Kultur

Sci-Fi-Serie bei Amazon

Mehr Dickens als Dick

Menschlichkeit statt Mindfuck: Die TV-Serie "Electric Dreams" erzählt zehn Kurzgeschichten des Science-Fiction-Schriftstellers Philip K. Dick nach - und zeigt bisher unbekannte Seiten des "Blade Runner"-Autors.

Sony Pictures/ Amazon
Von
Freitag, 12.01.2018   22:41 Uhr

Der englische Bahn-Mitarbeiter Ed (Timothy Spall) bereitet für sich und seinen Kollegen in der winzigen Küche seiner Station den Fünfuhr-Tee zu. Blick in die Dose mit den Teebeuteln: Mist! Nur noch einer da. Blick in die Mülltonne: Da liegt noch ein bereits gebrauchter. Na also. Heißes Wasser drauf, der Kollege wird es schon nicht merken. Der schlürft das Gebräu kurz darauf tatsächlich ohne Murren.

Eine kleine Episode, die das Universum des amerikanischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick ganz gut umreißt. Moment, ist das nicht der Erfinder der "Blade Runner"-Vorlage? Geht es bei dem nicht um Androiden, alternative Universen, Verschwörungstheorien, galaktische Kriege? Ja, auch. Hauptsächlich beschäftigte Dick sich aber mit Menschen und der Frage nach Identität und Realität. Und dazu rückte er oft betont normale Figuren, ihre Arbeitswelt und ihren Alltag in den Mittelpunkt seiner Geschichten.

44 Romane veröffentlichte Dick bis zu seinem frühen Tod durch einen Schlaganfall im Jahr 1982. Er starb drei Monate, bevor Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker "Blade Runner" in den Kinos anlief. Das Drehbuch basierte auf seinem Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?". Der Film machte Produzenten auf den ungehobenen Schatz aufmerksam, den dieser Autor hinterlassen hatte, der Zeit seines Lebens chronisch pleite und praktisch unbekannt war.

Fotostrecke

"Electric Dreams": Tee und Gebäck im Alternativ-Universum

Auch heute noch sind eher die Dick-Verfilmungen verbreitet, hauptsächlich "Blade Runner" und die im letzten Jahr erschienene Fortsetzung sowie "Total Recall" mit Arnold Schwarzenegger und Steven Spielbergs "Minority Report". Das literarische Werk verschwindet dahinter, vor allem die über 120 Kurzgeschichten, die der manische Vielschreiber und Amphetamin-Abhängige Dick auch schrieb.

Zehn von ihnen versammelt nun die Serien-Anthologie "Philip K. Dicks Electric Dreams", die Amazon ab Freitag ausstrahlt. Es handelt sich, anders als bei der Serie "The Man in the High Castle", die ebenfalls auf einer Dick-Vorlage beruht, nicht um eine hauseigenes Produkt des Streaming-Dienstes; Amazon kaufte lediglich die Senderechte für die amerikanisch-britische Koproduktion, die in England bereits teilweise auf dem Privatsender Channel 4 lief. Als Produzent und Hauptdarsteller in einer Episode agierte Bryan Cranston ("Breaking Bad").

Die zehn jeweils abgeschlossenen Geschichten zeigen unbekanntere Facetten von Philip K. Dick, der wie wenig andere Autoren von der Popkultur vereinnahmt wurde. Seinen Humor zum Beispiel - die Sache mit den Teebeuteln. Überhaupt ist die Folge "The Commuter" mit ihrer genauen Schilderung eines spezifischen Arbeitsalltags und der Welt der "kleinen Leute" ein Highlight der Serie.

Alternatives Universum mit perfektem Kuchen

Die Geschichte wäre aber natürlich nicht von Dick, wenn nicht doch noch ein alternatives Universum ins Spiel käme. In diesem Fall ist das sogar nur wenige Zugstationen entfernt. Wie der freundlich-schüchterne Bahnarbeiter Ed nämlich herausfindet, hält ein Zug an einer mysteriösen Haltestelle, die nirgendwo verzeichnet ist. Von dort will er am liebsten gar nicht mehr weg. Denn in der Kleinstadt Macon Heights gibt es noch selbst gemachten Kuchen, der so schmeckt wie früher, und Menschen, die von Glück erfüllt zu sein scheinen. Aber wie das immer so ist mit scheinbar perfekten Orten: Es gibt einen Haken.

