Kultur

Auszeichnung des Deutschen Buchhandels

Aleida und Jan Assmann bekommen Friedenspreis

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gilt als politische Auszeichnung. Für ihre Arbeit zur Erinnerungskultur werden in diesem Jahr Aleida und Jan Assmann geehrt.

DPA

Jan und Aleida Assmann

Dienstag, 12.06.2018   11:33 Uhr

In ihren Studien engagieren sie sich gegen Geschichtsvergessenheit und für eine Erinnerungskultur. Nun zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die deutschen Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis aus. Damit ehre man ein Forscherpaar, das sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig inspiriere und ergänze, teilte die Jury mit.

"Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte leistet Aleida Assmann in hohem Maße Aufklärung zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation", heißt es in der Begründung. Das Werk der 71-Jährigen weise darauf hin, dass ein offener und ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit grundlegende Bedingung für ein friedliches Miteinander sei.

Ihr Mann, der Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann, habe durch sein umfangreiches wissenschaftliches Werk internationale Debatten um Grundfragen zu den kulturellen und religiösen Konflikten unserer Zeit angestoßen.

Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen

Aleida Assmann kommt im März 1947 in Bethel bei Bielefeld zur Welt. Schon vor ihrem Studium der Anglistik und Ägyptologie in Heidelberg und Tübingen lernt sie ihren späteren Mann Jan Assmann kennen. Ihn begleitet sie zwischen 1968 und 1975 auf zahlreiche Ausgrabungen in Oberägypten. Ihre Promotion in Anglistik im Jahr 1977 trägt den Titel "Die Legitimation der Fiktion".

Nur ein Jahr später gründen Aleida und Jan Assmann den Arbeitskreis "Archäologie der literarischen Kommunikation", in dem sie Vertreter verschiedener Disziplinen und Kultur-Fächer in einen Dialog bringen. Schon bei der ersten Tagung geht es um "Schrift und Gedächtnis" und die Frage, wie diese Medien Kulturen organisieren. Aleida Assmann habilitiert 1992 an der Neuphilosophischen Fakultät in Heidelberg und folgt ein Jahr später dem Ruf auf den Lehrstuhl für Anglistik und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. In ihrem jüngsten, 2017 erschienen Buch "Menschenrechte und Menschenpflichten" geht sie auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte ein.

Neue Sicht auf das alte Ägypten

Jan Assmann wird im Juli 1938 in Langenheim (Harz) geboren. Trotz außergewöhnlicher musikalischer Ambitionen entscheidet er sich gegen eine Laufbahn in dieser Disziplin, auch wenn er später zahlreiche musiktheoretische Abhandlungen veröffentlicht. In Heidelberg studiert er zunächst Klassische Archäologie und Gräzistik, bevor er sich der Ägyptologie zuwendet. 1965 promoviert er zum Thema "Liturgische Lieder an den Sonnengott". Zahlreiche Forschungsreisen und Ausgrabungen in Ägypten, Syrien, Jordanien und der Türkei folgen.

Nach der Habilitation 1971 über das Grab eines Beamten der Spätzeit ("Das Grab des Basa (Nr.389) in der thebanischen Nekropole") übernimmt er bis zu seiner Emeritierung 2003 den Heidelberger Lehrstuhl für Ägyptologie. Gastprofessuren und Fellowships führen ihn nach Berlin, München, in die USA, nach Paris und Jerusalem. 2005 erhält er eine Honorarprofessur für Kulturwissenschaft und Religionstheorie in Konstanz.

Mit seinen ägyptologischen und kulturwissenschaftlichen Arbeiten revidiert Jan Assmann das biblische Bild des alten Ägyptens von einer versklavten Gesellschaft unter pharaonischer Willkür und porträtiert stattdessen eine Zivilisation, die von Ordnungs- und Gerechtigkeitsvorstellungen geleitet ist (Ma'at). In dem 2016 erschienenen Buch "Totale Religion. Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung" schlägt Jan Assmann schließlich einen Bogen zur aktuellen Diskussion über das Gewaltpotential monotheistisch geprägter Gesellschaften.

Jan und Aleida Assmann leben in Konstanz. Das Paar hat fünf Kinder.

Die Idee des Friedensgedanken

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Auszeichnung traditionell in der Paulskirche während der Frankfurter Buchmesse. Er ist mit 25.000 Euro dotiert und wird an eine Persönlichkeit verliehen, "die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat". Er gilt als einer der politischsten Buchpreise.

Im vergangenen Jahr hatte die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood ihn erhalten. Zu vorherigen Preisträgen zählen Autoren wie Susan Sontag, David Grossmann, Navid Kermani, Jaron Lanier und Carolin Emcke, aber auch der Künstler Anselm Kiefer.

brs

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