Kultur

"Bachelor in Paradise"-Finale

Restbestand aus dem Gefühlskühlschrank

"Bachelor in Paradise" endet mit der unausweichlichen Final-Verpaarung. Viel interessanter als der mögliche Beziehungsquatsch war der Aufstieg des einzig wahren Bachelors zur moralischen Lichtgestalt.

RTL
Von
Donnerstag, 14.06.2018   12:08 Uhr

Ein letztes Mal noch hampelt Pam im Vorspann mit den Armen, als sei sie eine dieser haushohen Winkwürste, die man zu besonders festlichen Tankstellen-Eröffnungen in den Himmel pustet. Dann ist es vorbei mit dem schönsten, ganz unerwarteten Trash-TV-Geschenk des Jahres. Im Finale von "Bachelor in Paradise" wurden gestern noch pflichtschuldig sechs Menschen schwankenden Zögerlichkeitsgrades zu provisorischen Paaren zusammengezurrt, als ginge es bei diesem hochkomplexen Format tatsächlich darum, dass hier irgendwer in einem entfernt liebesähnlichen Gefühlsnest unterkommt. Dabei haben uns die vergangenen Folgen so viele hinstarrwürdige menschliche Gefühls-Abgründchen vorgespielt, dass es diese überflüssige Verbandelung nun wirklich nicht mehr gebraucht hätte.

Es war freilich auch dieses Mal wieder viel Schönes dabei: Carina und Evelyn führten vor dem Reality-Kamerageschwader ein intim gemeintes Gespräch, aus dem geübte Geheimnisfledderer recht deutlich eine möglicherweise semi-unbemerkt abgelaufene Rummacherei von Carina und Philipp erahnen konnten, obwohl der doch eigentlich zumindest halbverbindlich die meiste Zeit mit Pam verbandelt war - während alle anderen draußen, unbeleckt von belastenden Englischkenntnissen, nach Gehör den Text von "Wonderwall" mimi- und massakrierten.

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"Bachelor in Paradise": Die allerletzten Rosen

In Zweiergrüppchen ging die Restverfügungsmasse dann in die finalen Sondierungsgespräche. Es war traurige, in ihrer Ärmlichkeit aber auch tragikschöne Desillusionierungskunst, wie Svenja und Michi, Viola und Christian und die anderen alle Restbestände aus ihren Gefühlskühlschränken holten, die leicht angeschrumpelten und fast schon abgelaufenen Emo-Überbleibsel der vergangenen Wochen vor sich auf den Tisch legten und darüber nachdachten, ob das, wenn man alles zusammenschüttete, wohl für einen halbwegs genießbaren Eintopf reichen könnte.

"Wenn du dabei wärst, wäre ich auch dabei", trug Sebastian dann Carina den Versuch einer Annäherung zur Überprüfung einer Beziehungsmöglichkeit an. Trauriger und notdürftiger werden Verbindungen auch nicht geschlossen, wenn morgens um fünf in der Großraumdisco das Licht angeht. Unangenehmer war dann nur noch die Cro-Magnon-Romantik von Philipp, der seinen ersten Pamkuss mit den Worten "Kannst du einfach mal die Klappe halten und ruhig sein" einleitete.

Zur emotionalen Erholung durfte der Zuschauer ein letztes Mal dem Comic-Relief-Pärchen Evelyn und Domenico zuschauen: Wie sie sich selbst beim letzten gemeinsamen Date zunehmendes "Herzbeben" diagnostizierte, als besänge Helene Fischer da tatsächlich einen medizinischen Befund, und in Kinderenglisch den Gehilfen maßregelte, der ihr vor dem Bungeesprung die Fußmanschetten zu stramm zog: "Hallo, it's wehtun!" Wie er die gemeinsame Zukunft verhandelte, als mache er gerade einen Klempnertermin aus: "Würdest du mit mir zusammenziehen? Auch zeitnah?" Und wie die beiden putzigen Knalltüten am Ende tatsächlich als hoffnungsvollstes Paar das "Paradies" verlassen, obwohl sie nicht ein einziges Mal kamerabelegt knutschten und Evelyn in der letzten gemeinsamen Nacht eine keusche Kissenmauer zwischen ihren Betten hochzog. Das rührt auch harte Herzen.

Ehrenbachelor Paul fährt nach Hause

Das Finale war mit seiner unbefriedigenden Paar-Konzentration trotzdem die schwächste Folge einer starken Staffel, was möglicherweise auch daran lag, dass Paul Janke, Ur-Balzbock und unverwüstlicher Haarhelmträger, schon nach ein paar Minuten sein Köfferchen packte und nach Hause fuhr. Weil er sachlich sauber eingestehen musste, im sogenannten Paradies nicht ansatzweise eine passende Frau gefunden zu haben.