Timothy Spall spielt diesen Ed, der so unvermittelt aus seiner fest gefügten Welt herausstolpert, mit zurückhaltender Herzenswärme. Die Episode zeigt, warum der Science-Fiction-Maniac Dick ausgerechnet mit einem Autor ganz anderen Schlags verglichen wird: Charles Dickens. Weil bei beiden nicht die große Heldentat zählt, sondern die Ehrlichkeit und Güte einfacher Menschen.

Das Problem von "Electric Dreams" ist, dass nicht alle Folgen so spannend sind wie diese. Die Episode "Father Thing" etwa, in der sich ein von Greg Kinnear gespielter Vater in ein Alien verwandelt, spielt lediglich mit Motiven, die schon aus dem Klassiker "Die Dämonischen" von 1956 sattsam bekannt sind und seitdem immer wieder variiert wurden. Die Folge "Impossible Planet", die von Touristen an Bord eines Raumschiffs in einer weit entfernten Zukunft handelt, will sich nicht recht zwischen satirischem Trash und gefühligem Drama entscheiden.

Insgesamt kann "Electric Dreams" der anderen großen Serie, die sich mit Zukunftstechnologien und Parallelwelten beschäftigt, nicht das Wasser reichen: "Black Mirror" (Netflix) ist schärfer und schwärzer. Dafür rückt die Serie den Motivreichtum eines immer noch oft unterschätzten Autors in den Mittelpunkt, der sich eben nicht in dystopischen Zukunftsszenarien erschöpft. Sein warmherziges Menschenbild ist der eigentliche Spezialeffekt von "Electric Dreams"


"Electric Dreams", ab Freitag, 12. Januar, als Streamingangebot bei Amazon

insgesamt 4 Beiträge
christoph_sieler 12.01.2018
1.
Schön geschriene Kritik, muss man auch mal sagen! Bin schon gespannt auf die Serie.
Schön geschriene Kritik, muss man auch mal sagen! Bin schon gespannt auf die Serie.
Hosterdebakel 13.01.2018
2. Eigentlich
hätte man auch die "Amazon" Eigenproduktion "The Man In The High Castle" erwähnen können, die sich doch recht gut an der Romanvorlage orientiert. Eine Serie wo es auch viel mehr um die einzelnen Personen und [...]
hätte man auch die "Amazon" Eigenproduktion "The Man In The High Castle" erwähnen können, die sich doch recht gut an der Romanvorlage orientiert. Eine Serie wo es auch viel mehr um die einzelnen Personen und deren Geschichte geht als um das große Ganze.
Cugel 13.01.2018
3. Genreschubladen
Ein Einwand, den man häufig in Filmkritiken liest und den ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Das Leben spielt sich auch nicht in Genres ab, im Gegenteil, da wird oft lustig und planlos hin- und hergewechselt. Warum [...]
Zitat von Hosterdebakelhätte man auch die "Amazon" Eigenproduktion "The Man In The High Castle" erwähnen können, die sich doch recht gut an der Romanvorlage orientiert. Eine Serie wo es auch viel mehr um die einzelnen Personen und deren Geschichte geht als um das große Ganze.
Ein Einwand, den man häufig in Filmkritiken liest und den ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Das Leben spielt sich auch nicht in Genres ab, im Gegenteil, da wird oft lustig und planlos hin- und hergewechselt. Warum wollen Kritiker jeden Film immer in eine Schublade stecken? #Nr.2: The Man In The High Castle wurde im Text doch erwähnt.
Hosterdebakel 14.01.2018
4. @Cugel #3
unter "erwähnt" verstehe ich ehrlich gesagt mehr als nur ---Zitat--- Es handelt sich, anders als bei der Serie "The Man in the High Castle", die ebenfalls auf einer Dick-Vorlage beruht, nicht um eine [...]
unter "erwähnt" verstehe ich ehrlich gesagt mehr als nur ---Zitat--- Es handelt sich, anders als bei der Serie "The Man in the High Castle", die ebenfalls auf einer Dick-Vorlage beruht, nicht um eine hauseigenes Produkt des Streaming-Dienstes; ---Zitatende--- Vor allem weil diese Mini-Serie (von der es noch eine 3. Staffel geben wird) doch überwiegend sehr positiv bewertet wurde. JM2C

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP