Leben und Lernen

Wahl in Niedersachsen

Versetzung gefährdet

Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Inklusion: Über kein Thema wird im niedersächsischen Wahlkampf so gestritten wie über die Schulpolitik. Der Überblick über die größten Baustellen.

DPA

Grundschüler in Niedersachsen

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Donnerstag, 12.10.2017   08:32 Uhr

Die einen nennen es Chaos, die anderen Erfolg: Wie die Bildungspolitik der rot-grünen Landesregierung zu bewerten ist, darüber wird in Niedersachsen derzeit heftig gestritten. Im Wahlkampf ist die Schulpolitik das wichtigste Thema. Kein anderes bewegt die Bürger dort derzeit mehr.

Niedersachsen war das erste Bundesland, das flächendeckend das Turboabitur wieder abgeschafft hat. Die Reform der Reform wurde hier schon im Schuljahr 2015/16 verabschiedet, mit dem Schuljahr 2018/19 beginnt wieder die dreijährige Oberstufe. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gibt der Schulpolitik seiner Regierung deshalb die Note 2.

"Sie haben es eingeführt, ich habe es abgeschafft", sagte er triumphierend im TV-Duell zu seinem Herausforderer, CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann. "Die Landesregierung hat fünf Prozent mehr Lehrer, fünf Prozent weniger Schüler und kriegt es trotzdem am Ende nicht auf die Reihe", wetterte dieser zurück.

Mitten im Sturm steht auch Weils Kultusministerin Frauke Heiligenstadt. Sie hat sich den Zorn vieler Lehrer zugezogen, weil sie Gymnasiallehrer verpflichtete, eine Stunde mehr zu arbeiten. Doch das Oberverwaltungsgericht kippte die Verordnung wieder. Und die nächste Klage steht schon an: Jetzt ziehen Grundschullehrer wegen zu vieler Überstunden vor Gericht.

Wo steht Niedersachsen jetzt, und was wollen die Parteien in Schulen und Kindergärten ändern, sollten sie nach der Landtagswahl am 15. Oktober an der Regierung beteiligt sein? Hier die wichtigsten Punkte im Überblick:

Kindergarten: Derzeit ist in Niedersachsen nur das dritte Kindergartenjahr für Eltern kostenfrei. Das soll sich bald ändern: SPD und CDU, aber auch FDP, AfD, Grüne und Linke wollen die Elternbeiträge in Kindergärten vollständig abschaffen.

Unterrichtsausfall: Die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen war zuletzt mit 98,9 Prozent so schlecht wie seit Jahren nicht mehr. Schulen verfügen über keine Reserven mehr und Pflichtunterricht fällt aus. Die SPD sieht einen Grund dafür in den neu eingerichteten Sprachlernklassen für Flüchtlingskinder. Zudem habe Rot-Grün erstmals Ganztagsschulen "vernünftig mit Lehrerstunden ausgestattet". Alle Parteien wollen nun schon im kommenden Schuljahr wieder 100 Prozent Unterrichtsversorgung erreichen - und dafür unter anderem mehr Lehrer einstellen. Was direkt zum nächsten Punkt führt.

Lehrermangel: Niedersachsen konnte in diesem Schulhalbjahr acht Prozent der neu ausgeschriebenen Lehrerstellen nicht besetzen. 1649 Pädagogen wurden eingestellt, 1800 Lehrerstellen hätten besetzt werden sollen. Kurzzeitig wurden sogar Gymnasiallehrer an Grundschulen beordert. Die SPD will nun mehr Studienplätze für Lehramtsstudenten schaffen und den Einstieg für Quereinsteiger vereinfachen. Die CDU will allen Lehramtsstudenten, die erfolgreich in Niedersachsen ein Studium absolvieren, eine Einstellungsgarantie geben. Und einig sind sich alle Parteien, dass Grundschullehrer besser bezahlt werden sollen.

Ganztagsschule: Die SPD will in den weiteren Ausbau der Ganztagsschulen bis 2021 insgesamt 600 Millionen Euro investieren. CDU und FDP wollen zwar auch Ganztagsschulen weiter ausbauen, setzen bei der Nachmittagsbetreuung aber vor allem auf örtliche Verbände und Vereine. Die AfD spricht sich gegen verpflichtende Ganztagsschulen aus und setzt auf außerschulische Betreuungsangebote am Nachmittag.

Abitur nach neun Jahren: Bei der Abkehr vom Turboabitur herrscht weitgehend Einigkeit zwischen den Parteien. Die CDU will nun allerdings leistungsstarken Schülern ein "Abitur im eigenen Tempo" ermöglichen. Mit speziellen Lerngruppen soll es so möglich sein, auch schon nach acht Jahren die Schule mit Abitur abzuschließen. Auch die Grünen wollen ein "Abitur im eigenen Takt" ermöglichen.

