Kultur

Rocker-"Tatort" aus Dortmund

Wir brezeln uns die Hirnzellen weg

Kollegenschweine, wo man hinschaut: Kommissar Faber kämpft gegen sein Team, ein Rockerboss ringt mit seiner Gang. Der "Tatort" als große Serienkunst - mit frappierenden Parallelen zum Fall Mucuk.

ARD/ WDR/ Thomas Kost
Von
Freitag, 07.10.2016   14:41 Uhr

An der Kutte sollst du sie erkennen. Bei diesem "Tatort" um die mörderischen Machtkämpfe innerhalb einer Dortmunder Rockerbande namens "Miners" geht es sehr viel darum, welche Lederjacke man trägt und welcher Schriftzug auf dieser prangt. Der falsche könnte tödlich sein.

Auch bei den Kommissaren haben Jacken definierende und schützende Funktion. Für Faber (Jörg Hartmann) gilt: moorleichengrüner Parka - eine Seele kurz vor dem Verwesen. Bei Kommissar Kossik (Stefan Konarske) lässt sich feststellen: schicker, taillierter, noch mit Preisschild behangener Mantel - Alkoholiker im Tarnungsmodus.

Einmal kommt es zwischen den beiden Polizei-Pennern zu einer fiesen Suff-Szene. Kossik sitzt in seiner Stammkneipe und versucht sich mit ein paar kleinen Bierchen auf ein moderates Rauschlevel einzupegeln, dann poltert Faber rein und schaltet den Schnaps-Gang ein. Am nächsten Morgen wacht Kossik zu spät und zermartert im Bett seines Chefs auf, der ihm mit zärtlicher Unschuldsmiene einen Kaffee serviert. Ein Moment perfider Intimität.

Saufen mit Kalkül

Faber ist ja alles andere als Kossiks Freund. Der Jüngere hatte vor einem Jahr eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Älteren eingereicht, an diesem verkaterten Morgen war in der Sache ein wichtiger Gesprächstermin anberaumt worden, nun aber hat sich Kossik als Kronzeuge gegen Faber desavouiert. Wer glaubt schon einem Alkoholiker.

Ein weiterer grandios doppelbödiger Auftritt des sarkastischen Suff-Cops Faber: Hat der sich nun aus Ekel vor sich selbst und dem Rest der Welt die Kante gegeben, oder wollte er tatsächlich einfach nur hundsgemein den anderen abfüllen? So hat es Faber bei inoffiziellen Verhören ja schon häufiger gemacht, diesmal scheint er beim beherzten Hirnzellenwegbrezeln das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden zu haben. Saufen mit Kalkül, das kann keiner so gut wie Faber.

Wie dicht die Szenen in diesem "Tatort" gesponnen sind! Wie viel Raum für Ambivalenzen hier ist! Und wie elegant die Erzählfäden aus älteren Episoden aufgegriffen werden! Stammautor Jürgen Werner und Regisseur Thomas Jauch hatten schon gemeinsam die ersten beiden Faber-"Tatorte" gedreht, jetzt kehren sie zu einigen eingeführten Motiven zurück. "Zahltag" lautet der Titel ihrer neuen Folge, die Kommissare müssen für ihre Sünden blechen.

Bei der internen Ermittlung geht es aber vor allem um Entgleisungen aus der Folge "Kollaps", die ziemlich genau vor einem Jahr zu sehen gewesen ist. Damals hatte Faber versucht, den Fall durch Tricksereien mit der türkischen Mafia aufzulösen. Das ging fatal in die Hose, am Ende starb ein kleiner afrikanischer Flüchtling. Kollegin Dalay (Aylin Tezel) hatte damals einen Verdächtigen erschossen, ein Erlebnis, das immer noch bei ihr nachwirkt. Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) wollte all das Chaos auf dem Revier auflösen und stiftete doch nur neues.

Und Kossik versuchte den Frust über die gescheiterte Beziehung mit Dalay zu ersaufen und die Überforderung im Job an Faber abzuwälzen. Kollegenschweine, wo man hinschaut.

