Kultur

Leïla Slimani über Sexismus

Wird man als Schwein geboren?

Da ist der Professor, der sich für ein Praktikum einen runterholen lässt. Der Kerl, der mich im Vorbeigehen "ficken will". Die Männer, die ich kenne, widert diese überholte Vorstellung von Männlichkeit an.

AFP

Autorin Leïla Slimani

Ein Gastbeitrag von Leïla Slimani
Samstag, 13.01.2018   17:18 Uhr

Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichten 100 französische Frauen aus Kultur und Medien, darunter die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Autorin Catherine Millet, einen Gastbeitrag in der Zeitung "Le Monde", der sich konträr zur aktuellen #MeToo-Debatte stellte. Leïla Slimanis Text, am Donnerstag zunächst in der Zeitung "Libération" veröffentlicht, ist als Replik zu verstehen.

Auf der Straße herumlaufen. Abends die Metro nehmen. Einen Minirock tragen, ein Dekolleté, High Heels. Allein mitten auf der Tanzfläche tanzen. Fingerdick Schminke auftragen. Angeschickert ins Taxi steigen. Halbnackt im Gras liegen. Trampen. Mit dem Nachtbus fahren. Allein reisen. Allein auf einer Terrasse etwas trinken. Einen einsamen Weg entlangjoggen. Auf einer Bank warten. Einen Mann anbaggern, es mir anders überlegen und ihn stehenlassen. Mich unter die Menge in einer Pariser Vorortbahn mischen. Nachts arbeiten. Mein Kind in der Öffentlichkeit stillen. Eine Gehaltserhöhung fordern. In all diesen banalen Alltagssituationen will ich das Recht haben, nicht belästigt zu werden. Das Recht, nicht einmal darüber nachzudenken.

Ich fordere die Freiheit, dass man weder meine Haltung noch meine Kleidung, meinen Gang, die Form meines Hinterns oder die Größe meiner Brüste kommentiert. Ich beanspruche mein Recht, in Ruhe gelassen zu werden, allein sein zu dürfen, mich ohne Angst fortbewegen zu können. Ich will nicht nur eine innere Freiheit. Ich will die Freiheit, draußen zu leben, in der Öffentlichkeit, in einer Welt, die auch ein bisschen mir gehört.

Ich bin kein zerbrechliches kleines Ding. Ich möchte nicht beschützt werden, sondern mein Recht auf Respekt und Sicherheit geltend machen. Und die Männer sind beileibe nicht alle Schweine. Wie viele von ihnen haben mich in diesen letzten Wochen beeindruckt, erstaunt, begeistert mit ihrem Verständnis für die Bedeutung dessen, worum es gerade geht, mich völlig verblüfft mit ihrer Entschlossenheit, nicht mehr mitzuspielen, die Welt zu ändern, auch sich selbst von diesem Verhalten zu befreien.

Denn im Grunde versteckt sich hinter der sogenannten Freiheit, aufdringlich zu sein, ein schrecklich deterministisches Männerbild: "Man wird als Schwein geboren."

Die Männer in meiner Umgebung werden rot und empören sich über diejenigen, die mich beleidigen. Den Typen, der um acht Uhr morgens auf meinen Mantel ejakuliert. Den Chef, der mir zu verstehen gibt, was für meine Beförderung hilfreich wäre. Den Professor, der sich für ein Praktikum einen runterholen lässt. Den Kerl, der mich im Vorbeigehen fragt, ob ich "ficken will" und mich dann als "Schlampe" beschimpft.

Die Männer, die ich kenne, widert diese überholte Vorstellung von Männlichkeit an. Mein Sohn wird, hoffe ich, ein freier Mann werden. Nicht frei, aufdringlich zu sein, sondern frei, sich als etwas anderes als ein von unkontrollierbaren Trieben beherrschtes Raubtier zu definieren. Ein Mann, der in der Lage sein wird, zu verführen, auf die unzähligen wundervollen Weisen, in denen Männer uns zu betören verstehen.

