Kultur

Klassiker von Strauss und Bartók

Neuer Schwung, alte Pracht

Richard Strauss und Béla Bartók liebten das Orchester, jeder auf seine Art. Wie überzeugend frisch ihre Arbeiten noch heute klingen können, zeigen zwei neue Aufnahmen.

Sussie Ahlburg
Von
Sonntag, 10.06.2018   07:47 Uhr

Mit gepflegtem Pathos in seiner Musik tat sich Richard Strauss stets leicht. Er orchestrierte die Alpenlandschaft reich und farbig, er bildete ein Heldenleben kraftvoll ab, und er ließ Till Eulenspiegel hintersinnig kaspern und dann selbst dem strengen Gericht klangmächtig entkommen. Aber wie geht man mit diesen raffinierten Klangmassen um, wenn man den Strauss nicht stur abfeiern will? Kirill Karabits und die Staatskapelle Weimar haben sich bei Strauss' Jugendwerken mächtig angestrengt.

Der 1976 in der Ukraine geborene Kirill Karabits studierte in Kiew, Wien und Stuttgart, leitet seit 2016 die Weimarer Staatskapelle, und er hat sich für seine zunächst dreijährige Amtszeit einiges vorgenommen. Ende 2017 spielte er bereits mit dem Orchester die Revolutions-Kantate von Sergej Prokofjew ein und nimmt nun mit Kern-Repertoire den nächsten Schritt vor. Dieser Ehrgeiz pulsiert vehement in den Interpretationen der Konzertsaal-Schlachtrösser, die am Beginn der Komponistenlaufbahn von Richard Strauss stehen.

Spröder Shakespeare und schwelgerische Fülle

Den Anfang macht der etwas spröde "Macbeth" op.23, den Karabits ernst, dramaturgisch spannend und so erzählend angeht, wie es eine Shakespeare-Darstellung verlangt. Düster, aber niemals ergriffen vor dem brutalen Stoff verharren Orchester und Dirigent.

Ganz anders der folgende "Don Juan" op.20, eine der populärsten Kompositionen von Richard Strauss und in Klangsinnlichkeit und schwelgerischer Melodienfülle ein Paradebeispiel für die Gattung "Symphonische Dichtung".

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Beim sehr flotten Tempo orientierte sich Karabits vielleicht am Schwung des Strauss-Experten Rudolf Kempe, dessen epochale Einspielung (1970 bei EMI erschienen) mit der Staatskapelle Dresden als Musterbeispiel der Strauss-Darstellung gilt. Flink glitzern die Streicher auf, rollen seidige Flächen aus, auf denen man den Verführer förmlich tanzen sieht, bevor ihn die Hölle ereilt. Das Leben des Don Juan rast unaufhörlich, manchmal leiden die Zwischentöne ein wenig, aber Karabits und die Staatskapelle trumpfen so selbstbewusst auf, dass auch diese Hast mit wenigen Verschnaufpausen den Geist des Werkes trifft.

Voller Süße und Orchesterpracht

Mehr Zeit nehmen sich Dirigent und Ensemble beim folgenden Stück "Tod und Verklärung", das aber ebenso stringent zu lustvoll herausgearbeiteten Themen und wohlgesetzten dramaturgischen Höhepunkten strebt: Hier spricht wieder der Dichter, respektive der junge Tonsetzer, der ja zu dieser Zeit selbst Dirigent in Weimar war und den Geist und das kulturelle Gewicht der Stadt auf sein Jugendwerk wirken ließ.

Das Hauptthema voller Süße und Orchesterpracht lässt Kirill Karabits dennoch differenziert und klar in den Bläserdetails aufrauschen. Auch wenn es ein saftiger "Bringer" ist: Für die Klarheit zieht er immer wieder die Zügel an. Ein klarer Punktsiegt für den Chef und das Ensemble: Weimar 2018 klingt wunderbar klassisch und frisch zugleich.

Eigentlich ist der tschechische Dirigent Jakub Hrusa, geboren in Brünn 1981, ja seit 2016 Leiter der Bamberger Symphoniker. Aber vor einem Jahr lieferte er noch eine aufregende Zusammenarbeit mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ab, die unter dem Begriffsdach "Konzert" Maßgebliches hervorbrachte: Zoltan Kodály und Béla Bartók, zwei unterschiedliche Herausforderungen, bündelte Hrusa auf spannende Art. Offenbar hing sein Herz an dieser Gegenüberstellung, denn so rund und beinahe bodenständig hört man vor allem Bartóks "Konzert für Orchester" nicht alle Tage.

Das perfekte Konzert

Leicht und behände steigen Hrusa und die Berliner Rundfunkmusiker in das barock anmutende, durchaus traditionell geformte Kodály-Konzert ein, dessen Noten wegen der beginnenden Kriegswirren in Europa vom Freund Bártok zur geplanten Uraufführung 1940 nach Chicago gebracht wurden. Hat sich gelohnt, die Hilfe unter Kollegen. Eventuell inspirierte das Werk sogar Béla Bártok zu seinem eigenen Konzert für Orchester, welches Bártok drei Jahre später im Auftrag des Dirigenten Sergej Kussewizki komponierte.

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Bártoks ebenso komplexes wie effektvolles Werk liefert den Instrumenten und Solisten im Orchester höchst attraktives Material fürs Konzertieren, weshalb die Genre-Bezeichnung den Kern der Komposition und ihrer Struktur präzise trifft. Perfekte Arrangements und schwierige Solo-Passagen machen das eingängige Konzert bis heute zu einem Konzertsaal-Hit.

Jakub Hrusa und das Berliner Orchester, das jetzt unter dem neuen Chefdirigenten Vladimir Jurowski bereits vielversprechende Konzerte absolvierte, präsentiert sich mit diesem Bártok voller Profil und Elan: Aufbruchstimmung. Das Presto-Finale des Bártok-Konzertes jedenfalls strotz nur so von Motivation und Eingebung.

insgesamt 2 Beiträge
cheiron 10.06.2018
1. by the way
"Ende 2017 spielte er bereits mit den Weimaranern die Revolutions-Kantate von Sergej Prokofjew ein ..." - Wirklich? Was Katzenmusik ist, weiß man ja. Doch Hunde als Orchestermusiker sind mir doch recht neu. [...]
"Ende 2017 spielte er bereits mit den Weimaranern die Revolutions-Kantate von Sergej Prokofjew ein ..." - Wirklich? Was Katzenmusik ist, weiß man ja. Doch Hunde als Orchestermusiker sind mir doch recht neu. https://www.weimar-tourist.de/weimaraner.html
sysop 11.06.2018
2. Merci!
Ja, lieber User, da haben Sie Recht - zwei Bewusstseinsflächen haben sich da wohl überlagert. Danke für den Hinweis! Werner Theurich
Ja, lieber User, da haben Sie Recht - zwei Bewusstseinsflächen haben sich da wohl überlagert. Danke für den Hinweis! Werner Theurich

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