Kultur

Letztes Album von Heino

Mit Grüßen an Angie, Heidi und die Hosen

Heimat-Sänger Heino geht mit einem allerletzten Album in Rente. Mit "... und Tschüss" will er noch einmal allen den Finger zeigen, die sich über Dekaden an seiner Deutschtümelei abgearbeitet haben.

DPA
Von Maurice Summen
Freitag, 23.11.2018   14:56 Uhr

Seit Wochen tourt die News schon durch die Nachrichtenportale: Heino hört auf!

Der neben Helene Fischer, Kraftwerk und Rammstein wohl teutonischste aller Pop-Künstler verabschiedet sich nach dem Jahrhundertsommer im Alter von 80 Jahren mit einem neuen, allerletzten Album: "...und Tschüss".

Nach den beiden "Mit freundlichen Grüßen"-Alben ist es das bereits dritte Album in Folge mit augenzwinkernden Coverversionen aus der Deutschrock- und Pop-Welt, unter anderem von Xavier Naidoo, Trio oder Hubert Kah. Mit Wolfgang Petry singt Heino sogar im Duett.

Heino, bürgerlich Heinz-Georg Kramm, reiht sich also mal wieder mühelos zwischen James Lasts "Non Stop Dancing", den "Bravo-Hits" und Dick Brave & The Backbeats ein: Partyhits, die längst jeder rückwärts pfeifen kann - in Heino-Versionen. Na gut: Ein paar Eigenkompositionen sind auch dabei.

Erstaunlicherweise hat die Plattenfirma trotz Weihnachtsgeschäft und anhaltendem Vinyl-Boom von einer LP-Ausgabe oder einer aufwendigen Sammler-Box mit partytauglichen Heino-Gimmicks abgesehen. Immerhin gibt es eine Doppel-CD-Ausgabe mit Bonus-Songs und Klassikern aus der Kehle des legendären Haselnuss-Crooners, zum Beispiel das "Lied für mein Publikum" und die Abschiedshymne "Dankeschön, auf Wiedersehen".

"Tage wie diese" von den Toten Hosen ist auch auf dem regulären Album, was man wie eine späte Replik lesen könnte. War es doch schließlich ein gewisser Norbert Hähnel alias "Der wahre Heino" im Hosen-Vorprogramm gewesen, der sich Mitte der Achtzigerjahre für seine Heino-Parodie vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten musste.

Das damalige Urteil lautete: 10.000 Mark Strafe, weil Hähnel nicht von der Position abrücken wollte, der einzig wahre Heino zu sein. Die Toten Hosen spielten dann mit Unterstützung der Goldenen Zitronen und Rocko Schamoni das Bußgeld ein. Hähnel weigerte sich aber, den Betrag an Heino zu zahlen, und saß stattdessen lieber 20 Tage in Haft.

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"...und Tschüss" von Heino: Das Allerletzte

Seither war man vor allem in Punkrock-Kreisen nicht mehr allzu gut auf den weißblonden Sonnenbrillen-Mann mit dem epischen Brunftzeit-Bariton zu sprechen. Nun zeigt Heino mehr als 30 Jahre später mit seinem Hosen-Cover noch einmal allen, wer hier der wahre Heino ist.

Wo wir gerade bei den Punks sind: Jello Biafra von der US-amerikanischen Punklegende Dead Kennedys prahlt noch heute gern mit der umfangreichsten Heino-Plattensammlung der Welt. Aber der hat gut lachen. Allein durch den transatlantischen Sicherheitsabstand kann er Heino daheim bequem ins "Incredibly Strange Music"-Fach einsortieren.

Für kritische Popfans hierzulande war Heino hingegen über all die Jahrzehnte hinweg immer ein ernst zu nehmendes, besorgniserregendes Phänomen, das viel über den Zustand des bundesdeutschen Pop-Mainstreams verriet, ebenso wie Ralph Siegel, Dieter Bohlen oder Captain Jack: Kollektive Verdrängung und Tristesse!

Problematisch fand man vor allem, dass Heino Songs wie "Der Gott, der Eisen wachsen ließ" sang, die sich auch schon im SS-Liederbuch finden ließen. Viele warfen Heino darum pures Kalkül bei der Auswahl seiner Songs vor, wenn er das Wirtschaftswunder-Publikum vor dem Fernsehapparat oder den Bühnen dieser Republik mal wieder mit alten Heimatliedern einlullte.

Heino selbst hingegen kann bis heute kein Hakenkreuz in den Liedern erkennen. "Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind", sagt er. Als Heino 2013 beim Alpenflair-Festival zusammen mit der Tiroler Rechtsrock-Band Frei.Wild auftrat und darauf angesprochen wurde, bestritt er, jemals etwas über diese Band gehört zu haben.

20.000 Euro Schadensersatz hingegen durfte der Hamburger Musiker Jan Delay 2014 für seine Heino-Beleidigung zahlen. Er hatte den Heimat-Sänger in einem Interview einen "Nazi" genannt. Die Vorgeschichte: Heino hatte auf dem Album "Mit freundlichen Grüßen" den Song "Liebeslied" von Delays Hip-Hop-Crew Beginner gecovert. Für den linksalternativen Delay war das unerträglich.

