Kultur

Islam-Talk bei "Maischberger"

So krawallig, wie es kommen musste

Bei "Maischberger" sollten mal wieder die Grenzen der Toleranz gegenüber dem Islam ausgelotet werden. Doch wenn Toxisches sich in Themen schleicht und in der Sprache einnistet, dann ist das ganze Talkshow-Konzept nicht zu retten.

WDR/ Max Kohr

Maischberger-Talkrunde:"Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?"

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Donnerstag, 07.06.2018   11:47 Uhr

Es gibt ein Problem in Deutschland, das steht wie ein Elefant im öffentlich-rechtlichen Raum. Jeder kann ihn sehen, kaum jemand redet darüber. Dabei wird doch ohne Unterlass über alles Mögliche geredet in den großen Meinungsmanufakturen und diskursiven Durchlauferhitzern. Wir müssen über die Talkshow reden. Das Ersatzparlament en miniature hat sich in eine Dystopie verwandelt.

Seit 2015 gab es mehr als hundert Sendungen über Flüchtlinge und Integration, den Islam im Allgemeinen und islamistischen Terror im Besonderen. Nicht, dass derlei unwichtig wäre oder verschwiegen werden sollte. Aber Rechtspopulismus war den Machern gerade mal 21 Sendungen wert, rechter Terror zwei und der NSU-Skandal im Ganzen satte drei.

Nachdem zuletzt Frank Plasberg bei "Hart aber fair" die Frage erörtern ließ, "wie unsicher" genau Deutschland durch die Anwesenheit von jungen Männern wird, "geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften", stellte Sandra Maischberger nun eine zuspitzende Folgefrage zur Debatte: "Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?"

Der Titel, die Gäste, der Zeitpunkt - es ließ nichts Gutes ahnen

Schon der Titel grenzte ganz offen zwei ominöse Entwürfe gegeneinander ab, ein "wir" gegen "den Islam". Und suggeriert, "die" gehörten nicht zu "uns". Nichts Gedeihliches vermuten ließ auch die Besetzung der Runde. Julia Klöckner, CDU, hat ein Buch wider die Vielehe und das Kopftuch zu bewerben. Necla Kelek hat ihren publizistischen Feldzug gegen den "politischen Islam" fortzusetzen. Und wer will, dass Alexander Gauland 2021 mit oder ohne Badehose ins Kanzleramt spaziert, der lässt am besten einen Erdogan-Freund wie Haluk Yildiz (BIG-Partei) seinen Senf verbreiten.

Hinzu kam die Programmierung von "Maischberger" unmittelbar nach der deutschen Verfilmung von "Unterwerfung" - Michel Houellebecqs provokante Fantasie über ein in dekadenter Erschlaffung sich dem Islam hingebendes Frankreich, wo, nur nebenbei, das Thema nach vier Jahren längst durch ist. In Deutschland dagegen, hier und heute, taugt's zum Themenabend. Warum?

Eine solche Häufung handwerklicher Nachlässigkeiten kann man nicht einfach als handwerkliche Nachlässigkeiten abtun. Der Elefant war erkannt. Auch in der Redaktion, wo der Titel hastig zum vorläufigen Arbeitstitel erklärt und in "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?" geändert wurde. Womit zwar das "wir" verschwindet, Toleranz aber verhandelbar bleibt.

Also kommt es so krawallig, wie es kommen musste und augenscheinlich auch geplant war. Necla Kelek hält "alles für möglich", warnt vor indonesischen Verhältnissen und stellt fest, dass an manchen Schulen bereits "sehr verachtend über Schweinefleisch geredet wird". Yildiz wirbt um Verständnis für die theologischen Gründe dafür, warum manche muslimische Männer prinzipiell Frauen nicht die Hand reichen; das seien eben "kulturelle Unterschiede", die Frauen auch mal verstehen müssten. Klöckner hält grundsätzlich grundgesetzlich dagegen: "Im Jahr 2018 kann ich das nicht mehr durchgehen lassen."

Jan Fleischhauer, in seinen Kolumnen für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE nicht gerade als diskursiver Feuerlöscher unterwegs, bleibt in konservativer Schmunzelstimmung. Er bedauert das Schwinden des christlichen Glaubens in Deutschland und stellt fest, dass die lautesten "Verteidiger" des Abendlandes von demselben keine Ahnung haben.

An seiner linken Flanke aber ist die "taz"-Journalistin Bettina Gaus, in einem hellen Moment kurzfristig in die Runde geholt, "unverbrüchlich optimistisch", dass in Deutschland "auch aus politischen und kulturellen Gründen" auf absehbare Zeit kein Kalifat errichtet wird. "Wenn eine Muslima deutsche Bundeskanzlerin wird, das wäre mir lieb und wert" und ebenso egal, wie wenn ein "tief verwurzelter Christ" ins hohe Amt gelänge. Gaus hält das zänkische Gerede um Schweinefleisch und Händeschütteln und Burkini für "a bissel hysterisch". Es handle sich um eine "überflüssige, symbolpolitisch aufgeladene" Diskussion. Die könne man führen, so Gaus. Es sei halt islamophob.

Allein, es gibt kein richtiges Reden im Falschen.

"Es gibt so viel Aufgeregtheit in dieser Debatte", seufzt Maischberger gleich zweimal, als wäre die Debatte vom Himmel gefallen. Dabei müsste sie sich nur umdrehen. Das Hintergrundbild zeigt gleich neben dem Kölner Dom eine goldstrahlende Moschee, ebenso groß wie die Kirche. Größer ist nur der Elefant im Raum.

Der Dramaturg und Autor Björn Bicker beispielsweise schrieb schon im Vorfeld, die "Faulheit und Gedankenlosigkeit der Redaktionen" bereite den Weg für Gewalt: "Genau so werden Übergriffe, Gewalttaten, Pogrome, gegen Menschen, Minderheiten, vorbereitet, geschürt und auf den Weg gebracht. Das kennen wir doch. So funktioniert es immer. Wir brauchen bei diesen Talkshows einen Break. Ein Innehalten."

Das Ende der Talkshow?

Damit dürfte es nach diesem medialen Ermüdungsbruch nicht getan sein. Wenn angeblich "berechtigte Fragen" und "ernst zu nehmende Ängste" förmlich in Serie gehen, wider den guten Willen und das bessere Wissen der Redaktionen, wenn Toxisches sich in Themen schleicht und in der Sprache einnistet, dann ist das ganze Konzept nicht zu retten.

Dann erleben wir gerade den Absturz eines Systems. Und das Ende der Talkshow als Ort, an dem Gesellschaftliches erörtert werden kann. Gern mit harten Bandagen, aber zum allgemeinen Nutzen der liberalen Demokratie - nicht zum alleinigen Nutzen ihrer erklärten Gegner. Die führen inzwischen auch dann das Wort, wenn sie gar nicht anwesend sind.

Ist ein schlechteres Zeichen, ein dramatischeres Diskursversagen gegenüber reaktionären Kräften denkbar? Gibt es überhaupt ein passendes Wort für diese dekadente Erschlaffung?

Wie hieß doch gleich der Roman von Houellebecq?

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