Kultur

München-"Tatort" über Polyamorie

Mr Multi-Multi-Lover

Wie viele Menschen können wir lieben, ohne dass es problematisch wird? Der Münchner "Tatort" beschäftigt sich mit dem Thema Polyamorie. Pikant, provokant, prima.

BR/ Hendrik Heiden
Von
Freitag, 19.05.2017   15:46 Uhr

Oh oh wie gut, wenn du mich so lieb verwöhnst
Oh oh wie gut, wenn du jeden Tag verschönst
Wenn du mir sagst, dass du mich noch liebst
Wenn du mir meine Fehler vergibst
Es ist schwer, nur ein Engel zu sein
Du bist lieb und ich seh das ein

("Oh, oh Chéri", Françoise Hardy)

Die Sonne hat ihr wollüstigstes Kleid angezogen, die französische Sängerin Françoise Hardy singt auf Deutsch über unartige Engel, geschickte Männerhände schnippeln in der Küche Köstlichkeiten für hungrige Frauenherzen. Was für eine wunderschöne, Appetit anregende Anfangssequenz, und das Tolle ist: Der ausnehmend fröhliche und frivole Tonfall zieht sich durch den ganzen neuen Münchner "Tatort".

Der Mann, der sich da durch die Anfangssequenz schnippelt und busselt, ist der Architekt Thomas Jacobi (Martin Feifel), ein Schwergewicht in seinem Job, ein Bruder Leichtfuß in Beziehungsfragen. Ein Mann mit einem Mordsappetit. Ein Mann, der die Frauen liebt. Und zwar alle gleich doll. Die blonde Ärztin genauso wie die brünette Boutiquenbesitzerin, nur leider wissen die unterschiedlichen Frauen zum Großteil nichts voneinander. Das macht die Organisation seines Lebens sehr anstrengend. Dann werden nach und nach seine Liebschaften ermordet.

Poussieren am Tatort

Einsatz für die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec). Auch die arbeiten gerade hart in Sachen Liebesleben. Leitmayr defensiv, Batic offensiv. Leitmayr muss beim Umzug vom jungen Kollegen Kalli Hammermann die Baggerattacken von dessen Mutter abwehren, Batic hat gerade selbst eine offene Beziehung laufen. Er ist die Affäre einer verheirateten Frau, in die er sich mehr und mehr verliebt. Selbst am Tatort poussiert er noch übers Handy und grübelt über die Zutaten fürs nächste Candle-Light-Dinner.

Auch wenn Batic am Ende die gefüllten Paprika nach dem Rezept seiner kroatischen Großmutter allein essen muss, weil die Geliebte schneller zu ihrem Mann zurückkehrt als erwartet - diese pikante, heiter-provokante, lebenspralle Episode haben sich die beiden Ermittler redlich verdient. Vor drei Wochen noch schleppten sie sich mit zertrümmerten Knochen durch einen nihilistischen Serienkillerthriller, jetzt stehen die Ermittler wieder voll im Hier und Jetzt. Und, nun ja, voll im Saft.

Fotostrecke

"Tatort" mit Batic und Leitmayr: Ob blond, ob braun

Seriendramaturgisch ist diese Wunderheilung natürlich ein Desaster, und man kommt nicht mehr aus dem Staunen darüber raus, wie gedankenlos die ARD ihre "Tatorte" streckenweise ins Programm klatscht. Trotzdem stellt dieser Fall für das geschundene Münchner Team ein Glücksfall dar: Batic und Leitmayr sind einfach sehr gut, wenn sie auf ausgefallenere soziale und amouröse Arrangements blicken. Verständniseifer ist ihnen fremd, aber mit einer guten Portion Neugier nehmen sie sich der Sache an.

Hier geht es nun um das Thema Polyamorie, also um ein Lebensmodell, in dem mehrere Lieben parallel gelebt werden. (Lesen Sie hier einen ausführlichen Artikel.) Auch wenn schnell klar wird, dass das Beziehungsmodell des Mr. Multi-Multi-Lovers für seine Lebenspartnerinnen nicht so gut anfühlt wie für ihn selbst wird der multiromantische Lifestyle nicht rundum desavouiert.

