Kultur

Netflix-Serie "Mindhunter"

Serienkiller sind auch nur Menschen

Regisseur David Fincher hat mit "House of Cards" Netflix groß gemacht. Jetzt legt er mit einer neuen Serie nach. "Mindhunter" kommt allerdings viel weniger düster daher, als es sich für das Thema gehört.

Netflix
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Donnerstag, 12.10.2017   15:45 Uhr

Fincher-Fans sind schon seit Wochen ganz aus dem Häuschen. Ende August veröffentlichte Netflix den Trailer zu "Mindhunter", der neuen Serie seines größten Regie-Stars David Fincher ("House of Cards"). Sofort begann im Netz unter Fanboys ein atemloser Austausch darüber, wie brutal und düster der neue Zehnteiler wohl werden würde. Schließlich geht es wieder einmal um verrückte Mörder, das Lieblingsthema des Schöpfers der Serienkiller-Thriller "Sieben", "Zodiac" und "Verblendung".

Und es sieht erst mal so aus, würden die Hoffnungen erfüllt. "Mindhunter" beginnt mit einer sehr fincheresken Sequenz:

Großstadtstraße in nächtlicher Dunkelheit? Check.
Ein Verrückter mit Schusswaffe? Check.
Geiseln im Spiel? Check.
Spannungssteigerung inklusive überraschender, blutiger Auflösung? Check.

Dann aber müssen Fincher-Fans stark sein. Denn "Mindhunter" geht ungewohnte Wege, und nach dem aufregenden Auftakt wird der Ton wesentlich leichter. Fast schon, nun ja - heiter.

Zumindest in den ersten beiden Folgen. Denn mehr bekamen Journalisten vorab nicht zu sehen. Ungewöhnlich für Netflix; der Konzern macht der Presse sonst meist komplette Staffeln zur Berichterstattung zugänglich. Das hat, so darf man spekulieren, mit der Bedeutung und der damit einhergehenden Nervosität zu tun, die "Mindhunter" für Netflix hat. Der Streamingdienst braucht im harten Kampf um Abonnenten dringend einen sicheren Hit - und Fincher soll ihn liefern.

Wohl auch deshalb die für ihn vertraute Thematik. Fincher und Serienkiller, das sollte eigentlich nicht schiefgehen. Also erzählt "Mindhunter" die Geschichte des FBI-Agenten Holden Ford (Jonathan Groff), der 1979 damit beginnt, sich für Massenmörder zu interessieren. Zwei Jahre zuvor hatte David Berkowitz in New York sechs Menschen erschossen und acht verletzt. Zwischen 1972 und 1978 tötete John Wayne Gacy in Chicago 33 männliche Teenager, und im selben Jahr wurde Ted Bundy verhaftet, der Mörder von mindestens 28 jungen Frauen.

Ausgangspunkt: ein Sachbuch

"Wie kommen wir den Verrückten zuvor, wenn wir nicht wissen, wie die Verrückten denken?", fragt Holden also seinen Vorgesetzten und will eine Spezialeinheit gründen, die Serienkiller interviewen und so ihr Verhalten verstehen soll. Der Chef findet allerdings, Holden solle die Killer auf den elektrischen Stuhl bringen - und nicht versuchen, sie zu verstehen. Also bleibt er mit seinem Kollegen Bill Tench (Holt McCallany) fürs Erste bei einer verdammt öden Aufgabe hängen: Die beiden bringen Provinz-Cops die neuesten FBI-Ermittlungstechniken näher.

Das Drehbuch zur Serie basiert auf dem Sachbuch "Mind Hunter: Inside the FBI's Elite Serial Crime Unit". Holden Ford und Bill Tench sind die fiktionalen Wiedergänger der FBI-Agenten John Douglas und Robert Ressler, die diese Einheit tatsächlich aufbauten - und ihrerseits wiederum Pate standen für Filmfiguren, zum Beispiel im Genre-Klassiker "Das Schweigen der Lämmer". "Mindhunter" schließt also einen Kreis zwischen Fakt und Fiktion.

