Leben und Lernen

Schule in Syrien

"Wir gewöhnten uns an den Krieg"

Kenda Al-Masri, 16, floh aus Syrien und geht seit zwei Jahren auf ein Gymnasium in Nürnberg. Hier erzählt sie, wie sich Unterricht in ihrer alten und neuen Heimat unterscheidet - und wie es ist, im Krieg zur Schule zu gehen.

Freitag, 11.08.2017   12:08 Uhr

"Ich wurde in einem friedlichen Land geboren. Als ich in der fünften Klasse war, begann der Bürgerkrieg.

Eines Morgens wachte ich auf und hörte Schüsse. Ein paar Jungs aus meiner Stadt hatten nachts heimlich ein paar Sprüche auf die Mauer ihrer Schule gesprüht, unter anderem 'Nieder mit dem Präsidenten'. So fing der Krieg an.

Ich hatte riesige Angst. In den ersten drei Monaten konnten wir nicht in die Schule gehen, es war zu gefährlich. Meinen Eltern war es aber wichtig, dass ich und meine Geschwister weiter lernen. Sie halfen uns bei dem Stoff, den wir eigentlich in der Schule hätten durchnehmen müssen.

Später gab es auch große Demonstrationen in anderen syrischen Städten, und der Konflikt verlagerte sich. Wir konnten wieder zur Schule gehen und die letzten Prüfungen in jenem Schuljahr schreiben.

In Syrien werden Kinder, anders als in Deutschland, nicht nach der Grundschule auf verschiedene Schulformen verteilt. Stattdessen gibt es in jeder Stadt eine besondere, weiterführende Schule für ausgezeichnete Schüler: die Al-Motafawkeen-Schule. Dafür muss man in der siebten Klasse eine Prüfung in den Hauptfächern schreiben. Nur wer sie besteht, darf auf diese Schule.

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Der Unterricht ist sehr wichtig für mich, deswegen wollte ich unbedingt auf diese Schule kommen. Meine Schwester hat es geschafft und mit ihr bereitete ich mich auf die Prüfungen vor. Zusammen haben wir den gesamten Stoff der sechsten und fünften Klasse wiederholt. Nach den Sommerferien 2012 war es soweit. Ich weiß noch, wie meine Mutter die Schule anrief und erfuhr, dass ich angenommen war. Ich war so froh, und meine Eltern waren stolz auf mich.

Die Schule kostet kein Schulgeld, aber sie ist sehr speziell: Wer keine sehr guten Leistungen bringt, muss sie wieder verlassen. Unseren Lehrern war bewusst, dass uns viel Stoff in den vergangenen Jahren wegen des Kriegs nicht beigebracht worden war. Deshalb bekamen wir in fast jedem Hauptfach eine extra Stunde.

AFP

Daraa, Heimatstadt von Kenda Al-Masri, im Mai 2017

In der achten Klasse besserte sich die Lage in der Stadt - oder anders gesagt: Wir gewöhnten uns an den Krieg. Es gab immer wieder Tage, an denen wir Bomben hörten. Aber ich wollte nicht zu Hause bleiben, nur aus Angst, dass ich sterben könnte.

Ein Junge aus meiner Klasse ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Wir konnten nichts dagegen tun. Meine Schule schrumpfte im Krieg, weil viele Schüler mit ihren Eltern ins Ausland flohen. Sechs Monate vor meinem 14. Geburtstag wurden die Kämpfe wieder heftiger und auch wir ergriffen die Flucht. Meine Eltern hofften, dass wir eine gute Ausbildung in einem friedlichen Land ohne Krieg haben könnten.

Ich bin sehr dankbar, dass hier der Unterricht selten ausfällt und uns der gesamte Stoff beigebracht wird. Ich finde es außerdem toll, dass der Unterricht hier stets mit Lehrmaterialien unterstützt wird: Die Lehrer benutzen Rechner oder Smartboards und zeigen Filme oder Fotos, die sich auf den Unterricht beziehen. Das macht Spaß und man versteht alles besser.

In Syrien hatten wir keine Rechner an unserer Schule und unsere Lehrer konnten nicht im Internet recherchieren. Der Sprachunterricht war sehr schlecht, weil wir oft keinen Strom und keine Geräte hatten, um Videos in Originalsprache zu schauen.

Ich vermisse meinen syrischen Chemielehrer sehr. Er war lustig und konnte sehr gut erklären. Dank ihm mag ich Chemie, und ich wünschte, ich könnte ihn wiedersehen. Aber er ist letztes Jahr an einem Herzinfarkt gestorben.

In Nürnberg finde ich den Sozialkunde- und Geschichtslehrer, den ich in der zehnten Klasse hatte, besonders toll. Er ist immer motiviert und kreativ im Unterricht. Wir haben viele Filme angeschaut, die sich auf den Unterricht bezogen, und diskutierten darüber. Zum ersten Mal in meinem Leben fand ich Geschichte und Sozialkunde spannend.

Wie es meinen Mitschülern aus Syrien geht, weiß ich nicht. Aber ich weiß jetzt, dass im Krieg nicht nur Häuser und Gebäude vernichtet werden, sondern auch Bildung. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier regelmäßig und ohne Angst zur Schule gehen darf und von Lehrern unterstützt werde."

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