Die Regie führte Rainer Kaufmann, der auch für den gewagten Pflegenotstand-"Polizeiruf" vor zwei Wochen verantwortlich zeichnete. Das Drehbuch stammt von Katrin Bühlig, die in ihren Arbeiten ohne jeden spekulativen Dreh sexuelle und psychosexuelle Ausnahmesituationen ausleuchtet. Für den Leipziger-"Tatort" schrieb sie zum Beispiel das Buch zu einem Fall, in dem die Ermittler Saalfeld und Keppler in die S/M-Szene der Stadt eintauchten und dabei Beobachter komplexer, gar nicht so eindeutiger Macht- und Ohnmachtsverhältnisse wurden.

Auch in dem Münchner "Tatort" sind die Beziehungen nicht immer so klar wie sie scheinen. Natürlich steckt in der Ich-beglück-sie-alle-Haltung des Architekten ein grausamer Egoismus, gleichzeitig werden aber auch Menschen gezeigt, die in der Polyamorie ein Modell gefunden haben, ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte auszuleben. Weh tut die Liebe wohl immer ein bisschen.

Am Ende bringen es die beiden Ermittler in einem denkwürdigen Dialog auf den Punkt. Kommissar eins: "Das Ganze mit der Liebe, wird das eigentlich schwieriger mit dem Alter?" Kommissar zwei: "Nein, eigentlich gibt es für jeden von uns einen da draußen. Aber manchmal klappt es nicht ganz mit der Verteilung."

Bewertung: 8 von 10 Punkten


"Tatort: Die Liebe, ein seltsames Spiel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 44 Beiträge
Jor_El 19.05.2017
1.
Die Frage ist nicht, ob es ein Problem ist selbst polyarmori zu sein und leben. Man kann sich leicht in viele Menschen gleichzeitig verlieben und echte Gefühle entwickeln. Die knifflige Frage ist nur, ob man es verträgt, wenn [...]
Die Frage ist nicht, ob es ein Problem ist selbst polyarmori zu sein und leben. Man kann sich leicht in viele Menschen gleichzeitig verlieben und echte Gefühle entwickeln. Die knifflige Frage ist nur, ob man es verträgt, wenn die Angebetete(n) es genau so handhaben. ;-)
Dramaturgenfrau 19.05.2017
2. Martin Feifel, offiziell 52, als Multi-Multi-Lover?
Wirklich? Welchem Drehbuchautor und Regisseur im fortgeschrittenen Alter sind denn da wieder die Wunschvorstellungen durchgegangen? Ah, ich weiß: Für das ARD-Publikum (Altersdurchschnitt 60+) ist das natürlich ein junger, [...]
Wirklich? Welchem Drehbuchautor und Regisseur im fortgeschrittenen Alter sind denn da wieder die Wunschvorstellungen durchgegangen? Ah, ich weiß: Für das ARD-Publikum (Altersdurchschnitt 60+) ist das natürlich ein junger, potenter Hüpfer, was?!
keinname100 19.05.2017
3.
Hihi! In dem Alter Multilover. Das ist zum Schießen! Also wirklich, etwas Selbstreflexion könnte nicht schaden.
Hihi! In dem Alter Multilover. Das ist zum Schießen! Also wirklich, etwas Selbstreflexion könnte nicht schaden.
larsmach 19.05.2017
4. Die meisten lieben eher sich selbst - und man liebt hoffentlich nicht nur eines seiner Kinder
Wenn von "Liebe" die Rede ist, ist meist Selbstliebe gemeint. Jemand liebt die Situation, in der er sich sieht. Daraus resultiert Eifersucht (Neid). So simple.
Wenn von "Liebe" die Rede ist, ist meist Selbstliebe gemeint. Jemand liebt die Situation, in der er sich sieht. Daraus resultiert Eifersucht (Neid). So simple.
giftzwerg 19.05.2017
5. Nervt nur noch.
Das Thema ist von den linken Medien à la Bento und Zeit derart durchgenudelt worden, das lockt doch keinem mehr hinterm Ofen hervor. Dieser krampfhafte Hype um Polyamorie ist wirklich nur noch nervig.
Das Thema ist von den linken Medien à la Bento und Zeit derart durchgenudelt worden, das lockt doch keinem mehr hinterm Ofen hervor. Dieser krampfhafte Hype um Polyamorie ist wirklich nur noch nervig.

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