Unser liebster @jankepaul verlässt das Paradies ohne Frau an seiner Seite �� Wir wünschen dir, dass du die Richtige findest �� Wie wäre es nochmal als Bachelor? �� #bachelor #bachelorrtl #bachelorinparadise #rtl #bachelorinparadisertl #datingshow #paradise #dating #finale

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Was etwas überraschend, aber völlig egal ist, denn dafür hatte er sich, man staunt beim Schreiben, man staune beim Lesen, in den vergangenen fünf Folgen als absolut verständiger, moralisch belastbarer, patenter Ehrenbachelor entpuppt, der das mitunter doch höchst zweifelhafte Gehühnere der anderen als eigentlicher Moderator für den Zuschauer einordnete und auch schon mal inakzeptables Verhalten ahndete.

Ein echtes Katharsis-Momentchen bescherte er dem Zuschauer, als er Sebastian maßregelte, der sich als chronischer Datehopper eine bacheloreske Allesbegrabbler-Attitüde angeeignet hatte, die ihm doch eigentlich nicht zustand. Nur einer klopfte dem Usurpator auf die Finger: Paule heißt er, ist Ethik-Meister, im Trashpuff an der Ecke. Bitte ab jetzt in jeder noch folgenden "Bachelor in Paradise"-Staffel als feste Instanz installieren!

Der wahre Trash findet statt, wenn die Kameras aus sind

Denn natürlich muss es weitergehen. "Bachelor in Paradise" war wunderbarer Trash, der alle Schaubühnen-Qualitäten dieses Geschmacksgenres ausreizte wie es sonst nur das Dschungelcamp in seinen guten Staffeln schafft. Ähneln andere Schundformate mitunter einem lieblos hingekippten, eher eindimensionalen Misthaufen, war dieses Ferienlager der Ungeliebten eine vielschichtig aufgetürmte, über die Jahre gewachsene Müllhalde, in der verschüttete, leicht angeprokelte Schätze auf ihre Bergung warteten. Anders als sonst üblich lag die Dramaturgie hier nicht allein in RTLs Hand, sondern war maßgeblich bestimmt von dem, was außerhalb der Sendungen, nach der letzten Rose, sonst noch so passierte und von dem man als Zuschauer fieserweise weitgehend ausgeschlossen bleibt.

Sebastian kam im Bedrängnis, weil plötzlich Janika auftauchte, mit der er anscheinend irgendeine außerbachelorettige Affäre am Laufen hatte. Drei seinerzeit von Jessica Paszka verschmähte Ausschusskandidaten haben sich offenbar nach der Sendung zum prekärprolettigen Geheimbatzen der "Rosenbrüder" zusammengeschlossen. Die brüllend ungesunde Nichtbeziehung von Oliver und Caro gärte Jahre nach ihrer gemeinsamen "Bachelor"-Erfahrung offenbar noch weiter vor sich hin wie ein vergessenes Leberwurstbrot im Sommerferien-Schulranzen. Und von alldem erfuhr man als Zuschauer bei "Bachelor in Paradise" nun durch das altdramaturgische Stilmittel des nacherzählenden Botenberichts.

Das fühlte sich an, als würden die eigenen Sims einfach ohne einen ihr Leben weiterleben, nachdem man den Computer ausgeschaltet hat; als krakelten Schundroman-Figuren zwar ungelenk, aber höchst emanzipiert auf Servietten und Bierdeckelrändern selbst die Handlung weiter, nachdem der Autor den Griffel längst zur Seite legte. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hat das Format "Big Brother" einmal einer psychoanalytischen Deutung unterzogen und die These entwickelt, seine Kandidaten brauchten den ewig beobachtenden Blick der Kamera als Beweis dafür, dass sie wirklich existieren - wenn keiner hinschaute, gäbe es sie nicht. "Bachelor in Paradise" weckte dagegen die schmerzende, aber auch ungeheuer reizvolle Ahnung, dass der wahre Trash erst stattfindet, wenn die Kameras aus sind.