Inklusion: SPD und Grüne wollen den Weg der inklusiven Schule weitergehen und Kinder mit Behinderungen flächendeckend in reguläre Schulen integrieren. "Bei der Inklusion brauchen wir in Niedersachsen eine Atempause", sagt dagegen CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann. CDU und FDP wollen alle Förderschulen erhalten. "Wahlfreiheit statt Inklusionszwang", lautet das Motto. Eltern behinderter Kinder sollten sich aussuchen können, auf welche Schule diese gehen. Die AfD will die Inklusion auf den Stand vor 2012 zurückfahren und bereits geschlossene Förderschulen wieder öffnen.

Schulwege: Bislang können in Niedersachsen Schüler bis einschließlich Klasse 10 kostenlos mit Bus und Bahn zur Schule fahren. SPD und Linke wollen dies für Schüler bis Klasse 13 ausdehnen.

Noten: In Niedersachsen können Dritt- und Viertklässler am Ende des Schuljahres sogenannte Lernentwicklungsberichte statt Zeugnisse mit Noten erhalten. CDU und FDP wollen hier zurück zum einheitlichen Notenzeugnis. Außerdem sollen Lehrer den Eltern wieder Laufbahnempfehlungen geben. Die AfD geht noch einen Schritt weiter und fordert ein Probejahr für Kinder, die in Klasse 5 eine andere Schulform als die von den Lehrern empfohlene besuchen.

Sitzenbleiben: Kinder, die im Unterricht nicht mitkommen, sollen künftig nicht mehr die Klasse wiederholen müssen, fordern die Grünen. Sitzenbleiben sei eine "antiquierte Maßnahme", die Schüler stigmatisiere und aus ihren gewohnten Lerngruppen reiße. FDP und AfD sprechen sich in ihren Wahlprogrammen explizit gegen diese Idee aus.

Digitalisierung: Die CDU will stufenweise ab 2020 an allen Schulformen ab Klasse 5 Informatik als Pflichtfach einführen. Schon in Grundschulen soll Informatikunterricht angeboten werden. Spätestens ab Klasse 4 sollen Schüler im Unterricht mit Laptops oder Tablets arbeiten. Wer kein eigenes Gerät hat, soll eines vom Land gestellt bekommen, fordert auch die FDP. Sie will zudem jede Schule mit Breitbandanschluss und WLAN ausstatten.

Nikab-Verbot: Eine Schülerin, die jahrelang vollverschleiert in den Unterricht kam, sorgte im vergangenen Jahr für Aufregung in Niedersachsen. Seit diesem Schuljahr ist die Vollverschleierung nun verboten. SPD und Grüne hatten das Schulgesetz ursprünglich nicht ändern wollen und waren deshalb von CDU und FDP heftig kritisiert worden. Im August stimmten im Landtag schließlich SPD, Grüne, FDP und CDU dafür, Schülern alles zu verbieten, "was den ordnungsgemäßen Schulbetrieb unmöglich macht". Das bedeutet, auch wenn es im Gesetzestext nicht mehr explizit erwähnt wird, dass Schülerinnen nicht mehr verschleiert zum Unterricht erscheinen dürfen.

