Kultur

Amazon-Prime-Serie "Dietland"

Feministinnen, die über Leichen gehen

Eisige Chefredakteurin trifft graues Mäuschen: "Dietland" klingt wie die launige Serienvariante von der "Teufel trägt Prada" - doch dann taucht eine feministische Terrororganisation auf. Sie haben richtig gelesen.

obs/ Amazon.de/ Erik Madigan Heck/ AMC
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Mittwoch, 06.06.2018   16:54 Uhr

"Liebe Kitty, mein Freund hat mich zum Sex gezwungen", "Manchmal schneide ich mich mit einer Rasierklinge in die Brust", "Ich bin bereit, mich umzubringen. Oder jemand anderen." Als Ghostwriterin beantwortet Plum Kettle (Joy Nash, "The Mindy Project) Leserbriefe, die an die Chefredakteurin eines Modemagazins gerichtet sind. Leichtverdaulich sind die Zuschriften nicht.

Sie scheinen sich in Plums Kopf festzusetzen, in Bildern flimmern die düsteren Briefe über den Bildschirm: Frauen, die sich den Finger in den Hals stecken, ein blaues Auge überschminken oder sich selbst verletzen. Erst eine Portion Wasser, die Plum sich ins Gesicht schüttet, erlöst sie - und den Zuschauer. Dabei ist Plums eigene Realität kaum weniger schmerzhaft.

Der Traum von Größe 36

Bevor sie das Haus verlässt, schluckt sie ihr Antidepressivum. Zu essen gibt es Gemüsesticks ohne Dip. Wenn sie erst dünn ist, so glaubt Plum, beginnt das wahre Leben. So hat sie ihr rotes Traumkleid in Größe 36 bereits gekauft und der Termin für die Schlankheits-OP ist im Kalender markiert. Zunächst allerdings schlurft sie im schwarzen Wollpullover in die Redaktion von "Daisy Chain", um Chefredakteurin Kitty Montgomery (Julianna Margulies, "The Good Wife") Bericht über die Leserzuschriften zu liefern.

Da sitzt Plum dann vor der makellosen Kitty und stottert vor sich hin. Kitty wiederum referiert selbstbewusst über Oberflächliches, sie erinnert an die eisige Chefredakteurin Miranda Priestly aus "Der Teufel trägt Prada". Auch Kitty kennt keine Skrupel und urteilt gnadenlos über ihre Mitmenschen. Allerdings ist "Dietland" keine Serienvariante der Modeparodie, sie geht weiter, führt in tiefere Abgründe.

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Dietland: Feministische Rachefantasien

Während Plum ihr karges Abendessen zubereitet, berichten die Nachrichten von zwei verschwundenen Veteranen. Wenig später tauchen die Veteranen auf - als Leichen. Eine Gruppe namens "Jennifer" soll für die Morde verantwortlich sein. Während sich bald ähnliche Fälle häufen, wird Plum von der feministischen Untergrundgruppe "Calliope House" rekrutiert.

"Fight Club" aus der Frauenperspektive

"Dietland" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sarai Walker, inspiriert wurde Walker nach eigenen Aussagen von dem Kultfilm "Fight Club". Sie habe eine ähnliche Geschichte aus Frauenperspektive erzählen wollen, hatte die Autorin einmal gesagt.

Mit der Verfilmung wurde Marti Noxon ("Buffy", "Unreal") betraut. Sie ignoriert in ihrer Serie Genregrenzen und experimentiert mit Darstellungsformen: Comicelemente werden ebenso in die Erzählung eingebunden wie Rückblicke, die mal als Theaterstück inszeniert und dann wieder als Szenen eingeblendet werden.