Ein einziges Versäumnis muss man der Produktion am Ende doch vorwerfen: Dass man zur Untätigkeit verbannt dabei zuschauen musste, wie Pam sich von Philipp final berosen ließ, obwohl der aber doch in den Tagen zuvor möööglicherweise parallel mit Carina zugange war. Eine unverzeihlich verpasste Konfro-Chance, dass man Pam das entsprechende Filmmaterial nicht einspielte! Zu schön wäre es gewesen, hätte man an dieser Stelle noch einmal sämtliche Bewohner zu einer Hercule-Poirot-haften Deduktionsversammlung versammelt, bei der ein kundiger Alles-Checker mal eben vorgeführt hätte, wer hier die ganze Zeit ein schändliches Spiel trieb. Andererseits, wie hätte das gehen sollen: Mit Paul hatte der einzig mögliche Ermittler die Insel ja bereits verlassen.

Zur Autorin

insgesamt 7 Beiträge
dasfred 14.06.2018
1. SPON verwöhnt uns heute
Nachdem mir Arno Frank vorhin erst ein breites Grinsen ins Gesicht gepresst hat mit seiner herrlichen Rezension eine Fussball Talkshow, wird nun des Highlight der Woche, wenn nicht des Monats hinterhergeschoben. Die [...]
Nachdem mir Arno Frank vorhin erst ein breites Grinsen ins Gesicht gepresst hat mit seiner herrlichen Rezension eine Fussball Talkshow, wird nun des Highlight der Woche, wenn nicht des Monats hinterhergeschoben. Die Wortschöpfungen, eingebettet in Bildern, die kein Fernsehsender plastischer präsentieren könnte, man muss es lieben. Dank auch an RTL, die Frau Rützel zwischen zwei Dschungel Camps dieses wundervolle Material geliefert haben. Dieser Artikel allein war es Wert, denn ganzen Aufwand zu treiben.
spon_1873159 14.06.2018
2. Anja Rützel for President!
Was wären das für launige, auf höchstem intellektuellen und analytischem Niveau unterhaltsame Ansprachen vor Schloss Bellevue! Jetzt kann der Tag beginnen :-)
Was wären das für launige, auf höchstem intellektuellen und analytischem Niveau unterhaltsame Ansprachen vor Schloss Bellevue! Jetzt kann der Tag beginnen :-)
elzoido 14.06.2018
3. Vielen Dank an Fr. Rützel
Es bleibt mir nichts weiter zu sagen als "Vielen Dank Fr. Rützel", dass Sie es immer wieder schaffen Sendungen wie das Dschungelcamp oder eben Bachelor in Paradies sehr unterhaltsam zusammenzufassen. Ich muss [...]
Es bleibt mir nichts weiter zu sagen als "Vielen Dank Fr. Rützel", dass Sie es immer wieder schaffen Sendungen wie das Dschungelcamp oder eben Bachelor in Paradies sehr unterhaltsam zusammenzufassen. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass mir meine Zeit zu schade ist mir diese Abgründe der Menschlichkeit selbst anzuschauen, aber doch einen gewissen Drang zum Voyerismus verspüre, durch den ich überhaupt ein Mindestmaß an Interesse für diese Sendungen aufbringe kann. Die Art und Weise wie Sie Ihre Zusammenfassungen schreiben ist dabei das eigentliche Highlight. Ich möchte Ihnen nochmals danken, dass Sie sich stellvertretend diese Sendungen anschauen. Ich bin mir sicher, dass die 5 Minuten, die ich Ihre Artikel lese deutlich unterhaltsamer sind als es die 90 Minuten (oder wie lange auch immer die Sendungen dauern) sein könnten.
b.hoppe78 14.06.2018
4. Es werde Licht!
Ach wie schön, wenn man beim Scrollen durch all die unangenehmen Nachrichten des Tages irgendwo mittig feststellt, dass Anja Rützel uns wieder den Tag mit Ihrem Schreibstil versüßt! Anja, Sie Licht im Dunkel: Vielen Dank für [...]
Ach wie schön, wenn man beim Scrollen durch all die unangenehmen Nachrichten des Tages irgendwo mittig feststellt, dass Anja Rützel uns wieder den Tag mit Ihrem Schreibstil versüßt! Anja, Sie Licht im Dunkel: Vielen Dank für die Tränen, die ich immer wieder lachen kann, wenn ich Ihre Beiträge lese!
newline 14.06.2018
5. Auf zwei Akteure
ist Verlass: Auf RTL, das zuverlässig solche Formate abliefert und das Personal für das nächste Dschungelcamp bereitstellt und auf Frau Rützel, die uns mit ihren Berichten erfreut.
ist Verlass: Auf RTL, das zuverlässig solche Formate abliefert und das Personal für das nächste Dschungelcamp bereitstellt und auf Frau Rützel, die uns mit ihren Berichten erfreut.

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