Kultur

Weimar-"Tatort"

Bombenstimmung im Bordell

Beim Thüringer "Tatort" hat Nora Tschirner als Kommissarin Dorn einen Undercover-Einsatz als Prostituierte. Humor und harter Realismus geraten riskant durcheinander.

MDR/ Wiedemann & Berg
Von
Freitag, 09.02.2018   17:15 Uhr

"Hirn, Herz, Hoden." Die Diagnose der Rechtsmedizinerin am Tatort ist so präzise wie die Einschusslöcher in der Leiche auf dem Bett. "H, H, H - ein Clown?", fragt die Ermittlerin trocken.

Ein Einbrecher tötete einen Milliardär unter dem stolz im Schlafzimmer aufgehängten Kandinsky-Original; die vom nächtlichen Homeshopping aufgeschreckte Ehefrau des Milliardärs brachte den Eindringling anschließend mit drei ambitionierten Schüssen zur Strecke.

Der Ehevertrag der Schützin ist leider weniger ambitioniert. 10 Euro pro Tag soll die junge Frau dafür bekommen, dass sie mit dem toten Geldsack und Kunstraffke, der ein halbes Jahrhundert älter war, verheiratet war. Das macht nach sechs Monaten nicht mal so viel Geld, dass die gerade im Internet bestellten Schuhe bezahlt werden könnten. Geht die junge Frau also wieder dahin zurück, wo sie den Milliardär kennengelernt hat: in den Puff.

Der trägt den Namen "Chez Chériechen" und wird geführt von einem Grobian, der "kalter Fritte" genannt wird. Und hier beginnt das Dilemma dieses Weimarer "Tatort" (Buch: Murmel Clausen, Regie: Titus Selge): Was als legere Schnurre mit lakonischem Wortwitz begann, wird ins (halb)ernst gemeinte Gesellschafts- und Prostitutionspanorama gewendet.

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"Tatort" mit Nora Tschirner: Bombe gezündet, Humor begraben

Während die Filmemacher die Milliardärswitwe (Ruby O. Fee in ihrer x-ten Rolle als knapp bekleidetes Blödchen) für den Rest des Krimis an der Pole-Stange parken, von wo aus sie lasziv ihren Po in die Kamera halten muss, hecheln sie durch einen kriminalistisch, kunsthistorisch und psychologisch völlig überreizten Plot. Die Morde stehen im Zusammenhang mit der Entscheidung, auf welchem Grundstück in Weimar das "Goethe-Geomuseum" gebaut werden soll; Rotlichtgestalten, Kunstheinis, Steinbruchbesitzer, alle wollen hier mitverdienen.

Dorn wird zu Doreen, oje

Mittendrin im Wirrwarr: Kommissariatsleiter Stich (Thorsten Merten) und sein Vater (Hermann Beyer); der Alte gibt sich als Kunstexperte aus, ist in Wirklichkeit aber nur ein Trickbetrüger, am Tatort philosophiert er über Kandinsky, und der Junge glaubt ihm jedes Wort. 50 Jahre geht das Lügen und Betrügen zwischen den beiden nun schon.

Ebenfalls mittendrin: Kommissarin Dorn (Nora Tschirner) und Kollege und Lebensgefährte Lessing (Christian Ulmen), die sich darüber streiten, ob ihr kleiner Sohn ein IQ-Monster oder einfach nur ein Monster ist, während Dorn auf einen riskanten Undercover-Einsatz zusteuert. Sie bewirbt sich unter dem Tarnnamen Doreen zum Anschaffen beim "kalten Fritte".

Der Weimar-"Tatort" hat über die letzten fünf Jahre unter den Stammautoren Andreas Pflüger und Murmel Clausen einen traumwandlerisch sicheren lakonischen Humor entwickelt. Jetzt ist der Traum aus. Beim MDR agiert man in Sachen "Tatort" ja immer extrem zappelig; gerade hat man das Dresdner TV-Revier unter erheblichem Personalverlust vom Comedy-Krimi zum Gesellschaftsstück umgebaut, nun wird auf einmal auch die virtuose Weimar-Schnurre umgekrempelt in Richtung Relevanz. Der Humor ist futsch - der gesellschaftliche Furor will sich aber halt auch nicht einstellen.

