Kultur

Literaturwunderling Clemens Setz

Obotobot!

Clemens J. Setz, Ex-Mathematiker und Computerfreak, ist das wunderliche große Kind der österreichischen Literatur. Mit "Bot. Gespräch ohne Autor" bewirbt er sich um den Preis für das sperrigste Werk des Jahres.

imago/Sven Simon

Schriftsteller Clemens J. Setz

Von Jérôme Jaminet
Montag, 12.02.2018   17:12 Uhr

Sie können Filme nacherzählen, Rechtschreibfehler verbessern, Sprachbefehle ausführen, Spam verbreiten und Wahlen manipulieren: Bots hat heute jeder auf dem Schirm. Inzwischen sind diese automatisierten Programme sogar lernfähig. Und kreativ. Es gibt Algorithmen, die ansprechende Gemälde malen, tanzbare Musik komponieren und, nun ja, literaturähnliche Texte produzieren.

Jüngst hat eine selbstständige Schreibsoftware die Satzstrukturen in " Harry Potter"-Bänden analysiert und die Saga um ein paar abstruse Seiten erweitert. "Predictive Writing" nennt sich die Technik. Die könnte sich der Ex-Mathematiker und Computerfreak Clemens J. Setz zunutze machen, falls er irgendwann nicht mehr selbst schreiben möchte. Das neue, mittlerweile achte Buch des wunderlichen großen Kindes der österreichischen Literatur ist vielleicht ein erster Schritt in diese Richtung.

Eigentlich, so steht es im Vorwort, hätte es ja ein Gesprächsband mit der Suhrkamp-Lektorin Angelika Klammer werden sollen. Weil das geplante Interview aber partout nicht gelingen wollte und weil der introvertierte Herr Setz, wie sein Vorbild Peter Handke, sich ohnehin nicht als Sprecher, sondern als Schreiber sieht, ließ man einfach sein elektronisches Tagebuch, seine "ausgelagerte Seele", stellvertretend für ihn antworten.

Es geht um "Bot" und die Welt

Fünf Tage lang durchforstete Fragestellerin Klammer per Schlüsselwortsuche eine Worddatei mit überwiegend skurrilen Notizen aus der Zeit zwischen Mai 2011 und September 2017. Das Ergebnis: ein fiktives Interview auf knapp 150 Seiten, ein All-inclusive-Buch von überbordendem Einfallsreichtum und megalomanischer Themenvielfalt.

Es geht um beeindruckende Schornsteine, die Liebe, inspirierende Apotheken, das Böse, Pseudo-Bushaltestellen und den Tod. Um einen gewissen Smith, der 150 Tage in einer sargähnlichen Kiste unter der Erde verbrachte. Um die Gletschermumie Ötzi, die an Laktoseintoleranz litt. Um Glühwürmchenlarven, die ihre Beute an einer Höhlendecke dadurch anlocken, dass sie so tun, als wären sie der Sternenhimmel. Kurz: Um "Bot" und die Welt.

Nicht selten sind die Anekdoten und Reflexionen von Clemens Setz ziemlich abwegig, inkohärent und im doppelten Wortsinne komisch. Vor allem, wenn das Sublime neben das Profane, und das Poetische neben das Prosaische gestellt wird. Dann liest man nach einer Bemerkung zur Rätselhaftigkeit von Stonehenge etwa einen Satz wie: "Ich kaufte ein T-Shirt und einen Lutscher und hatte Durchfall auf der Toilette".

Andere Einträge lassen die öffentliche Person erkennen. Sie handeln von der regenerativen Kraft der Sprache, von Fluch und Segen synästhetischer Wahrnehmung, von Computerspielen und Pornografie oder von großen Schriftstellern und den körperlichen Gebrechen eines obsessiven Vielschreibers.

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Clemens J. Setz:
Bot - Gespräch ohne Autor

Herausgeben von Angelika Klammer

Suhrkamp Verlag, 166 Seiten, 20 Euro

"Bot. Gespräch ohne Autor" ist zuallererst ein kokettes Spiel mit dem Selbstvermarktungsgebot des gegenwärtigen Literaturbetriebs und dem Autoreninterview als gängiger Inszenierungspraxis. Etwas, worauf sich die Österreicher besonders gut zu verstehen scheinen: Man denke nur an Stefanie Sargnagels regelmäßiges Statusmeldungsrecycling in Buchform oder Thomas Glavinics 2007 erschienenen Literaturbetriebsroman "Das bin doch ich ".

Schon in früheren Werken hat Clemens Setz sich als scheinbar universalgelehrter Autor gezeigt, der zudem mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen ist. Und auch in "Bot" zitiert, persifliert und collagiert er Nachrichtentexte, Wikipedia-Einträge, Weltliteratur, Wissenschaft, Technik, Science-Fiction, Songtexte und was ihm sonst noch in den Sinn kommt.

Kommunikationsjazz für den eingeschworenen Kreis

Ein bisschen erinnert die daraus resultierende Tektonik des Buches an das filmische Prinzip der Kollisionsmontage des großen russischen Filmemachers Sergej Eisenstein und dessen Juxtaposition disparater "Bedeutungszellen". Die Zuschauer beziehungsweise der Leser müssen dabei den Sinn in den Zwischenräumen aufspüren. Weil aber die Fragen der Lektorin in "Bot" oft nur peripher etwas mit den Antworten zu tun haben, kommt es immer wieder zu dem, was Setz einmal Kommunikationsjazz genannt hat:

"Sie zitieren öfters Dantes "Nel mezzo del cammin" - was verbinden Sie mit der Mitte des Lebens? Ein in den Armen seiner Mutter liegendes Baby schaute, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, einem dunkelblauen Auto beim langsamen Einparken zu".

Das passt zum erklärten Anti-Updike, dem kaum etwas mehr widerstrebt als Vorhersagbarkeit. Aber durch den sprunghaft assoziativen, intertextuell komplexen und hermetischen Stil ist das "Gespräch" mit dem Clemens-Setz-Bot stellenweise so schwer zu decodieren wie eine höhere Programmiersprache. Auf Dauer gerät die Lektüre deshalb äußerst anstrengend.

Wer sich zum eingeschworenen Kreis des Autors zählt, sich gerne ab und zu in einem postmodernen Kuriositätenkabinett verläuft oder literarische Kreuzworträtsel löst, dem wird das Buch wohl gefallen. Alle anderen vertragen dieses hochprozentige Setz-Destillat höchstens schlückchenweise. Wenn ihnen nicht gleich der Seufzer entfährt: "Obotobot!"

insgesamt 2 Beiträge
miriam_rosenstern 13.02.2018
1. So, vielleicht?
Dann sagen wir es so: Displaybruch im Selfiemodus.
Dann sagen wir es so: Displaybruch im Selfiemodus.
alpenradler 13.02.2018
2. Geschichte?
Warum schreibt dieser Autor nicht einfach mal eine gute Geschichte? Und warum interessiert sich die Literaturkritik gerade in Deutschland nicht für gute Geschichten, sondern für irgendeinen möchtegern-intellektuellen Schmarrn?
Warum schreibt dieser Autor nicht einfach mal eine gute Geschichte? Und warum interessiert sich die Literaturkritik gerade in Deutschland nicht für gute Geschichten, sondern für irgendeinen möchtegern-intellektuellen Schmarrn?
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