In bester Trump-Manier haben sich Heino und seine Anwälte also zwischen Fake-News-Vorwürfen und gepfefferten rechtlichen Schritten stets an der Pop-Oberfläche behaupten können. Wie passend, dass es längst auch eine Heino-Cover-Version des Songs "Kapitulation" von der Gruppe Tocotronic gibt: Diesem Mann ist einfach nicht beizukommen.

Auf "...und Tschüss" widmet Heino ein Lied mit dem Titel "Bilder im Kopf (Angie)" tatsächlich der Bundeskanzlerin: "Angie, Angie, mein Engel mit dem blonden Zopf. Wir waren wie Pech und Schwefel, füreinander bestimmt. Ich nannte dich zärtlich Angie, ich war vor Liebe fast blind", heißt es da. Die Coverversion des Kraftwerk-Klassikers "Das Model" widmet Heino der Mutter aller next Topmodels: Heidi Klum. Ein durchaus kluges Marketing-Konzept, egal, ob Angela Merkel nun einen Zopf trägt oder nicht.

Musikalisch braucht dieses Album kein Mensch. Es sei denn man hat die letzten Jahre sehnsüchtig auf ein Duett von Heino und Wolle Petry gewartet: "Ich atme, ich fühle". Rammstein-beeinflusster Schlagerrock für die Generation Atemlos. Oder auf eine Version von Hildegard Knefs "Für mich soll's Rote Rosen regnen", gesungen von Heinos Frau Hanelore. Und wer immer noch nicht die "La Paloma" Version für die Ewigkeit gefunden hat, wird hier vielleicht endlich bei Heinos Unplugged-Version fündig und kann endlich seine alten Freddy Quinn Singles bei Ebay versteigern.

Immerhin: Junge erfolgreiche Pop-Künstler, die in deutscher Sprache singen - wie etwa AnnenMayKantereit oder Yung Hurn - können sich ab heute darüber freuen, dass Heino endlich aufhört. Ihnen bleibt eine Heino-Coverversion ihrer größten Hits wohl erspart.

Und Tschüss? Ein Gelegentliches Comeback auf die Bühnen der Republik hält Heino schon wieder für denkbar.


Heino: "...und Tschüss (Das letzte Album)" (Sony Music) ist am 23. November erschienen.

insgesamt 18 Beiträge
tailspin 23.11.2018
1. Jahrzehntelang falsch gesungen
Die Haselnuss ist ja gar nicht schwarz-braun sondern einfach nur braun und beige, da wo sie im Fruechtkoerbchen mal angewachsen war.
Die Haselnuss ist ja gar nicht schwarz-braun sondern einfach nur braun und beige, da wo sie im Fruechtkoerbchen mal angewachsen war.
angst+money 23.11.2018
2.
Uff, einfach nicht totzukriegen (nur metaphorisch), der Mann. Und mit einer dieser wurstig empörbaren Fanscharen ausgestattet, die jede Kritik persönlich nehmen - ein Mann unserer Zeit.
Uff, einfach nicht totzukriegen (nur metaphorisch), der Mann. Und mit einer dieser wurstig empörbaren Fanscharen ausgestattet, die jede Kritik persönlich nehmen - ein Mann unserer Zeit.
Salbeiextrakt 23.11.2018
3. Kategorie
Was ist denn "Heimat-Sänger" für eine Kategorisierung und Neukreierung einer Musikrichtung? Und es trifft doch auch gar nicht zu, Heino hat ja nicht nur über das Thema Heimat gesungen.
Was ist denn "Heimat-Sänger" für eine Kategorisierung und Neukreierung einer Musikrichtung? Und es trifft doch auch gar nicht zu, Heino hat ja nicht nur über das Thema Heimat gesungen.
Salbeiextrakt 23.11.2018
4. Deutschtümelei
Sind Rammstein eigentlich auch deutschtümelnd? Weil die ja auch deutsch singen und das "R" so stark rollen?
Sind Rammstein eigentlich auch deutschtümelnd? Weil die ja auch deutsch singen und das "R" so stark rollen?
ted.striker 23.11.2018
5. ich finde es beschämend,
wenn Lieder, die teilweise eine Geschichte von über hundert Jahren haben, darauf reduziert werden, von bestimmten Personen im dritten Reich gesungen worden zu sein. Ich plädiere mit Sicherheit nicht darauf, dass z.B. das [...]
wenn Lieder, die teilweise eine Geschichte von über hundert Jahren haben, darauf reduziert werden, von bestimmten Personen im dritten Reich gesungen worden zu sein. Ich plädiere mit Sicherheit nicht darauf, dass z.B. das Horst-Wessel Lied rehabilitiert wird. Aber wenn bestimmte Lieder geächtet werden, weil sie gesungen wurden, müssten wir auch aufhören, deutsch zu sprechen. Diese Sprache wurde nämlich im dritten Reich ebenfalls gesprochen. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die braunen Horden gegessen und geatmet haben! Also sollten essen und atmen auch als Deutschtümelei gelten (da sieht man mal, wo so eine alles verdammende Denkweise hinführt)

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