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Dann schlaf auch du

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

Luchterhand Literaturverlag, 224 Seiten, 20 Euro

Ich bin kein Opfer. Doch Millionen von Frauen sind es. Das ist eine Tatsache und kein moralisches Urteil oder eine Pauschalisierung. Und ich spüre in mir selbst die Angst all der Frauen, die mit gesenktem Kopf durch die Straßen Tausender Städte dieser Welt gehen. Die man verfolgt, bedrängt, vergewaltigt, beleidigt und im öffentlichen Raum wie Eindringlinge behandelt.

In mir hallt der Schrei all jener Frauen wider, die sich verkriechen, die sich schämen, die man verstößt und aus dem Haus jagt, weil sie entehrt wurden. Die man unter langen schwarzen Schleiern versteckt, weil ihre Körper angeblich dazu auffordern, sie zu belästigen. Sorgen sich die Frauen in den Straßen von Kairo, Neu Delhi, Lima, Mossul, Kinshasa oder Casablanca etwa um das Aussterben der Verführung, der Galanterie? Haben sie selbst denn das Recht, zu verführen, zu wählen, aufdringlich zu sein?

Ich hoffe, dass meine Tochter einmal abends mit Minirock und Dekolleté auf der Straße herumlaufen wird, dass sie allein um die Welt reisen und mitten in der Nacht die U-Bahn nehmen wird, ohne Angst zu haben, ohne auch nur darüber nachzudenken. Die Welt, in der sie dann lebt, wird keine puritanische Welt sein. Es wird, da bin ich mir sicher, eine gerechtere Welt sein, mit noch größeren und schöneren Freiräumen für Liebe, Lust und Verführung, wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Der Artikel erschien zunächst in der Zeitung "Libération". Übersetzung aus dem Französischen: Amelie Thoma

insgesamt 198 Beiträge
fsteinha 13.01.2018
1. Eine Frage des Anstandes
Das beschriebene männliche Selbstverständnis ist derart bizarr, das es mir schwer fällt zu glauben, das es wirklich Geschlechtsgenossen gibt, die sowas bringen. Ich kann mich allerdings an eine Gesellschaft erinnern, die Frauen [...]
Das beschriebene männliche Selbstverständnis ist derart bizarr, das es mir schwer fällt zu glauben, das es wirklich Geschlechtsgenossen gibt, die sowas bringen. Ich kann mich allerdings an eine Gesellschaft erinnern, die Frauen hinter hergepfiffen haben. Schon damals fand ich das peinlich und das Selbstverständnis war auch auch nicht meins. Meine Einstellung war sehen und genießen. Nun ja, Männer tragen nicht immer zur Verbesserung der Welt bei.
signaturen 13.01.2018
2. Taucht die Frage auf..
ob es Männern denn auch noch gestattet sein soll "anzubaggern" und dann die Dame stehen lassen darf. So ganz ohne Vorwurf und Nachrede. Und die nächste Frage ist: Wie glaubwürdig sind wohl die Männer die Sie [...]
ob es Männern denn auch noch gestattet sein soll "anzubaggern" und dann die Dame stehen lassen darf. So ganz ohne Vorwurf und Nachrede. Und die nächste Frage ist: Wie glaubwürdig sind wohl die Männer die Sie begeisterten? Wie diese wohl tatsächlich denken? Ohne den Gedanken des "ranwanzen" bei Zustimmung? ich tippe mal daß 90% der "Begeisterung auslösenden" in Wahrheit unbedenklich in klassische Muster verfallen würden, würden sie plötzlich wieder gesellschaftlich akzeptiert. Genau so wie es die große Mehrheit, auch der "ach so emanzipierten, (besser feminisierten)" Frauen gerne möchte.. Und Nein, das ist kein Wunschgedanke sondern schlicht die Realität außerhalb der emanzipatorischen Bubble..
ttvtt 13.01.2018
3. Männlichkeit?
Der Text ist ein berechtigtes und gutes Plädoyer. Aber eines stört mich, diese eine Passage, wenn der Chef oder Professor sexuelle Dienstleistungen erwarten, ist das keine Frage von fehlgeleiteter Männlichkeit sondern [...]
Der Text ist ein berechtigtes und gutes Plädoyer. Aber eines stört mich, diese eine Passage, wenn der Chef oder Professor sexuelle Dienstleistungen erwarten, ist das keine Frage von fehlgeleiteter Männlichkeit sondern Machtmissbrauch. Aber Machtmissbrauch hat kein Geschlecht.
Kurbelradio 13.01.2018
4. schwierig
um sich benehmen zu können, braucht es Hirn. Und leider fehlt das bei so manchen. Es gibt auch Frauen die belästigen, um das mal klar zu stellen (nein ich bin kein Mann). Als Frau kann ich sagen: in meinem Leben wurde ich [...]
um sich benehmen zu können, braucht es Hirn. Und leider fehlt das bei so manchen. Es gibt auch Frauen die belästigen, um das mal klar zu stellen (nein ich bin kein Mann). Als Frau kann ich sagen: in meinem Leben wurde ich zwischen 14 und 52 Jahren insgesamt 5 mal arg belästigt. 1 mal habe ich mich gewehrt und dahin getreten, wo es weh tut. Dann machte ich einen Selbstverteidigungskurs. Das gab mir Selbstbewusstsein. Aber man darf einem Mann, den man nicht kennt, nicht unbedingt einfach so ins Gesicht gucken. Wenn da nämlich Hirn fehlt, denkt der, man will ihn anbaggern. Daher: lieber nicht gucken. Auch wenn man denkt, man kennt den. Die verbalen Belästigungen kann ich nicht zählen. Die Männer, die ich kenne, sind alles echte Männer. Das heißt, da ist keiner dabei, der ausfällig wird. Dann würde ich die auch nicht kennen. Die regen sich selbst auf, über ihre Geschlechtsgenossen, denen wohl Hirn fehlt. Daher liebe Männer: bitte fühlt euch nicht alle angegriffen. Denn ihr werdet nicht alle angegriffen, sondern nur die, die es auch verdient haben. Frauen mögen Männer. Und zwar die, denen genügend Hirn zur Verfügung steht, respektvoll mit uns umzugehen. Man braucht mir nicht die Tür aufhalten, oder meinen Reifendruck am Auto zu prüfen. Auch kann ich meinen PC selbst reparieren. Ich will nur gleiches Geld für gleiche Arbeit und Respekt. Mehr nicht.
zimond 13.01.2018
5. Alles vollkommen richtig.
Nur nicht worum es geht. All diese extrem Beispiele widerlicher Männer stehen doch nicht zur Debatte, da ist sich nun wirklich jeder einig das dies Schweine sind die ohne wenn und aber abzulehnen sind. Es geht bei dem ganzen [...]
Nur nicht worum es geht. All diese extrem Beispiele widerlicher Männer stehen doch nicht zur Debatte, da ist sich nun wirklich jeder einig das dies Schweine sind die ohne wenn und aber abzulehnen sind. Es geht bei dem ganzen Thema aber darum das viele ihrer Geschlechtgenossinnen Nichtigigkeiten zur Belästigung verklären und damit das soziale Klima eher vergiften als es zu helfen. Ein Spacey der anderer Leute Hände zum eigenen Schritt führt ist nicht OK. Ein Weinstein der heimlich ins Zimmer kommt um zu masturbieren ebenfalls schon eine Straftat. Aber ein schneller Blick auf den Hintern, eine frivole Bemerkung zum Dekoltee ala Brüderle, auch ein ungeschickter Flirtversuch ist noch keine sexuelle Belästigung. Doch genau zu so einer wird von vielen heute jede Kleinigkeit erklärt. Es gibt eindeutige Grenzüberschreitungen die nicht zur Diskussion stehen, alles darunter ist bei jedem Menschen anders und es muss erlaubt bleiben diese persönliche Grenze sondieren zu dürfen auch mit dem Risiko jemand einmal jemanden einen Schritt zu Nahe zu kommen. Solange man anschließend wieder zurück rudert ist das in Ordnung.
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