Kultur

Nach der Scheidung

Rasiermessersätze schneiden in Alltagswunden

Frontberichterstatterin aus dem andauernden Kleinkriegszustand: So verwandelt die kanadische Schriftstellerin Rachel Cusk ihr Leben in Literatur. Eisig-schön liest sich das in "Transit", ihrem neuesten Buch.

REUTERS

Autorin Rachel Cusk

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Freitag, 19.05.2017   15:19 Uhr

Mein Kampf als geschiedene Frau, alleinerziehende Mutter, Schriftstellerin und Mensch: Auf diese Formel ließe sich das auf drei Bände angelegte Erzählprojekt der 1967 in Kanada geborenen Rachel Cusk bringen, von dem mit "Outline" von 2016 und dem nun erschienenen "Transit" die beiden ersten Teile vorliegen. Cusk selbst nennt ihre Trilogie "eine weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert."

Was die seit geraumer Zeit in London lebende Autorin vollführt, liest sich wie eine britische, aufs Wesentliche eindampfte Spielart dessen, was der norwegische Breitwandepiker Karl Ove Knausgard mit überwältigendem Erfolg mit seinem autobiografischen Romanzyklus "Min Kamp" vollführt: die stete Verwandlung des eigenen Lebens in Literatur.

Doch stärker, vehementer noch als in den Wälzern des Norwegers schlägt in Cusks Werken ein wilder, dunkler, anklagender Puls. Bei ihr nämlich erscheint das Leben ihrer Protagonistin Faye als andauernder Kriegszustand, in dem sie sich befindet, sodass sie selbst wie eine Frontberichterstatterin wirkt, deren Blick, wohin er auch fällt, bloß noch Zerstörtes, Beschädigtes, in Unordnung Geratenes registriert.

"Sie lebt gewissermaßen in einer Nachkriegszeit und dies genau macht ihre Identität aus", bekannte Cusk kürzlich in einem "Welt"-Interview mit Blick auf ihre tapfer zwischen den Trümmern ihres Lebens umherwankende, stark autobiografisch eingefärbte Heldin. Denn dass hier eine Schriftstellern haarscharf entlang der eigenen Lebensumrisse schreibt, ist Programm: "Mir als Schriftstellerin erscheint es zwingend, mich auf eine autobiografische Form zurück zu ziehen, die sich den erfundenen, gefälschten Repräsentationen der Wirklichkeit verweigert."

Fälschung. Verweigerung. Noch so zwei Worte, die neben anderen Schlüsselwörtern wie "Kampf" "Einsamkeit" und "Angst" wiederkehrend durch den Faye'schen Kosmos irrlichtern. Denn Faye steht seit der Scheidung von ihrem Mann mit dem Rücken zur Wand. Sie ist eingeschüchtert, ängstlich, sucht nach einem Weg ins Freie, raus aus den alten Mustern.

Verleugnung von Wirklichkeiten hält Paare zusammen

Eine Spam-Mail, die sie eines Tages auf ihrem Rechner findet, nennt das, was sie gerade durchmacht, eine "Übergangsphase". Tatsächlich ist Faye nach überstandenem Scheidungskrieg eben mit ihren beiden Söhnen zurück nach London gezogen. Doch weil die Haushälfte, die sie gekauft hat, so stark renovierungsbedürftig ist, dass an einen sofortigen gemeinsamen Einzug nicht zu denken ist, leben die Söhne vorübergehend bei ihrem Vater. Derweil beginnt Faye im Lärm und Dreck der beginnenden Verschönerungsarbeiten eine Clochard-hafte Baustellenexistenz - gefangen zwischen Staub, röhrenden Schlagbohrern und den unausgesetzten Schikanen ihrer Nachbarn John und Paula, die sie vom ersten Tag an als Ruhestörerin begreifen.

Als Faye bei einem ihrer gelegentlichen Ausbrüche aus der Baustellenhölle zufällig ihrem Ex-Freund Gerard begegnet, und der ihr sein eigenes Eheleid klagt, hält sie ihm mit analytischer Entschiedenheit entgegen: "Ich sagte ihm, es sei nicht Perfektion, die zwei Menschen zusammenhalte, sondern die Verleugnung gewisser Wirklichkeiten." Dabei ist Faye selbst aber gänzlich unfähig zu jenen Verleugnungsstrategien, die sie dem Anderen erläutert. Das isoliert sie - segnet sie aber mit dem klaren Blick.

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Rachel Cusk:
Transit

übersetzt von Eva Bonné

Suhrkamp; 238 Seiten; 20 Euro

In sechs novellenlangen Erzählungen führt sie ihren ungesicherten Alltag vor, darunter den Irrwitz eines Literaturfestivals, zu dem sie reist - der erzählerische Höhepunkt des Buches! Mit schonungsloser Schärfe und Genauigkeit vermisst sie die Kleinkriegsschauplätze ihrer Figuren und treibt deren Demaskierung bis an die Schmerzgrenze. Ungerührt stößt sie ihre Rasiermessersätze in die Wunden. Folgerichtig bekennt eine Figur: "Das ist wahrscheinlich das Schlimmste, sagte Julian, verletzt zu werden, noch bevor man begreifen kann, wovon."

Rachel Cusk betreibt in ihrem Buch literarischen Exorzismus, der jeder Form von Vertuschung. Selbstbetrug, Lüge und Fälschung gnadenlos den Garaus macht. Sie porträtiert darin Frühverletzte wie ihren Cousin Lawrence, der sein Heil im Selbstbetrug sucht. Oder aber Typen wie das Haare schneidende Orakel Dale, das Faye aufsucht um sich die grauen Stellen in ihren Haaren färben zu lassen - und das sie sagen lässt: "Wissen Sie, niemand wird darauf reinfallen" sagte Dale. "Sie vermitteln den Leuten höchstens, dass Sie etwas zu verbergen haben. Aber was ist so schlimm daran, auszusehen wie die, die man ist?" Ja, was eigentlich?

"Manchmal habe ich das Gefühl, langsam zu verbluten" bekennt eine ihrer Figuren stellvertretend. Von den Gefühlen, die sie und andere dabei beschleichen, handelt Rachel Cusks eisig-schöner Bericht aus der Hölle namens Alltag.

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