Wenn die Serie zwischen stillen und überdrehten Szenen springt, zeigt das auch den Kampf, der in der Hauptfigur tobt. Plum schwankt stets zwischen Selbsthass, Hoffnung und Wut. In einer Szene verziert sie singend einen Kuchen und leckt gedankenverloren eine Messerspitze Buttercreme vom Finger. Eine Sekunde später spuckt sie alles wieder aus und wäscht sich den Mund aus. Kurz darauf setzt Plum ihr Antidepressivum ab und halluziniert von einer wilden Nacht mit einem Tiger.

Gespaltene Lager

"Dietland" trifft den Nerv der Zeit, einer Zeit, in der die #MeToo-Debatte allgegenwärtig ist. Dabei reichen die Meinungen in der aktuellen Diskussion von den Gleichgültigen über die Jetzt-ist-wieder-gut-Rufer bis zu den Engagierten, die für gesellschaftlichen Wandel eintreten, und den Radikaleren. Auch in "Dietland" sind die Lager gespalten - die Gegensätze werden jedoch ins Extreme gesteigert.

So steht am einen Rand die große Beauty- und Modeindustrie, die von den Frauen des "Calliope House" unterwandert wird. Diese wollen das System ändern. "Jennifer" ist das andere Extrem. Eine Entmachtung des Patriarchats ist nicht genug. "Jennifer" macht Jagd auf Vergewaltiger, erpresst Geständnisse und mordet. In "Dietland" werden Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern. Denn "Jennifer" ist die Radikalisierung des Feminismus bis zum Äußersten. Selbstjustiz mit Todesstrafe.

Obwohl "Calliope House" und "Jennifer" sehr unterschiedlich vorgehen, haben sie doch eins gemeinsam: Sie wollen nicht länger in einer Welt leben, in der Frauen unterdrückt werden. Dabei beschäftigen sich alle mit der Frage, ob Mord ein legitimes Mittel ist. Sicher scheint, dass die verborgenen Aktionen der gemäßigten "Calliope House" jahrelang kaum etwas bewirkt haben. Die brutalen Morden von "Jennifer" sorgen jedoch dafür, dass sexuelle Unterdrückung gesellschaftsübergreifend zum Thema wird. Selbst Mode-Chefin Kitty kommt an dem Thema nicht vorbei - und wir auch nicht.


"Dietland", ab 5. Juni auf Amazon Prime.