Ein Ermittlerteam ist nichts anderes als eine Rockergang

Und doch stößt der interne Ermittler (Milan Peschel in einer endlich mal nicht komischen Rolle) in seinen Verhören nur auf eine Mauer des Schweigens. Im Grunde genommen, so der Erzählclou dieses "Tatorts", ist so ein Ermittlerteam nichts anderes als eine Rockergang, ein Bündnis mit eigenen Machtstrukturen und Schweigetechniken, ein bedenklich geschlossenes System.

Mithilfe dieser Analogie gelingt in diesem alle Kniffe der modernen Serienkunst anwendenden "Tatort" etwas, das in anderen Folgen oft sehr konstruiert wirkt: die Spiegelung von Plot und Subplot. Denn so wie Faber seine Mannschaft auf Verrat und Loyalität prüfen muss, so wie er aus der angezählten Position heraus seinen Führungsanspruch geltend machen muss, hat in "Zahltag" auch der "President" der "Miners" seine Truppe neu zu ordnen.

Tatsächlich erinnern in die Machtkämpfe vor multi-ethnischem Hintergrund beim "Tatort" in einigen Aspekten frappierend an die Auseinandersetzungen bei den Gießener Hells Angels, die jetzt im Mord des Biker-Bosses Aygün Mucuk mündeten.

Der "Tatort"-Biker Thomas Vollmer (Jürgen Maurer) ist gerade aus einer langwierigen Untersuchungshaft freigekommen, seine Jungs haben inzwischen neue Geschäftsfelder und Geschäftspartner aufgetan, dann wird auch noch einer seiner "Miners" von der Konkurrenz niedergemetzelt. Erschöpft zupft der alte, harte Kerl seinen Lemmy-Kilmister-Schnauzer.

Faber verhört den Rocker sarkastisch mitfühlend in dessen bedrohtem Eigenheimparadies, einer Mischung aus Biedermeier und Lederfolklore. Armer Kerl. Die Gang will endlich einen Racheplan für den ermordeten Biker sehen, der Tochter muss er die Reitstunden bezahlen, sein geliebter Rassehund frisst nur die teuersten Steaks. Die Welt scheint sich gegen Vollmer verschworen zu haben, ein Gefühl, das Faber nur zu gut kennt. Der Kutten-Oldie und der Parka-Zombie, hier haben sie sich beinahe lieb.