Das hat Potenzial, zumal David Fincher immer schon auch an den gesellschaftlichen Dimensionen des Phänomens der modernen Massenmörder interessiert war. Was unterscheidet "normale" Menschen überhaupt von "kranken" Killern, fragte er in "Sieben". Und in "Zodiac": Wie befeuern die Massenmedien die Sucht des Täters nach Aufmerksamkeit, und welche Bedürfnisse befriedigt die Berichterstattung bei den Lesern?

Fincher überhöht Serienkiller genretypisch durchaus als wahnhafte Genies, aber es gelingt ihm auch immer wieder, die Distanz zwischen Zuschauer und Killer unangenehm schrumpfen zu lassen.

Viel Raum für betuliche Leichtigkeit

In "Mindhunter" bettet der Regisseur die Geschichte noch wesentlich deutlicher in einen gesellschaftspolitischen Rahmen. In einer Szene lässt er Holden mit einem Psychiatrie-Professor über den Zusammenhang von Vietnam-Krieg und Watergate mit extremer Gewalt von Außenseitern räsonieren. "Wird man kriminell geboren oder dazu gemacht?", fragt ein anderer Wissenschaftler.

Fotostrecke

"Mindhunter": Finchers neues Netflix-Stück

Merkwürdig ist allerdings, wie wenig Fincher dann diese spannenden Ansätze weiterverfolgt. Über weite Strecken beschäftigt er sich in den ersten beiden Folgen mit der Romanze zwischen Holden und der Studentin Debbie (Hannah Gross), wobei die recht ungelenken Dialoge wohl an die Wortgefechte von Screwball-Komödien wie "Leoparden küsst man nicht" erinnern sollen.

Auch den konstanten Meckereien zwischen Holden und Bill räumt er viel Raum ein: Der eine will auch ohne offizielle Erlaubnis endlich mit einem Serienkiller sprechen, der andere lieber in Ruhe Golf spielen.

Wie diese betuliche Leichtigkeit mit der Düsternis des Themas einhergehen kann, wird bis dahin nicht klar. Die ersten Folgen wirken wie ein noch nicht eingelöstes Versprechen. Sicher ist: "Mindhunter" wirkt mit seiner konventionellen Dramaturgie viel stärker wie eine herkömmliche TV-Serie als "House of Cards". Fincher hat diesmal auch nur Serien-Darsteller besetzt, keine Filmstars wie Kevin Spacey. "Mindhunter" hat nicht die Aura eines Hollywood-Thrillers in zehn Teilen wie sein Vorgänger.

Ob die Fans Fincher trotzdem treu bleiben? Netflix scheint daran zu glauben. Eine zweite Staffel ist bereits bestellt.