insgesamt 19 Beiträge
KnallerKnalleffekt 06.06.2018
1. Was ist bei AmazonPrime los?
Die haben ja schon mit Handmaids Tale eine absolut feministische und -wie ich finde - total lächerliche Serie geschaffen. Und jetzt also das. Zuerst mächte ich anmerken, dass ich alle Feministen für Terroristen halte, insofern [...]
Die haben ja schon mit Handmaids Tale eine absolut feministische und -wie ich finde - total lächerliche Serie geschaffen. Und jetzt also das. Zuerst mächte ich anmerken, dass ich alle Feministen für Terroristen halte, insofern wären die Feministen in dieser Serie nichts Neues für mich. Hinzu wollte ich anmerken dass "Dietland" nicht den Nerv der Zeit trifft, sondern den Nerv der schreibenden Zunft trifft, die leider von Feministen wie Ihnen dominiert wird. Sie müssen sich ja mal die Reaktionen des Volkes anschauen. Kein anderes Thema wird so negativ aufgenommen wie feministssche Themen, vor allem das erwähnte "metoo". Übrigens, wenn Feministen ersnt genommen werden wollen, dann sollten sie mal selbst kreativ werden und etwas erschaffen, nicht immer von Männern kopieren. Auch Sie erwähnen dass hier von "Fight Club" abgekupfert wurde. Ghostbusters war ja schon ein riesen Reinfall und Sandra Bullock mit der Ocean-Reihe droht der nächste Totalausfall. Ich würde mir wünschen, dass wir mal Filme oder Serien von Frauen für Frauen sehen, die auch Männer genießen können. Nicht diese feminitische Politisierung in Filmen und Serien, die kaum jemand sehen will.
vulcan 06.06.2018
2.
Hört sich ziemlich hirnrissig an - wie etwas, was unweigerlich dabei herauskommen muss, wenn man dem Publikum ein selbstverliebtes Thema mit dem Holzhammer einzuprügeln versucht. Die bösen Männer mal wieder - gähn. So [...]
Hört sich ziemlich hirnrissig an - wie etwas, was unweigerlich dabei herauskommen muss, wenn man dem Publikum ein selbstverliebtes Thema mit dem Holzhammer einzuprügeln versucht. Die bösen Männer mal wieder - gähn. So langsam kann mir die ganze Feministen/Feministinnenheulerei inklusive metoo mal den Buckel runterrutschen. Die Stilblüten (um's mal vorsichtig zu formulieren) dieser Bewegungen machen den durchaus korrekten Ansatz wahrscheinlich bald komplett zunichte, indem sich das Ganze selbst ad absurdum führt. Der Film hört sich für mich wie ein prima Beitrag dazu an.
Lykanthrop_ 06.06.2018
3.
Und täglich grüßt das Murmeltier... Diese Kriegsrhetorik verstört mich, wie so oft bei Feministinnen. Wer ernst genommen will sollte bessere Argumente haben, nicht die besseren Waffen. Terror, in welcher Form auch immer [...]
Und täglich grüßt das Murmeltier... Diese Kriegsrhetorik verstört mich, wie so oft bei Feministinnen. Wer ernst genommen will sollte bessere Argumente haben, nicht die besseren Waffen. Terror, in welcher Form auch immer schadet dem eigenen Anliegen immer mehr als er nützt. Wenn der politisch-aktive Feminismus dem Zeitgeist so entspricht, wo sind die feministischen Massenproteste ? Wo die vielen feministischen Kommentare hier ? Der Feminismus von heute ist lediglich eine weibliche Rosinenpikerei des Lebens, propagiert von selbstgerechten Frauen der kulturellen Elite. Ich wünschte er wäre mehr, er wäre größer, stärker und differenzierter. Ich wünschte es würde ihm um Gerechtigkeit gehen, für Frauen, Kinder und vielleicht auch etwas für Männer. Dann wäre ich gern Feminist !
floque 06.06.2018
4. Euer Hass bestatigt nur die Notwendigkeit solcher Serien
finde es klasse, dass solche Serien gemacht werden und sind viel wertvoller als die meisten hirnrißigen heteronormariven Hollywood Kitsch Serien. an die 2 Vorredner: ich freu mich, dass sie bei euch auf solche Ablehnung treffen, [...]
finde es klasse, dass solche Serien gemacht werden und sind viel wertvoller als die meisten hirnrißigen heteronormariven Hollywood Kitsch Serien. an die 2 Vorredner: ich freu mich, dass sie bei euch auf solche Ablehnung treffen, damit haben die Autoren ihr Ziel erreicht, unsere vermufte Gesellschaft zu erneuern
fabsel123 06.06.2018
5.
Da haben Filme mit Cynthia Rothrock wahrscheinlich mehr Einfluss gehabt und das vor mehr als 20 Jahren. Als eine Amazon-Serie die sich niemand außer der Zielgruppe (Links-Liberale Feministen*innen) anschauen wird.
Zitat von floquefinde es klasse, dass solche Serien gemacht werden und sind viel wertvoller als die meisten hirnrißigen heteronormariven Hollywood Kitsch Serien. an die 2 Vorredner: ich freu mich, dass sie bei euch auf solche Ablehnung treffen, damit haben die Autoren ihr Ziel erreicht, unsere vermufte Gesellschaft zu erneuern
Da haben Filme mit Cynthia Rothrock wahrscheinlich mehr Einfluss gehabt und das vor mehr als 20 Jahren. Als eine Amazon-Serie die sich niemand außer der Zielgruppe (Links-Liberale Feministen*innen) anschauen wird.

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