Das Grundstücks-und-Bau-Komplott ums "Goethe-Geomuseum" entwickelt keinen Zug, die Vater-Sohn-Tragödie um Revierchef Stich geht nicht in die Tiefe. Besonders unangenehm ist der Prostitutions-Plot.

Eben noch werden ein paar flotte Dialoge zum Thema abgespult, dann kippt das Ganze in ein Gewaltszenario, in dem Undercover-Ermittlerin Dorn durch eine versuchte Vergewaltigung die Grausamkeit des Milieus am eigenen Körper erlebt. Als ob sich aus einer Komödie heraus mal eben die riskanten Arbeitsverhältnisse im Sexarbeiterinnenmilieu erklären ließen.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich kann man Komödien über Prostitution drehen (siehe Billy Wilders "Irma la Douce"), aber man kann eben nicht launig zwischen ironischer Luden-und-Dirnen-Folklore und brutalem Realismus hin- und herschalten, also sich erst amüsieren über den Betrieb und dann auf Empathie mit möglichen Opfern machen.

Am Ende kommt es zu einer riskanten Explosion im Steinbruch, wo das "Geomuseum" entstehen soll. Fast gibt es noch mehr Tote, der Witz ist da schon lange aus der Handlung gesprengt. Hoffen wir, dass das Weimarer TV-Revier für die nächste Folge in all seiner humoristischen Pracht wieder aufgebaut wird.

Bewertung: 4 von 10 Punkten


"Tatort: Der kalte Fritte", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 8 Beiträge
kurtbär 09.02.2018
1. nora tschirner und tatort...
das geht gar nicht. denn im mittelpunkt steht dann regelmäßig die tschirner und nicht die story.
das geht gar nicht. denn im mittelpunkt steht dann regelmäßig die tschirner und nicht die story.
spontan7 09.02.2018
2.
Dachte die sind immer nur der Weihnachts-Tatort, aber mal sehen bei 4 von 10 vom SpOn dann muß es ja gut werden.
Dachte die sind immer nur der Weihnachts-Tatort, aber mal sehen bei 4 von 10 vom SpOn dann muß es ja gut werden.
hoehans 10.02.2018
3. Begründung fehlt
"man kann eben nicht launig zwischen ironischer Luden-und-Dirnen-Folklore und brutalem Realismus hin- und herschalten, also sich erst amüsieren über den Betrieb und dann auf Empathie mit möglichen Opfern machen." [...]
"man kann eben nicht launig zwischen ironischer Luden-und-Dirnen-Folklore und brutalem Realismus hin- und herschalten, also sich erst amüsieren über den Betrieb und dann auf Empathie mit möglichen Opfern machen." Wieso schliesst sich das gegenseitig aus: Wird darin eine emotionale oder geistige Überforderung des TV-Konsumenten vermutet?
mat76 10.02.2018
4.
Dachte auch immer, dass die Weimar Tatorte Weihnachtsspecial sein sollen. Mich störts nicht. Ist halt kein Tatort, aber das sind die Münsteraner auch nicht. Die Weimarer hauen in eine ähnliche Kerbe, daher ist gute Unterhaltung [...]
Dachte auch immer, dass die Weimar Tatorte Weihnachtsspecial sein sollen. Mich störts nicht. Ist halt kein Tatort, aber das sind die Münsteraner auch nicht. Die Weimarer hauen in eine ähnliche Kerbe, daher ist gute Unterhaltung garantiert
schmidtffo 10.02.2018
5. ...
Nur wegen der hinreißenden Nora schaue ich diesen Tatort überhaupt.
Zitat von kurtbärdas geht gar nicht. denn im mittelpunkt steht dann regelmäßig die tschirner und nicht die story.
Nur wegen der hinreißenden Nora schaue ich diesen Tatort überhaupt.

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