Kultur

Beethovens "Missa Solemnis"

Wie man die Welt aus den Angeln hebt

Absolute Referenzklasse, dafür stehen Bernard Haitinks Klassiker-Interpretationen. Auch seine neue Einspielung von Beethovens sakralem Meisterwerk bezaubert auf ganz eigene Art. Diese "Missa" muss gefeiert werden!

DPA
Von
Sonntag, 31.05.2015   09:16 Uhr

Welche Herausforderungen bleiben einem Dirigenten, der mit 86 Jahren als eine Art Ehrenweltmeister des Taktstocks geachtet und bewundert wird? Vielleicht Ludwig van Beethovens Spätwerk, mit dem er wieder einmal diese seine Welt künstlerisch aus den Angeln hebt, sie neu definiert, zumindest musikalisch.

Manche wollen die Welt verbessern und reden darüber, andere tun einfach das Nötige und machen sie kurzerhand ein kleines bisschen besser. Beethoven und Haitink passen da als Schöpfer wunderbar zusammen. Und wie der große alte Haitink und das Orchester des Bayerischen Rundfunks dieses beethovensche Wunder anpacken - live aufgenommen Ende September 2014 im Münchner Herkulessaal - das beflügelt den Hörer wie ein eleganter, nicht zu schwerer Rotwein. Beethovens feierliche Messe ist schließlich ganz von dieser Welt.

Viel fromme Kirchenmusik schrieb Beethoven nicht, und seine späte "Missa Solemnis" op. 123 sprengt so auch locker den Rahmen von üblichen Gottesdienstbegleitungen. Mit rund 80 Minuten Spieldauer bewegt sich die klassisch geformte fünfsätzige Messe schon in Bruckner-/Mahler-Symphonie-Dimensionen, fordert großes Orchester, versierte Solisten und immense Dispositionskünste vom Dirigenten. Beethoven hatte das Werk seinem Fan und Förderer Erzherzog Rudolph von Österreich zugedacht, als dieser zum Erzbischof von Olmütz erkoren wurde.

Eine Messe ohne Kompromisse

Bald führte der künstlerische Produktionsprozess ein Eigenleben, er wurde lang und länger, der Bischof musste schließlich ohne Beethovens Beiwerk seine Weihen erhalten, während der Meister sich in komplexen philosophischen, musikalischen und liturgischen Studien erging.

Eine Messe der Marke Beethoven sollte sie werden, State of the Art und ohne Kompromisse. Dazu gehörte für Beethoven auch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit seinem christlichen Glauben. Die brachte dann für die "Missa" gerade keinen Bombast, sondern nachdenkliche, stellenweise beinahe kritische Intimität.

Allein das abschließende, 15-minütige "Agnus Dei", ein vergeistigtes Adagio mit sanften Blechbläsern und wunderbar balancierten Stimmen der vier Gesangssolisten, erschließt bereits die überlegene Klasse, mit der Bernard Haitink agiert. Weder altersmild noch alterswild forciert er den Ausdruck. Beethovens Skepsis und beschwichtigende Zurückhaltung entspricht die immer wieder gezügelte Feierlichkeit von Haitinks Interpretation. Mark Padmores leuchtend kräftiger Tenor und Hanno Müller-Brachmanns tiefdunkler Bariton tauschen sich so konzentriert mit Genia Kühmeier (Sopran) und Elisabeth Kulman (Mezzo) aus, dass es eine Freude ist. Sie hören genau aufeinander, was gerade in dieser Liveaufnahme große Intensität erzeugt.

Über die Weltklasse des Rundfunkchores aus München muss man nicht viel sagen, die Perfektion des Ensembles liegt gerade in der noblen Dezenz und Gemessenheit, die hier selbst in den Momenten der opulenten Höhepunkte präzise Dynamik und Farbgebung entfalten.

Mit Coolness an Beethovens größtes Werk

Die innige Harmonie, die Bernard Haitink mit seinen Musikern erlangt, gründet sich auch auf die inzwischen weit über 50-jährige Zusammenarbeit des Niederländers mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Sie begann zwei Jahre nach seinem denkwürdigen Einspringen für Carlo Maria Giulini 1956 beim Amsterdamer Concertgebouworkest, dem Haitink dann von 1961 bis 1988 als Leiter seinen künstlerischen Stempel aufdrückte.

Haitinks Weltkarriere ging dann flott voran. Sie führte ihn zu nahezu allen bedeutenden Orchestern und Solisten, wie auch zum Chefposten der Londoner Covent Garden Oper, die er von 1988 bis 2002 leitete: ein musikalischer Tausendsassa, doch kein Paradiesvogel. Haitink glänzte rein durch seine Interpretationen.