insgesamt 32 Beiträge
sir wilfried 12.10.2017
1. Die SPD und die Inklusion
Wenn die SPD zweiter wird, hat sie es ihrem Dogma mit der Inklusion zu verdanken. Die Inklusion insbesondere geistig behinderter Kinder ist eine enorme Belastung für alle Beteiligten, zumal die Schulen auf diese Aufgabe gar nicht [...]
Wenn die SPD zweiter wird, hat sie es ihrem Dogma mit der Inklusion zu verdanken. Die Inklusion insbesondere geistig behinderter Kinder ist eine enorme Belastung für alle Beteiligten, zumal die Schulen auf diese Aufgabe gar nicht vorbereitet sind. Sie nutzt den Behinderten nicht, denen die spezielle Förderung abhanden kommt, und sie bremst die übrigen Schüler, weil die Lehrer zu wenig Zeit für alle haben. Als Lückenfüller werden dann unausgebildete Quereinsteiger auf die Schüler losgelassen. Und seit wann Inklusion ein Menschenrecht ist, wissen Herr Weil und seine Genossen allein.
Schleiter 12.10.2017
2.
In Niedersachsen hat die CDU , pikanterweise mit einem Kultusminister, der nun MP werden möchte, nichts Wesentliches oder zukunftsweisendes zustande gebracht. Die Bildungspolitik gestaltete der Finanzminister. SPD und Grüne [...]
In Niedersachsen hat die CDU , pikanterweise mit einem Kultusminister, der nun MP werden möchte, nichts Wesentliches oder zukunftsweisendes zustande gebracht. Die Bildungspolitik gestaltete der Finanzminister. SPD und Grüne haben, durchaus ideologiegetrieben, dagegen viel bewegt und sich damit besonders in der Gymnasiallehrerschaft, Feinde gemacht. Die entsprechenden Lehrerverbände versuchen Pfründe und Traditionen zu sichern. So weit–so simpel.
Schleiter 12.10.2017
3.
Schon mal mit dem Thema EU menschenrechtskonvention zu tun gehabt?
Zitat von sir wilfriedWenn die SPD zweiter wird, hat sie es ihrem Dogma mit der Inklusion zu verdanken. Die Inklusion insbesondere geistig behinderter Kinder ist eine enorme Belastung für alle Beteiligten, zumal die Schulen auf diese Aufgabe gar nicht vorbereitet sind. Sie nutzt den Behinderten nicht, denen die spezielle Förderung abhanden kommt, und sie bremst die übrigen Schüler, weil die Lehrer zu wenig Zeit für alle haben. Als Lückenfüller werden dann unausgebildete Quereinsteiger auf die Schüler losgelassen. Und seit wann Inklusion ein Menschenrecht ist, wissen Herr Weil und seine Genossen allein.
Schon mal mit dem Thema EU menschenrechtskonvention zu tun gehabt?
spon_3689546 12.10.2017
4. Mutter von drei Schulkindern
So sieht Ganztagsunterricht an einer Grundschule nach Rot—Grünem Muster aus: Mittagessen, Spielen auf dem Schulhof, freies Malen, Hausaufgabenbetreuung durch „qualifizierte Mitarbeiter“ (angelernte Mütter aus dem Dorf, dort [...]
So sieht Ganztagsunterricht an einer Grundschule nach Rot—Grünem Muster aus: Mittagessen, Spielen auf dem Schulhof, freies Malen, Hausaufgabenbetreuung durch „qualifizierte Mitarbeiter“ (angelernte Mütter aus dem Dorf, dort ist es in der „Betreuung“ dann so laut, dass ein konzentriertes Arbeiten nicht möglich ist). Die AGs werden weitgehend ebenfall von den „qualifizierten Mitarbeitern“ angeboten: Stricken, Brettspiele, Gymnastik! Die ausgebildeten Lehrer können aufgrund der dünnen Personaldecke lediglich den Pflichtunterricht abdecken. Förderkonzepte Fehlanzeige. Kooperation mit Vereinen Fehlanzeige. Also kommen unsere Kinder so oft es geht so früh es geht nach Hause. Auf der Strecke bleiben die Kinder, die zu Hause keine Unterstützung erfahren! Weil. Eine Ganztagsschule nach diesem Muster ist eine Mogelpackung und nur für die Statistik hilfreich. Setzen 6!
Turin 12.10.2017
5. Fehler der tollen "Ideen"
Selbstverständlich redet sich die SPD ihre selbstgemachte Bildungsmisere schön. Die schnelle Rückkehr zu G9 hat einriesiges Loch in die Personaldecke der Lehrer gerissen, denn dieses zusätzliche Jahr muss ja nun auch mal [...]
Selbstverständlich redet sich die SPD ihre selbstgemachte Bildungsmisere schön. Die schnelle Rückkehr zu G9 hat einriesiges Loch in die Personaldecke der Lehrer gerissen, denn dieses zusätzliche Jahr muss ja nun auch mal unterrichtet werden. Und dafür braucht es Lehrerstellen, die gar nicht da waren. Zur Digitalisierung: Wer sich kein Gerät anschaffen kannj, soll eines gestellt bekommen. Hmm... Die SPD will aber auch Lehrmittelfreiheit. Derzeit bekommen nicht mal Lehrkräfte einen Dienst-PC, weil behauptet wird,ad ss man den Job ja auch analog machen kann. Wenn alle Schüler ein Gerät nutzen sollen, muss es auch zentral administriert werden (mobile device management), da sonst bei der Heterogenität der Geräte kein Sinnvoller Einsatz möglich ist. Eine geplante "Bildungscloud", die sich scheinbar von selbst mit Inhalten füllt, hat nichts mit Digitalisierung des Unterrichts und vermitteln von neuen Medien zu tun. Frau Heiligenstadt hat sich leider dermaßen disqualifiziert, dass sie mEn nicht als Ministerin haltbar ist. Wenn die SPD in diesem Aspekt punkten will, sollte sie vir der Wahl die Personalie zur Disposition stellen. Auch warten die Lehrer am Gymnasium schon sehnsüchtig au die gerichtlich gewünschte und angeblich geplante Erfassung der Arbeitszeit, natürlich differenziert nach Art der Tätigkeit. Denn nur wenn man die Arbeitsbelastung kennt, kann man an inhaltlichen Stellschrauben drehen und den Bedarf neuer Lehrkräfte abschätzen.

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