Kultur

ARD-Fluchtdrama

Deutschland, das unsichere Herkunftsland

Rollentausch: In dem TV-Drama "Aufbruch ins Ungewisse" suchen deutsche Bildungsbürger als politisch Verfolgte Zuflucht in Afrika. Ein etwas anderer Debattenbeitrag zum Thema Obergrenze.

WDR/ Anika Molnar
Von
Mittwoch, 14.02.2018   18:23 Uhr

Die Wellen werfen die Schlauchboote hin und her, die Sonne knallt auf die Männer, Frauen, Kinder, die nebeneinander kauern. Auf einmal Aufregung, ein Boot, die ersten springen auf, rufen, schreien. Es passiert, was passieren muss, wenn Angst alles andere ausschaltet - sogar das Wissen um simple Physik. Die Schlauchboote kippen, alle werden ins Wasser gerissen, das Meer spült über sie.

Schnitt. Ein Strand. Und ein Bild, das medial so vertraut ist, dass es lähmt: angespülte Körper. Doch die, die hier am Ufer in einer Smogwolke herumstolpern als wäre nun auch das Klima endgültig futsch, zwischen Abfall, Leichen und Menschen in Quarantäne-Schutzanzügen - es sind Mitteleuropäer. Leute wie die Schneiders. Vater, Mutter, zwei Kinder. Ein Anwalt, eine Lehrerin, deutsche Bildungsbürger.

Mit "Aufbruch ins Ungewisse" ist Regisseur Kai Wessel ("Zeit der Helden") ein Film gelungen, der mit seiner existenziellen Wucht alles Talkshowgerede über Flucht seit 2014 ersetzen kann. Und der leider Jahre zu spät kommt. Bleibt zu hoffen, dass die "Maischberger"-Runde über "Flucht aus Europa", die am Mittwoch der Ausstrahlung im Anschluss läuft, die durch Mark und Bein gehenden Momente nicht wieder platt-quasselt.

Bildungsbürger auf der Flucht

Denn wir kennen die Fluchtgeschichte dieser Schneiders. Genauer: Wir kennen diese zwei historischen Kapitel, die der Film so übereinander blendet, dass er nach uns greift - aber wir kennen sie nur indirekt: die Erlebnisse jener, die vor den Nationalsozialisten aus Deutschland flohen - und die jener, die sich seit einigen Jahren nach Europa zu retten versuchen.

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Düstere TV-Zukunftsvision: Ausgesetzt im Meer

Nur dass es hier Jan (Fabian Busch) und Sarah (Maria Simon) sind, die mit ihren Kindern auf einem Frachter von Hamburg nach Kapstadt aufbrechen, mitten in einem Europa, das von Faschisten regiert wird, in dem die Flucht der einen über Bande die Flucht der anderen provoziert.

Eine politische Dystopie, in einer ungenau nahen Zukunft, weil so was von so was kommt. Der Fernseher steht als durchsichtige Scheibe im Raum, Worte wie "Säuberungen" und "volksfeindlich" perlen aus dem Mund der Nachrichtensprecherin, Kanzler ist ein Typ namens Meier, der Dinge sagt wie: "Am Anfang hat man uns noch belächelt, uns als Pack und Abschaum verhöhnt." Butterbrotdosen sind immer noch hässliche Plastikdinger und deutsche Reisepässe dunkelrote Pappen.

Nichts läge ferner als ein Lachen

Die Rollen zu vertauschen, ist ein klassischer Move im Genre der "Fish out of Water"-Filme: Männer, die als Frauen auftreten, und andersherum, Menschen, die in anderen Zeiten, Kulturen oder Schichten landen, von "Manche mögen's heiß" über "Zurück in die Zukunft" bis hin zu "Ziemlich beste Freunde". Komödien eben. Oder Horrorfilme.

In "Aufbruch ins Ungewisse" sind die Zuschauer diejenigen, die sich in eine fremde Welt geworfen sehen - dank ihrer Stellvertreter im Film, dieser stereotypen, weißen, deutschen, städtischen Zweikindfamilie, mit einem dieser überdeutschen Namen. Und nichts läge ferner als ein Lachen.

Die Story von Drehbuchpaar Eva und Volker Zahn, das zuletzt etwa mit "Das Leben danach" über das Duisburger Love-Parade-Unglück zeigte, wie genau sie Ausnahmesituationen darstellen können (Co-Autorin Gabriela Zerhau ), tippt elegant all jene Szenarien an, die die meisten Zuschauer nur vom Hörensagen kennen dürften. Aber mit den Schneiders schwindet der Abstand.

Da ist die nackte Angst von Jan, der heimkommt, stammelt: "Ich bin denunziert worden, ich muss weg, ich steh auf der Liste. Die Verhaftungen gehen diese Nacht noch los. Ich gehe nicht noch mal ins Gefängnis, noch mal lassen die mich nicht raus." Das Hin und Her, ob er allein loszieht, die Familie später nachholt. Die Panik, als sie feststellen, dass die Schlepper sie auf dem offenen Meer vor Namibia aussetzen, nicht in Südafrika, dem einzigen Land, das noch Asyl suchende Europäer aufnimmt. Die Nacht-und-Nebel-Entscheidung, sich erneut der Willkür von Schleusern auszuliefern, um nach Südafrika zu gelangen, bevor sie in Namibia offiziell in der Datenbank sind, um einem Dublin-Dilemma zu entkommen. Und die Resignation im neuen Leben im Flüchtlingslager in Südafrika, das in zwei Plastikkörbe und ein Stockbettzimmer passt, geballt in diesem einen Satz der Teenagertochter, hart wie eine Faust: "Und das ist jetzt besser, ja?"

Dass die Schattierungen zwischen Angst, Verzweiflung, Aufbäumen und einem moralischen Dilemma am Schluss so greifbar werden, liegt vor allem am Spiel von Maria Simon, endlich mal nicht nur als Kommissarin Lenski im "Polizeiruf 110" zu sehen, und Fabian Busch, der im Sommer 2017 in der Dokuserie "Der Traum von der neuen Welt" eine weitere Auswanderungszeit abdeckte. Man glaubt ihnen alles.

Auch wenn die Story hier und da zu viele Schicksale unterbringen will, und gerade darum am Ende nicht auserzählt wirkt: Der Trick mit dem Perspektivwechsel geht auf. Die historische, geografische oder kulturelle Distanz, die uns Fluchtgeschichten sonst so angenehm vom Leib hält, fehlt. Wir sitzen in einem Boot.

Genau deshalb war dieser Film überfällig. Danach wirkt all das Koalitionssondieren über Obergrenzen und Familiennachzug erst recht wie heuchlerische Haarspalterei. Und ein "Heimatministerium" nur noch gruselig.


"Aufbruch ins Ungewisse". Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft eine Ausgabe von "Maischberger" zu dem Thema. Der Film ist bereits jetzt in der ARD-Mediathek abrufbar.

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