Diese Coolness hilft gerade beim späten Beethoven: Der fordernden Bekenntnishaftigkeit der Messe, die Beethoven selbst als sein "größtes Werk" bezeichnete, geht Haitink nicht auf den Leim. Er lässt sich nicht vom Atem des Opus Magnum davontragen, sondern baut behutsam die richtigen Proportionen, setzt sparsame Akzente und lässt innere Spannungen entstehen.

Man möchte meinen, der religiös eher etwas distanzierte Komponist könnte es gerade so gemeint haben. Auf jeden Fall gelingt das komplexe und raffiniert fugierte "Gloria" auf diese Weise zu einem Erlebnis beherrschter und beseelter Klarheit. Und irgendwie erscheint einem die Welt danach ein wenig besser.

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Zum Autor

Jeannette Corbeau

Werner Theurich, Jahrgang 1954, betreut bei SPIEGEL ONLINE die Leserdebatten, schreibt aber auch für das Kultur-Ressort und den KULTUR SPIEGEL über Konzertmusik, Oper und Theater. Gern missioniert er bei Kolleginnen und Kollegen in Sachen Richard Wagner, allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Außerdem hält er es mit dem Lester Bangs zugeschriebenem Diktum, "Wenn der Begriff 'großer Künstler' nicht für Mozart und Chuck Berry gleichermaßen gelten kann, sollte er besser auf dem Müll landen!".

E-Mail: Werner_Theurich@spiegel.de

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insgesamt 4 Beiträge
elsenberg 31.05.2015
1. Otto Klemperer
Wen immer dies interessieren mag, Ohne die Interpretation von Bernhard Haitink vollständig gehört zu haben, möchte die Frage stellen, wie diese im Vergleich mit der epochalen werkgetreuen Interpretation des Philharmonia [...]
Wen immer dies interessieren mag, Ohne die Interpretation von Bernhard Haitink vollständig gehört zu haben, möchte die Frage stellen, wie diese im Vergleich mit der epochalen werkgetreuen Interpretation des Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Otto Klemperer einzuordnen ist? Danke
Newspeak 31.05.2015
2.
Kann man, salopp gesprochen, Äpfel mit Birnen vergleichen? Man kann es, rein praktisch, aber sollte man es tun? Welche Erkenntnis erhofft man sich davon? Soll das Fazit am Ende "besser", "schlechter", [...]
Zitat von elsenbergWen immer dies interessieren mag, Ohne die Interpretation von Bernhard Haitink vollständig gehört zu haben, möchte die Frage stellen, wie diese im Vergleich mit der epochalen werkgetreuen Interpretation des Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Otto Klemperer einzuordnen ist? Danke
Kann man, salopp gesprochen, Äpfel mit Birnen vergleichen? Man kann es, rein praktisch, aber sollte man es tun? Welche Erkenntnis erhofft man sich davon? Soll das Fazit am Ende "besser", "schlechter", "gleichgut" lauten? Steckt dahinter der Gedanke, daß es nur eine epochale, werkgetreue Fassung geben kann? Beethoven ist der gemeinsame Nenner, aber jede Dirigent/Orchester Kombination ist ein eigenständiger "Künstler". Man kann also vielleicht die Technik, also deren Beherrschung, vergleichen, aber bei Dirigenten/Orchestern von Weltrang dürfte darin kein großer Unterschied liegen. Die künstlerische Interpretation...die findet der eine gut, der andere schlecht. Was also lernt man, wenn man einen Vergleich anstellt?
exilant64 31.05.2015
3. #2
wohl wahr. Sund schöner, als die schönste Interpretation zu hören, ist nur: selber mitmachen...
wohl wahr. Sund schöner, als die schönste Interpretation zu hören, ist nur: selber mitmachen...
KV491 01.06.2015
4.
Unendlich viel.
Zitat von NewspeakKann man, salopp gesprochen, Äpfel mit Birnen vergleichen? Man kann es, rein praktisch, aber sollte man es tun? Welche Erkenntnis erhofft man sich davon? Soll das Fazit am Ende "besser", "schlechter", "gleichgut" lauten? Steckt dahinter der Gedanke, daß es nur eine epochale, werkgetreue Fassung geben kann? Beethoven ist der gemeinsame Nenner, aber jede Dirigent/Orchester Kombination ist ein eigenständiger "Künstler". Man kann also vielleicht die Technik, also deren Beherrschung, vergleichen, aber bei Dirigenten/Orchestern von Weltrang dürfte darin kein großer Unterschied liegen. Die künstlerische Interpretation...die findet der eine gut, der andere schlecht. Was also lernt man, wenn man einen Vergleich anstellt?
Unendlich viel.

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