Kultur

Cruising

"Es ist undenkbar, sich diese Männer beim Sex vorzustellen"

In seinem Debütroman beschreibt der US-Autor Garth Greenwell, wie sich zwei Männer auf dem öffentlichen Klo zum Sex treffen. Hier erzählt er, was daran so faszinierend ist - und was das mit Donald Trump zu tun hat.

Marc Martin
Ein Interview von
Sonntag, 11.02.2018   11:23 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Greenwell, in Ihrem Buch trifft sich der Erzähler mit dem Stricher Mitko in einer Klappe - also in einer öffentlichen Toilette, in der Männer mit anderen Männern Sex haben. Was fasziniert Sie an dieser Art Begegnung?

Greenwell: Toiletten sind so spannend, weil sie Orte sozialer Heterogenität sind. Hier verschwimmen viele Grenzen, mit denen wir sonst unser Leben strukturieren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Grenzen?

Greenwell: Etwa soziale Klasse und ethnische Zugehörigkeit. Die Toiletten im Nationalpalast der Kultur in der bulgarischen Hauptstadt Sofia sind der einzige Ort, an dem jemand wie ich oder mein Erzähler einen Menschen wie Mitko trifft. Als ich das erste Mal diese Toiletten entdeckte, konnte ich kaum Bulgarisch sprechen, hatte keine Ahnung von der Landeskultur. Sobald ich aber in diesen Toiletten abtauchte, redete ich in meiner Muttersprache. Die nonverbale Kommunikation beim Cruising, beim Sex an öffentlichen Orten, war exakt die, die ich auch als 14-Jähriger in meinem Geburtsstaat Kentucky gelernt hatte. Und auch das Umfeld, auf das man als queerer Mensch traf, ähnelte sich.

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Fotostrecke: "Pissbuden", "Klappen", "Büdchen"

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Greenwell: In Kentucky finden sich genau die Haltungen queeren Menschen gegenüber, die es heute auch in Bulgarien gibt. An beiden Orten wurde und wird ihnen eine gewisse Lektion über ihr Leben beigebracht - nämlich die, dass es ohne Würde und Wert sei. Diese Lektionen wurden auch mir als Kind vermittelt. Und obwohl ich auf einer rationalen Ebene weiß, dass sie nicht stimmen, werde ich trotzdem für immer jemand sein, dem das mal beigebracht wurde. Natürlich formt das die Person, die ich heute bin.

AFP

Nationaler Kulturpalast in Sofia: "Orte sozialer Heterogenität"

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie ein Stigma des Andersseins und der Scham konstant begleitet?

Greenwell: Es ist mächtig. Ich war als Kind dankbar, dass es irgendwo da draußen einen anderen Diskurs gab, einen, der mit Stolz zu tun hat. Ich lernte ihn kennen, als ich in der Buchhandlung in einer dunklen Ecke ein Regal mit queerer Literatur entdeckte. Das hat mir das Leben gerettet.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Zugänge zur eigenen Sexualität heute einfacher - etwa durch Dating- und Sex-Apps wie Grindr?

Greenwell: Ich höre von vielen jungen queeren Männern mittlerweile, wie ekelhaft sie Cruising in Toiletten finden. Dieselben Männer sprechen aber davon, wie heiß es ist, eine sexuelle Erfahrung im Fitnessstudio zu haben. Aber, ähnlich wie bei der Sex-App Grindr, ist das Cruisen im Fitnessstudio eine Gentrifizierung des Cruisens, die das gesamte radikale Potenzial entkleidet.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Greenwell: Wenn jemand im Fitnessstudio cruist, für das er 150 Dollar im Monat zahlt, bleibt er in derselben Klasse. Dieses Cruising bedeutet in Wirklichkeit, dass diese Person arme Menschen hasst oder sie ihren Körper vor einer Person, die sie als schmutzig erachtet, beschützen will.

SPIEGEL ONLINE: Hat denn nicht aber zumindest das Stigma der Scham abgenommen?

Greenwell: Es hat sich verändert. Ich habe den Eindruck, dass Scham heute nicht nur von Seiten der dominanten heterosexuellen Kultur diktiert wird - sondern auch von der schwul-lesbischen Kultur und ihrem Ehe-für-alle-Diskurs.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Greenwell: Der Kampf für die Öffnung der Ehe ist ein wichtiger. Die Mehrheit queerer Familien lebt im Süden der USA, es sind größtenteils Frauen of color. Für diese Familien bedeutet die Öffnung der Ehe, nicht das Sorgerecht der Kinder zu verlieren oder auch, medizinische Entscheidungen für die Partnerin treffen zu können. Aber ein Projekt der Liberalisierung wie dieses muss sich zum Ziel setzen, dass sich die Gesellschaft für verschiedene Modelle des Zusammenlebens öffnet - und nicht nur bestimmte Modelle an ein dominierendes anpassen. Die monogame Beziehung, in der es darum geht, Kinder zu bekommen, ist nicht die einzige Familienform. Die Ehe für alle ist deshalb auch eine große Tragödie in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Greenwell: Die Akzeptanz von LGBT-Menschen wurde erreicht, indem wir uns als heteronormativ und neoliberal verkauften. Unsere Leben sollten so aussehen wie das Leben der Mehrheit. Das einzige Anliegen vieler LGBT-Vereinigungen wurde die Öffnung der Ehe, und das ging eben auf Kosten von HIV/Aids, Obdachlosigkeit, Gewalt gegen Trans*Menschen. Es war eine Marketingkampagne. Aber hinter diesem Universalanspruch, alle mitzunehmen, versteckt sich am Ende häufig doch wieder die Position, die gerade dominiert. Im Fall der USA wäre das weiß, hetero, männlich. Weißsein, Heterosexualität und Männlichkeit sind aber genauso spezielle Kategorien wie Queerness, Schwarzsein, Weiblichkeit und Trans* sein.

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SPIEGEL ONLINE: Gerade im Kulturbereich hat sich jedoch auch viel getan, was die Repräsentation von homosexuellen Menschen angeht.

Greenwell: Aber die werden eben häufig nur in sehr limitierten Frames dargestellt. Schauen Sie sich eine Serie wie "Will & Grace" an, die ja den damaligen Vizepräsidenten Joe Biden dazu brachte, seine Meinung zur Eheöffnung zu ändern. Oder auch "Modern Family", eine Serie, die die Haltung Amerikas gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern ins Positive änderte. In beiden Fällen ist absolut undenkbar, sich diese Männer beim Sex vorzustellen. Es sind desexualisierte, queere Körper, die sich höchstens mal küssen - wenn überhaupt. Wir stricken gerade an einem sehr schmeichelhaftem Mythos über LGBT- und Minderheitenrechte und sehen das als eine Art Fortschritt.

SPIEGEL ONLINE: Aber so einfach ist es nicht?

Greenwell: Natürlich nicht. Und wenn uns das letzte Jahr unter Trump irgendwas beigebracht hat, dann, wie zerbrechlich diese Rechte ohnehin sind. Acht Jahre lang hat die Linke unter Obama geschlafen, was sie nicht hätte tun dürfen. Ich mache mir Sorgen um die Demokratie, weil alle zu vergessen scheinen, dass sie nicht einfach da ist, dass sie trainiert werden muss. Und dass etwas passiert, wenn wir sie nicht trainieren - dann wachen wir eines Tages auf und haben einen Präsident Trump.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat Kentucky stimmten mehr als 60 Prozent der Wähler für Trump. Haben Sie für sie noch Sympathie übrig?

Greenwell: Natürlich. Ich mag diese reflexhafte ablehnende Handlung gegenüber Trump-Wählerinnen und Wählern nicht, die häufig von der Linken ausgeht. Etwas, das wir auch vergessen haben, ist, das Gespräch zu suchen. Wir sprechen nicht miteinander, wenn wir uns gegenseitig nur anbrüllen. Ich komme aus einer Welt, die für Trump gestimmt hat, und diese Wähler sind natürlich komplexe, komplizierte und unendlich wertvolle Menschen, die nicht einfach abgewiesen werden können. Ich verweigere mich einem demokratischen Modell, das das tut. Machtkämpfe, die nur dazu dienen, die anderen zum Schweigen zu bringen, akzeptiere ich nicht als politisches Modell.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie kein Verständnis dafür, dass queere Menschen, die die ganze Zeit diskriminiert werden, keine Lust mehr haben, sich Beschimpfungen anzuhören?

Greenwell: Natürlich ringe ich auf einer individuellen Ebene selbst damit. Ich verstehe, wie gefährlich es ist, als queere Person in den US-Südstaaten zu leben. Aber gleichzeitig muss ich daran festhalten, dass auch das Leben des Fratboys, der meinen Partner aus dem fahrenden Auto als "Schwuchtel" beschimpft, exakt so kompliziert, interessant, wertvoll wie mein eigenes Leben ist.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr versöhnlich. Wie soll das gelingen?

Greenwell: Wir müssen wieder mehr Akzeptanz für innere Widersprüche entwickeln. Als Menschen widersprechen wir uns ständig. Und wir haben auch das Gefühl verloren, Fehler machen zu dürfen. Wir sollten über Rassismus wie über eine Gesundheitskrise sprechen - etwas, für das wir Langzeitlösungen finden müssen und von dem wir uns heilen können. Wir machen alle rassistische, homophobe und sexistische Fehler - die ganze Zeit. Das kann korrigiert werden, aber nicht, wenn wir die Menschen aus dem Diskurs raushalten. Wenn wir noch nicht mal daran glauben, dass eine Person, die mal ein Rassist war, eines Tages dazulernt - dann werden wir als Gesellschaft nie heilen können.

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