Bewertung: 10 von 10 Punkten


"Tatort: Zahltag", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor

Saima Altunkaya

Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit Schwerpunkt Medien und Gesellschaft. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden "Tatort". Doch der TV-Krimi ist nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 30 Beiträge
c.m.johannsen 07.10.2016
1. Schon schade,
dass solche Tatorte in einer Reihe mit den Clowns aus Münster laufen. Manche Ermittlerteams verdienen eine eigene Reihe. Die Dortmunder meiner Meinung nach auf jeden Fall oder man nimmt die Münsteraner raus.
dass solche Tatorte in einer Reihe mit den Clowns aus Münster laufen. Manche Ermittlerteams verdienen eine eigene Reihe. Die Dortmunder meiner Meinung nach auf jeden Fall oder man nimmt die Münsteraner raus.
superbiti 07.10.2016
2. ---
schon wieder ein psychodelisch abgedrehter tatort aus dortmund? die handlung, das thema alles soweit in ordnung aber die besetzung, die charaktere so weltfremd und mit eigenen, hauptsächlich psychischen, problemen kämpfend [...]
schon wieder ein psychodelisch abgedrehter tatort aus dortmund? die handlung, das thema alles soweit in ordnung aber die besetzung, die charaktere so weltfremd und mit eigenen, hauptsächlich psychischen, problemen kämpfend stehen leider mehr im vordergrund als die aufklärung des verbrechens. eine tatortcrew die es schafft, den sonntagabend zu einer neurotischen und verstörenden gratwanderung, zwischen wirklichkeit und dem wahnsinn anheimfallen, werden zu lassen. kommissar faber steht hier als paradebeispiel psychisch gestörten mitmenschens, manchmal überdreht, häufig tiefendeprimiert aber immer ausserhalb jeder zumutung für den zuschauer. im wirklichen leben wäre so ein kommissar schon lange zwangsbeurlaubt worden und viele seines kuriosen und wild umherheckticken teams gleich mit ihm. bitte ard, befreit uns von diesem psychodelischen geschwurbel problembehafteter ermittler.
i.dietz 07.10.2016
3. Faber-Tatort nie mehr im Leben
Fernsehn soll mich unterhalten - Krimis sollen mich unterhalten - aber bei Faber kriege ich Brechreiz !
Fernsehn soll mich unterhalten - Krimis sollen mich unterhalten - aber bei Faber kriege ich Brechreiz !
Athlonpower 07.10.2016
4. Deutsche Krankheit, erfolgreich sein, heißt Neider anzuziehen
Na wenn Sie den Münsteraner Tatort als Clowndarstellung verspotten, der übrigens die höchsen Einschaltquoten hat, dann müssen Sie den Dortmunder Tatort mit seinen Looserdarstellern als reines Psychopathenspektakel [...]
Zitat von c.m.johannsendass solche Tatorte in einer Reihe mit den Clowns aus Münster laufen. Manche Ermittlerteams verdienen eine eigene Reihe. Die Dortmunder meiner Meinung nach auf jeden Fall oder man nimmt die Münsteraner raus.
Na wenn Sie den Münsteraner Tatort als Clowndarstellung verspotten, der übrigens die höchsen Einschaltquoten hat, dann müssen Sie den Dortmunder Tatort mit seinen Looserdarstellern als reines Psychopathenspektakel bewerten, denn wenn schon abfällig, dann aber richtig und für alle. Für mich sind immer noch die Tatorte aus München und Münster die einzigen beiden, die man sich anschauen kann, für den Rest ist jede Minute zu sehen, eine Minute zuviel gesehen, bzw. eine Minute davon durch die Zwangsgebührengelder zu zahlen, ist schon wieder das Geld im großen Ofen zu verheizen.
snickerman 07.10.2016
5. Au
Groß- und Kleinschreibung wurden nicht aus Spaß erfunden, so ist dieser Post nicht nur unlesbar, sondern auch unleserlich. Zurück zum Thema: Faber ist neben Murat/Tukur der wohl beste Tatort-Kommissar und die [...]
Zitat von superbitischon wieder ein psychodelisch abgedrehter tatort aus dortmund? die handlung, das thema alles soweit in ordnung aber die besetzung, die charaktere so weltfremd und mit eigenen, hauptsächlich psychischen, problemen kämpfend stehen leider mehr im vordergrund als die aufklärung des verbrechens. eine tatortcrew die es schafft, den sonntagabend zu einer neurotischen und verstörenden gratwanderung, zwischen wirklichkeit und dem wahnsinn anheimfallen, werden zu lassen. kommissar faber steht hier als paradebeispiel psychisch gestörten mitmenschens, manchmal überdreht, häufig tiefendeprimiert aber immer ausserhalb jeder zumutung für den zuschauer. im wirklichen leben wäre so ein kommissar schon lange zwangsbeurlaubt worden und viele seines kuriosen und wild umherheckticken teams gleich mit ihm. bitte ard, befreit uns von diesem psychodelischen geschwurbel problembehafteter ermittler.
Groß- und Kleinschreibung wurden nicht aus Spaß erfunden, so ist dieser Post nicht nur unlesbar, sondern auch unleserlich. Zurück zum Thema: Faber ist neben Murat/Tukur der wohl beste Tatort-Kommissar und die "Dortmund"-Tatorte zeigen eindrucksvoll, was in dieser Reihe möglich ist, wenn man mal die ausgetretenen Pfade verlässt und linear erzählt. So geht eine gute Serie wie "Person of Interest" oder "iZombie", wo nichts und niemand vergessen wird, alles noch eine Rolle spielt und Charaktere die Zeit haben, sich zu entwickeln und zu reifen. Schade, dass Kosslik aufhört, aber ich bin sicher, man wird einen neuen Charakter einführen, der gut in die Truppe "passt". PS: Ich seh aber auch "Münster" gerne, gerade, weil man sich da nur aufs "Hier und Jetzt" konzentrieren muss ^^

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