"Mindhunter", 1. Staffel: ab 13. Oktober bei Netflix

insgesamt 6 Beiträge
treime 12.10.2017
1. Ach...
...das erinnert mich daran, mein Netflix Abo eine Stufe niedriger einzustellen. Guckt kaum noch einer was in der Familie... Selbst Star Trek ist unter Fans umstritten...
...das erinnert mich daran, mein Netflix Abo eine Stufe niedriger einzustellen. Guckt kaum noch einer was in der Familie... Selbst Star Trek ist unter Fans umstritten...
miram-m 12.10.2017
2.
"Fincher überhöht Serienkiller genretypisch durchaus als wahnhafte Genies, aber es gelingt ihm auch immer wieder, die Distanz zwischen Zuschauer und Killer unangenehm schrumpfen zu lassen." Wie bitte? Und da war noch [...]
"Fincher überhöht Serienkiller genretypisch durchaus als wahnhafte Genies, aber es gelingt ihm auch immer wieder, die Distanz zwischen Zuschauer und Killer unangenehm schrumpfen zu lassen." Wie bitte? Und da war noch was über Serienkiller sind auch nur Menschen. Aha, worüber reden wir? Über Realität oder Fiktion? Dexter fand ich total gut - lustig, humorvoll, Leichen entsorgen im Minutentakt))). Im echten Leben wäre das wohl nicht so ganz witzig(((. Kein Verständnis für echte Verbrecher nach dem Anschauen der Serie...
kulinux 12.10.2017
3. Gäääähn …
immer wieder Serienkiller, wahnhaft--normale Charaktere … gibt es in dieser Welt und speziell in den USA keine Verbrechen, die vielleicht sogar (horribile dictu!) ganz ohne Leichen auskommen (na, jedenfalls direkt) wie z.B. in [...]
immer wieder Serienkiller, wahnhaft--normale Charaktere … gibt es in dieser Welt und speziell in den USA keine Verbrechen, die vielleicht sogar (horribile dictu!) ganz ohne Leichen auskommen (na, jedenfalls direkt) wie z.B. in Wirtschaft und Politik, über die man spannende Filme und Serien machen könnte? House of Cards war ja ein guter Anfang, ließ aber selbst in den späteren Staffeln erheblich an Realitätssinn vermissen, so dass selbst die wunderbare Robin Wright und der wie immer hervorragende Kevin Spacey mich nicht mehr zum Anschauen locken konnten. Und nun wieder einmal Mörder wie seit Jahrzehnten in Tausenden anderen TV--Serien, nur mit einem vielleicht etwas "leichteren" Zungenschlag: "Guggma, die sind auch nur Menschen, hahaha …!" Na SOWAS! Dass da jemand drauf gekommen ist, war ja nun gar nicht mehr zu erwarten und gibt dem Ganzen wieder eine interessante Note … oder was? – "Löcherlich!"
Little_Nemo 13.10.2017
4. Übermensch durch psychischen Defekt?
Na, vielleicht kommt die Düsternis ja schleichend mit den weiteren Folgen. Würde angesichts des Themas durchaus Sinn machen und wäre Fincher auch zuzutrauen, der sehr viel Sinn für feine Nuancen und ausgefeilte Spannungsbögen [...]
Na, vielleicht kommt die Düsternis ja schleichend mit den weiteren Folgen. Würde angesichts des Themas durchaus Sinn machen und wäre Fincher auch zuzutrauen, der sehr viel Sinn für feine Nuancen und ausgefeilte Spannungsbögen hat. Diese genretypische Überhöhung der Serienmörder zu einer Art von Übermenschen, wie sie gerade in der Hannibal-Lecter-Reihe geschah, ist in der Tat eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Zum einen sind diese "Genies des Bösen" natürlich spannend, gruselig und irgendwie faszinierend. Zum anderen entspricht diese Darstellung aber nicht der Wirklichkeit, denn die bei weitem meisten Serienmörder haben einen eher niedrigen Bildungsstand und werden relativ schnell erwischt, weil sie Fehler machen. Auch sind sie ja zumeist Triebtäter, was ein extrem überlegtes, intelligentes Vorgehen nahezu ausschließt. Und es ist bedenklich zu sehen, dass Figuren wie Hannibal Lecter oder die reale Figur Charles Manson gerade bei manchen jungen Menschen Kultstatus oder gar Vorbildcharakter genießen. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Gedanken auch Fincher umtreiben. Besonders eindrucksvoll fand ich schon immer die fast beiläufigen subtilen Anspielungen in Finchers Filmen, wie die Szene in Wild Bill's Leathershop in "Seven", wo der Hersteller und Verkäufer von Sado-Maso-Zubehör und hier auch einer extrem grausamen Mordwaffe die Polizisten als "perverse Schweine" bezeichnet, weil sie ein Foto der Waffe mitnehmen. Oder das Verhör mit dem Türsteher des Kellerbordells. Da wird in wenigen Sekunden und wenigen Worten die ganze Bigotterie und Verworfenheit unserer Gesellschaft vor Augen geführt.
rex_danny 14.10.2017
5.
Also, ich finde die Serie recht gut gelungen und schaue sie gerne. Ebenso Streaming, besonders Netflix. Wir sehen kaum noch TV. Zu unflexibel.
Also, ich finde die Serie recht gut gelungen und schaue sie gerne. Ebenso Streaming, besonders Netflix. Wir sehen kaum noch TV. Zu unflexibel.

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